Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten II

Seht ihr noch, wo der Weg hinführen wird? So kann es einem gehen, wenn man die eigenen Texte überarbeitet, aber alles hat ein Ende.
Seht ihr noch, wo der Weg hinführen wird? So kann es einem gehen, wenn man die eigenen Texte überarbeitet, aber alles hat ein Ende.

In meinem letzten Post zum Thema Kürzen habe ich euch vorgestellt, warum man eigentlich kürzen muss und auf welchen Ebenen das passiert. Heute geht es mir um die Praxis. Wie kürze ich und was muss ich beachten?

I) Auf der Satzebene kürzen

Wie in einem Satz gekürzt werden muss, hängt vom eigenen Stil ab. Es ist kleinteilige Arbeit, die den Blick aufs Detail nötig macht. Das kann ermüdend und frustrierend sein, aber keine Sorge, wir alle müssen durch diesen Dschungel wandern, bewaffnet mit Tastatur oder Stift.

Was genau kann man im Satz streichen? Sylvia Englert findet in ihrem Buch „So lektorieren sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten“ im Groben vier Elemente:

  1. Füllwörter. Wir kennen, lieben und hassen sie. Wem geht es nicht so, dass man ganz automatisch ein „doch“ zur Verstärkung einsetzt oder Floskeln schreibt wie: „Allerdings war er doch ein recht …“ Aber: Wörter wie „auch, ziemlich, in gewisser Weise, ja, recht“ etc. können meist einen Text verlassen, ohne ihm Schaden zuzufügen. (Siehe auch: schreiblabor.com)
  2. Nichtssagende Adjektive sind ein großes Übel. Auch hier gilt: Wenn ein Adjektiv im Text keine Funktion hat, dann ist es überflüssig. Dazu gebe ich gleich noch ein konkretes Beispiel.
  3. Wiederholungen sind auf der Satzebene eher selten, da wir einen guten Überblick über einen Satz haben. Trotzdem gibt es sie und sie müssen weg.
  4. Holprigkeiten und abgenutzte Ausdrücke sind wohl am schwierigsten zu finden. Englert gibt den Tipp, seinen Text einmal laut zu lesen, um die Stellen herauszufischen, die den Leser zum Stolpern bringen.

Kommen wir zur Praxis. Ich habe mir diesen wahllosen Satz ausgedacht:

Er war ein großer, schlanker Mann, dessen Blick sich immer wieder und meist für längere Zeit im farbenfrohen Himmelszelt verfing.

Denkt einen Moment darüber nach, was ihr hier streichen würdet. Würdet ihr überhaupt etwas streichen?

Wenn ihr keine Antwort auf die Frage habt, dann stellt euch vor, worum es in diesem Satz geht. Nämlich darum, dass eine charakteristische Eigenschaft „des Mannes“ beschrieben wird. Er ist jemand, der gern den Himmel beobachtet. Allerdings wird von diesem Kern abgelenkt indem, „der Mann“ mit Adjektiven beschrieben wird (groß, schlank), Füllwörter eingefügt werden (immer wieder, meist für längere Zeit) und das Himmelszelt beschrieben wird (farbenfroh). So viel Beschreibung kann dazu führen, dass der Leser vom eigentlichen Ziel des Satzes abgelenkt wird.

In einer extrem kurzen Form könnte der Satz wie folgt lauten:

Er war ein Mann, dessen Blick sich von Zeit zu Zeit im Himmelszelt verfing.*

Kurz und knackig würde ich sagen, oder?
Was die Adjektive betrifft, so erfüllen groß und schlank in diesem Satz alle Kriterien dafür „nichtssagend“ zu sein. Wieso? Auch ohne sie können wir uns die Szene vorstellen. Zudem sind sie so allgemein, dass sich der Leser nicht konkret vorstellen kann wie groß oder schlank der Mann ist. Besser wäre es, eine präzise und eindrückliche Beschreibung in den Text einzubauen, die den Mann unvergesslich macht. Ein Beispiel möchte ich euch aus „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak einmal vorstellen:

Jetzt da er einmal in der Woche ein Bad nahm, bemerkte Liesel, dass seine Haare gar kein Geäst waren, sondern mehr ein Nest aus Federn, die um seinen Kopf flogen.

Kein Adjektiv und trotzdem ist der Satz bildhaft und anschaulich.

Ich persönlich würde so gut es geht auf Adjektive wie gut, schlecht, schön, hässlich, dünn, dick etc. verzichten. Sie sind allgemein und vermitteln kein konkretes Bild. Vielleicht ist es meine persönliche Vorliebe, aber Wörter wie spindeldürr, rabenschwarz oder kristallklar haben eine größere Aussagekraft als Adjektive, die wir täglich überall verwenden.

Schauen wir mal, ob ihr  in den nächsten Sätzen etwas streichen würdet:

In den dunklen und tiefen Gräben der alten Burg war ein recht kleines Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.*

Mein Vorschlag:

In den dunklen und (weg, da später klar wird wie dunkel es ist) tiefen Gräben der Burg war ein recht kleines (Füllsel und Umstand, der im nächsten Satz geklärt wird) Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges (Glühwürmchen sind nie groß, bleibt das Adjektiv ist es doppelt) Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.

Außerdem: Eindampfen von Informationen

Nach all diesen Erklärungen möchte ich euer Augenmerk darauf legen, dass Informationen außerdem so gut wie möglich eingedampft und präzise erklärt werden sollten.  Zuvor habe ich das kurz erwähnt. Was meine ich damit?

Gehen wir mal von einem eindeutigen Beispiel aus: Er fuhr ein kleines Auto mit einer runden Form. Ich kann mir als Leser durchaus vorstellen, wie das Auto aussehen könnte, aber ganz genau weiß ich es nicht. Eine Alternative wäre: Er fuhr einen VW Käfer. Man läuft zwar Gefahr, jemandem zu begegnen, der einen VW Käfer nicht kennt (ich weiß, sehr unwahrscheinlich), aber dadurch wird das Objekt greifbar und beim Leser ploppt sofort ein bestimmtes Bild auf.

Ich höre euch schon rufen: „Aber dadurch wird doch der Leser erst recht in seiner Kreativität eingeschränkt“, wage aber zu widersprechen. Nehmen wir an, der VW Käfer gehört einem 1,90m großen Mann, der sich täglich hineinzwängt. Und nehmen wir an, dieser Mann ärgert sich auch noch darüber. Stellt sich dann nicht zwangsläufig die Frage, wieso er sich das antut? Das ist meiner Ansicht nach die Kreativität, die wir dem Leser überlassen können und so etwas funktioniert besser, wenn wir klare Vergleichsobjekte liefern. Ein kleines, rundes Auto könnte alles und nichts sein.

Beim nächsten Mal zum Thema kürzen geht es dann um die Absatzebene und die Textebene.

Bis dahin

+Mika+

*Mir ist durchaus klar, dass das Bild „den Blick im Himmelszelt verfangen“ bei einigen Unbehagen auslöst, da sich ein Blick ja nicht irgendwo verfangen kann wie eine Fliege im Netz einer Spinne, aber es geht mir ja hier nicht um unglückliche sprachliche Bilder und deshalb lasse ich es mal stehen.

**Okay, ich geb’s zu, ich hab reichlich übertrieben, aber in einigen Werken sind mir durchaus ähnliche Formulierungen aufgefallen. Besonders wenn es um die Beschreibung von Orten oder auch Personen geht verläuft man sich gern im Adjektivdschungel.

Quellengabe zum Foto: Flickr.com

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten I

Labyrinth2
Manchmal sind Texte wie Labyrinthe, deren Ausgang man erst finden muss.

Es fällt schwer. Das Streichen von Textpassagen in den eigenen Geschichten. In einem Beitrag der Zeitschrift Textart von Andreas Gruber ging es um dieses Phänomen. Autoren, ich eingeschlossen, kämpfen um jedes Wort, das von der Tastatur über ein Kabel den Weg in ein Worddokument gefunden hat. Wieso ist das eigentlich so? Andreas Gruber hat eine simple Antwort:

„Die ersten mühsam getippten Passagen, die ersten vollendeten Kurzgeschichten sind wie Babys, die man geboren, wie Kinder, die man großgezogen hat. Verständlich, dass es schwerfällt, seine eigenen Wortkreationen zu vernichten.“

In meinem heutigen Post und einigen folgenden soll es um das unbeliebte Streichen von Textpassagen gehen. Ich zeige euch, wie, was und warum ich rigoros kürze. Und nein, da gibt es keine Kompromisse, was weg muss, muss weg. Schauen wir mal, ob ich euch davon überzeugen kann.


Kürzen für den Leser

Texte sind erst dann gut sind, wenn man nach dem Schreibprozess ordentlich kürzt. Das ist kein Geheimnis. Stephen King widmet einen Teil seines Buches „Das Leben und das Schreiben“ dem Kürzen von Texten. Dabei sagte ihm ein Mann mit dem er in einer lokalen Zeitung zusammenarbeitete: „Wenn du eine Geschichte schreibst, dann erzählst du sie dir selber. Wenn du sie überarbeitest, musst du hauptsächlich alles herausstreichen, was nicht zur Geschichte gehört.“ Und das ist der Kern des leidigen Kürzens.

Wenn wir mit dem Schreiben beginnen, wissen wir von unserer Geschichte oft nicht viel mehr als der Leser. Wir haben eine Idee, die sich gut anfühlt, und wollen irgendwie von A (Anfang) nach B (Ende) kommen. Dazu müssen wir uns die Welt vorstellen, die Menschen darin, einfach alles und wir beginnen wild drauflos zu schreiben und jedes Detail zu erklären. Das mache ich auch.

Kürzen ist notwendig, damit sich im Text auf das Wesentliche konzentriert werden kann, denn erst dadurch lasse ich dem Leser Raum für eigene Gedanken und Rückschlüsse. In Kriminalromanen wird das dadurch deutlich, dass der Leser oft eine Ahnung hat, wer der Täter ist, obwohl dies im Text nicht steht. Kurz: Texte schrumpfen für den Leser und nicht, weil Autoren so viel Spaß daran haben.


Was wird nun eigentlich gestrichen?

Eigentlich alles, aber so einfach mache ich es mir nicht. Um bei der Arbeit des Kürzens systematisch vorgehen zu können, stelle ich mir Ebenen vor. Meiner Erfahrung gibt es drei Ebenen innerhalb derer man streichen kann. Unter Ebene stelle ich mir dabei die Textabschnitt vor. Von der kleinsten Einheit, dem Satz, bis zur größten Einheit, dem gesamten Roman. An dieser Stelle möchte ich euch kurz vorstellen, was ich auf den einzelnen Ebenen streiche, im nächsten Post geht es dann mehr ins Detail.

I) Die Satzebene: Hier geht es im Besonderen um Kürzungen einzelner Wörter oder Satzteile.  Ein vernünftiger Satz ist kein Schachtelsatz, den man zehn Mal lesen muss, um ihn zu verstehen. Es gibt keine ellenlangen Attribute, sondern klare und bildhafte Aussagen. Manchmal muss auch eingedampft werden. Ein kleines Beispiel: „Er arbeitete wie viele halbtags in einem kleinen Büro und tippte dort Rechnungen“ ist sehr lang und kann auf ein kurzes „Er arbeitete in Teilzeit als Sekretär“ reduziert werden. Natürlich nur, wenn wir uns in einer Welt befinden, die das Konzept „Teilzeit“ kennt, bei Fantasy wird es unter Umständen schwerer.

II) Die Absatzebene:  Auch wenn es mühselig ist, sollte man selbst bei jedem Absatz und Satz überprüfen, ob dieser für den Gesamtkontext der Geschichte eine Notwendigkeit hat oder aber unnötig ist. Gibt es Absätze, die stetig nur beschreiben, aber kaum etwas an Inhalt vermitteln? Seitenlange Erklärungen von der Umgebung sind inzwischen nicht gern gesehen, da sie das Lesetempo abbremsen und wenig Freude bereiten. Gekürzt werden Wiederholungen, Aussagen, die Verwirrung stiften oder die Stimmung zerstören.

III) Der Gesamtkontext: Hier betrachtet man den gesamten Roman. Bringen die Figuren die Geschichte voran? Ist das Kapitel notwendig oder völlig überflüssig, weil es keine Information enthält, die dem Leser etwas Neues vermittelt? Das sind die grundlegenden Fragen, die man sich auf dieser Ebene stellen sollte. Diese Überlegungen stehen in engem Bezug zu dem Thema der „Struktur“.

Kurz, zentral ist immer die Frage danach, ob ein Satz, Absatz, Kapitel für den Roman tragend ist. Was das bedeutet möchte ich in einem Bild veranschaulichen. Wenn man sich die erste Rohfassung eines Romans als ein Gebäude vorstellt, dann hat dieses zu viele Wände. Das Haus gleicht einem Labyrinth, indem dringend Wände eingerissen werden müssen. Aber aufpassen: nur die freistehenden Wände können wirklich weg. Es ist eine kleinteilige Arbeit, die die Nerven raubt, aber sie hat durchaus ihren Sinn.


Im nächsten Post schaue ich mir näher an, wie ich mir das Kürzen auf der Satzebene vorstelle. Bleibt bis dahin wach und erholt. Man liest sich.

+Mika+

Foto: Das Labyrinthfoto wurde Chris Hsia geschossen und auf flickr.com veröffentlicht.