Schnappschuss?

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

GoldhausInsta

Es ist ein Fachwerkhaus mit zementgrauen Steinen und schokobraunen Holzbalken. An der Fassade wächst Moos und Pflanzen kämpfen sich wie Bergsteiger bis zur Dachspitze hinauf. Der Wind streichelt die Blätter. Das Orange der untergehenden Sonne lässt das Bild sanftmütig erscheinen. Es ist perfekt.

Ich lege den Finger auf das Kamerasymbol meines Touchscreens. Kurz zuckt das Bild, dann ertönt ein Klick. Ein Foto ist für die Ewigkeit gebannt. Ich fühle mich wie ein Starfotograf vom National Geographic. Klar, es ist kein Tier auf dem Bild und auch kein Mensch, der Wert des Fotos lässt sich trotzdem nicht leugnen. Ein verlassenes Haus inmitten von goldenen Ären bei Sonnenuntergang, wenn das kein Schnappschuss ist. Der Titel könnte lauten „Einsam im Gold“ oder doch besser „Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört“. Letzteres drückt Dramatik aus. Mit diesem Bild könnte ich einen Preis gewinnen. Dann zerplatzt mein Traum.

„Musst du immer Fotos machen? Kannst du nicht einfach mal dein Handy in der Tasche lassen? Die Fotos sind doch eh diletantisch. Wenn du ein vernünftiges Bild machen willst, dann brauchst du eine Spiegelreflexkamera und musst auf ganz viele Details achten. Zum Beispiel …“

Natürlich muss sie immer meckern. Eben wollte ich mein Meisterwerk und meine Freude daran noch mit ihr teilen, jetzt hat sie Pech. Von wegen Licht und Winkel und bla. Der Moment zählt. Das Gefühl zählt.

Ich öffne meinen Instagram Account, lege über das Bild einen sonnengoldenen Filter und tippe den Naturslogan in das Beschreibungsfeld. Ich poste den Beitrag und bekomme in Sekunden einige Likes, während sie weiter darüber lamentiert, dass die Internetwelt aus uns Selbstdarsteller macht, die im Großen und Ganzen zum Scheitern verurteilt sind. Ich lasse sie reden. Hier ein Like zu dem Foto, dort ein Like zu einem anderen Foto. Es macht Spaß, denn für jede gute Tat, bekomme ich etwas zurück. Wenn ich mit ihr das Foto teile, schenkt sie mir eine Moralpredigt. Und sind wir doch mal ganz ehrlich, meine dreihundert Follower zeigen glasklar, dass ich Talent habe. Denn Talent lernt man nicht, das besitzt man.

„Hey“, ich spüre einen Knuff in der Seite und sehe auf. „Hörst du mir zu?“

„Hab grad was Wichtiges geschrieben“, lüge ich. Sie rollt mit den Augen, sagt jedoch nichts mehr. Weil ich merke, dass die Situation zu eskalieren droht, stecke ich mein Handy weg. Kaum ist es in der Tasche, juckt es mich überall. Ich male mir aus, was alles passiert, während ich nicht auf das Display schaue. Die Welt könnte untergehen und ich erfahre als letzter davon. Ich kaue auf meiner Lippe herum.

Sie läuft zu dem Fachwerkhaus und schaut zum Dach hoch. Ihr klinisch weißes T-Shirt und die dunkelblaue Shorts passen so gar nicht zu dem Sonnenuntergang und noch weniger zu dem Haus. Kein gutes Motiv.

„Da ist ein Nest“, sagt sie und hat doch mein Interesse. Ich stelle mich neben sie und sehe nach oben. Sie hat Recht. Unter dem Dachstuhl ist ein Schwalbennest. Kleine Vogelköpfchen schauen durch eine schmale Öffnung ins Licht und schreien nach Futter. Dieses Mal hätte ich Tiere auf dem Bild. Das passiert nicht oft.

„Dass dir sowas immer auffällt“, sage ich beiläufig, hole mein Handy aus der Tasche, das inzwischen brennt wie Feuer und fotografiere die kleinen Vögel mit ihren aufgerissenen Mäulern. Es ist unscharf und viel zu dunkel. Aber ein guter Fotograf macht aus jedem Motiv ein überzeugendes Bild. Ich probiere es noch einmal und noch einmal. Nichts ändert sich. Auch dann nicht, als ich etwas näher heranzoome.

„Mist, ich krieg’s nicht ordentlich auf die Kamera.“ Sie sagt nichts, sieht mich einfach nur stumm an. Die Lippen zu einem Unterstrich geformt. Ich ignoriere es und will gerade das Handy zurück an seinen Platz stecken, als sie es mir aus der Hand reißt.

„So, es reicht jetzt echt. Wir sind dreißig Minuten unterwegs und du hast selbst die Hundekacke auf dem Weg fotografiert.“ Da hatte sie Recht. Aber nur, weil sie genau neben einem dieser Hier-Kein-Mist-Erwünscht-Schilder lag. Wer das nicht urkomisch findet, dem ist nicht mehr zu helfen.

Sie findet es nicht komisch.

„Es war lustig“, verteidige ich mich. „Jetzt sei nicht so ein Spießer.“ Das ist zu viel. Ich sehe die Wut in ihrem Gesicht explodieren wie eine Bombe auf Festland. Trotzdem sagt sie nichts. Starrt mich einfach nur an. Sekunden verstreichen, in denen ich zu lächeln versuche. Entwaffnend, damit sie ihre Dummheit einsieht. Natürlich sieht sie gar nichts ein. Sie hat ihren eigenen Kopf und rennt los.

„FANG MICH DU IDIOT!“, schreit sie und winkt mit mir mit dem Handy in der Hand zu. Also renne ich los.

„Gib mir mein Handy zurück. Das hat über sechshundert Euro gekostet.“ Doch der Appell an ihre Vernunft hilft nicht. Sie rennt einfach weiter und ich habe das Nachsehen, denn sie ist schneller als ich. Wie ein Hase auf der Flucht schlägt sie Haken, trickst mich aus und ich komme mir vor wie der lahme Wolf, der vergebens sein Fressen jagt. Schon nach kurzer Zeit bin ich völlig am Ende, während sie noch Puste für die nächsten zehn Kilometer hat.

Irgendwann hole ich sie ein. Sie steht an einem Bach. Die Hände in die Seite gestützt.

Ich erstarre zu Eis.

„Das hast du nicht gemacht?“

Sie dreht sich zu mir und ein verschmitztes Lächeln huscht ihr übers Gesicht. „Doch, hab ich.“ Ich glaube ihr, bin fassungslos, schockiert. Ich könnte heulen, sie anschreien, aber ich bleibe völlig ruhig, sehe sie grinsen und denke mir, dass es nicht so schlimm ist. Alle Daten sind eh online gespeichert. Irgendwo. Das Handy kaufe ich mir einfach neu. Nur für den Urlaub und das waren zehn Tage, wäre ich offline. Das ließ sich ertragen, oder?

Meine Sucht hatte ich unterschätzt. Wir stritten in den ersten Tagen nur, dann konzentrierte ich mich auf das Wesentliche. Sah mir die Umgebung an, entdeckte mich neu. Mir war nicht klar gewesen, dass sich die Welt ohne Kameralinse genauso speichern ließ. Offline, in meinem Kopf.

schwalbenbabys

Und in etwa so diletantisch könnt ihr euch das Schwalbenfoto vorstellen …


Anmerkung:

Und wer fühlte sich bei dem Text ertappt? Nicht sauer sein. Ich hab mich selbst auf die Schippe genommen. Bin ja auch ganz schön abhängig geworden von meinem Z3. 🙂

Das Zitat zu dieser Kurzgeschichte stammt aus einem Blogbeitrag „Fünf schnelle Wege, deine Fotos zu verbessern“. Es steht unter Tipp #1:

When we’re taking photos on the fly, it doesn’t really occur to us to ensure that we have a technically-pleasing composition. (freie Übersetzung: Wenn wir Fotos unterwegs machen, kommt es uns nicht wirklich in den Sinn, sicherzustellen, dass wir eine technisch hervorragende Komposition erhalten.)

Ihr merkt schon, dass ich nicht den genauen Wortlaut benutzt habe, sondern das Zitat eher inhaltlich aufgearbeitet habe. Wer sich für Fotografie interessiert, kann sich den Beitrag von Jen H. gerne anschauen. Ich als Hobbyfotografin fand ihn sehr interessant.

Bis dahin

+ Mika +

PS: Das Haus auf dem Foto habe ich bei einer Wanderung geschossen, ohne Spiegelreflexkamera, aber mit Nikon Coolpix. Zu Hause hab ich dann etwas mit Photoshop und Filtern nachgeholfen. Zu den Schwalbenbabys äußere ich mich nicht … und nein, es gibt KEIN Hundehaufenfoto … oder?

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