Red-Mon-Stadt, Schreibarbeit

Rina Morita: zwischen Flucht und Mut

Vor einiger Zeit habe ich hier auf dem Blog meinen Protagonisten Neel Talwar vorgestellt. Es wurde heftig diskutiert, ob er als Hauptperson überhaupt etwas taugt oder nicht, da er auf den ersten Blick nicht gerade ein Sympathieträger ist. Ich war daher erleichtert, mich entschieden zu haben, ihm erst nach einem Drittel des Romans eine Stimme zu geben. Davor wird die Geschichte aus der Perspektive von zwei anderen Personen geschildert. Eine von ihnen ist Rina Morita. Eine junge Frau, die verfolgt wird, jeden Menschen, den sie liebt, verloren hat und nie weiß, ob sie den nächsten Tag übersteht. In diesem Beitrag werde ich versuchen, sie euch näher vorzustellen und bin gespannt, was ihr zu sagen habt. Lasst euch ruhig aus. Ich freue mich über jeden Kommentar.


Rinas Überlebensformel

Damit ich mich auf die Figuren in meinen Projekten richtig einlassen kann, mache ich mir in einem allerersten Schritt Gedanken über ihren Grundkonflikt. Daraus entwickle ich dann ein Motto, welches sich in einem Satz zusammenfassen lässt. Rinas Motto ist eines, das durch ihre Angst geprägt ist: Flucht ist der einzige Weg, um am Leben zu bleiben. Weshalb sie an einer Überlebensformel festhält, die sie im ersten Kapitel bereits erwähnt. Es geht immer nur vorwärts, niemals zurück. Was bedeutet das im Detail? In der Welt von Red-Mon-Stadt zählt Rina zu einer unerwünschten Minderheit (Lorca). Ihnen wird unterstellt, sie hätten eine Krankheit, die wie die Pest zum Tod führt. Tatsächlich ist dies nur ein Ammenmärchen, doch es reicht, um die ganze Stadt gegen die Lorca aufzuwiegeln. Da alle Lorca sehr helle Haut und eine ungewöhnliche Augenfarbe haben, lassen sie sich noch dazu leicht erkennen. Und als im Jahr 2070 die Lorcaausdünnung beginnt, verliert Rina nach und nach jeden, der ihr wichtig war. Überleben konnte Rina nur, weil sie sofort davonläuft, wenn sich eine Tragödie andeutet. Deshalb lässt sie sich nicht auf andere Menschen ein und distanziert sich stark von dem, was um sie geschieht. Dass sie damit natürlich nicht durchkommt, sollte klar sein. Irgendjemanden braucht man immer an seiner Seite.

Ihre Rolle im Roman

Rina ist die Figur zwischen den Stühlen. Sie ist auf niemandes Seite und möchte im Grunde nur eins: Dass niemand mehr sterben muss. Im Gegensatz zu Neel Talwar dem korrekten Soldaten und der Rebellenfigur Tom Lichterfeld folgt sie keinen idealistischen Prinzipien, ist sehr sprunghaft in ihren Entscheidungen und ja, teils emotional.  Vielfach kann sie ihre Entscheidungen nicht einmal selbst erklären, was sie sicherlich zu der Figur macht, deren Verhalten am schwierigsten nachzuvollziehen ist. Rina ist jedoch die authentischste Erzählfigur in Silver Coin 203. Sie braucht keine Scheinidentität, um andere zu beeinflussen, sondern ist einfach sie selbst. Ob das eine gute oder eine schlechte Eigenschaft ist, möchte ich jetzt nicht bewerten. Aber ihr solltet wissen, alle andere Figuren im Roman setzen an vielen Stellen eine Maske auf, um einen bestimmten Eindruck, in einer bestimmten Situation zu erzielen. Rinas Entwicklung von einer Frau, die niemanden mehr an sich heranlässt, zu einer Person, die erneut ihr Leben für andere riskieren würde, bestimmt ihre Erzählstimme.


Die Herausforderung, Rina zu schreiben

Rina ist häufig neben der Spur, weil sie sich in Erinnerungen verliert, die flashbackartig auftauchen und nicht mehr sind, als unsortierte Fragmente. Sie ist sehr sparsam mit Worten und hat einen melancholischen Redestil. Noch dazu ist sie niemand mit Einfluss, hat kein Netzwerk, ist im Grunde völlig allein. Sie ist nicht der Polizist, der logisch sein Vorgehen plant und Strategien austüftelt, denn das passt nicht zu ihrem Charakter. Ihr Vorteil besteht in ihrer Andersartigkeit, denn durch diese wird sie von den Rebellen besonders zuvorkommend behandelt und kann sich so einige Fehltritte erlauben, die sonst niemand toleriert hätte. Kurz um: Sie ist ein schwieriger Charakter. Und ich sehe schon, wie eure Augen größer werden. Erst Neel Talwar, der irgendwie widersprüchlich ist und jetzt auch noch so eine verschlossene Person? Wie passt das denn zusammen? Nun, ich wollte in meinem Projekt viele Facetten zeigen. Die vier Erzählfiguren sind sehr unterschiedlich und ergänzen einander. Auch wenn ich weiß, dass ich die Geduld meiner Leser mit einer Figur wie Rina herausfordere, bin ich überzeugt, die Geschichte fügt sich nur so richtig zusammen. Und am Ende des mehrteiligen Projektes wird auch klar sein, warum das so ist. Also hoffentlich, meine ich. Ähem.

Einige weitere Details über Rina

Wenn Rina nervös wird, juckt sie die Haut am Unterarm und sie fängt unterbewusst an, die Stelle aufzukratzen. Ob das jetzt eine schöne Eigenschaft ist oder nicht, darüber lässt sich natürlich streiten. 🙂

Rina macht sich nicht viel aus Schönheit. Was für sie zählt, sind innere Werte. Ganz besonders dann, wenn das Gegenüber Eigenschaften hat, die sie selbst nicht mitbringt.

Rina lebte ein Jahr lang mit einer Gruppe von Lorca in einer kleinen Wohnung, wo sie von einem alten Mann namens Viktor versteckt worden ist. Mit ihm hat sie oft in der Wohnung zusammengesessen und über alles und jeden gesprochen. Viele Dinge, die sie über Red-Mon-Stadt weiß, kommen eigentlich von ihm. In der Geschichte wird das zwar nicht thematisiert, war mir jedoch immer im Hinterkopf.

Wieso wollte ich über eine Frau wie Rina schreiben?

Ich muss gestehen, dass die allerersten Kapitel meines Projekts aus Neel Talwars Sicht entstanden sind und ich mir dann dachte, dass es so nicht funktioniert. Mir wurde bewusst, dass seine Geschichte nur dann interessant wird, wenn seine Motive im Dunkeln bleiben. Eine zweite Person musste her, die diese Motive herausfinden sollte. Das ist Rina. Und ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich sie für stärker halte als Neel Talwar. Warum? Weil sie sich selbst treu geblieben ist.


rina
Das sollte sich Rina wirklich zu Herzen nehmen: „Angst hat zwei Bedeutungen: Vergiss alles und lauf oder Stelle dich allem und wachse. Es ist deine Entscheidung.“

Dieses Mal stelle ich euch hier kein Interview vor, sondern werde euch ein kurzes Gespräch zwischen Rina und Viktor vorstellen, welches so nicht im Roman vorkommen wird, aber wohl in einer Zeit vor dem eigentlichen Buch stattgefunden hat. Rina und er befinden sich in der kleinen Wohnung, wo sich Rina mit anderen versteckt hält.

Der alte Viktor legte die Stirn in Falten und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein gutmütiges Gesicht strahlte eine Ernsthaftigkeit aus, die Rina selten an ihm sah.

„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte er. „Die Gruppe, die sie da geschnappt haben war so gut versteckt wie wir. Wenn nicht sogar besser. Einige von ihnen kannte ich persönlich. Es waren gute Menschen und sie haben geglaubt, es sei sicher.“

Er deutete er auf die Schlagzeile, die ihr vom Monotab ins Auge sprang: „12 Lorca von Totenläufer entdeckt und nach Safecity überstellt.“ Ein anderer Wortlaut für: tot.

„Er wird uns nicht finden. Wenn wir aufpassen, wird es schon irgendwie gehen“, sagte sie dann, obwohl sie wusste, dass dieser Mann jederzeit auftauchen konnte. Vielleicht sogar in dieser Sekunde. Dazu brauchte er nur den Verdacht haben, hier in der Wohnung sei jemand versteckt.

„Du meinst den Totenläufer?“, fragte Viktor und Rina nickte stumm. Er lächelte und legte seinen Arm um sie. Es war nicht unangenehm, wenn er das tat, obwohl sie sonst jede Berührung verabscheute. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und für den Moment hingen sie beide ihren Gedanken nach. Wie gut es sich anfühlte, nicht allein zu sein.

„Was meinst du, was ist das für ein Mensch, der so etwas tut?“, sagte sie nach einer Weile und Viktors Antwort kam sofort: „Ein Monster Rina. Er ist ein Monster.“

„Ein Monster“, murmelte sie und dachte an all jene, die sie im Stich gelassen hatte. „Meinst du, ich hätte sie retten können?“, fragte sie nach einer Weile und er löste sich aus der Berührung, um sie ansehen zu können.

„Nein, das hättest du nicht, Rina. Du warst nicht diejenige, die abgedrückt hat, vergiss das niemals. Es ist diese Stadt, die uns alle umbringt.“

„Hm …“, machte sie nur und sah über seine Schulter hinweg durch die ausladende Glasfront, wo Wolkenkratzer an Wolkenkrazer stand und unten ein Gewimmel aus stecknadelgroßen Menschen von einem Ort zum anderen hastete. Wie lange hatte sie den Wind schon nicht mehr auf ihren Wangen gespürt? Ewigkeiten. Und wie lange würde es noch dauern, ehe sie ohne Angst durch die Straßen gehen konnte? Ewig-keiten.Beitragsbild aus Flickr.com von Elektrollart


Beitragsbild aus Flickr.com von Sean MacEntee

Quelle Zitat: The Chive

Aktuelles, Red-Mon-Stadt

Über Cover, Leseproben und einen Roman

Hey ihr da draußen, die ihr wie ich gerade vor irgendeinem Bildschirm sitzt,

ihr wisst vielleicht noch, dass ich mich entschieden habe, ab sofort auch ein paar kürzere Beiträge auf meinem Blog zu veröffentlichen. In diesen geht es vor allem um Dinge, die mich aktuell bewegen, Neuigkeiten oder interessante Facts aus dem World Wide Web. Heute starte ich einfach mal damit und es gibt vielmehr zu berichten als die 300 Wörter, die ich mir als Grenze gesetzt habe.

Zuerst einmal möchte ich euch mitteilen, dass mein NaNo Projekt aus dem letzten Jahr nun ein beinahe fertiges Cover, einen Titel mit Untertitel, eine eigene Youtube Playlist und eine Pinterest Pinnwand (leider mit noch wenigen Inhalten) hat. Die drei ersten Sachen sind für ein Buch selbstverständlich, aber bei den letzten Punkten denkt ihr euch womöglich: Was, wer braucht denn sowas? Eine berechtigte Frage und ja, im Grunde „braucht“ das auch niemand. Allerdings, möchte ich, dass ihr euch die Welt, die ich da in meinem Büchlein erschaffe besser vorstellen könnt. Bücher sind zuerst einmal „nur“ Texte, aber sie erschaffen auch Bilder und heute haben wir so viele Möglichkeiten zu zeigen, welche Bilder mir im Kopf herumgegeistert sind, als ich den Text schrieb. Sicherlich stimmt da nicht alles mit dem überein, was ihr euch vorstellt. Kann ja auch gar nicht so sein, aber es lässt sich ja womöglich erahnen, welche Stimmung ich schaffen wollte. Ihr seid dann diejenigen, die entscheidet, ob ich das gut hinbekommen habe oder nicht.

Mein Highlight ist diese Woche aber wirklich das Cover. Der erste Entwurf ist ja bereits vor Monaten entstanden und gestern saß ich mit einem Freund aus der Unizeit zusammen und wir haben wirklich Kraft und Zeit und Schweiß investiert, damit es so wird, wie es jetzt ist. Ich weiß, ihr wollt es jetzt natürlich sehen, aber … ich muss gemein sein und mache einen fiesen Cliffhanger. Zu sehen bekommt ihr es erst Ende September, wenn die Veröffentlichung bevorsteht. Damit ihr nicht total mit leeren Händen ausgeht, gibt es dennoch einen winzigen Ausschnit mit einer kleinen Leseprobe aus einem der letzten Kapitel (noch nicht in der endgültigen Fassung). Hoffe, das ist zumindest eine kleine Entschädigung.

Lesprobe2

Bis dahin

+Mika+


Beitragsbild: Simon Turkas von Flickr.

Schreibarbeit

Was fasziniert uns an fiktiven Welten?

Ob in George Orwells 1984, Tolkiens Herr der Ringe oder auch Neil Gaimans Niemalsland, überall werden künstliche Welten erschaffen, mit denen wir uns mehr oder weniger identifizieren können. Manche dieser fiktiven Universen sind so plastisch, dass wir uns wünschen, ein Teil davon zu sein. Doch was genau finden wir daran eigentlich so interessant? Mein heutiger Beitrag richtet sich an alle, die wie ich gern aus der Realität flüchten.


Der erste Schritt: Wir akzeptieren die Eigenarten der fiktiven Welt

Als der Herr der Ringe zum ersten Mal im Kino lief, hatte ich ein Gespräch mit einer Klassenkameradin. Während ich hin und weg von der Geschichte war, sagte sie nur trocken: „Ein Ring kann doch nicht sprechen. Das ist ja total bescheuert.“ Damals war ich schockiert, wie sie eine Fantasywelt mit unserer vergleichen kann, heute weiß ich, sie konnte sich nicht auf die Illusion einlassen. Für sie existierte nur das, was sie auch wirklich anfassen, sehen, riechen oder schmecken konnte. Ihre Aussage trifft im Grunde den Kern der Problematik „fiktive Welten“, denn diese funktionieren für uns nur, wenn wir deren Andersartigkeit anerkennen. Für Leser oder Leserinnen kann ein Fantasy- oder Science-Fiction-Roman demnach nur dann interessant sein, wenn er oder sie akzeptiert, dass es sich um eine Welt handelt, die unserer zwar ähnelt, aber eigene Regeln hat. Diese Regeln sind dabei nicht mit den Maßstäben unserer Wirklichkeit zu erklären, folgen aber einer Logik, die eigens für das Universums geschaffen worden sind. Autoren sind Architekten, die aus dem Nichts ein Haus bauen, in dem wir uns sofort wohlfühlen sollen. Dieses Haus ist jedoch kein Reihenhaus, sondern ein sehr merkwürdig anmutendes Haus mit schiefen Wänden und Dächern aus Papier. Es wirkt auf den ersten Blick befremdlich, aber wer sich auf eine Erkundung darin einlässt, wird Dinge entdecken, die er zuvor nie gesehen hat.

Wir müssen uns also auf die andere Welt und deren Regeln einlassen, ansonsten fällt der Bau in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ein wichtiges Element für den Erfolg dieses Unterfangens ist meiner Ansicht nach die Präsentation des Buches. Ich habe es schon viel zu oft erlebt, dass ich durch den Klappentext, das Cover oder eine irreführende Kategorie zu dem falschen Buch gegriffen habe und vom Inhalt enttäuscht worden bin. Nicht weil das Buch schlecht war, sondern weil es meine Erwartungen nicht erfüllt hat. Marketingstrategisch kann es vielleicht gut sein, durch einen allgemeinen Klappentext eine breitere Masse an Personen anzusprechen, so ein Vorgehen kann aber auch den gegensätzlichen Effekt haben. Ein Beispiel: Ein High-Fantasy Buch landet im Bereich Romance, da es auch um eine Liebesbeziehung geht. Im Klappentext wird zwar die fremde Welt erwähnt, jedoch vorrangig betont, es handele sich um eine atemberaubende Liebesgeschichte. Wir fangen an zu lesen und schon auf den ersten Seiten schlägt uns eine ausgeklügelte Fantasywelt mit zahlreichen Wesen entgegen, die wir nicht einordnen können. Kein Wunder, wenn wir verärgert sind. So ein Buch haben wir bei der Beschreibung auch nicht erwartet. Eventuell ärgern wir uns so sehr, dass wir eine bösartige Rezension verfassen. Zusammengefasst: Wir müssen wissen, auf was wir uns einlassen, damit wir der Welt darin eine Chance können.


Zweiter Schritt: Fuck you Realität

Wer von euch hat schon mal geträumt, dass er unsterblich ist, fliegen kann, zaubert oder unmenschliche Kräfte hat? So gut wie alle, nehme ich an. So manches Traumerlebnis ist sogar so toll, dass wir nach dem Aufwachen enttäuscht sind, doch wieder im ‚real life‘ festzustecken. Dieses Leben, wo es nicht mal möglich ist, ohne Anstrengung gute Noten zu schreiben oder bewundert zu werden, weil man toll aussieht, grandios zeichnet und super schnell läuft. Sprechen wir die Wahrheit einfach aus: Das Leben kann manchmal ziemlich frustrierend sein. Es ist also kein Wunder, dass wir der Realität den Stinkefinger zeigen und in eine andere Welt flüchten, die alles möglich macht, was wir uns erträumen. Fiktive Universen sind für uns also deshalb besonders interessant, weil sie unsere Fantasie anregen und Antworten auf das: Was wäre wenn … geben. Unmögliches wird möglich und wir sind mittendrin. In Fantasy geht es dabei meist um magische Phänomene, ungewöhnliche Wesen oder außergewöhnliche Kräfte. Science-Fiction bedient sich logischerweise an der Technik und wirkt auf den ersten Blick ‚realer‘. Allerdings werden dort technologische Errungenschaften möglich, die so manchen Ingenieur inspirieren oder Staatssysteme heraufbeschworen, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen.


Dritter Schritt: Entdeckungstour im Kopf

Vor Kurzem bin ich in einem Forum auf eine Diskussion über fiktive Welten gestoßen. Dort wurde unter anderem gesagt, dass diese deshalb so spannend sind, weil man sie erkunden könne. Im 15Jh. gingen Menschen auf Entdeckungsreisen und machten sich auf den gefährlichen Weg, unbekannte Länder zu finden. Heute sind so gut wie alle Gebiete auf der Welt entdeckt und mit dem Flugzeug leicht erreichbar. Die einzigen Unbekannten sind die Tiefsee und das Universum. Damit wir trotzdem wie Christopher Kolumbus auf unbekannten Gewässern segeln können, nehmen wir ein Buch zur Hand, stellen eine Kaffeetasse auf den Tisch und reisen durch eine uns völlig unbekannte Welt. Das ist wesentlich ungefährlicher als über den Ozean zu schippern und noch dazu kostengünstiger. Eine fiktive Welt im Buch muss damit so detailliert sein, dass wir daran interessiert sind, ihre Geheimnisse zu erforschen.


Nur was genau macht diese alternative Realität so plastisch, dass wir uns darin verlieren? Auf diese Frage gibt es, wie bei vielen komplexen Themen, keine einfache Antwort. Ein paar Dinge, die ich für wichtig halte, habe ich hier für euch formuliert.

  1. Liebe zum Detail: Je ausgefeilter die Welt ist, umso mehr können wir sie uns vorstellen. Dazu zählen neben Örtlichkeiten und Personen auch Namen, Geografie, Klima und vieles mehr. Es nutzt alles nichts, wenn in einem Sci-Fi Roman von ‚der Organisation‘ gesprochen wird oder  von ‚der Regierung‘. Das kann zwar Spannung bringen, weil man wissen will, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt, wenn jedoch der Autor selbst nicht weiß, worum es sich handelt, können wir uns nicht damit identifizieren.
  2. Unterschiede müssen sein. Faszinierend wird eine Welt immer dann, wenn sie sich von unserer eigenen unterscheidet. Fliegende Autos, Zeitsprünge, Magie, wenn Dinge passieren, die auf den ersten Blick unerklärlich sind, horchen wir auf. Wie kann das sein? Wieso funktioniert das? Auf die wichtigsten Fragen sollte es in einem Buch auch Antworten geben, aber nicht alles muss erklärt werden. Manche Dinge sind einfach so wie sie sind.
  3. Entdeckungstour: Eines der einfachsten Mittel, damit wir die Welt erkunden können ist es, einen Protagonisten zu wählen, der die unbekannte Welt selbst neu erkundet. Harry Potter oder Alice im Wunderland sind nur zwei Beispiele, wo das gut funktioniert hat.

Wie das mit dem Weltenbau genau gemacht wird, könnt ihr entweder auf Tintenspuren oder aber unter Weltenbau-Wissen nachlesen. Und wenn ihr jetzt noch Energie habt und anzweifelt, dass ich das mit dem fiktiven Universum ordentlich mache, schaut einfach mal unter Hurt No One nach. Mein neuestes Schreibprojekt braucht eine künstliche Insel mit eigenem Staatsystem, Regeln und Gesetzen.

Ich verabschiede mich von euch und wünsche euch einen angenehmen Sonntag.

Bis nächste Woche

+Mika+


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Beitragsbild von Damn_unique Flickr.com

 

Red-Mon-Stadt

Mein Projekt beim NaNoWriMo …

… und eine Schreibnacht auf Facebook …

HurtNoOne_NaNoWriMo

Wie angekündigt werde ich in diesem Jahr am NaNoWriMo teilnehmen. Hiermit lasse ich nun die Katze aus dem Sack. Das Projekt mit dem ich mein Glück versuche, trägt den vorläufigen Titel „Hurt No One“ und ist eine Science-Fiction Story über zwei Menschen, deren Schicksal sich durch Zufall miteinander verwebt. Zwei Antihelden, die in den blutigen Kampf zweier Parteien gerissen werden, sich auf gegnerischen Seiten befinden, aber am Ende Hand in Hand gegen ihre Unterdrückung und für ihre Freiheit kämpfen.

Wie es der Zufall wollte, habe ich gestern dann an einer Schreibnacht auf Facebook teilgenommen und mich der dort gestellten Schreibaufgabe gewidmet. Diese lautete: Schreibe einen Dialog zwischen dem Protagonist und dem Antagonist deiner Story. Das war nicht ganz einfach, denn bisher hatte meine Antagonistin weder ein Gesicht noch einen Charakter.

Ob mir der Dialog gelungen ist oder nicht, davon könnt ihr euch selbst überzeugen. Sollten Verdauungsproblemen beim Konsum der Kost auftreten, wendet euch vertrauenswürdig an die Autorin. ;P


„Amanda war kein Name, der zu ihr passte. In einem kantigen Gesicht mit leichengrauer Haut, ruhten stechend kalte Augen, die ihre Umgebung bestens im Griff hatten. Niemand gab sich freiwillig mit einer Frau wie Amanda ab. Ihm aber blieb keine Wahl. Neel setzte sich auf den Stuhl, den sie ihm schon vor seiner Ankunft zurechtgeschoben hatte und wartete.

„Ich habe gehört, dass du nicht funktioniert hast“, sagte Amanda, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte.

Bin wohl eingerostet, wollte er entgegnen, aber seine Ironie blieb ihm im Hals stecken. Wenn er Pech hatte, würde Amanda an einer Strippe ziehen und alles war vorbei. Hätte er es doch einfach sein lassen. Zu spät. Da musste er jetzt durch.

„Ich war nicht bei der Sache.“, log Neel.

„Du warst also nicht bei der Sache. Wie kann ich mir das genau vorstellen, Soldat?“

„Ihre Leiche ist ins Meer gestürzt und als ich es bemerkt habe, war sie im Dunkeln nicht mehr zu sehen. Es war ein Fehler und kommt nicht wieder vor.“

Amandas Hände ruhten auf dem Tisch. In ihrer Miene lag der Ausdruck abschätziger Missbilligung. Wenn Amanda am Ruder saß, ging nichts schief. Das war ausgeschlossen. Zumindest in der Theorie.

„Wir tolerieren kein Fehlverhalten, Soldat. Ich hatte angenommen, das ist dir bewusst. Also stellt sich mir die Frage, wieso du einem Befehl nicht Folge geleistet hast.“

„Ich habe den Befehl befolgt. Die Zielpersonen sind tot. Es ist nur etwas danebengegangen. Fehler sind menschlich. Kann mal passieren. Kommt nicht wieder vor.“

Jetzt wurde ihre Miene zu Stahl.

„Fehler … sind … menschlich“, wiederholte sie. „Um eins klarzustellen, Soldat, du bist weder ein Mensch noch hast du das Recht, dir Menschlichkeit zu erlauben. Du bist eine Maschine, die zu funktionieren hat. Wie ein Rädchen in einer Uhr, das ganz leicht austauschbar ist. Willst du das abstreiten?“

„Nein.“

„Gut. Mach dir das bewusst, wenn du das nächste Mal einen Auftrag hast. Mach dir bewusst, dass ich dich ganz einfach gegen ein neues, funktionierendes Rädchen austauschen kann.“

Neel fragte sich, ob Amanda deshalb so eindrücklich sprach, weil sie glaubte, ihn dadurch besser manipulieren zu können. Innerlich zog er den Revolver aus dem Halfter an seiner Hose, richtete ihn auf sie und schoss. Was für eine Genugtuung. Äußerlich blieb er ruhig.

Amanda schaltete das Display ein, das in den Tisch eingelassen war und schob mit den Fingern Dokumente beiseite. Ein Blatt vergrößerte sie und drehte es, damit er es sehen konnte.

„Dein Vertrag.“ Natürlich kam sie ihm damit. Ihr dürrer Finger tippte auf seine krakelige Unterschrift. „Steht da irgendetwas von Fehlern und Menschlichkeit?“

„Nein.“

„Richtig. Natürlich nicht. Streich diese beiden Wörter aus deinem Wortschatz. Sie existieren nicht. Nicht für einen Soldat wie dich. Es gibt einen Befehl, einen Auftrag und am Ende zählt nur das Ergebnis. Und heute fehlt uns einer auf der Liste. Dieser jemand ist spurlos verschwunden. Das ist inakzeptabel. Niemand kümmert sich darum, was in deinem erbsengroßen Gehirn vorgegangen ist, dass es so weit kam. Sind wir uns da einig?“

„Natürlich.“

„Gut, dann haben wir das geklärt. Du kannst gehen.“

Er stand auf, neigte sich zum Abschied und ging zur Tür. Gerade als er auf dem Absatz stand, meinte Amanda beiläufig: „Ach, ich hätte es fast vergessen. Deine Mutter war sehr aufgelöst als sie hörte, dass du derjenige bist, den sie den Totenläufer nennen.“

Neel erstarrte in der Bewegung. Sein Herz wurde kalt in der Brust und zitterte. Sie hatte mit seiner Mutter gesprochen. Persönlich. So weit war es also.

„Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie“, brachte er hervor.

„Das ist wirklich sehr schade. Ihre Stimme war weich wie Butter. Eine entzückende Person. Nun denn, Neel, alles weitere folgt bei der Besprechung um fünfzehn Uhr.“

Er ging ohne ein weiteres Wort.

Als er draußen im Flur war, achtete er auf die Kameras. Ihm durfte sein Gesicht nicht entgleiten. Er musste durchhalten, zumindest bis er draußen auf der Straße war. Diese Frau. Sie kannte ihn perfekt. Seine Ängste, seine Zweifel. Er konnte nur hoffen, dass sie die Wahrheit nicht schon kannte, denn die Zielperson war nicht tot. Er hatte sie laufen lassen. „


Und wer sich jetzt noch neugierig ist, wie ich auf diesen den Buchtitel gekommen bin, der schaut sich einfach das Musikvideo der Band The Used an. Dieses Lied hat mich überhaupt erst auf die Idee zum neuen Projekt gebracht. Musik regiert die Welt!

Ich wünsche euch noch einen angenehmen Restsonntag

+ Mika +


PS: Und nein, ich habe nicht schon vor November mit dem Schreiben an meinem Roman begonnen. Diesen Dialog wird es sehr wahrscheinlich nie in die Endfassung von „Hurt No One“ schaffen.

Gedanken-Mix

Wieso ich am NaNoWriMo teilnehme …

… und keinen Bestseller schreiben will …

NaNoWriMo_header

Ist euch in den letzten Tag das Kürzel Na-No-Wri-Mo aufgefallen und ihr wisst nicht, worum es geht? Keine Angst, ihr seid nicht allein. Bis vor einem Monat wusste ich auch noch nicht, was sich hinter diesen neun Buchstaben verbirgt. In diesem Beitrag erkläre ich kurz, was NaNoWriMo ist, warum ich teilnehme und wieso dieses Projekt für Autoren durchaus einen Sinn hat.


Was ist NaNoWriMo?

Das kryptische Kürzel bedeutet ausgeschrieben National Novel Writing Month und ist ein Schreibprojekt, an dem jährlich mehrere Tausend Menschen teilnehmen. Wie der Name verrät, geht es darum, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben. Dabei sollte der Roman mindestens 50.000 Wörter umfassen, kann aber gern länger sein. Seit 1999 gibt es das Projekt und es ist, obwohl in den USA ins Leben gerufen, längst eine internationale Veranstaltung. Jedes Jahr im November finden sich Schreibende aus der ganzen Welt zusammen, motivieren sich gegenseitig und verfassen „Ihren Roman“. Für einige ist es das erste Werk, für manche das zehnte Jahr in Folge beim NaNoWriMo. Ich werde dieses Jahr als Neuling mit einsteigen. Wieso, warum, weshalb. Dazu gleich mehr.


Was für einen Sinn hat das Projekt eigentlich?

Werden sich einige von euch fragen. Innerhalb von dreißig Tagen einen Roman zu schreiben, klingt nach einem unmöglichen Wettkampf und nicht nach einem realistischen Ziel. Kreativität lässt sich ja nicht steuern und sollte auch nicht unter Druck heraufbeschworen werden. Das ist vollkommen richtig. Beim NaNoWriMo geht es allerdings nicht darum, einen druckreifen Roman zu schreiben. Und noch weniger ist es das Ziel, unter Druck gesetzt zu werden. Der zeitliche Rahmen macht es möglich, sich intensiv und regelmäßig auf ein Projekt zu konzentrieren. Je weniger Zeit zum Nachdenken bleibt, umso weniger Zweifel kommen auf. Die Frage nach dem: „Ist der Text überhaupt gut genug?“ wird vergessen und es wird einfach geschrieben, weil die Geschichte es verlangt.

Genau das ist, was ich derzeit brauche. Mit meinem aktuellen Projekt Purpurscherben bin ich nicht glücklich. Ein Jahr sitze ich bereits an dem Roman und er müsste an sich nur noch einmal vollständig überarbeitet, den Testlesern übergeben und korrigiert werden. Trotzdem bin ich wie blockiert, weil ich mich ständig frage, ob das Geschriebene überhaupt jemanden interessiert. Ob es überhaupt gut ist. Ob es nicht im Mülleimer landen sollte. Deshalb werde ich mich für einen Monat vollständig auf ein neues Projekt konzentrieren, ohne die Erwartung, dass es perfekt sein muss.


Ein Projekt für Autoren, nicht für Leser

Doch genau da setzt die Kritik an. Bei meiner Recherche zum NaNoWriMo bin ich auf den Artikel „Better yet, don’t write that novel“ der Autorin Laura Miller gestoßen. Dort sagt sie, warum man besser keinen Roman im November schreiben sollte. Da es beim NaNoWriMo bloß darum geht, 50.000 Wörter zu schreiben, unabhängig davon, wie gut der Inhalt dieser Texte ist, könne nur ein Haufen „crap“ entstehen. Und das ist ihrer Meinung nach Zeitverschwendung:

I am not the first person to point out that “writing a lot of crap” doesn’t sound like a particularly fruitful way to spend an entire month, even if it is November. (Laura Miller)

Das sind harte Worte, die aber, aus der Perspektive einer Leserin betrachtet, durchaus Sinn machen. Natürlich möchte niemand einen unfertigen, auf die Schnelle verfassten Roman lesen, der im schlimmsten Fall mit Rechtschreibfehlern gespickt ist.

Sehen wir es mal realistisch: Für einen druckreifen Roman braucht ein Verlagsautor /in zwischen einem oder zwei Jahren. Das liegt nicht etwa daran, dass der/die Autor /in faul ist, sondern dass die eigentliche Arbeit erst nach dem Schreibprozess beginnt. Überarbeiten ist das Stichwort. Ein Roman, der in einem Monat geschrieben wird, kann nicht perfekt sein und will auch nicht perfekt sein. Er ist roh und muss in feiner Kleinstarbeit geschliffen werden. Ganz davon abgesehen, dass ein Standardwerk nicht etwa 50.000 Wörter kurz ist, sondern sich im Rahmen von 60.000 bis 80.000 Wörtern bewegt.  Aber noch einmal, darum geht es beim NaNoWriMo nicht.


Was der NaNoWriMo Autoren bietet

NaNoWriMo
Ich bin schon angemeldet. Der vorläufige Titel meines Romans heißt Hurt No One. Dieses Mal habe ich mich im Genre verirrt und schreibe Science-Fiction.

Man liest es immer wieder, allein wer viel schreibt und viel liest kann sich als Autor wirklich verbessern. Der NaNoWriMo ist eine Möglichkeit, Schreibanlässe zu schaffen. Einen Monat lang muss man regelmäßig etwas zu Papier bringen. Das kann helfen, den eigenen Stil zu finden, sich mit Schreibblockaden konstruktiv auseinanderzusetzen oder ist eben einfach eine Erfahrung.

Zudem bietet die Gemeinschaft des NaNoWriMo die Möglichkeit, dem einsamen Schreiberklischee ein wenig entgegen zu wirken. In etlichen Foren kann man sich mit Gleichgesinnten über den eigenen Fortschritt sowie positive oder negative Erfahrungen austauschen. Oder aber man geht zu einem NaNoWriMo Treffen und begegnet den Teilnehmer persönlich. In echt und Farbe. Das mache ich in diesem Jahr und fahre zu diesem Zweck im November nach Hamburg.

Der NaNoWriMo ist die Gelegenheit, einfach etwas zu schreiben, was einem Spaß macht und genau deshalb bin ich dabei. Natürlich wird mein Projekt einigen Lesern nicht gefallen und natürlich muss es überarbeitet werden. Aber ich werde nicht mit dem Wunsch schreiben, DEN BESTSELLER zu verfassen. Es geht einfach los, so wie bei meinem allerersten Roman vor zehn Jahren, als ich nur Stift, Papier und meine Fantasie hatte und dachte, dass das ausreicht, um ein gutes Buch zu schreiben.

In dem Sinne wünsche ich euch einen angenehmen Freitag. Kommt gut ins Wochenende.

Und immer fleißig die Tasten klimpern lassen. 🙂

+ Mika +