4: Red-Mon-Stadt

Tom Lichterfeld: Künstler und Rebell

Künstler sind schwer zu begreifen. Sie leben in ihrer eigenen Welt und machen vor allem das, was sie gern tun wollen, egal, ob das nun wirtschaftlich sinnvoll ist oder nicht. Sie wollen frei sein und verzichten lieber auf ihre Sicherheit, anstatt sich den irgendjemandem zu unterwerfen. Meist sind sie deshalb auch Gesellschaftskritiker, denken kreativ und analytisch. Aus dieser Kombination ist Tom Lichterfeld entstanden. Der, sagen wir mal, Kontrahent meiner Hauptfigur aus Totenläufer. Sein Denken ist logisch, moralisch und stringent. Er ist vermutlich die einzige Figur in dieser Geschichte, die ich ohne große Schwierigkeiten schreiben konnte. Heute gibt es dann mal ein paar Details zu ihm. Einige sind sogar nicht mal im Buch erwähnt worden und werden wohl auch nie erwähnt werden.*


Toms Rolle in Totenläufer

„In Wirklichkeit bin ich nur ein Künstler, der seinen Frieden will.“

Wenn ich mir den Entstehungsprozess meines Romans anschaue, ist Tom Lichterfeld im Grunde ein Unfall gewesen. Klingt hart und merkwürdig, ist aber nicht zu leugnen. Er war zu Beginn einfach nur ganz praktisch, um in die ersten Kapitel mehr Spannung zu bringen. Daher sollte er erstmal nur eine farblose und schnell wieder verschwindende Person sein, die man mit jemand anderem recht leicht verwechseln kann. Leider (oder zum Glück?) hat sich der Plot so entwickelt, dass er einen ganz eigenen Charakter bekam und nun nicht mehr wegzudenken ist.
Auf dieser Basis musste Tom also jemand sein, der sehr leicht in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Er war Hafenarbeiter, Soldat, ist Künstler, imitiert Menschen der Verwaltung und kann sein Verhalten anpassen, je nachdem, wo er ist und wie man erwartet, dass er sich verhält. Gleich zu Beginn sagt er deshalb: „Ich bin ein Mensch ohne Konstanten“. Er ist mal hier, mal da, immer da, wo man ihn braucht. So sieht er sich selbst, allerdings schätzt ihn seine Umgebung nicht vorrangig dafür, sondern für zwei ganz andere Dinge: nämlich seine Loyalität zu Freunden und seine Überzeugungskraft/sein Durchhaltevermögen.

Diese Dinge, die in Totenläufer tatsächlich nur ganz zart angerissen werden, sind Toms eigentliche Funktion, die erst in Band II richtig zum Tragen kommt. Man sieht bisher Beides ja nur an wenigen Stellen in Totenläufer aufblitzen. Vermutlich kommt es teils eher wie „Geplänkel“ daher, aber dieses Geplänkel ist nicht bedeutungslos. Um es mal genau zu benennen, geht es ganz speziell um Toms Freundschaft zu Jay McCullum. Seinerseits ein großes … nun ja, Kind? Es ist elementar für die nächsten Ereignisse, dass Tom und Jay nicht ohne einander funktionieren. Deshalb ist der Scherz, den Jay in Kapitel drei macht, als er Tom zu einem „vermeintlichen Date“ einlädt zwar ein Scherz, aber er wollte im Grunde indirekt damit sagen: „Stirb nicht, denn sonst …“. Was dieses „denn sonst …“ beinhaltet, kann man sich vielleicht vorstellen, wenn man sich überlegt, wie wacklig ein Gegenstand wird, der zuvor an zwei Stellen festgeschraubt war und plötzlich, ohne Vorwarnung, an einem Punkt den Halt verliert . Vor allem dann, wenn vorher eine perfekte Balance zwischen Vernunft und Intuition bestand. Zwischen Tom und Jay, das ist klar.


Wieso ist Tom ein Rebell?

Tom ist neben allem anderen, was er so macht, Künstler. Er hat die Welt gezeichnet, vor allem an schönen Tagen und mit all ihren guten Seiten. Er ist keine düstere Figur, niemand, der mit sich selbst Schwierigkeiten hat. Er hadert eher mit den Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. Als Kind lebte er in einem behüteten Zuhause, es wird vermutet, auf einem Bauernhof. Aus diesem Zuhause wurde er mit etwa 12 Jahre herausgerissen und musste in vielen Schritten lernen, mehr oder weniger allein klar zu kommen. Als Teenager war er ein Straßenkind und war mal hier, mal dort. Hatte kein echtes Zuhause und fand letztlich Zuflucht in Red-Mon-Stadt. Für ihn der Inbegriff eines Ortes, der ihm Sicherheit und Geborgenheit schenkt. Ein Ort, wo alle Menschen fair behandelt werden und gleich sind. Ein Trugschluss, das ist offensichtlich.

Man sagt ja, Rebellen fänden sich vor allem unter den Menschen, die in einem unfairen System geboren worden sind und gegen dieses ankämpfen. Meist sind es nicht Einwanderer, die etwas ändern wollen. Tom ist eingewandert und trotzdem Rebell, einfach, weil er die Ungerechtigkeit in seinem selbst gewählten Zuhause nicht mehr ertragen kann.
Ich muss ja sagen, dass ich mich lange gegen den Begriff „Rebell“ gewehrt habe. Er kommt mir so abgenutzt vor und trifft auch nicht ganz zu. Immerhin ist die REKA eine Gruppe, die sich eher spontan zusammengerafft hat und aufgrund eines einzelnen Vorfalls gegründet worden ist. Es geht nicht um Macht, es geht nicht um Gewalt, es geht nicht darum, zu zeigen, was „besser gemacht werden soll“, sondern darum, die Diskriminierung Einzelner aufzuhalten. Definitiv und mit allen Mitteln. Letzteres macht Toms Motive und die der anderen Mitgliedern zu einer schwammigen Angelegenheit. Eigentlich wollen sie ja keine zivilen Opfer, aber tatsächlich gibt es sie trotzdem. Sie sind nicht einfach nur „gut“. Sie sind in Wirklichkeit sehr menschlich.

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Tom ist kein Gary Stu

Totenläufer hat ja zwei komplizierte Protagonisten, die irgendwie nur so mäßig sympathisch sind und, wie mir berichtet wurde, beim Lesen teils ein Gefühl von „Was zur Hölle“ oder „Hä?“ erzeugen. Da erscheint Tom doch fast ein wenig glatt gebügelt. Er hat immer eine gute Antwort parat, wirkt sehr durchdacht, ist der Ruhepol zwischen den beiden Streithähnen der REKA und noch dazu ein talentierter Künstler. Beste Voraussetzungen für einen Gary Stu. Eine allzu perfekte Figur, die jeder mögen soll und daher nervt. Tatsächlich hat Tom jedoch seine Fehler. Die lassen sich in zwei Adjektiven zusammenfassen, er ist naiv und gutgläubig (Hey, sein bester Freund war immer zur Stelle, wenn’s mal brenzlig wurde, wie sollte das anders sein!). Zudem hat er für den Zweck getötet. Sogar seine eigenen Leute. Es fällt bei ihm irgendwie leicht, das zu übersehen, weil er es nicht zum Thema seiner Gedanken macht, aber er hat es getan und nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
Wenn man also mal ganz genau hinschaut, zeigt sich, dass er denselben Konflikt wie Neel haben könnte, aber nicht hat. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass er sich selbst für seinen Weg entschieden hat. Neel wurde seine Rolle hingegen aufgedrängt. Beide Männer sind dadurch völlig konträr. Auf der einen Seite der Mann mit dem Trauma (Neel) und auf der anderen Seite, der Mann mit den Idealen (Tom). Der eine gefangen, der andere nicht. Beide tun etwas sehr ähnliches, verarbeiten das Erlebte jedoch auf eine ganz andere Art und Weise. Dem einen geht es auf psychologischer Ebene grauenvoll. Er hat Flashbacks, ist öfter abwesend, völlig in sich verschlossen und dem anderen geht es mit seinen Taten mehr oder weniger gut, weil er darin einen tieferen Sinn sieht – eine logische Konsequenz – ein notwendiges Übel.


Wer ist E. F.?

Es gibt in Totenläufer eine ausgedehnte Beschreibung eines Leinwandgemäldes. Man könnte sagen, das sei völlig überflüssig und trägt nicht zur Handlung bei. Oder man sagt sich, vielleicht hat die Autorin das mit Absicht etwas überbetont, um auf etwas hinzuweisen. Okay gut, hinweisen ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber das Gemälde hat eine symbolischen Komponente (Schlange, die eine rissige, blattgrüne Kugel im Maul hält) und auch eine Andeutung zu Toms Vergangenheit. Es geht um die beiden Initialen E. F. Sie stehen als Kürzel auf der Leinwand und vielleicht, ja, vielleicht hat sich der ein oder andere eher gedacht, Mika hat das da nicht umsonst hingeschrieben. Denn das habe ich wirklich nicht. E. F. ist maßgeblich daran beteiligt gewesen, die REKA zu gründen und Tom trägt an seiner Ferse ein kleines Tattoo mit denselben Buchstaben (steht nicht im Buch). E. F. ist für Tom und alle anderen Mitglieder eine wichtige Person, ein Künstler, den Tom nicht einfach nur bewundert, sondern aus ganz verschiedenen Gründen nicht vergessen kann.

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Ich weiß, das ist ein Graffiti, aber so in etwa habe ich mir den Stil des Leinwandbildes vorgestellt.

Fazit, wer ist Tom?

Tom ist die stabilste Figur in Totenläufer. Er war als platter Nebencharakter gedacht, musste dann jedoch im Sinne der Geschichte Tiefe entwickeln und es ist ihm wohl ganz gut gelungen. Wenn er agiert, denkt er darüber nach, wie andere ihn wahrnehmen und macht sich das bewusst. Teils analysiert er die Reaktionen auch und kann daher gut einschätzen, wie sein Umfeld tickt, auch wenn er sich manchmal sehr stark vertut. Sein Konflikt steht zwischen den Zeilen in folgendem Zitat, er hat der Verwaltung Red-Mon-Stadts zu sehr vertraut:

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Sagt mir doch, ob euch der Beitrag gefallen hat und was ich in Zukunft besser machen könnte. Würde mich freuen, von euch zu hören.

Eure
+Mika+


*Die letzten beiden Charakterisierungen sind schon eine Weile her. Ihr findet sie hier:

Rina Morita: zwischen Flucht und Mut

Neel Talwar: Widersprüche und indirekte Antworten


Totenläufer gibt es als Ebook und Taschenbuch bei Thalia oder auf Amazon.

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3: Schreibarbeit, 4: Red-Mon-Stadt

Rina Morita: zwischen Flucht und Mut

Vor einiger Zeit habe ich hier auf dem Blog meinen Protagonisten Neel Talwar vorgestellt. Es wurde heftig diskutiert, ob er als Hauptperson überhaupt etwas taugt oder nicht, da er auf den ersten Blick nicht gerade ein Sympathieträger ist. Ich war daher erleichtert, mich entschieden zu haben, ihm erst nach einem Drittel des Romans eine Stimme zu geben. Davor wird die Geschichte aus der Perspektive von zwei anderen Personen geschildert. Eine von ihnen ist Rina Morita. Eine junge Frau, die verfolgt wird, jeden Menschen, den sie liebt, verloren hat und nie weiß, ob sie den nächsten Tag übersteht. In diesem Beitrag werde ich versuchen, sie euch näher vorzustellen und bin gespannt, was ihr zu sagen habt. Lasst euch ruhig aus. Ich freue mich über jeden Kommentar.


Rinas Überlebensformel

Damit ich mich auf die Figuren in meinen Projekten richtig einlassen kann, mache ich mir in einem allerersten Schritt Gedanken über ihren Grundkonflikt. Daraus entwickle ich dann ein Motto, welches sich in einem Satz zusammenfassen lässt. Rinas Motto ist eines, das durch ihre Angst geprägt ist: Flucht ist der einzige Weg, um am Leben zu bleiben. Weshalb sie an einer Überlebensformel festhält, die sie im ersten Kapitel bereits erwähnt. Es geht immer nur vorwärts, niemals zurück. Was bedeutet das im Detail? In der Welt von Red-Mon-Stadt zählt Rina zu einer unerwünschten Minderheit (Lorca). Ihnen wird unterstellt, sie hätten eine Krankheit, die wie die Pest zum Tod führt. Tatsächlich ist dies nur ein Ammenmärchen, doch es reicht, um die ganze Stadt gegen die Lorca aufzuwiegeln. Da alle Lorca sehr helle Haut und eine ungewöhnliche Augenfarbe haben, lassen sie sich noch dazu leicht erkennen. Und als im Jahr 2070 die Lorcaausdünnung beginnt, verliert Rina nach und nach jeden, der ihr wichtig war. Überleben konnte Rina nur, weil sie sofort davonläuft, wenn sich eine Tragödie andeutet. Deshalb lässt sie sich nicht auf andere Menschen ein und distanziert sich stark von dem, was um sie geschieht. Dass sie damit natürlich nicht durchkommt, sollte klar sein. Irgendjemanden braucht man immer an seiner Seite.

Ihre Rolle im Roman

Rina ist die Figur zwischen den Stühlen. Sie ist auf niemandes Seite und möchte im Grunde nur eins: Dass niemand mehr sterben muss. Im Gegensatz zu Neel Talwar dem korrekten Soldaten und der Rebellenfigur Tom Lichterfeld folgt sie keinen idealistischen Prinzipien, ist sehr sprunghaft in ihren Entscheidungen und ja, teils emotional.  Vielfach kann sie ihre Entscheidungen nicht einmal selbst erklären, was sie sicherlich zu der Figur macht, deren Verhalten am schwierigsten nachzuvollziehen ist. Rina ist jedoch die authentischste Erzählfigur in Silver Coin 203. Sie braucht keine Scheinidentität, um andere zu beeinflussen, sondern ist einfach sie selbst. Ob das eine gute oder eine schlechte Eigenschaft ist, möchte ich jetzt nicht bewerten. Aber ihr solltet wissen, alle andere Figuren im Roman setzen an vielen Stellen eine Maske auf, um einen bestimmten Eindruck, in einer bestimmten Situation zu erzielen. Rinas Entwicklung von einer Frau, die niemanden mehr an sich heranlässt, zu einer Person, die erneut ihr Leben für andere riskieren würde, bestimmt ihre Erzählstimme.


Die Herausforderung, Rina zu schreiben

Rina ist häufig neben der Spur, weil sie sich in Erinnerungen verliert, die flashbackartig auftauchen und nicht mehr sind, als unsortierte Fragmente. Sie ist sehr sparsam mit Worten und hat einen melancholischen Redestil. Noch dazu ist sie niemand mit Einfluss, hat kein Netzwerk, ist im Grunde völlig allein. Sie ist nicht der Polizist, der logisch sein Vorgehen plant und Strategien austüftelt, denn das passt nicht zu ihrem Charakter. Ihr Vorteil besteht in ihrer Andersartigkeit, denn durch diese wird sie von den Rebellen besonders zuvorkommend behandelt und kann sich so einige Fehltritte erlauben, die sonst niemand toleriert hätte. Kurz um: Sie ist ein schwieriger Charakter. Und ich sehe schon, wie eure Augen größer werden. Erst Neel Talwar, der irgendwie widersprüchlich ist und jetzt auch noch so eine verschlossene Person? Wie passt das denn zusammen? Nun, ich wollte in meinem Projekt viele Facetten zeigen. Die vier Erzählfiguren sind sehr unterschiedlich und ergänzen einander. Auch wenn ich weiß, dass ich die Geduld meiner Leser mit einer Figur wie Rina herausfordere, bin ich überzeugt, die Geschichte fügt sich nur so richtig zusammen. Und am Ende des mehrteiligen Projektes wird auch klar sein, warum das so ist. Also hoffentlich, meine ich. Ähem.

Einige weitere Details über Rina

Wenn Rina nervös wird, juckt sie die Haut am Unterarm und sie fängt unterbewusst an, die Stelle aufzukratzen. Ob das jetzt eine schöne Eigenschaft ist oder nicht, darüber lässt sich natürlich streiten. 🙂

Rina macht sich nicht viel aus Schönheit. Was für sie zählt, sind innere Werte. Ganz besonders dann, wenn das Gegenüber Eigenschaften hat, die sie selbst nicht mitbringt.

Rina lebte ein Jahr lang mit einer Gruppe von Lorca in einer kleinen Wohnung, wo sie von einem alten Mann namens Viktor versteckt worden ist. Mit ihm hat sie oft in der Wohnung zusammengesessen und über alles und jeden gesprochen. Viele Dinge, die sie über Red-Mon-Stadt weiß, kommen eigentlich von ihm. In der Geschichte wird das zwar nicht thematisiert, war mir jedoch immer im Hinterkopf.

Wieso wollte ich über eine Frau wie Rina schreiben?

Ich muss gestehen, dass die allerersten Kapitel meines Projekts aus Neel Talwars Sicht entstanden sind und ich mir dann dachte, dass es so nicht funktioniert. Mir wurde bewusst, dass seine Geschichte nur dann interessant wird, wenn seine Motive im Dunkeln bleiben. Eine zweite Person musste her, die diese Motive herausfinden sollte. Das ist Rina. Und ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich sie für stärker halte als Neel Talwar. Warum? Weil sie sich selbst treu geblieben ist.


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Das sollte sich Rina wirklich zu Herzen nehmen: „Angst hat zwei Bedeutungen: Vergiss alles und lauf oder Stelle dich allem und wachse. Es ist deine Entscheidung.“

Dieses Mal stelle ich euch hier kein Interview vor, sondern werde euch ein kurzes Gespräch zwischen Rina und Viktor vorstellen, welches so nicht im Roman vorkommen wird, aber wohl in einer Zeit vor dem eigentlichen Buch stattgefunden hat. Rina und er befinden sich in der kleinen Wohnung, wo sich Rina mit anderen versteckt hält.

Der alte Viktor legte die Stirn in Falten und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein gutmütiges Gesicht strahlte eine Ernsthaftigkeit aus, die Rina selten an ihm sah.

„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte er. „Die Gruppe, die sie da geschnappt haben war so gut versteckt wie wir. Wenn nicht sogar besser. Einige von ihnen kannte ich persönlich. Es waren gute Menschen und sie haben geglaubt, es sei sicher.“

Er deutete er auf die Schlagzeile, die ihr vom Monotab ins Auge sprang: „12 Lorca von Totenläufer entdeckt und nach Safecity überstellt.“ Ein anderer Wortlaut für: tot.

„Er wird uns nicht finden. Wenn wir aufpassen, wird es schon irgendwie gehen“, sagte sie dann, obwohl sie wusste, dass dieser Mann jederzeit auftauchen konnte. Vielleicht sogar in dieser Sekunde. Dazu brauchte er nur den Verdacht haben, hier in der Wohnung sei jemand versteckt.

„Du meinst den Totenläufer?“, fragte Viktor und Rina nickte stumm. Er lächelte und legte seinen Arm um sie. Es war nicht unangenehm, wenn er das tat, obwohl sie sonst jede Berührung verabscheute. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und für den Moment hingen sie beide ihren Gedanken nach. Wie gut es sich anfühlte, nicht allein zu sein.

„Was meinst du, was ist das für ein Mensch, der so etwas tut?“, sagte sie nach einer Weile und Viktors Antwort kam sofort: „Ein Monster Rina. Er ist ein Monster.“

„Ein Monster“, murmelte sie und dachte an all jene, die sie im Stich gelassen hatte. „Meinst du, ich hätte sie retten können?“, fragte sie nach einer Weile und er löste sich aus der Berührung, um sie ansehen zu können.

„Nein, das hättest du nicht, Rina. Du warst nicht diejenige, die abgedrückt hat, vergiss das niemals. Es ist diese Stadt, die uns alle umbringt.“

„Hm …“, machte sie nur und sah über seine Schulter hinweg durch die ausladende Glasfront, wo Wolkenkratzer an Wolkenkrazer stand und unten ein Gewimmel aus stecknadelgroßen Menschen von einem Ort zum anderen hastete. Wie lange hatte sie den Wind schon nicht mehr auf ihren Wangen gespürt? Ewigkeiten. Und wie lange würde es noch dauern, ehe sie ohne Angst durch die Straßen gehen konnte? Ewig-keiten.Beitragsbild aus Flickr.com von Elektrollart


Beitragsbild aus Flickr.com von Sean MacEntee

Quelle Zitat: The Chive

4: Red-Mon-Stadt, 6: Leseproben

Neel Talwar: Widersprüche und indirekte Antworten

 

Romane leben von ihren Figuren. Sie sind das Herzstück der Geschichte. Da gibt es nichts zu diskutieren. Lange Zeit habe ich mir kaum Gedanken über die Figuren in meinen Geschichten gemacht. Sie waren einfach da und haben mir gehorcht. Inzwischen bin ich der Ansicht: Nicht die Geschichte formt die Figuren, sondern die Figuren, die Geschichte. Zuerst das Huhn, dann das Ei sozusagen. In diesem Beitrag stelle ich euch deshalb eine der zwei Hauptfiguren aus meinem aktuellen Projekt vor. Und ganz ehrlich, das ist gar nicht so leicht. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Details, die ich nicht verraten darf und Details, die euch interessieren. Ich hoffe, eine gute Mischung gefunden zu haben.


Neel: Ein Mensch mit Widersprüchen

Zu einer vernünftigen Charakterbeschreibung gehört ein Steckbrief mit den wichtigsten Informationen: Größe, Aussehen, Statur und so weiter. Alles Dinge, die so viel über einen Menschen aussagen wie Schuppen über Fische. Es sind Oberflächlichkeiten, die im Grunde den Blick auf das Wesentliche verstellen. Deshalb drehe ich den Spieß heute mal um. Zuerst der Charakter und dann, was sonst so zu einem Menschen gehört.

Ein Familienmensch auf Abwegen

Neel ist ein Familienmensch. Das ist das Erste, was es über ihn zu sagen gibt und das absolut Wichtigste. Gemeint sind damit nicht etwa eine Ehefrau und ein Kind (er hat weder das eine noch das andere), sondern seine Verwandten, Eltern und Geschwister. Für sie würde er wortwörtlich durch die Hölle gehen. Erst die anderen, dann er selbst, so ist die Logik. Wieso ist das so, wo doch prognostiziert wird, dass wir in ein paar Jahren alle selbstsüchtige Einsiedler sind? Im Gegensatz zu Protagonisten mit schlechter Kindheit und extrem negativen Erfahrungen, kann Neel auf eine liebevolle Kindheit zurückblicken, die ihn maßgeblich prägte. Bis äußere Umstände seine Eltern dazu veranlassten, nach Red-Mon-Stadt auszuwandern, war der Zusammenhalt zwischen den Verwandten sehr groß und er galt als der Vorzeigesohn/enkel/cousin. Aus diesem Grund ist Neel ein Mensch, der zwischen guten und schlechten Taten leicht unterscheiden kann. Eine Tatsache, die ihm nicht immer zum Vorteil gereicht ist.

Ein Soldat im Dienst der Stadtverwaltung

Neel ist Soldat. Kein Soldat, der in Kriegen kämpft, sondern jemand, der im Auftrag der Stadtverwaltung unangenehme Störfaktoren eliminiert. In zahlreichen Einsätzen ist er gezwungen, Dinge zu tun, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Er ist hin- und her gerissen zwischen Schuld, Pflicht und seinen Idealen, weshalb er kaum schläft, Alpträume hat und sich jeden Tag aufs Neue einreden muss, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Ein Pulverfass, das nur darauf wartet, zu explodieren. Wenn ihr euch nun fragt, wieso zum Teufel wird jemand wie er Soldat, dann seid ihr auf der richtigen Spur. Ein Teil dieser Antwort ist der rote Faden des Projektes.

Die Vergangenheit ist die Brücke der Zukunft

Da Neels Heimatstadt gut überwacht ist und es kaum Orte gibt, wo er unbeobachtet sein kann, hat er eine Strategie entwickelt, um aus dem Alltag zu flüchten. Dazu zählt in allererster Linie das Sammeln von Geschichten. Nein, er hat keinen Bücherstapel bei sich zu Hause. Es geht um reale Geschichten von Menschen aus dem Alltag. Regelmäßig besucht er eine Bar, wo er sich in lockerer Atmosphäre mit den Besuchern unterhält. Dabei hält er immer Ausschau nach der Story, die ihn am besten von seinem eigenen Schicksal ablenken kann. Es ist also nicht verwunderlich, dass er sich mit der von Angst paralysierten Welt von Red-Mon-Stadt nicht identifizieren kann. Er hätte sich in unserer friedlichen Zeit wesentlich wohler gefühlt und kennt sich daher mit allem aus, was vor seiner Zeit war. Ob Filme, Bücher, Politiker, die Vergangenheit ist interessanter als die Gegenwart.

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Was macht eine Uhr in diesem Beitrag? Neel liebt alte Sachen. Eine ähnliche Kaminuhr steht in der Wohnung seiner Eltern, so, wie viele andere Dinge, die die Familie importiert hat.

Neels anstrengende Seite …

Zu Neels ‚bad habits‘ zählt seine indirekte Art auf Fragen zu antworten. Er kann sich schlecht festlegen und redet daher lieber um den heißen Brei herum, als konkret zu sagen, worum es geht. Fragt man ihn beispielsweise, ob er schon mal darüber nachgedacht hat, seinen Posten als Soldat aufzugeben wäre seine Antwort zweideutig: „Mein Job ist manchmal nicht einfach.“ Im Klartext: „Ja hab ich, aber es gibt keine Alternative.“ Es ist für seine Umwelt daher so gut wie unmöglich herauszufinden, was er wirklich denkt oder meint. Das manövriert ihn mehrfach in unangenehme Situationen und bringt ihm einen unwiederbringlich schlechten Ruf ein. Außerdem gibt er in Notsituationen gern den Ton an und vergisst die Menschen um sich herum. Was nicht heißt, dass er sie nicht irgendwie doch im Kopf hat, aber sie sind erstmal nebensächlich. Er agiert in solchen Situationen zielstrebig, konzentriert und ergebnisorientiert. Das Ziel steht im Vordergrund und wer ihm in die Quere kommt, hat ein Problem.


Ein fiktives Interview zum Kennenlernen

Wie heißt es so schön, den Charakter einer Person erkennt man an der Sprache. Ob flapsig, aufbrausend, heiter, schüchtern, das alles erkennen wir in den verwendeten Worten, dem Tonfall und vielem mehr. Deshalb habe ich für euch ein kurzes Interview vorbereitet, das Neel in Aktion zeigt. Wichtig ist anzumerken, dass er sich in einer unbefangen Situation befindet und relativ sicher ist, dass ihm nachträglich kein Schaden entstehen kann.

I: „Wenn du etwas ändern könntest, was wäre das?“

Neel: „Das ist eine heikle Frage. Es gibt einiges, was mir nicht passt und noch viel mehr, was ich rückblickend anders gemacht hätte. Aber es ist wie es ist. Ich bin keiner von denen, die glauben, mit lautem Gebrüll, Parolen und einer Waffe in der Hand könne man die Welt zu einem besseren Ort machen. Das ist Blödsinn.“

I: „Damit sprichst du die Rebellen an, die in deiner Heimatstadt ihr Unwesen treiben?“

Neel: „Nun ja, das Bild passt ganz gut zu ihnen. Sie kommen mir sehr unorganisiert vor. Selbst ein Ameisenstamm hat eine bessere Planung.“

I: „Also würdest du dort etwas ändern?“

Neel: „Bei den Rebellen? Die sind nicht mein Problem. Wir sollten alle dabei bleiben, unseren eigenen Kram zu klären. Damit haben wir bis ans Ende unserer Tage genug zu tun. Und ich sag dir im Vertrauen, DAS würde die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort machen.“

I: „Das ist eine klare Ansage. Vertrittst du alle deine Ansichten so vehement?“

Neel: „Vehement … … … Schon mal einen Hund gefragt, ob er vor seinem Herrchen seine Ansichten vehement vertritt? Oder einen Fabrikarbeiter vor seinem Chef? Oder vielleicht einen Drogensüchtigen vor seinem Dealer?“

I: „Was hat das mit der Frage zu tun?“

Neel: „Ich bin Soldat. Ich habe gewisse Ansichten zu vertreten. Mehr sage ich dazu nicht.“

I: „Mit deinem Beruf bist du also nicht zufrieden?“

Neel: „Ich enthalte mich der Stimme.“

I: „In Ordnung, wechseln wir das Thema und kommen zur letzten Frage. Was würdest du den Menschen in Red-Mon-Stadt empfehlen?“

Neel: „Sie sollten daran glauben, dass Sicherheit ein Gefühl ist, das von innen kommt. Von einem selbst, verstehst du. Es ist nichts, was die Stadtverwaltung uns gibt oder für uns tut. Wer sich zu lange auf andere verlässt, landet irgendwann im Dreck. Und nicht nur das, wer zu lange einem bereits vorgegebenen Weg folgt, verlernt, eigene Entscheidungen zu treffen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“


So, und zum Schluss habe ich euch einen Steckbrief versprochen. Ursprünglich wollte ich den Standard machen. Geburtsdatum, Alter, Augenfarbe blabla. Das war mir im Endeffekt dann doch zu langweilig und ich habe entschieden, euch stattdessen Neels ID aus Red-Mon-Stadt zu basteln. Hier das Ergebnis nach zwei Stunden Photoshop:

RMSID_Neel
Ihr sucht das Geburtsdatum? Ich habe mir den Spaß erlaubt und es zwischen den Zahlen versteckt. Ich konnte es nicht lassen.

Bilderquellen:

Red-Mon-Stadt ID: Mika Krüger

Giampaolo Macorig von flickr.com

Kaminuhr