6: Leseproben

Schnappschuss?

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

GoldhausInsta

Es ist ein Fachwerkhaus mit zementgrauen Steinen und schokobraunen Holzbalken. An der Fassade wächst Moos und Pflanzen kämpfen sich wie Bergsteiger bis zur Dachspitze hinauf. Der Wind streichelt die Blätter. Das Orange der untergehenden Sonne lässt das Bild sanftmütig erscheinen. Es ist perfekt.

Ich lege den Finger auf das Kamerasymbol meines Touchscreens. Kurz zuckt das Bild, dann ertönt ein Klick. Ein Foto ist für die Ewigkeit gebannt. Ich fühle mich wie ein Starfotograf vom National Geographic. Klar, es ist kein Tier auf dem Bild und auch kein Mensch, der Wert des Fotos lässt sich trotzdem nicht leugnen. Ein verlassenes Haus inmitten von goldenen Ären bei Sonnenuntergang, wenn das kein Schnappschuss ist. Der Titel könnte lauten „Einsam im Gold“ oder doch besser „Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört“. Letzteres drückt Dramatik aus. Mit diesem Bild könnte ich einen Preis gewinnen. Dann zerplatzt mein Traum.

„Musst du immer Fotos machen? Kannst du nicht einfach mal dein Handy in der Tasche lassen? Die Fotos sind doch eh diletantisch. Wenn du ein vernünftiges Bild machen willst, dann brauchst du eine Spiegelreflexkamera und musst auf ganz viele Details achten. Zum Beispiel …“

Natürlich muss sie immer meckern. Eben wollte ich mein Meisterwerk und meine Freude daran noch mit ihr teilen, jetzt hat sie Pech. Von wegen Licht und Winkel und bla. Der Moment zählt. Das Gefühl zählt.

Ich öffne meinen Instagram Account, lege über das Bild einen sonnengoldenen Filter und tippe den Naturslogan in das Beschreibungsfeld. Ich poste den Beitrag und bekomme in Sekunden einige Likes, während sie weiter darüber lamentiert, dass die Internetwelt aus uns Selbstdarsteller macht, die im Großen und Ganzen zum Scheitern verurteilt sind. Ich lasse sie reden. Hier ein Like zu dem Foto, dort ein Like zu einem anderen Foto. Es macht Spaß, denn für jede gute Tat, bekomme ich etwas zurück. Wenn ich mit ihr das Foto teile, schenkt sie mir eine Moralpredigt. Und sind wir doch mal ganz ehrlich, meine dreihundert Follower zeigen glasklar, dass ich Talent habe. Denn Talent lernt man nicht, das besitzt man.

„Hey“, ich spüre einen Knuff in der Seite und sehe auf. „Hörst du mir zu?“

„Hab grad was Wichtiges geschrieben“, lüge ich. Sie rollt mit den Augen, sagt jedoch nichts mehr. Weil ich merke, dass die Situation zu eskalieren droht, stecke ich mein Handy weg. Kaum ist es in der Tasche, juckt es mich überall. Ich male mir aus, was alles passiert, während ich nicht auf das Display schaue. Die Welt könnte untergehen und ich erfahre als letzter davon. Ich kaue auf meiner Lippe herum.

Sie läuft zu dem Fachwerkhaus und schaut zum Dach hoch. Ihr klinisch weißes T-Shirt und die dunkelblaue Shorts passen so gar nicht zu dem Sonnenuntergang und noch weniger zu dem Haus. Kein gutes Motiv.

„Da ist ein Nest“, sagt sie und hat doch mein Interesse. Ich stelle mich neben sie und sehe nach oben. Sie hat Recht. Unter dem Dachstuhl ist ein Schwalbennest. Kleine Vogelköpfchen schauen durch eine schmale Öffnung ins Licht und schreien nach Futter. Dieses Mal hätte ich Tiere auf dem Bild. Das passiert nicht oft.

„Dass dir sowas immer auffällt“, sage ich beiläufig, hole mein Handy aus der Tasche, das inzwischen brennt wie Feuer und fotografiere die kleinen Vögel mit ihren aufgerissenen Mäulern. Es ist unscharf und viel zu dunkel. Aber ein guter Fotograf macht aus jedem Motiv ein überzeugendes Bild. Ich probiere es noch einmal und noch einmal. Nichts ändert sich. Auch dann nicht, als ich etwas näher heranzoome.

„Mist, ich krieg’s nicht ordentlich auf die Kamera.“ Sie sagt nichts, sieht mich einfach nur stumm an. Die Lippen zu einem Unterstrich geformt. Ich ignoriere es und will gerade das Handy zurück an seinen Platz stecken, als sie es mir aus der Hand reißt.

„So, es reicht jetzt echt. Wir sind dreißig Minuten unterwegs und du hast selbst die Hundekacke auf dem Weg fotografiert.“ Da hatte sie Recht. Aber nur, weil sie genau neben einem dieser Hier-Kein-Mist-Erwünscht-Schilder lag. Wer das nicht urkomisch findet, dem ist nicht mehr zu helfen.

Sie findet es nicht komisch.

„Es war lustig“, verteidige ich mich. „Jetzt sei nicht so ein Spießer.“ Das ist zu viel. Ich sehe die Wut in ihrem Gesicht explodieren wie eine Bombe auf Festland. Trotzdem sagt sie nichts. Starrt mich einfach nur an. Sekunden verstreichen, in denen ich zu lächeln versuche. Entwaffnend, damit sie ihre Dummheit einsieht. Natürlich sieht sie gar nichts ein. Sie hat ihren eigenen Kopf und rennt los.

„FANG MICH DU IDIOT!“, schreit sie und winkt mit mir mit dem Handy in der Hand zu. Also renne ich los.

„Gib mir mein Handy zurück. Das hat über sechshundert Euro gekostet.“ Doch der Appell an ihre Vernunft hilft nicht. Sie rennt einfach weiter und ich habe das Nachsehen, denn sie ist schneller als ich. Wie ein Hase auf der Flucht schlägt sie Haken, trickst mich aus und ich komme mir vor wie der lahme Wolf, der vergebens sein Fressen jagt. Schon nach kurzer Zeit bin ich völlig am Ende, während sie noch Puste für die nächsten zehn Kilometer hat.

Irgendwann hole ich sie ein. Sie steht an einem Bach. Die Hände in die Seite gestützt.

Ich erstarre zu Eis.

„Das hast du nicht gemacht?“

Sie dreht sich zu mir und ein verschmitztes Lächeln huscht ihr übers Gesicht. „Doch, hab ich.“ Ich glaube ihr, bin fassungslos, schockiert. Ich könnte heulen, sie anschreien, aber ich bleibe völlig ruhig, sehe sie grinsen und denke mir, dass es nicht so schlimm ist. Alle Daten sind eh online gespeichert. Irgendwo. Das Handy kaufe ich mir einfach neu. Nur für den Urlaub und das waren zehn Tage, wäre ich offline. Das ließ sich ertragen, oder?

Meine Sucht hatte ich unterschätzt. Wir stritten in den ersten Tagen nur, dann konzentrierte ich mich auf das Wesentliche. Sah mir die Umgebung an, entdeckte mich neu. Mir war nicht klar gewesen, dass sich die Welt ohne Kameralinse genauso speichern ließ. Offline, in meinem Kopf.

schwalbenbabys
Und in etwa so diletantisch könnt ihr euch das Schwalbenfoto vorstellen …

Anmerkung:

Und wer fühlte sich bei dem Text ertappt? Nicht sauer sein. Ich hab mich selbst auf die Schippe genommen. Bin ja auch ganz schön abhängig geworden von meinem Z3. 🙂

Das Zitat zu dieser Kurzgeschichte stammt aus einem Blogbeitrag „Fünf schnelle Wege, deine Fotos zu verbessern“. Es steht unter Tipp #1:

When we’re taking photos on the fly, it doesn’t really occur to us to ensure that we have a technically-pleasing composition. (freie Übersetzung: Wenn wir Fotos unterwegs machen, kommt es uns nicht wirklich in den Sinn, sicherzustellen, dass wir eine technisch hervorragende Komposition erhalten.)

Ihr merkt schon, dass ich nicht den genauen Wortlaut benutzt habe, sondern das Zitat eher inhaltlich aufgearbeitet habe. Wer sich für Fotografie interessiert, kann sich den Beitrag von Jen H. gerne anschauen. Ich als Hobbyfotografin fand ihn sehr interessant.

Bis dahin

+ Mika +

PS: Das Haus auf dem Foto habe ich bei einer Wanderung geschossen, ohne Spiegelreflexkamera, aber mit Nikon Coolpix. Zu Hause hab ich dann etwas mit Photoshop und Filtern nachgeholfen. Zu den Schwalbenbabys äußere ich mich nicht … und nein, es gibt KEIN Hundehaufenfoto … oder?

1: Aktuelles

News: Anthologie veröffentlicht!

pause
Ihr habt Pause und sucht kurze und leicht verdauliche Literatur, dann könnt ihr ab jetzt das ebook Kurze Geschichten für Zwischendurch lesen.

Es ist soweit! Nach vielem Hin und Her, etlichen Korrekturen und mühseliger Arbeit beim Erstellen des ebooks ist nun unsere Anthologie „Kurze Geschichten für Zwischendurch“ erschienen. 84 Autoren haben sich zusammengerauft und Kürzestgeschichten in einem Buch veröffentlicht. Jeder in seinem eigenen Stil, jeder mit seinen eigenen Vorlieben. Von Chick-Lit über Thriller und Co. bis hin zu Fantasy ist in diesem ebook alles vertreten. Und das Ganze gibt es auch noch völlig kostenlos in allen Online-Shops. Wer also Lektüre für eine kurze Fahrt mit der Bahn, die Zeit im Wartezimmer oder andere Gelegenheiten sucht, der kann in der Kurzgeschichtensammlung ein bisschen schmökern. Und wer weiß, vielleicht findet ihr sogar den ein oder anderen Autor von dem ihr gern etwas mehr wissen würdet.

Cover_KurzeGeschMeine Kurzgeschichte Kristallene Realität findet ihr am Ende des Buches. Es ist eine Geschichte über einen verrückten Künstler und seine ganz eigene Muse. Und übrigens … nur weil mein Name ganz am Ende steht heißt das nicht, dass die Geschichte schlechter ist als die anderen, es bedeutet nur: Ich habe länger gebraucht, um sie einzureichen. 😛

Viel Spaß beim Stöbern!

Alle Links zu den Shops gibt es hier:

Euch noch eine schöne Restwoche! + Mika +

PS: Ich weiß, Werbung stinkt, aber manchmal muss es eben sein.

6: Leseproben

Ein biegsames Herz

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

Biegsames Herz

Ich betrachte sein aschfahles Gesicht und weiß, es ist zu spät. Diese Tatsache tötet mich, reißt mich in Stücke. Es ist nicht fair, denke ich, aber die Welt in der wir leben kennt keine Gerechtigkeit. Nur schneidend saure Bitterkeit.

„Ich muss gehen“, sagt er. Ich stehe am Holztisch und muss mich abstützen, sonst stürze ich, falle tot um, wache nie mehr auf. Über mir beginnt die Welt, Kreise zu ziehen.

„Nein“, protestiere ich. Ein ängstlicher Schmerz, heiß wie Lava, fließt in meine Brust. Ich will ihn nicht verlieren. „Nein, du bleibst hier. Du kannst widersprechen und dich wehren. Das konntest du doch schon immer gut.“ Kurz sieht er auf, betrachtet mich und als sich unsere Blicke treffen, gibt sich unsere Verzweiflung die Hand.

„Ich kann nicht widersprechen. Es ist zu spät.“ Ich schlucke. Höre mein Blut rauschen.

„Okay, dann wirst du es überleben“, sage ich mutig. Als er nicht antwortet, setze ich mich und lege meine Hand über seine. Ich berühre spröde Arbeiterhaut. Sie fühlt sich kalt und ledrig an. Es ist nicht die Haut des Mannes, der mir sagt, dass wir trotz wenig Geld nach vorn schauen können. Es ist die Haut eines Mannes, der aufgegeben hat und sich in einen Panzer zurückzieht. Er schüttelt den Kopf und wir schweigen.

Dann bricht es aus mir heraus. „Das können sie nicht tun“, sage ich. „Sie können das nicht tun!“

„Wie du siehst, interessiert es sie nicht, was sie können und was nicht. Ich habe es immer gesagt, so läuft das Spiel. Wer unangenehm ist, der …“ Er verschluckt die letzten Worte, aber ich weiß, was er sagen will.

Ich beiße mir auf die Lippe. In meinem Kopf herrscht Chaos, das sich nicht sortieren lässt. Gedankenfetzen von einer Zukunft ohne ihn treten aus der Finsternis. Daran will ich nicht denken. Er kann es schaffen, er ist zäh und ein Kämpfer.

„Wann brauchen sie dich?“, frage ich.

„In vier Tagen.“

„Vier Tage?“ So schnell! Was für ein Irrsinn. Was für eine Verschwendung. Und dann wird mir klar, warum sie ihn so plötzlich loswerden wollen. Natürlich, es kann nur so sein.

„Hast du es fortgesetzt?“

Wieder treffen sich unsere Blicke, aber dieses Mal flüchtet sein Blick vor mir. Ertappt. Er entzieht seine Hände meiner Berührung und knetet sie unruhig. Das Weiß seiner Knöchel tritt hervor.

„Antworte mir, hast du es fortgesetzt?“

„Es tut mir leid“, flüstert er kaum hörbar.

„Und sie haben dich dabei erwischt“, stelle ich fest.

„Ja“, murmelte er. „Vorletzte Woche haben sie uns erwischt.“

„Jetzt bist du eine Bedrohung.“ Er nickt müde.

Das erklärt alles. Ich bin ernüchtert und enttäuscht. Er versprach mir, es sein zu lassen und hat sich nicht daran gehalten. Ich will wütend werden und ihn anschreien, aber so bin ich nicht. Mir ist immer klar gewesen, dass er sich abends mit seinen Freunden traf, um zu diskutieren. Über Politik, über Gesetze, über dies und das. In einer anderen Zeit wäre das harmlos gewesen.

Ja, ich habe ein biegsames Herz und eine dicke Haut. Aber ich wusste, dass der Mann vor mir eine scharfe Klinge in den Händen hielt, die er mitten in mein Herz stoßen würde, irgendwann. Noch ist es nicht so weit. Erst wenn er stirbt, dann wird mein Herz unheilbar Schaden nehmen.

Ich gehe zu ihm und streiche ihm über das Haar. Ich merke, dass er zittert.

„Du wirst es schaffen, hörst du? Es gibt einige, die zurückkommen.“ Seine Gedanken sind nicht bei der Sache.

„Hm“, murmelt er. Meine Hände berühren seine Wangen. Ich drehe sein Gesicht zu mir und sehe eine Träne in den stahlharten Augen. Ich will ihn küssen, ihn lieben, aber ich kann nicht. Stattdessen nehme ich ihn in den Arm.

„Kopf hoch“, sage ich und lege meinen Kopf auf seine Schulter.

***

Landschaft

Sie gewähren uns den Abschied. Wenigstens etwas. Die Uniform steht ihm nicht. Das dunkle Grün lässt in kränklich wirken. Wir klammern uns aneinander als könnten wir damit den Sturz in die Tiefe abwenden.

„Bald sehen wir uns wieder“, sage ich und ihm huscht ein zaghaftes Lächeln über die Lippen. Ein letztes Mal küsst er mich. Ich spüre die Wärme auf seinen Lippen, das Kribbeln in meinem Körper und eine heiße Sehnsucht.

„Ich werde immer an dich denken und es tut mir leid“, sagt er zum Abschied als die Ansage ertönt. Dann geht er, dreht sich nicht um und verschwindet hinter einer getönten Glaswand. Ab jetzt liegt sein Leben in den Händen von anderen.

Ich bleibe zurück und kämpfe mit den Tränen. Nicht weinen, denke ich, das ändert nichts. Lange stehe ich da und starre auf die Glaswand. Nun ist mein Herz doch zersprungen. In zwei Teile. Ein Teil ist hier bei mir und einer ist bei ihm.

Ich löse mich von dem Ort und gehe zur Plattform. Dort beobachte ich, wie ein Flugzeug nach dem anderen startete. Ich stelle mir vor, wie er dort drinnen sitzt, in Gedanken versunken. Er rast der Ungewissheit entgegen.

Kalte Wut treibt ihre Klauen in mich hinein. Ich will ihm die Schuld geben, aber so einfach ist es nicht. Schuld liegt im Auge des Betrachters und er wäre nie freiwillig gegangen.

Auf einmal begreife ich alles. Warum er gekämpft hat und nicht aufhören konnte. Es ist nicht fair und ich werde es nicht akzeptieren. Ich werde seinen Plan weiterführen und einen sinnlosen Krieg beenden, der zu viele Opfer fordert. Euphorie treibt mir eine Gänsehaut über die Arme. Ich werde ihn nicht vergessen, sondern wie er kämpfen und vielleicht sehen wir uns wieder. Vielleicht kann mein geteiltes Herz heilen.

Diese Kurzgeschichte ist Teil meines Blogprojekts. Mehr dazu könnt ihr in meinem Post vom 18. August 2015 lesen. Kurz zusammengefasst schreibe ich in kurzer Zeit und bestimmten Vorgaben Kurzgeschichten. Das vorgegebene Genre in dieser Woche war Romantik und das Zitat ist aus dem Lied Elastic Heart von Sia:

„Well, I’ve got thick skin and an elastic heart, but your blade it might be too sharp.“

Ich hoffe, es hat euch gefallen. Bis zum nächsten Mal.

+ Mika +