Silver Coin 203

Mein Projekt beim NaNoWriMo …

… und eine Schreibnacht auf Facebook …

HurtNoOne_NaNoWriMo

Wie angekündigt werde ich in diesem Jahr am NaNoWriMo teilnehmen. Hiermit lasse ich nun die Katze aus dem Sack. Das Projekt mit dem ich mein Glück versuche, trägt den vorläufigen Titel „Hurt No One“ und ist eine Science-Fiction Story über zwei Menschen, deren Schicksal sich durch Zufall miteinander verwebt. Zwei Antihelden, die in den blutigen Kampf zweier Parteien gerissen werden, sich auf gegnerischen Seiten befinden, aber am Ende Hand in Hand gegen ihre Unterdrückung und für ihre Freiheit kämpfen.

Wie es der Zufall wollte, habe ich gestern dann an einer Schreibnacht auf Facebook teilgenommen und mich der dort gestellten Schreibaufgabe gewidmet. Diese lautete: Schreibe einen Dialog zwischen dem Protagonist und dem Antagonist deiner Story. Das war nicht ganz einfach, denn bisher hatte meine Antagonistin weder ein Gesicht noch einen Charakter.

Ob mir der Dialog gelungen ist oder nicht, davon könnt ihr euch selbst überzeugen. Sollten Verdauungsproblemen beim Konsum der Kost auftreten, wendet euch vertrauenswürdig an die Autorin. ;P


„Amanda war kein Name, der zu ihr passte. In einem kantigen Gesicht mit leichengrauer Haut, ruhten stechend kalte Augen, die ihre Umgebung bestens im Griff hatten. Niemand gab sich freiwillig mit einer Frau wie Amanda ab. Ihm aber blieb keine Wahl. Neel setzte sich auf den Stuhl, den sie ihm schon vor seiner Ankunft zurechtgeschoben hatte und wartete.

„Ich habe gehört, dass du nicht funktioniert hast“, sagte Amanda, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte.

Bin wohl eingerostet, wollte er entgegnen, aber seine Ironie blieb ihm im Hals stecken. Wenn er Pech hatte, würde Amanda an einer Strippe ziehen und alles war vorbei. Hätte er es doch einfach sein lassen. Zu spät. Da musste er jetzt durch.

„Ich war nicht bei der Sache.“, log Neel.

„Du warst also nicht bei der Sache. Wie kann ich mir das genau vorstellen, Soldat?“

„Ihre Leiche ist ins Meer gestürzt und als ich es bemerkt habe, war sie im Dunkeln nicht mehr zu sehen. Es war ein Fehler und kommt nicht wieder vor.“

Amandas Hände ruhten auf dem Tisch. In ihrer Miene lag der Ausdruck abschätziger Missbilligung. Wenn Amanda am Ruder saß, ging nichts schief. Das war ausgeschlossen. Zumindest in der Theorie.

„Wir tolerieren kein Fehlverhalten, Soldat. Ich hatte angenommen, das ist dir bewusst. Also stellt sich mir die Frage, wieso du einem Befehl nicht Folge geleistet hast.“

„Ich habe den Befehl befolgt. Die Zielpersonen sind tot. Es ist nur etwas danebengegangen. Fehler sind menschlich. Kann mal passieren. Kommt nicht wieder vor.“

Jetzt wurde ihre Miene zu Stahl.

„Fehler … sind … menschlich“, wiederholte sie. „Um eins klarzustellen, Soldat, du bist weder ein Mensch noch hast du das Recht, dir Menschlichkeit zu erlauben. Du bist eine Maschine, die zu funktionieren hat. Wie ein Rädchen in einer Uhr, das ganz leicht austauschbar ist. Willst du das abstreiten?“

„Nein.“

„Gut. Mach dir das bewusst, wenn du das nächste Mal einen Auftrag hast. Mach dir bewusst, dass ich dich ganz einfach gegen ein neues, funktionierendes Rädchen austauschen kann.“

Neel fragte sich, ob Amanda deshalb so eindrücklich sprach, weil sie glaubte, ihn dadurch besser manipulieren zu können. Innerlich zog er den Revolver aus dem Halfter an seiner Hose, richtete ihn auf sie und schoss. Was für eine Genugtuung. Äußerlich blieb er ruhig.

Amanda schaltete das Display ein, das in den Tisch eingelassen war und schob mit den Fingern Dokumente beiseite. Ein Blatt vergrößerte sie und drehte es, damit er es sehen konnte.

„Dein Vertrag.“ Natürlich kam sie ihm damit. Ihr dürrer Finger tippte auf seine krakelige Unterschrift. „Steht da irgendetwas von Fehlern und Menschlichkeit?“

„Nein.“

„Richtig. Natürlich nicht. Streich diese beiden Wörter aus deinem Wortschatz. Sie existieren nicht. Nicht für einen Soldat wie dich. Es gibt einen Befehl, einen Auftrag und am Ende zählt nur das Ergebnis. Und heute fehlt uns einer auf der Liste. Dieser jemand ist spurlos verschwunden. Das ist inakzeptabel. Niemand kümmert sich darum, was in deinem erbsengroßen Gehirn vorgegangen ist, dass es so weit kam. Sind wir uns da einig?“

„Natürlich.“

„Gut, dann haben wir das geklärt. Du kannst gehen.“

Er stand auf, neigte sich zum Abschied und ging zur Tür. Gerade als er auf dem Absatz stand, meinte Amanda beiläufig: „Ach, ich hätte es fast vergessen. Deine Mutter war sehr aufgelöst als sie hörte, dass du derjenige bist, den sie den Totenläufer nennen.“

Neel erstarrte in der Bewegung. Sein Herz wurde kalt in der Brust und zitterte. Sie hatte mit seiner Mutter gesprochen. Persönlich. So weit war es also.

„Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie“, brachte er hervor.

„Das ist wirklich sehr schade. Ihre Stimme war weich wie Butter. Eine entzückende Person. Nun denn, Neel, alles weitere folgt bei der Besprechung um fünfzehn Uhr.“

Er ging ohne ein weiteres Wort.

Als er draußen im Flur war, achtete er auf die Kameras. Ihm durfte sein Gesicht nicht entgleiten. Er musste durchhalten, zumindest bis er draußen auf der Straße war. Diese Frau. Sie kannte ihn perfekt. Seine Ängste, seine Zweifel. Er konnte nur hoffen, dass sie die Wahrheit nicht schon kannte, denn die Zielperson war nicht tot. Er hatte sie laufen lassen. „


Und wer sich jetzt noch neugierig ist, wie ich auf diesen den Buchtitel gekommen bin, der schaut sich einfach das Musikvideo der Band The Used an. Dieses Lied hat mich überhaupt erst auf die Idee zum neuen Projekt gebracht. Musik regiert die Welt!

Ich wünsche euch noch einen angenehmen Restsonntag

+ Mika +


PS: Und nein, ich habe nicht schon vor November mit dem Schreiben an meinem Roman begonnen. Diesen Dialog wird es sehr wahrscheinlich nie in die Endfassung von „Hurt No One“ schaffen.

Gedanken-Mix

Wieso ich am NaNoWriMo teilnehme …

… und keinen Bestseller schreiben will …

NaNoWriMo_header

Ist euch in den letzten Tag das Kürzel Na-No-Wri-Mo aufgefallen und ihr wisst nicht, worum es geht? Keine Angst, ihr seid nicht allein. Bis vor einem Monat wusste ich auch noch nicht, was sich hinter diesen neun Buchstaben verbirgt. In diesem Beitrag erkläre ich kurz, was NaNoWriMo ist, warum ich teilnehme und wieso dieses Projekt für Autoren durchaus einen Sinn hat.


Was ist NaNoWriMo?

Das kryptische Kürzel bedeutet ausgeschrieben National Novel Writing Month und ist ein Schreibprojekt, an dem jährlich mehrere Tausend Menschen teilnehmen. Wie der Name verrät, geht es darum, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben. Dabei sollte der Roman mindestens 50.000 Wörter umfassen, kann aber gern länger sein. Seit 1999 gibt es das Projekt und es ist, obwohl in den USA ins Leben gerufen, längst eine internationale Veranstaltung. Jedes Jahr im November finden sich Schreibende aus der ganzen Welt zusammen, motivieren sich gegenseitig und verfassen „Ihren Roman“. Für einige ist es das erste Werk, für manche das zehnte Jahr in Folge beim NaNoWriMo. Ich werde dieses Jahr als Neuling mit einsteigen. Wieso, warum, weshalb. Dazu gleich mehr.


Was für einen Sinn hat das Projekt eigentlich?

Werden sich einige von euch fragen. Innerhalb von dreißig Tagen einen Roman zu schreiben, klingt nach einem unmöglichen Wettkampf und nicht nach einem realistischen Ziel. Kreativität lässt sich ja nicht steuern und sollte auch nicht unter Druck heraufbeschworen werden. Das ist vollkommen richtig. Beim NaNoWriMo geht es allerdings nicht darum, einen druckreifen Roman zu schreiben. Und noch weniger ist es das Ziel, unter Druck gesetzt zu werden. Der zeitliche Rahmen macht es möglich, sich intensiv und regelmäßig auf ein Projekt zu konzentrieren. Je weniger Zeit zum Nachdenken bleibt, umso weniger Zweifel kommen auf. Die Frage nach dem: „Ist der Text überhaupt gut genug?“ wird vergessen und es wird einfach geschrieben, weil die Geschichte es verlangt.

Genau das ist, was ich derzeit brauche. Mit meinem aktuellen Projekt Purpurscherben bin ich nicht glücklich. Ein Jahr sitze ich bereits an dem Roman und er müsste an sich nur noch einmal vollständig überarbeitet, den Testlesern übergeben und korrigiert werden. Trotzdem bin ich wie blockiert, weil ich mich ständig frage, ob das Geschriebene überhaupt jemanden interessiert. Ob es überhaupt gut ist. Ob es nicht im Mülleimer landen sollte. Deshalb werde ich mich für einen Monat vollständig auf ein neues Projekt konzentrieren, ohne die Erwartung, dass es perfekt sein muss.


Ein Projekt für Autoren, nicht für Leser

Doch genau da setzt die Kritik an. Bei meiner Recherche zum NaNoWriMo bin ich auf den Artikel „Better yet, don’t write that novel“ der Autorin Laura Miller gestoßen. Dort sagt sie, warum man besser keinen Roman im November schreiben sollte. Da es beim NaNoWriMo bloß darum geht, 50.000 Wörter zu schreiben, unabhängig davon, wie gut der Inhalt dieser Texte ist, könne nur ein Haufen „crap“ entstehen. Und das ist ihrer Meinung nach Zeitverschwendung:

I am not the first person to point out that “writing a lot of crap” doesn’t sound like a particularly fruitful way to spend an entire month, even if it is November. (Laura Miller)

Das sind harte Worte, die aber, aus der Perspektive einer Leserin betrachtet, durchaus Sinn machen. Natürlich möchte niemand einen unfertigen, auf die Schnelle verfassten Roman lesen, der im schlimmsten Fall mit Rechtschreibfehlern gespickt ist.

Sehen wir es mal realistisch: Für einen druckreifen Roman braucht ein Verlagsautor /in zwischen einem oder zwei Jahren. Das liegt nicht etwa daran, dass der/die Autor /in faul ist, sondern dass die eigentliche Arbeit erst nach dem Schreibprozess beginnt. Überarbeiten ist das Stichwort. Ein Roman, der in einem Monat geschrieben wird, kann nicht perfekt sein und will auch nicht perfekt sein. Er ist roh und muss in feiner Kleinstarbeit geschliffen werden. Ganz davon abgesehen, dass ein Standardwerk nicht etwa 50.000 Wörter kurz ist, sondern sich im Rahmen von 60.000 bis 80.000 Wörtern bewegt.  Aber noch einmal, darum geht es beim NaNoWriMo nicht.


Was der NaNoWriMo Autoren bietet

NaNoWriMo
Ich bin schon angemeldet. Der vorläufige Titel meines Romans heißt Hurt No One. Dieses Mal habe ich mich im Genre verirrt und schreibe Science-Fiction.

Man liest es immer wieder, allein wer viel schreibt und viel liest kann sich als Autor wirklich verbessern. Der NaNoWriMo ist eine Möglichkeit, Schreibanlässe zu schaffen. Einen Monat lang muss man regelmäßig etwas zu Papier bringen. Das kann helfen, den eigenen Stil zu finden, sich mit Schreibblockaden konstruktiv auseinanderzusetzen oder ist eben einfach eine Erfahrung.

Zudem bietet die Gemeinschaft des NaNoWriMo die Möglichkeit, dem einsamen Schreiberklischee ein wenig entgegen zu wirken. In etlichen Foren kann man sich mit Gleichgesinnten über den eigenen Fortschritt sowie positive oder negative Erfahrungen austauschen. Oder aber man geht zu einem NaNoWriMo Treffen und begegnet den Teilnehmer persönlich. In echt und Farbe. Das mache ich in diesem Jahr und fahre zu diesem Zweck im November nach Hamburg.

Der NaNoWriMo ist die Gelegenheit, einfach etwas zu schreiben, was einem Spaß macht und genau deshalb bin ich dabei. Natürlich wird mein Projekt einigen Lesern nicht gefallen und natürlich muss es überarbeitet werden. Aber ich werde nicht mit dem Wunsch schreiben, DEN BESTSELLER zu verfassen. Es geht einfach los, so wie bei meinem allerersten Roman vor zehn Jahren, als ich nur Stift, Papier und meine Fantasie hatte und dachte, dass das ausreicht, um ein gutes Buch zu schreiben.

In dem Sinne wünsche ich euch einen angenehmen Freitag. Kommt gut ins Wochenende.

Und immer fleißig die Tasten klimpern lassen. 🙂

+ Mika +

Gedanken-Mix

Reise beendet und nun?

Sonnuntergang in Tennoji mit Blick auf den Hitachi-Turm in Osaka.
Sonnuntergang in Tennoji mit Blick auf den Hitachi-Turm in Osaka.

Liebe Leser,

ich melde mich zurück aus dem Urlaub. Zehn Tage konntet ihr mich im Land der aufgehenden Sonne finden. Dieses Mal war ich in Osaka, habe Kyoto gesehen, einen Fuß in die Stadt Nara gesetzt und mich mit vielen Kleinigkeiten aus Japan eingedeckt. Nun bin ich ausgeruht und habe Energie getankt, um die nächsten Wochen in Angriff zu nehmen. Diese halten einige Hürden für mich bereit, denn seit heute bin ich keine Studentin mehr. Nach beinahe acht Jahren Studium ist dieser Lebensabschnitt endgültig beendet und nun muss ein Job her. Am besten einer, der mir genügend Freizeit lässt, damit ich weiterhin schreiben kann. Ein Job, der mich nicht unterfordert, aber auch nicht alles von mir abverlangt und noch dazu so viel abwirft, dass ich überleben kann. Klingt nicht unrealistisch, aber schon ein wenig träumerisch. Trotzdem, ich möchte in Zukunft ohne finanziellen Druck im Nacken Geschichten schreiben, denn nur so kann ich überhaupt kreativ sein. Dass ich mir mein Leben mit dem Schreiben finanzieren kann, wird wohl noch einige Jahre dauern. Deshalb werde ich mich nun in den Dschungel des Arbeitsmarktes begeben und hoffen, dass dort kein Raubtier auf mich lauert.

Ich bin in Umbruchstimmung. Auf der Suche. Rastlos und ein wenig planlos, aber auch euphorisch. Endlich ist es geschafft und ohne die Verpflichtungen des Studiums fühle ich mich wirklich ein wenig vogelfrei.

Auf dem Blog findet ihr weiterhin regelmäßig Neuigkeiten. Lasst euch überraschen. Bald ist Halloween und das ist ganz meine Jahreszeit. Denn da kommen die düsteren Gestalten aus den Ecken, die den Protagonisten in meinen Geschichten gern mal an den Kragen wollen. Beste Voraussetzungen für einige schaurige Ideen, oder?

In dem Sinne wünsche ich euch eine gute Restwoche.

+ Mika +

Und damit ihr einen Eindruck davon bekommt, was ich in Japan so getrieben habe, hier ein paar Fotos von meinem Aufenthalt.

Schloss Osaka.
Schloss Osaka.
Sumijoshi Taisha in Osaka.
Sumijoshi Taisha in Osaka.
Der Sonnenturm im ehemaligen EXPO Gelände von 1970 in Osaka.
Der Sonnenturm im ehemaligen EXPO Gelände von 1970 in Osaka und ich.
Eine Gasse in Kyoto mit japanischen Restaurants.
Eine Gasse in Kyoto mit japanischen Restaurants.
Gedanken-Mix

Schnappschuss?

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

GoldhausInsta

Es ist ein Fachwerkhaus mit zementgrauen Steinen und schokobraunen Holzbalken. An der Fassade wächst Moos und Pflanzen kämpfen sich wie Bergsteiger bis zur Dachspitze hinauf. Der Wind streichelt die Blätter. Das Orange der untergehenden Sonne lässt das Bild sanftmütig erscheinen. Es ist perfekt.

Ich lege den Finger auf das Kamerasymbol meines Touchscreens. Kurz zuckt das Bild, dann ertönt ein Klick. Ein Foto ist für die Ewigkeit gebannt. Ich fühle mich wie ein Starfotograf vom National Geographic. Klar, es ist kein Tier auf dem Bild und auch kein Mensch, der Wert des Fotos lässt sich trotzdem nicht leugnen. Ein verlassenes Haus inmitten von goldenen Ären bei Sonnenuntergang, wenn das kein Schnappschuss ist. Der Titel könnte lauten „Einsam im Gold“ oder doch besser „Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört“. Letzteres drückt Dramatik aus. Mit diesem Bild könnte ich einen Preis gewinnen. Dann zerplatzt mein Traum.

„Musst du immer Fotos machen? Kannst du nicht einfach mal dein Handy in der Tasche lassen? Die Fotos sind doch eh diletantisch. Wenn du ein vernünftiges Bild machen willst, dann brauchst du eine Spiegelreflexkamera und musst auf ganz viele Details achten. Zum Beispiel …“

Natürlich muss sie immer meckern. Eben wollte ich mein Meisterwerk und meine Freude daran noch mit ihr teilen, jetzt hat sie Pech. Von wegen Licht und Winkel und bla. Der Moment zählt. Das Gefühl zählt.

Ich öffne meinen Instagram Account, lege über das Bild einen sonnengoldenen Filter und tippe den Naturslogan in das Beschreibungsfeld. Ich poste den Beitrag und bekomme in Sekunden einige Likes, während sie weiter darüber lamentiert, dass die Internetwelt aus uns Selbstdarsteller macht, die im Großen und Ganzen zum Scheitern verurteilt sind. Ich lasse sie reden. Hier ein Like zu dem Foto, dort ein Like zu einem anderen Foto. Es macht Spaß, denn für jede gute Tat, bekomme ich etwas zurück. Wenn ich mit ihr das Foto teile, schenkt sie mir eine Moralpredigt. Und sind wir doch mal ganz ehrlich, meine dreihundert Follower zeigen glasklar, dass ich Talent habe. Denn Talent lernt man nicht, das besitzt man.

„Hey“, ich spüre einen Knuff in der Seite und sehe auf. „Hörst du mir zu?“

„Hab grad was Wichtiges geschrieben“, lüge ich. Sie rollt mit den Augen, sagt jedoch nichts mehr. Weil ich merke, dass die Situation zu eskalieren droht, stecke ich mein Handy weg. Kaum ist es in der Tasche, juckt es mich überall. Ich male mir aus, was alles passiert, während ich nicht auf das Display schaue. Die Welt könnte untergehen und ich erfahre als letzter davon. Ich kaue auf meiner Lippe herum.

Sie läuft zu dem Fachwerkhaus und schaut zum Dach hoch. Ihr klinisch weißes T-Shirt und die dunkelblaue Shorts passen so gar nicht zu dem Sonnenuntergang und noch weniger zu dem Haus. Kein gutes Motiv.

„Da ist ein Nest“, sagt sie und hat doch mein Interesse. Ich stelle mich neben sie und sehe nach oben. Sie hat Recht. Unter dem Dachstuhl ist ein Schwalbennest. Kleine Vogelköpfchen schauen durch eine schmale Öffnung ins Licht und schreien nach Futter. Dieses Mal hätte ich Tiere auf dem Bild. Das passiert nicht oft.

„Dass dir sowas immer auffällt“, sage ich beiläufig, hole mein Handy aus der Tasche, das inzwischen brennt wie Feuer und fotografiere die kleinen Vögel mit ihren aufgerissenen Mäulern. Es ist unscharf und viel zu dunkel. Aber ein guter Fotograf macht aus jedem Motiv ein überzeugendes Bild. Ich probiere es noch einmal und noch einmal. Nichts ändert sich. Auch dann nicht, als ich etwas näher heranzoome.

„Mist, ich krieg’s nicht ordentlich auf die Kamera.“ Sie sagt nichts, sieht mich einfach nur stumm an. Die Lippen zu einem Unterstrich geformt. Ich ignoriere es und will gerade das Handy zurück an seinen Platz stecken, als sie es mir aus der Hand reißt.

„So, es reicht jetzt echt. Wir sind dreißig Minuten unterwegs und du hast selbst die Hundekacke auf dem Weg fotografiert.“ Da hatte sie Recht. Aber nur, weil sie genau neben einem dieser Hier-Kein-Mist-Erwünscht-Schilder lag. Wer das nicht urkomisch findet, dem ist nicht mehr zu helfen.

Sie findet es nicht komisch.

„Es war lustig“, verteidige ich mich. „Jetzt sei nicht so ein Spießer.“ Das ist zu viel. Ich sehe die Wut in ihrem Gesicht explodieren wie eine Bombe auf Festland. Trotzdem sagt sie nichts. Starrt mich einfach nur an. Sekunden verstreichen, in denen ich zu lächeln versuche. Entwaffnend, damit sie ihre Dummheit einsieht. Natürlich sieht sie gar nichts ein. Sie hat ihren eigenen Kopf und rennt los.

„FANG MICH DU IDIOT!“, schreit sie und winkt mit mir mit dem Handy in der Hand zu. Also renne ich los.

„Gib mir mein Handy zurück. Das hat über sechshundert Euro gekostet.“ Doch der Appell an ihre Vernunft hilft nicht. Sie rennt einfach weiter und ich habe das Nachsehen, denn sie ist schneller als ich. Wie ein Hase auf der Flucht schlägt sie Haken, trickst mich aus und ich komme mir vor wie der lahme Wolf, der vergebens sein Fressen jagt. Schon nach kurzer Zeit bin ich völlig am Ende, während sie noch Puste für die nächsten zehn Kilometer hat.

Irgendwann hole ich sie ein. Sie steht an einem Bach. Die Hände in die Seite gestützt.

Ich erstarre zu Eis.

„Das hast du nicht gemacht?“

Sie dreht sich zu mir und ein verschmitztes Lächeln huscht ihr übers Gesicht. „Doch, hab ich.“ Ich glaube ihr, bin fassungslos, schockiert. Ich könnte heulen, sie anschreien, aber ich bleibe völlig ruhig, sehe sie grinsen und denke mir, dass es nicht so schlimm ist. Alle Daten sind eh online gespeichert. Irgendwo. Das Handy kaufe ich mir einfach neu. Nur für den Urlaub und das waren zehn Tage, wäre ich offline. Das ließ sich ertragen, oder?

Meine Sucht hatte ich unterschätzt. Wir stritten in den ersten Tagen nur, dann konzentrierte ich mich auf das Wesentliche. Sah mir die Umgebung an, entdeckte mich neu. Mir war nicht klar gewesen, dass sich die Welt ohne Kameralinse genauso speichern ließ. Offline, in meinem Kopf.

schwalbenbabys
Und in etwa so diletantisch könnt ihr euch das Schwalbenfoto vorstellen …

Anmerkung:

Und wer fühlte sich bei dem Text ertappt? Nicht sauer sein. Ich hab mich selbst auf die Schippe genommen. Bin ja auch ganz schön abhängig geworden von meinem Z3. 🙂

Das Zitat zu dieser Kurzgeschichte stammt aus einem Blogbeitrag „Fünf schnelle Wege, deine Fotos zu verbessern“. Es steht unter Tipp #1:

When we’re taking photos on the fly, it doesn’t really occur to us to ensure that we have a technically-pleasing composition. (freie Übersetzung: Wenn wir Fotos unterwegs machen, kommt es uns nicht wirklich in den Sinn, sicherzustellen, dass wir eine technisch hervorragende Komposition erhalten.)

Ihr merkt schon, dass ich nicht den genauen Wortlaut benutzt habe, sondern das Zitat eher inhaltlich aufgearbeitet habe. Wer sich für Fotografie interessiert, kann sich den Beitrag von Jen H. gerne anschauen. Ich als Hobbyfotografin fand ihn sehr interessant.

Bis dahin

+ Mika +

PS: Das Haus auf dem Foto habe ich bei einer Wanderung geschossen, ohne Spiegelreflexkamera, aber mit Nikon Coolpix. Zu Hause hab ich dann etwas mit Photoshop und Filtern nachgeholfen. Zu den Schwalbenbabys äußere ich mich nicht … und nein, es gibt KEIN Hundehaufenfoto … oder?

Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten II

In meinem letzten Post zum Thema Kürzen habe ich euch vorgestellt, warum man eigentlich kürzen muss und auf welchen Ebenen das passiert. Heute geht es mir um die Praxis. Wie kürze ich und was muss ich beachten?

I) Auf der Satzebene kürzen

Wie in einem Satz gekürzt werden muss, hängt vom eigenen Stil ab. Es ist kleinteilige Arbeit, die den Blick aufs Detail nötig macht. Das kann ermüdend und frustrierend sein, aber keine Sorge, wir alle müssen durch diesen Dschungel wandern, bewaffnet mit Tastatur oder Stift.

Was genau kann man im Satz streichen? Sylvia Englert findet in ihrem Buch „So lektorieren sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten“ im Groben vier Elemente:

  1. Füllwörter. Wir kennen, lieben und hassen sie. Wem geht es nicht so, dass man ganz automatisch ein „doch“ zur Verstärkung einsetzt oder Floskeln schreibt wie: „Allerdings war er doch ein recht …“ Aber: Wörter wie „auch, ziemlich, in gewisser Weise, ja, recht“ etc. können meist einen Text verlassen, ohne ihm Schaden zuzufügen. (Siehe auch: schreiblabor.com)
  2. Nichtssagende Adjektive sind ein großes Übel. Auch hier gilt: Wenn ein Adjektiv im Text keine Funktion hat, dann ist es überflüssig. Dazu gebe ich gleich noch ein konkretes Beispiel.
  3. Wiederholungen sind auf der Satzebene eher selten, da wir einen guten Überblick über einen Satz haben. Trotzdem gibt es sie und sie müssen weg.
  4. Holprigkeiten und abgenutzte Ausdrücke sind wohl am schwierigsten zu finden. Englert gibt den Tipp, seinen Text einmal laut zu lesen, um die Stellen herauszufischen, die den Leser zum Stolpern bringen.

Kommen wir zur Praxis. Ich habe mir diesen wahllosen Satz ausgedacht:

Er war ein großer, schlanker Mann, dessen Blick sich immer wieder und meist für längere Zeit im farbenfrohen Himmelszelt verfing.

Denkt einen Moment darüber nach, was ihr hier streichen würdet. Würdet ihr überhaupt etwas streichen?

Wenn ihr keine Antwort auf die Frage habt, dann stellt euch vor, worum es in diesem Satz geht. Nämlich darum, dass eine charakteristische Eigenschaft „des Mannes“ beschrieben wird. Er ist jemand, der gern den Himmel beobachtet. Allerdings wird von diesem Kern abgelenkt indem, „der Mann“ mit Adjektiven beschrieben wird (groß, schlank), Füllwörter eingefügt werden (immer wieder, meist für längere Zeit) und das Himmelszelt beschrieben wird (farbenfroh). So viel Beschreibung kann dazu führen, dass der Leser vom eigentlichen Ziel des Satzes abgelenkt wird.

In einer extrem kurzen Form könnte der Satz wie folgt lauten:

Er war ein Mann, dessen Blick sich von Zeit zu Zeit im Himmelszelt verfing.*

Kurz und knackig würde ich sagen, oder?
Was die Adjektive betrifft, so erfüllen groß und schlank in diesem Satz alle Kriterien dafür „nichtssagend“ zu sein. Wieso? Auch ohne sie können wir uns die Szene vorstellen. Zudem sind sie so allgemein, dass sich der Leser nicht konkret vorstellen kann wie groß oder schlank der Mann ist. Besser wäre es, eine präzise und eindrückliche Beschreibung in den Text einzubauen, die den Mann unvergesslich macht. Ein Beispiel möchte ich euch aus „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak einmal vorstellen:

Jetzt da er einmal in der Woche ein Bad nahm, bemerkte Liesel, dass seine Haare gar kein Geäst waren, sondern mehr ein Nest aus Federn, die um seinen Kopf flogen.

Kein Adjektiv und trotzdem ist der Satz bildhaft und anschaulich.

Ich persönlich würde so gut es geht auf Adjektive wie gut, schlecht, schön, hässlich, dünn, dick etc. verzichten. Sie sind allgemein und vermitteln kein konkretes Bild. Vielleicht ist es meine persönliche Vorliebe, aber Wörter wie spindeldürr, rabenschwarz oder kristallklar haben eine größere Aussagekraft als Adjektive, die wir täglich überall verwenden.

Schauen wir mal, ob ihr  in den nächsten Sätzen etwas streichen würdet:

In den dunklen und tiefen Gräben der alten Burg war ein recht kleines Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.*

Mein Vorschlag:

In den dunklen und (weg, da später klar wird wie dunkel es ist) tiefen Gräben der Burg war ein recht kleines (Füllsel und Umstand, der im nächsten Satz geklärt wird) Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges (Glühwürmchen sind nie groß, bleibt das Adjektiv ist es doppelt) Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.

Außerdem: Eindampfen von Informationen

Nach all diesen Erklärungen möchte ich euer Augenmerk darauf legen, dass Informationen außerdem so gut wie möglich eingedampft und präzise erklärt werden sollten.  Zuvor habe ich das kurz erwähnt. Was meine ich damit?

Gehen wir mal von einem eindeutigen Beispiel aus: Er fuhr ein kleines Auto mit einer runden Form. Ich kann mir als Leser durchaus vorstellen, wie das Auto aussehen könnte, aber ganz genau weiß ich es nicht. Eine Alternative wäre: Er fuhr einen VW Käfer. Man läuft zwar Gefahr, jemandem zu begegnen, der einen VW Käfer nicht kennt (ich weiß, sehr unwahrscheinlich), aber dadurch wird das Objekt greifbar und beim Leser ploppt sofort ein bestimmtes Bild auf.

Ich höre euch schon rufen: „Aber dadurch wird doch der Leser erst recht in seiner Kreativität eingeschränkt“, wage aber zu widersprechen. Nehmen wir an, der VW Käfer gehört einem 1,90m großen Mann, der sich täglich hineinzwängt. Und nehmen wir an, dieser Mann ärgert sich auch noch darüber. Stellt sich dann nicht zwangsläufig die Frage, wieso er sich das antut? Das ist meiner Ansicht nach die Kreativität, die wir dem Leser überlassen können und so etwas funktioniert besser, wenn wir klare Vergleichsobjekte liefern. Ein kleines, rundes Auto könnte alles und nichts sein.

Beim nächsten Mal zum Thema kürzen geht es dann um die Absatzebene und die Textebene.

Bis dahin

+Mika+

*Mir ist durchaus klar, dass das Bild „den Blick im Himmelszelt verfangen“ bei einigen Unbehagen auslöst, da sich ein Blick ja nicht irgendwo verfangen kann wie eine Fliege im Netz einer Spinne, aber es geht mir ja hier nicht um unglückliche sprachliche Bilder und deshalb lasse ich es mal stehen.

**Okay, ich geb’s zu, ich hab reichlich übertrieben, aber in einigen Werken sind mir durchaus ähnliche Formulierungen aufgefallen. Besonders wenn es um die Beschreibung von Orten oder auch Personen geht verläuft man sich gern im Adjektivdschungel.

Beitragsbild: Mika M. Krüger