Gedanken-Mix

Schnappschuss?

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

GoldhausInsta

Es ist ein Fachwerkhaus mit zementgrauen Steinen und schokobraunen Holzbalken. An der Fassade wächst Moos und Pflanzen kämpfen sich wie Bergsteiger bis zur Dachspitze hinauf. Der Wind streichelt die Blätter. Das Orange der untergehenden Sonne lässt das Bild sanftmütig erscheinen. Es ist perfekt.

Ich lege den Finger auf das Kamerasymbol meines Touchscreens. Kurz zuckt das Bild, dann ertönt ein Klick. Ein Foto ist für die Ewigkeit gebannt. Ich fühle mich wie ein Starfotograf vom National Geographic. Klar, es ist kein Tier auf dem Bild und auch kein Mensch, der Wert des Fotos lässt sich trotzdem nicht leugnen. Ein verlassenes Haus inmitten von goldenen Ären bei Sonnenuntergang, wenn das kein Schnappschuss ist. Der Titel könnte lauten „Einsam im Gold“ oder doch besser „Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört“. Letzteres drückt Dramatik aus. Mit diesem Bild könnte ich einen Preis gewinnen. Dann zerplatzt mein Traum.

„Musst du immer Fotos machen? Kannst du nicht einfach mal dein Handy in der Tasche lassen? Die Fotos sind doch eh diletantisch. Wenn du ein vernünftiges Bild machen willst, dann brauchst du eine Spiegelreflexkamera und musst auf ganz viele Details achten. Zum Beispiel …“

Natürlich muss sie immer meckern. Eben wollte ich mein Meisterwerk und meine Freude daran noch mit ihr teilen, jetzt hat sie Pech. Von wegen Licht und Winkel und bla. Der Moment zählt. Das Gefühl zählt.

Ich öffne meinen Instagram Account, lege über das Bild einen sonnengoldenen Filter und tippe den Naturslogan in das Beschreibungsfeld. Ich poste den Beitrag und bekomme in Sekunden einige Likes, während sie weiter darüber lamentiert, dass die Internetwelt aus uns Selbstdarsteller macht, die im Großen und Ganzen zum Scheitern verurteilt sind. Ich lasse sie reden. Hier ein Like zu dem Foto, dort ein Like zu einem anderen Foto. Es macht Spaß, denn für jede gute Tat, bekomme ich etwas zurück. Wenn ich mit ihr das Foto teile, schenkt sie mir eine Moralpredigt. Und sind wir doch mal ganz ehrlich, meine dreihundert Follower zeigen glasklar, dass ich Talent habe. Denn Talent lernt man nicht, das besitzt man.

„Hey“, ich spüre einen Knuff in der Seite und sehe auf. „Hörst du mir zu?“

„Hab grad was Wichtiges geschrieben“, lüge ich. Sie rollt mit den Augen, sagt jedoch nichts mehr. Weil ich merke, dass die Situation zu eskalieren droht, stecke ich mein Handy weg. Kaum ist es in der Tasche, juckt es mich überall. Ich male mir aus, was alles passiert, während ich nicht auf das Display schaue. Die Welt könnte untergehen und ich erfahre als letzter davon. Ich kaue auf meiner Lippe herum.

Sie läuft zu dem Fachwerkhaus und schaut zum Dach hoch. Ihr klinisch weißes T-Shirt und die dunkelblaue Shorts passen so gar nicht zu dem Sonnenuntergang und noch weniger zu dem Haus. Kein gutes Motiv.

„Da ist ein Nest“, sagt sie und hat doch mein Interesse. Ich stelle mich neben sie und sehe nach oben. Sie hat Recht. Unter dem Dachstuhl ist ein Schwalbennest. Kleine Vogelköpfchen schauen durch eine schmale Öffnung ins Licht und schreien nach Futter. Dieses Mal hätte ich Tiere auf dem Bild. Das passiert nicht oft.

„Dass dir sowas immer auffällt“, sage ich beiläufig, hole mein Handy aus der Tasche, das inzwischen brennt wie Feuer und fotografiere die kleinen Vögel mit ihren aufgerissenen Mäulern. Es ist unscharf und viel zu dunkel. Aber ein guter Fotograf macht aus jedem Motiv ein überzeugendes Bild. Ich probiere es noch einmal und noch einmal. Nichts ändert sich. Auch dann nicht, als ich etwas näher heranzoome.

„Mist, ich krieg’s nicht ordentlich auf die Kamera.“ Sie sagt nichts, sieht mich einfach nur stumm an. Die Lippen zu einem Unterstrich geformt. Ich ignoriere es und will gerade das Handy zurück an seinen Platz stecken, als sie es mir aus der Hand reißt.

„So, es reicht jetzt echt. Wir sind dreißig Minuten unterwegs und du hast selbst die Hundekacke auf dem Weg fotografiert.“ Da hatte sie Recht. Aber nur, weil sie genau neben einem dieser Hier-Kein-Mist-Erwünscht-Schilder lag. Wer das nicht urkomisch findet, dem ist nicht mehr zu helfen.

Sie findet es nicht komisch.

„Es war lustig“, verteidige ich mich. „Jetzt sei nicht so ein Spießer.“ Das ist zu viel. Ich sehe die Wut in ihrem Gesicht explodieren wie eine Bombe auf Festland. Trotzdem sagt sie nichts. Starrt mich einfach nur an. Sekunden verstreichen, in denen ich zu lächeln versuche. Entwaffnend, damit sie ihre Dummheit einsieht. Natürlich sieht sie gar nichts ein. Sie hat ihren eigenen Kopf und rennt los.

„FANG MICH DU IDIOT!“, schreit sie und winkt mit mir mit dem Handy in der Hand zu. Also renne ich los.

„Gib mir mein Handy zurück. Das hat über sechshundert Euro gekostet.“ Doch der Appell an ihre Vernunft hilft nicht. Sie rennt einfach weiter und ich habe das Nachsehen, denn sie ist schneller als ich. Wie ein Hase auf der Flucht schlägt sie Haken, trickst mich aus und ich komme mir vor wie der lahme Wolf, der vergebens sein Fressen jagt. Schon nach kurzer Zeit bin ich völlig am Ende, während sie noch Puste für die nächsten zehn Kilometer hat.

Irgendwann hole ich sie ein. Sie steht an einem Bach. Die Hände in die Seite gestützt.

Ich erstarre zu Eis.

„Das hast du nicht gemacht?“

Sie dreht sich zu mir und ein verschmitztes Lächeln huscht ihr übers Gesicht. „Doch, hab ich.“ Ich glaube ihr, bin fassungslos, schockiert. Ich könnte heulen, sie anschreien, aber ich bleibe völlig ruhig, sehe sie grinsen und denke mir, dass es nicht so schlimm ist. Alle Daten sind eh online gespeichert. Irgendwo. Das Handy kaufe ich mir einfach neu. Nur für den Urlaub und das waren zehn Tage, wäre ich offline. Das ließ sich ertragen, oder?

Meine Sucht hatte ich unterschätzt. Wir stritten in den ersten Tagen nur, dann konzentrierte ich mich auf das Wesentliche. Sah mir die Umgebung an, entdeckte mich neu. Mir war nicht klar gewesen, dass sich die Welt ohne Kameralinse genauso speichern ließ. Offline, in meinem Kopf.

schwalbenbabys
Und in etwa so diletantisch könnt ihr euch das Schwalbenfoto vorstellen …

Anmerkung:

Und wer fühlte sich bei dem Text ertappt? Nicht sauer sein. Ich hab mich selbst auf die Schippe genommen. Bin ja auch ganz schön abhängig geworden von meinem Z3. 🙂

Das Zitat zu dieser Kurzgeschichte stammt aus einem Blogbeitrag „Fünf schnelle Wege, deine Fotos zu verbessern“. Es steht unter Tipp #1:

When we’re taking photos on the fly, it doesn’t really occur to us to ensure that we have a technically-pleasing composition. (freie Übersetzung: Wenn wir Fotos unterwegs machen, kommt es uns nicht wirklich in den Sinn, sicherzustellen, dass wir eine technisch hervorragende Komposition erhalten.)

Ihr merkt schon, dass ich nicht den genauen Wortlaut benutzt habe, sondern das Zitat eher inhaltlich aufgearbeitet habe. Wer sich für Fotografie interessiert, kann sich den Beitrag von Jen H. gerne anschauen. Ich als Hobbyfotografin fand ihn sehr interessant.

Bis dahin

+ Mika +

PS: Das Haus auf dem Foto habe ich bei einer Wanderung geschossen, ohne Spiegelreflexkamera, aber mit Nikon Coolpix. Zu Hause hab ich dann etwas mit Photoshop und Filtern nachgeholfen. Zu den Schwalbenbabys äußere ich mich nicht … und nein, es gibt KEIN Hundehaufenfoto … oder?

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten I

Es fällt schwer. Das Streichen von Textpassagen in den eigenen Geschichten. In einem Beitrag der Zeitschrift Textart von Andreas Gruber ging es um dieses Phänomen. Autoren, ich eingeschlossen, kämpfen um jedes Wort, das von der Tastatur über ein Kabel den Weg in ein Worddokument gefunden hat. Wieso ist das eigentlich so? Andreas Gruber hat eine simple Antwort:

„Die ersten mühsam getippten Passagen, die ersten vollendeten Kurzgeschichten sind wie Babys, die man geboren, wie Kinder, die man großgezogen hat. Verständlich, dass es schwerfällt, seine eigenen Wortkreationen zu vernichten.“

In meinem heutigen Post und einigen folgenden soll es um das unbeliebte Streichen von Textpassagen gehen. Ich zeige euch, wie, was und warum ich rigoros kürze. Und nein, da gibt es keine Kompromisse, was weg muss, muss weg. Schauen wir mal, ob ich euch davon überzeugen kann.


Kürzen für den Leser

Texte sind erst dann gut sind, wenn man nach dem Schreibprozess ordentlich kürzt. Das ist kein Geheimnis. Stephen King widmet einen Teil seines Buches „Das Leben und das Schreiben“ dem Kürzen von Texten. Dabei sagte ihm ein Mann mit dem er in einer lokalen Zeitung zusammenarbeitete: „Wenn du eine Geschichte schreibst, dann erzählst du sie dir selber. Wenn du sie überarbeitest, musst du hauptsächlich alles herausstreichen, was nicht zur Geschichte gehört.“ Und das ist der Kern des leidigen Kürzens.

Wenn wir mit dem Schreiben beginnen, wissen wir von unserer Geschichte oft nicht viel mehr als der Leser. Wir haben eine Idee, die sich gut anfühlt, und wollen irgendwie von A (Anfang) nach B (Ende) kommen. Dazu müssen wir uns die Welt vorstellen, die Menschen darin, einfach alles und wir beginnen wild drauflos zu schreiben und jedes Detail zu erklären. Das mache ich auch.

Kürzen ist notwendig, damit sich im Text auf das Wesentliche konzentriert werden kann, denn erst dadurch lasse ich dem Leser Raum für eigene Gedanken und Rückschlüsse. In Kriminalromanen wird das dadurch deutlich, dass der Leser oft eine Ahnung hat, wer der Täter ist, obwohl dies im Text nicht steht. Kurz: Texte schrumpfen für den Leser und nicht, weil Autoren so viel Spaß daran haben.


Was wird nun eigentlich gestrichen?

Eigentlich alles, aber so einfach mache ich es mir nicht. Um bei der Arbeit des Kürzens systematisch vorgehen zu können, stelle ich mir Ebenen vor. Meiner Erfahrung gibt es drei Ebenen innerhalb derer man streichen kann. Unter Ebene stelle ich mir dabei die Textabschnitt vor. Von der kleinsten Einheit, dem Satz, bis zur größten Einheit, dem gesamten Roman. An dieser Stelle möchte ich euch kurz vorstellen, was ich auf den einzelnen Ebenen streiche, im nächsten Post geht es dann mehr ins Detail.

I) Die Satzebene: Hier geht es im Besonderen um Kürzungen einzelner Wörter oder Satzteile.  Ein vernünftiger Satz ist kein Schachtelsatz, den man zehn Mal lesen muss, um ihn zu verstehen. Es gibt keine ellenlangen Attribute, sondern klare und bildhafte Aussagen. Manchmal muss auch eingedampft werden. Ein kleines Beispiel: „Er arbeitete wie viele halbtags in einem kleinen Büro und tippte dort Rechnungen“ ist sehr lang und kann auf ein kurzes „Er arbeitete in Teilzeit als Sekretär“ reduziert werden. Natürlich nur, wenn wir uns in einer Welt befinden, die das Konzept „Teilzeit“ kennt, bei Fantasy wird es unter Umständen schwerer.

II) Die Absatzebene:  Auch wenn es mühselig ist, sollte man selbst bei jedem Absatz und Satz überprüfen, ob dieser für den Gesamtkontext der Geschichte eine Notwendigkeit hat oder aber unnötig ist. Gibt es Absätze, die stetig nur beschreiben, aber kaum etwas an Inhalt vermitteln? Seitenlange Erklärungen von der Umgebung sind inzwischen nicht gern gesehen, da sie das Lesetempo abbremsen und wenig Freude bereiten. Gekürzt werden Wiederholungen, Aussagen, die Verwirrung stiften oder die Stimmung zerstören.

III) Der Gesamtkontext: Hier betrachtet man den gesamten Roman. Bringen die Figuren die Geschichte voran? Ist das Kapitel notwendig oder völlig überflüssig, weil es keine Information enthält, die dem Leser etwas Neues vermittelt? Das sind die grundlegenden Fragen, die man sich auf dieser Ebene stellen sollte. Diese Überlegungen stehen in engem Bezug zu dem Thema der „Struktur“.

Kurz, zentral ist immer die Frage danach, ob ein Satz, Absatz, Kapitel für den Roman tragend ist. Was das bedeutet möchte ich in einem Bild veranschaulichen. Wenn man sich die erste Rohfassung eines Romans als ein Gebäude vorstellt, dann hat dieses zu viele Wände. Das Haus gleicht einem Labyrinth, indem dringend Wände eingerissen werden müssen. Aber aufpassen: nur die freistehenden Wände können wirklich weg. Es ist eine kleinteilige Arbeit, die die Nerven raubt, aber sie hat durchaus ihren Sinn.


Im nächsten Post schaue ich mir näher an, wie ich mir das Kürzen auf der Satzebene vorstelle. Bleibt bis dahin wach und erholt. Man liest sich.

+Mika+

Beitragsbild: Mika M. Krüger

Gedanken-Mix

Ein biegsames Herz

… ein Zitat, ein Genre, 1.000 Wörter …

Biegsames Herz

Ich betrachte sein aschfahles Gesicht und weiß, es ist zu spät. Diese Tatsache tötet mich, reißt mich in Stücke. Es ist nicht fair, denke ich, aber die Welt in der wir leben kennt keine Gerechtigkeit. Nur schneidend saure Bitterkeit.

„Ich muss gehen“, sagt er. Ich stehe am Holztisch und muss mich abstützen, sonst stürze ich, falle tot um, wache nie mehr auf. Über mir beginnt die Welt, Kreise zu ziehen.

„Nein“, protestiere ich. Ein ängstlicher Schmerz, heiß wie Lava, fließt in meine Brust. Ich will ihn nicht verlieren. „Nein, du bleibst hier. Du kannst widersprechen und dich wehren. Das konntest du doch schon immer gut.“ Kurz sieht er auf, betrachtet mich und als sich unsere Blicke treffen, gibt sich unsere Verzweiflung die Hand.

„Ich kann nicht widersprechen. Es ist zu spät.“ Ich schlucke. Höre mein Blut rauschen.

„Okay, dann wirst du es überleben“, sage ich mutig. Als er nicht antwortet, setze ich mich und lege meine Hand über seine. Ich berühre spröde Arbeiterhaut. Sie fühlt sich kalt und ledrig an. Es ist nicht die Haut des Mannes, der mir sagt, dass wir trotz wenig Geld nach vorn schauen können. Es ist die Haut eines Mannes, der aufgegeben hat und sich in einen Panzer zurückzieht. Er schüttelt den Kopf und wir schweigen.

Dann bricht es aus mir heraus. „Das können sie nicht tun“, sage ich. „Sie können das nicht tun!“

„Wie du siehst, interessiert es sie nicht, was sie können und was nicht. Ich habe es immer gesagt, so läuft das Spiel. Wer unangenehm ist, der …“ Er verschluckt die letzten Worte, aber ich weiß, was er sagen will.

Ich beiße mir auf die Lippe. In meinem Kopf herrscht Chaos, das sich nicht sortieren lässt. Gedankenfetzen von einer Zukunft ohne ihn treten aus der Finsternis. Daran will ich nicht denken. Er kann es schaffen, er ist zäh und ein Kämpfer.

„Wann brauchen sie dich?“, frage ich.

„In vier Tagen.“

„Vier Tage?“ So schnell! Was für ein Irrsinn. Was für eine Verschwendung. Und dann wird mir klar, warum sie ihn so plötzlich loswerden wollen. Natürlich, es kann nur so sein.

„Hast du es fortgesetzt?“

Wieder treffen sich unsere Blicke, aber dieses Mal flüchtet sein Blick vor mir. Ertappt. Er entzieht seine Hände meiner Berührung und knetet sie unruhig. Das Weiß seiner Knöchel tritt hervor.

„Antworte mir, hast du es fortgesetzt?“

„Es tut mir leid“, flüstert er kaum hörbar.

„Und sie haben dich dabei erwischt“, stelle ich fest.

„Ja“, murmelte er. „Vorletzte Woche haben sie uns erwischt.“

„Jetzt bist du eine Bedrohung.“ Er nickt müde.

Das erklärt alles. Ich bin ernüchtert und enttäuscht. Er versprach mir, es sein zu lassen und hat sich nicht daran gehalten. Ich will wütend werden und ihn anschreien, aber so bin ich nicht. Mir ist immer klar gewesen, dass er sich abends mit seinen Freunden traf, um zu diskutieren. Über Politik, über Gesetze, über dies und das. In einer anderen Zeit wäre das harmlos gewesen.

Ja, ich habe ein biegsames Herz und eine dicke Haut. Aber ich wusste, dass der Mann vor mir eine scharfe Klinge in den Händen hielt, die er mitten in mein Herz stoßen würde, irgendwann. Noch ist es nicht so weit. Erst wenn er stirbt, dann wird mein Herz unheilbar Schaden nehmen.

Ich gehe zu ihm und streiche ihm über das Haar. Ich merke, dass er zittert.

„Du wirst es schaffen, hörst du? Es gibt einige, die zurückkommen.“ Seine Gedanken sind nicht bei der Sache.

„Hm“, murmelt er. Meine Hände berühren seine Wangen. Ich drehe sein Gesicht zu mir und sehe eine Träne in den stahlharten Augen. Ich will ihn küssen, ihn lieben, aber ich kann nicht. Stattdessen nehme ich ihn in den Arm.

„Kopf hoch“, sage ich und lege meinen Kopf auf seine Schulter.

***

Landschaft

Sie gewähren uns den Abschied. Wenigstens etwas. Die Uniform steht ihm nicht. Das dunkle Grün lässt in kränklich wirken. Wir klammern uns aneinander als könnten wir damit den Sturz in die Tiefe abwenden.

„Bald sehen wir uns wieder“, sage ich und ihm huscht ein zaghaftes Lächeln über die Lippen. Ein letztes Mal küsst er mich. Ich spüre die Wärme auf seinen Lippen, das Kribbeln in meinem Körper und eine heiße Sehnsucht.

„Ich werde immer an dich denken und es tut mir leid“, sagt er zum Abschied als die Ansage ertönt. Dann geht er, dreht sich nicht um und verschwindet hinter einer getönten Glaswand. Ab jetzt liegt sein Leben in den Händen von anderen.

Ich bleibe zurück und kämpfe mit den Tränen. Nicht weinen, denke ich, das ändert nichts. Lange stehe ich da und starre auf die Glaswand. Nun ist mein Herz doch zersprungen. In zwei Teile. Ein Teil ist hier bei mir und einer ist bei ihm.

Ich löse mich von dem Ort und gehe zur Plattform. Dort beobachte ich, wie ein Flugzeug nach dem anderen startete. Ich stelle mir vor, wie er dort drinnen sitzt, in Gedanken versunken. Er rast der Ungewissheit entgegen.

Kalte Wut treibt ihre Klauen in mich hinein. Ich will ihm die Schuld geben, aber so einfach ist es nicht. Schuld liegt im Auge des Betrachters und er wäre nie freiwillig gegangen.

Auf einmal begreife ich alles. Warum er gekämpft hat und nicht aufhören konnte. Es ist nicht fair und ich werde es nicht akzeptieren. Ich werde seinen Plan weiterführen und einen sinnlosen Krieg beenden, der zu viele Opfer fordert. Euphorie treibt mir eine Gänsehaut über die Arme. Ich werde ihn nicht vergessen, sondern wie er kämpfen und vielleicht sehen wir uns wieder. Vielleicht kann mein geteiltes Herz heilen.

Diese Kurzgeschichte ist Teil meines Blogprojekts. Mehr dazu könnt ihr in meinem Post vom 18. August 2015 lesen. Kurz zusammengefasst schreibe ich in kurzer Zeit und bestimmten Vorgaben Kurzgeschichten. Das vorgegebene Genre in dieser Woche war Romantik und das Zitat ist aus dem Lied Elastic Heart von Sia:

„Well, I’ve got thick skin and an elastic heart, but your blade it might be too sharp.“

Ich hoffe, es hat euch gefallen. Bis zum nächsten Mal.

+ Mika +

Gedanken-Mix

Ein Zitat, ein Genre und 1.000 Wörter

Fehmarn


Für diese Woche habe ich mir einiges vorgenommen. Ich werde unter bestimmten Vorgaben eine 1.000 Wortgeschichte verfassen und diese hier auf dem Blog veröffentlichen. Da ich gewöhnlich nicht mit Vorgaben arbeite, ist das eine ziemliche Herausforderung. Ihr entscheidet, ob ich etwas Vernünftiges zustande bringe.

Bevor es jedoch losgeht, möchte ich euch vorstellen, welche Vorgaben ich beim Schreiben habe. Denn in den nächsten Wochen werde ich diese Kurzgeschichten des Öfteren hier im Blog veröffentlichen.


Anlass zum Projekt

In wenigen Worten eine Geschichte zu erzählen kann Autoren an den Rand des Wahnsinns treiben. Weshalb? Weil man sich als Autor gern in ausschweifenden Erklärungen verliert und nur ungern Worte, Sätze, Absätze streicht. Mir geht es da nicht anders. Jedes gestrichene Wort lässt mein Herz bluten. Aber: Um eine gute Geschichte zu bekommen, muss gestrichen werden. Darüber sind sich alle einig. Szenen, die keine Bedeutung für den Gesamtkontext eines Buches haben, müssen gnadenlos ausradiert werden, damit der Leser sich besser auf den Inhalt konzentrieren kann. Aus diesem Grund habe ich entschieden, mich an Kürzestgeschichten zu versuchen und euch die Ergebnisse vorzustellen. Damit es nicht langweilig wird, gibt es dazu einige Regeln, die ich nicht brechen darf.


Regel 1: Drei Stunden, eine Kurzgeschichte

Die Uhr tickt, wenn ich die Kurzgeschichten schreibe.
Die Uhr tickt, wenn ich die Kurzgeschichten schreibe.

Ich werde die Kurzgeschichten in drei Stunden schreiben. Sie sind in sich geschlossen, enthalten einen Konflikt und widmen sich einem bestimmten Genre. Wieso die Frist? Ich neige dazu, in einen maßlosen Überarbeitungswahn zu verfallen, weshalb ich manchmal Tage brauche, um eine Seite vollständig fertig zu schreiben. Jeder Satz wird zehn Mal umgestellt und überprüft. Das will ich durch die Frist umgehen. Ihr sollt meine Geschichten unverfälscht lesen können.

Darauf gebracht hat mich das Konzept von South Park. Ich höre euch schon lachen, aber es ist kein Scherz. Jede Folge von South Park wird innerhalb von sechs Tagen erstellt. Das Gute dabei, man bleibt authentisch. Also, ich habe drei Stunden, um eine Kurzgeschichte zu schreiben und zu überarbeiten. Mein Vorteil: Ich kann bis zu 300 Zeichen in der Minute tippen. 😛


Regel 2: Genre und Thema werden per Zufall entschieden

Genreauswahl1
Es gibt acht Genre und acht Zitate. Per Zufall ziehe ich ein Kärtchen und muss dazu eine Kurzgeschichte schreiben.

Ich ziehe aus einem Lostopf ein Genre und ein Zitat. Beides dient mir als thematische Vorgabe für die Kurzgeschichte. Das Genre muss bedient werden und das Zitat muss sich im Text widerspiegeln. Ihr müsst also nicht immer das Gleiche lesen und ich muss mich auch mal aus meinem gewohnten Schema herausbewegen. Welche Genre ich verwende, seht ihr auf dem Foto links.

Was für Zitate verwende ich? Eigentlich alles, was mir so ins Auge springt. All möglichen literarischen Ergüsse aus der Medienlandschaft kommen in Frage. Im Topf sind derzeit Zitate aus Liedern, Aussprüche von Youtubern, kurze Ausschnitte aus der Zeitung und aus Blogs sowie Zitate aus Büchern. Selbst Kommentare von Usern aus Facebook oder Youtube werden verwendet. Wöchentlich stehen acht Zitate zur Auswahl, aber nur eins wird verwendet.

Diese Woche ist die Wahl bereits gefallen. Los geht’s mit dem Genre „Romantik“. und einem Zitat von … (dazu erst, wenn die Kurzgeschichte erschienen ist). Der Countdown läuft 1-2-3-Los!

Bis dahin

+ Mika +

Gedanken-Mix

Rezension: Haus der Jugend

… von Florian Tietgen …

Ein Buch über Entscheidungen, Freiheit und gesellschaftliche Zwänge

RezensionMartina Bauer_Rahmen


Inhalt

Siegfried lebt im München der Nachkriegszeit, hat eine Praktikumsstelle in einem Theater und will in Zukunft von seiner Kunst leben, doch er hat auch einen „Makel“ an sich, denn Siegfried ist schwul. So gut er kann, geht er mit seiner Liebe für Männer offen um, aber das gesellschaftliche Umfeld nimmt ihm immer mehr die Freiheit. Wie eine Katze auf der Hut bewegt er sich zwischen seinen Mitmenschen. Dann taucht plötzlich der schöne Darius auf und Siegfrieds Welt beginnt zu strahlen. Als Darius dann verschwindet, fällt Siegfried, vorverurteilt und gefeuert in ein tiefes Loch, aus dem er sich nur retten kann, indem er zu zeichnen beginnt. Fünfzig Jahre später trifft er unverhofft erneut auf Darius, der genauso jung geblieben ist wie einst. Nur wieso? Und warum ist er eigentlich gegangen?


Schreibstil

Florian Tietgen entführt mich mit seiner prägnanten Erzählweise in eine rücksichtslose und kalte Welt. Da ist heimlicher Sex mit Männern, Verrat und die ständige Angst Siegfrieds doch ein Sünder zu sein. Ohne überzudramatisieren oder oberflächlich zu beschreiben, schafft es Florian Tietgen, dass ich Siegfrieds Leid verstehe und nachempfinden kann. An einigen Stellen musste ich das Buch weglegen und den Kopf schütteln, so realistisch war die Engstirnigkeit mancher Figuren dargestellt.


Figuren

Siegfried und auch Darius sind tiefgründige Menschen mit ganz gewöhnlichen Problemen. Sie kommen mir lebendig und realistisch vor. Vor allem von Darius habe ich ein eindrückliches Bild, denn er ist Siegfrieds große Liebe und das spüre ich in jedem Satz. Ich kann zwar nicht ganz begreifen, wie man in kurzer Zeit eine so tiefe Zuneigung entwickeln kann wie die Beiden es tun, aber dafür bin ich wohl einfach zu unromantisch.


Insgesamt

Kein Zweifel, Florian Tietgens Roman hat gesellschaftlichen Tiefgang. Es ist mein erster Roman mit dem Schwerpunkt Homosexualität und ich hätte nicht besser in ein so empfindliches Thema einsteigen können. Das Werk ist ehrlich, manchmal schockierend und in seiner Gesamtheit optimistisch. Empfehlen möchte ich es jedem, der sich einen Mix aus anspruchsvoller Literatur und guter Unterhaltung wünscht.

Und außerdem: Florian Tietgens Roman wurde mit dem „Q“ ausgezeichnet. Wenn ihr nicht wisst, was das ist, dann werft einen Blick auf meine Seite zum Thema Qindie.

+ Mika +

Fragt ihr euch, was der Rabe neben dem Buch zu suchen hat?

Ich vergebe auf meinem Blog keine Sterne, da ich überzeugt bin, dass meine Rezensionen auch ohne diese Bewertung deutlich machen, wie gut mir das Werk gefallen hat. (eine Diskussion dazu findet ihr HIER!) Deshalb habe ich mich entschieden, nur Empfehlungen auszusprechen. Alle Bücher mit Rabe werden direkt von mir weiterempfohlen, weil sie nicht nur strukturell, stilistisch und von der Rechtschreibung überzeugt haben, sondern weil sie mir schlichtweg gefallen und meinen persönlichen Geschmack getroffen haben.