2: Gedanken-Mix

Freigeist – Zweifel in der literarischen Arbeit

Wer in einem kreativen Beruf arbeitet, kennt sie sehr gut, die Zweifel am eigenen Schaffen. Allein die Vielzahl an persönlichen Blogbeiträgen von Autor*innen zeigt, wie omnipräsent das Thema ist. Auch ich komme in meiner täglichen Arbeit immer wieder an den Punkt, an dem ich mich selbst und meine Tätigkeit in Frage stelle. Daher wird es Zeit, mich einmal näher mit dem Zweifeln zu beschäftigen, was ist es genau und weshalb trifft es Kreative besonders stark?


 

Der arme Poet

Kennt ihr das Bild vom armen Poeten? Es ist ein Ölgemälde des Malers Carl Spitzweg, das einen Schriftsteller in seiner Dachgeschosswohnung zeigt. Ein Regenschirm ist aufgespannt, um Wasser abzuhalten, das durch das Dach tropft. Eine einsame Wäscheleine mit löchrigem Trockentuch hängt mitten im Raum, das Bett ist eine Matratze, der Ofen stößt an die Füße und überall liegen Bücher und Zeitungen herum. Das abschreckende Bild eines armen Mannes – könnte man meinen – und brand aktuell, bedenkt man wie wenig Autor*innen*  mit dem Verkauf ihrer Bücher verdienen*. Oder hart ausgedrückt, wie wenig diese Form der Arbeit in unserer Gesellschaft wertgeschätzt wird. Wie oft sie sogar belächelt wird, solange man keinen nennenswerten Erfolg damit hat. Ich möchte die Vermutung aufstellen, dass die Sicht auf das Gemälde von Spitzweg stellvertretend für den Ursprung des Zweifelns an der kreativen Arbeit von Autor*innen steht. Zuerst jedoch eine Definition.

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„Der arme Poet“, Carl Spitzweg 1839

Definition

Zweifeln. Im Wortsinn bezieht sich Zweifeln auf eine Unsicherheit in uns, die sich um Entscheidungen, Taten, Vertrauen oder auch Fähigkeiten beziehen kann. Ist das, was ich tue sinnvoll, ist es überhaupt richtig? Ich möchte behaupten, gerade dann, wenn uns etwas besonders wichtig ist, zweifeln wir am meisten. Während das reine Zweifeln nur eine vorübergehende Unsicherheit darstellt, ist das Verzweifeln ein kaum zu ertragender Zustand. Die Zweifel werden so groß, dass kein Ausweg  mehr möglich ist.

Freigeist. Das Wort entstand im 18. Jahrhundert und wurde negativ konnotiert benutzt, um Personen zu bezeichnen, die sich abseits von religiösen Glaubensvorstellungen bewegten. Heute hat er eine positive Bedeutung, die eng mit dem Gedanken verbunden ist, sich eigenständig Werte und Moralvorstellungen, unabhängig von festen Vorstellungen, aneignen zu können. Es handelt sich also um eine Personengruppe, die sich nicht in die gegebene Gesellschaft einfügt, sondern vielmehr außen Vor sind.

„Der neuzeitlich im Positiven benutzte Begriff Freigeist beinhaltet die Intention, sich eigenständig über persönliche sowie gesellschaftspolitisch liberale Werte zu identifizieren und auszudrücken. “ (wertsysteme.de)


 

Nicht die Butter vom Brot nehmen lassen

Es ist kein Geheimnis, dass wir uns in einer Gesellschaft befinden, die auf Produktivität und Gewinn ausgerichtet ist. Erfolg wird daran gemessen, wie viel finanzielles Kapital wir besitzen, ob wir ein großes Haus haben, ein Auto oder anderes, das zeigt, was wir haben. Das sind Standards, die sich im Rahmen der Industrialisierung und der boomenden Nachkriegszeit immer mehr verfestigt haben. Sie haben ältere, glaubensgeprägte Normen abgelöst. Zahlen drücken in unserer Zeit aus, wie unsere Fähigkeiten zu bewerten sind. Ob das unser Einkommen ist, die Anzahl von Freunden auf Social Media Plattformen oder Noten in der Schule. Immer müssen sichtbare Beweise erbracht werden, damit wir Anerkennung bekommen. Das heißt, wer als Autorin wenig verdient oder zum Beispiel seine Tätigkeit durch einen Brotjob finanziert, sich also vom Schreiben keine nachweislichen Güter kaufen kann, hat keinen Erfolg. In dem Sinne ist eine der beliebtesten Fragen an Autor*innen „Wie viel verdienst du denn mit den Büchern?“ Wer darauf keine Antwort hat, herumdruckst oder z. B. antwortet: „Fast nichts, denn das Verlagsgeschäft ist hart“ wird in seiner Tätigkeit häufig nicht ernst genommen. Die Zweifel sind vorprogammiert. Hobby vs. Beruf sind hier die Schlagworte, dabei gibt es durchaus andere, wichtige Parameter für den Wert von kreativer Arbeit. Die Tiefe der Gedanken, die literarische Qualität oder die Kunst Worte neu zu erfinden. Doch davon ist eher selten die Rede. Manch eine Autor*in bringt jährlich drei Bücher heraus, um einen nennenswerten Verdienst zu generieren – Moderne Fließbandarbeit.

Kommen wir zurück zu den Zweifeln. Nach der oben stehenden Definition sind sie negativ zu bewerten, denn sie bilden ein Kontra zum selbstbewusst auftretenden Menschen. Wer zweifelt, sprich unsicher ist, zeigt Schwäche, und Schwäche ist schlecht. Schwach sein heißt, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen und am Ende mit Nichts dazustehen. Wer so dumm ist, das zuzulassen, hat, zugespitzt, selbst Pech. Dieses Modell des „der Stärkere siegt“, ist für Kreative sehr ermüdend.

Produktion ohne sichtbaren Erfolg

Der arme Poet, der höchstens mal ein Buch pro Jahr produziert, wenig besitzt und noch weniger Geld hat, ist nach unseren Standards also ein Verlierer. Kaum jemand wird sich sein Los wünschen. Kein Wunder also, dass Fragen à la „Wie habe ich Erfolg?“, „Was ist Erfolg?“, „Muss ich einen Bestseller schreiben, um Autor*in zu sein?“ einen zum Verzweifeln bringen können. Aus diesem Grund wachsen Ratgeber aus dem Boden, die mit Tipps dazu nur so um sich werfen. Da wird zum Beispiel gesagt, wie oft Autor*innen auf Social Media Kanälen Beitrage teilen sollen, damit sie mehr Reichweite bekommen, also sichtbare Beweise ihres Erfolgs liefern können. Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass es die magische Zahl von drei Beiträgen pro Tag zu einer festen Uhrzeit als Tipp gab (morgens, mittags, abends). Angenommen ich bin auf Facebook, Instagram, Twitter und meiner eigenen Webseite aktiv. Wenn ich also davon ausgehe, ich müsste auf allen vier Plattformen** täglich drei Beiträge veröffentlichen, komme ich auf die Zahl von zwölf. Zwölf Postings pro Tag, die je nach Plattform in Umfang und Gehalt differieren und bitte auch noch jeweils anders sein müssen. Für ein Posting brauche ich mindestens zehn bis zwanzig Minuten. Rechne ich das mal zwölf ergibt sich eine Summe, die nicht zu schaffen ist. Bei einem Vortrag zum Thema vor etwa drei Jahren fragte ich einen der Vortragenden, was genau ich denn als Autorin zum Beispiel für Inhalte teilen soll, damit sie interessant sind. Seltsamerweise gab es darauf keine Antwort. Hauptsache irgendwas. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Auf Knopfdruck produzieren, als ob ich am Band stehe und ein Auto zusammenschraube, nur das keiner weiß, ob es ein Auto wird oder doch ein Stuhl …? Sich an diese Tipps zu halten mindert die Unsicherheiten meiner Erfahrung nach überhaupt nicht. Im Gegenteil es verstärkt sie nur. Ein echter Teufelskreis, der dazu führt, dass produziert, produziert und produziert wird, ohne dass es sichtbare Erfolge gibt. Frustrierend und unnötig.

Der Freigeist

Das klingt bis dato ja alles irgendwie weniger schön. Als ob ich als Kreative nicht so richtig zu unserer Gesellschaft passe. Und ja, das ist so. Ich würde behaupten, dass Kreative nicht die Pflicht haben, ihren Erfolg in Zahlen auszudrücken. Denn schaue ich mir die Rolle von Autor*innen anhand der Definition des Freigeistes genauer an, wird doch offensichtlich, dass es darum geht, eigenständige Werte zu schaffen, mit denen ich mich persönlich identifiziere. Einen freien Geist haben. Das ist unsere Stärke, wir entsprechen eben nicht dem Standard und werden deshalb argwöhnisch beäugt. Das ist jetzt so, das war schon früher so und das wird wohl immer so bleiben. Das bedeutet nicht, dass wir weniger erfolgreich sind, wird arbeiten nur anders. Zweifel gehören  aus den oben genannten Gründen eben einfach dazu, sie müssen nicht zwingend negativ sein, da sie oft zu neuen Erkenntnissen führen, die (ich werfe das jetzt provokativ in den Raum) Menschen mit einer allzu starren Vorstellung von der Welt nie haben werden. Lange Rede kurzer Sinn: Das Zweifeln gehört zur literarischen Arbeit dazu und macht sie sogar aus. 

+Mika+

___________

*Hierzu empfehle ich die Artikel zur Insolvenzmeldung von KNV oder aber den Aufschrei bezüglich der Nichtzahlung von Tantiemen in einem Kleinverlag.
**Der Tipp galt für Facebook, jede Social Media Plattform muss anders gepflegt werden, ich habe hier vereinfacht.

 

Quellen

https://karrierebibel.de/zweifel-skepsis/ (Für und Wider des Zweifelns im Beruf)

https://www.researchgate.net/publication/281754676_Zweifeln_als_Chance_Zweifeln_als_Problem_Sprachliche_Zweifelsfalle_im_Deutschunterricht (Definition)

https://freigeistmanifest.wordpress.com/

Header-Foto

Davide Simonelli von Flickr.com

 

2: Gedanken-Mix, 3: Schreibarbeit

Dystopie: Gesellschaftskritik und Ich-Erzähler

Ein Testleser schrieb an den Rand meines Manuskriptes folgende Frage: „Ist es genretypisch, wenn deine Geschichte aus der Sicht von mehreren Personen geschrieben ist?“ Eine Frage, die mich ins Grübeln brachte. Ganz automatisch ging ich alle dystopischen Romane durch, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und fragte mich, wie viele Blickwinkel verschiedener Personen dort zu finden sind. Das Ergebnis: die meisten zeigen nur einen. Deshalb habe ich mir dazu Gedanken gemacht, wieso dem so ist und diese hier für euch festgehalten.


Was ist eine Dystopie?

Fangen wir erst einmal klein an und wagen uns an eine Definition des Genres Dystopie. Wie bei jedem Genre, ob in der Literatur, der Kunst oder dem Film sind die Begriffsgrenzen nicht scharf und gerade, sondern eher ausgefranst und krumm. Wer ein Genre so halbwegs begreifen möchte, müsste eine Doktorarbeit schreiben und Buch um Buch um Buch durcharbeiten. Das ist für einen Blogbeitrag natürlich nicht möglich, daher beschränke ich mich auf die wesentlichen Fakten und würde mich freuen, wenn im Anschluss eine Diskussion entsteht.

Die Dystopie ist eine Unterkategorie von Science-Fiction. Es geht in Geschichten dieses Genres um Zukunftsvisionen, die ein negatives Gesellschaftssystem zeigen. Kurz, unsere Gegenwart entwickelt sich zu etwas Schlechtem. Meist erwachsen diese Systeme aus einer utopischen und gut gemeinten Grundidee. Zum Beispiel: „Alle sollten gleich sein“, „Weniger Krieg durch das Ausschalten von Gedanken“, „Weniger Kriminalität durch Kontrolle“. Als Autor stellt man sich die Frage, was ist, wenn sich die Dinge in der heutigen Gesellschaft so entwickeln, dass daraus morgen Y entsteht. Künstliche Intelligenz, das Aufkommen des Internets oder aber auch die Ausbeutung der Natur können Themen sein, die diese Gedankenspiele hervorbringen. Es entsteht also eine Welt, die auf unseren technologischen Errungenschaften und Gesellschaftsstrukturen basiert und diese Welt fungiert als Warnung. So könnte es aussehen, wenn wir nicht aufpassen. Die Kritik am heutigen System ist damit ein wichtiger Aspekt der Dystopie. Im Gegensatz zu Science-Fiction geht es zudem nicht vorrangig um die Wissenschaft, sondern um das soziale Zusammenleben und den Umgang mit den Gesetzen in dem System. Deshalb sind Dystopien meist düster und zeigen eine Welt, die schockiert und manchmal abgestumpft ist.

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Dieses Foto könnte glatt aus einem dystopischen Film stammen. Tatsächlich zeigt es einen Teil von Shibuya in Japan. Japanische oder ostasiatische Städte stehen oft Modell für Dystopien.

Exkurs: Der Ich-Erzähler und das Jugendbuch

Schaut man sich die Veröffentlichungen im Bereich Dystopie der letzten Jahre an, fällt besonders auf, dass es einen Boom im Bereich Jugendbuch gibt und zudem häufig aus der Perspektive eines Ich-Erzählers* berichtet wird. Die Protagonisten sind oft im Alter zwischen 15-20 Jahre und starten über kurz oder lang eine Revolution gegen das System. Durch das sehr persönliche „Ich“ wird die Distanz zu dem Erzählten aufgehoben und es entsteht eine unmittelbare und oft emotional tiefe Erfahrung. Gefühle werden dadurch direkt gezeigt. Diese Perspektive zu schreiben ist jedoch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Einige Autoren beschreiben, dass es ihnen besonders leicht fällt, im Ich-Erzähler zu schreiben (geht mir tatsächlich genauso). Das liegt meiner Ansicht nach in der Natur der Sache. Da wir im realen Leben auch in einem Ich denken, können wir diese Perspektive recht schnell einnehmen und die erzählten Empfindungen leichter erleben. „Ich schreibe einen Einkaufszettel.“, „Ich lese einen Blogeintrag.“, „Ich habe mich gestritten.“ Die Erfahrungen sind unmittelbarer und nicht so beobachtend wie im Er/Sie-Erzähler. Es ist demnach nicht verwunderlich, warum sich der Ich-Erzähler bei Autoren (und Lesern natürlich!) großer Beliebtheit erfreut. Vielen geht er ganz leicht von der Hand. Doch nur, weil es relativ schnell geht, die Worte zu Papier zu bringen, heißt das nicht, dass diese am Ende auch passend sind. Häufig vermischt sich nämlich unterbewusst die Autorenidentität mit der Erzähleridentität. Das ist jetzt nicht verboten und auch niemals vollständig zu verhindern, aber es kann dazu führen, dass die Persönlichkeit des Erzählers blass oder chaotisch wird.* Es ist schwer, als Autor genügend Distanz zum Ich-Erzähler zu bekommen, um diesen authentisch und logisch stringent zu schreiben. So natürlich auch in einem dystopischen Roman.
Im Jugendroman ist der Ich-Erzähler weit verbreitet. Das liegt, platt gesagt, einfach daran, dass junge Menschen sich mit einem Ich besser identifizieren können als mit einem übergeordneten Er/Sie. Ihre Welt dreht sich häufig um ihre Probleme, ihre Sorgen und ihre Ängste und deshalb lesen sie diese Texte lieber. Allerdings hat diese Perspektive eine ganz besondere Tücke. Ist einem der Erzähler unsympathisch, hat das Buch von vornherein verloren:

„Das kann ganz angenehm sein – vorausgesetzt, dass es sich beim Ich-Erzähler um einen sympathischen Zeitgenossen handelt. Aber man sollte nicht blind darauf vertrauen, denn auch düstere Ekelpakete haben mitunter die eine oder andere spannende Geschichte zu erzählen […]“ (Bücher Wiki)


Wieso ist der Ich-Erzähler für eine Dystopie so attraktiv?

Was ich oben geschrieben habe, wird für die meisten von euch keine Neuigkeit sein, aber ich hoffe, euch anschließend ein paar neue Denkanstöße geben zu können.

Welche Vorteile hat der Ich-Erzähler in einer Dystopie? Zum einen erklärt sich die ungewöhnliche Welt durch die Gedanken der Protagonistin von selbst, zum anderen bleibt offen, was die Umgebung plant. Welche Hürden auf dem Weg bis zum Ziel warten, bleibt dadurch offen und Handlungsverläufe können sich plötzlich, ohne ersichtlichen Grund ,ändern. Als Leser ist man dann genauso wenig informiert wie die Hauptperson und wird unerwartet von einer kritischen Situation in die andere hineingerissen. Noch dazu, ohne zu wissen, was genau diese Situation für Auswirkungen hat. Augenblicklich ist man involviert und fühlt mit den Protagonisten verbunden. Das erzeugt Spannung und macht neugierig auf mehr. Wir leiden mit, nehmen ungewöhnliche Fakten als gegeben hin und können uns recht schnell emotional auf die Illusion einlassen, die da erschaffen wird.

Aber gerade für die Dystopie finde ich diese Perspektive nicht immer ideal. Wieso? Was einerseits ein Vorteil sein kann, birgt auch Schwierigkeiten. Wer eine Geschichte nur aus einer Sicht erzählt, kann die Gedanken anderer Personen nicht einfließen lassen. Das ist keine neue Erkenntnis, ich weiß, aber sie ist im Bereich Dystopie nicht zu vernachlässigen. Eine Dystopie ist meist gesellschaftskritisch und eine Gesellschaft begreift man erst, wenn man die Sichtweise mehrerer Personen darin betrachtet. Ich denke, die Soziologen würden mir zustimmen, sie betrachten ja auch immer Gruppen und nicht Einzelpersonen. Aber gut, es geht jetzt natürlich nicht um eine wissenschaftliche Studie.

Wenn der Protagonist aus einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht stammt, erfahren wir die Gedanken dieser einen Person in dieser einen Schicht. Über andere Schichten oder Menschen erfahren wir nur etwas, wenn es durch Dialoge oder ähnliche Informationsquellen aufgedeckt wird. Zum Beispiel in Form von Propaganda. Der Ich-Erzähler berichtet sehr einseitig und konzentriert sich nur auf bestimmte Sachverhalte, die für ihn als Wahrheit gelten. Dadurch entsteht ein schwarz-weiß Muster. Andere Figuren in der Geschichte werden verteufelt oder in den Himmel gelobt. Je nachdem, ob die Hauptfigur mit diesen Menschen zurechtkommt oder nicht. Es fehlt eine objektive Meinung.

Hinzu kommt, dass es ungewöhnlich sein kann, wenn der Ich-Erzähler uns im Detail die Gesellschaft erklärt, in der er lebt. Genauso wie wir nicht hinterfragen, warum wir eher Brot essen als Reis, wird die Hauptfigur nicht hinterfragen, warum sie bestimmte Dinge tut oder lässt. Derlei Informationen werden oft nur eingebaut, um den Leser von der fremden Welt zu überzeugen, sind aber eigentlich nicht notwendig. Eine Erklärung muss der inneren Logik des Erzählers folgen, ansonsten wirkt sie einfach nicht authentisch.
Bei Tribute von Panem funktioniert die Ich-Perspektive deshalb so gut, weil Katniss in eine völlig neue und ungewohnte Situation stolpert, die sie sich selbst erklärt. Im Zentrum steht ihre Entwicklung, jedoch nicht die detaillierte Beschreibung der Gesellschaft an sich. Die Motive der Rebellen oder auch der Menschen im Kapitol bleiben deshalb bis zum Schluss schwammig. Ein Er/Sie-Erzähler ist im Gegensatz dazu häufig weniger wertend und kann mehr Facetten aufzeigen als der Ich-Erzähler.


Eine Zusammenfassung

Komme ich nun auf meine Ausgangsfrage zurück. Ist es genreuntypisch, mehrere Sichtweisen von Figuren in einer Dystopie darzustellen? Generell nein, aber es gibt derzeit eine Tendenz zum Ich-Erzähler und zum Jugendbuch. Diese beiden bedingen sich gegenseitig und geben dem gesellschaftskritischen Genre emotionale Nähe. Wer jedoch eine Dystopie schreiben möchte, die sich auf die Gesellschaft und die Kritik an ihr konzentriert, erzeugt mehr Tiefe, in dem er verschiedene Sichtweisen aufzeigt. Wie im realen Leben erkennt man die Schwierigkeit einer Sache erst, wenn man die Summe vieler Gedanken zusammenfügt. Und meist gibt es dabei kein einfaches Schwarz und Weiß.


Mich würde nun interessieren, wie ihr darüber denkt. Gibt es die Eine Erzählperspektive in der Dystopie oder ist es eigentlich immer eine Frage des: Was will ich und wie setze ich es um? Ich freue mich über eure Kommentare.


*Ich meine an dieser Stelle nicht den auktorialen Ich-Erzähler, der bspw. die Geschichte einer anderen Person nacherzählt.

Quellen und weiterführende Links

BücherWiki

Wortwuchs

Beitragsbild: Jullo A Gonzalez

Foto: Hiro Tjp

7: Leserstimmen

Rezension: Haus der Jugend

… von Florian Tietgen …

Ein Buch über Entscheidungen, Freiheit und gesellschaftliche Zwänge

RezensionMartina Bauer_Rahmen


Inhalt

Siegfried lebt im München der Nachkriegszeit, hat eine Praktikumsstelle in einem Theater und will in Zukunft von seiner Kunst leben, doch er hat auch einen „Makel“ an sich, denn Siegfried ist schwul. So gut er kann, geht er mit seiner Liebe für Männer offen um, aber das gesellschaftliche Umfeld nimmt ihm immer mehr die Freiheit. Wie eine Katze auf der Hut bewegt er sich zwischen seinen Mitmenschen. Dann taucht plötzlich der schöne Darius auf und Siegfrieds Welt beginnt zu strahlen. Als Darius dann verschwindet, fällt Siegfried, vorverurteilt und gefeuert in ein tiefes Loch, aus dem er sich nur retten kann, indem er zu zeichnen beginnt. Fünfzig Jahre später trifft er unverhofft erneut auf Darius, der genauso jung geblieben ist wie einst. Nur wieso? Und warum ist er eigentlich gegangen?


Schreibstil

Florian Tietgen entführt mich mit seiner prägnanten Erzählweise in eine rücksichtslose und kalte Welt. Da ist heimlicher Sex mit Männern, Verrat und die ständige Angst Siegfrieds doch ein Sünder zu sein. Ohne überzudramatisieren oder oberflächlich zu beschreiben, schafft es Florian Tietgen, dass ich Siegfrieds Leid verstehe und nachempfinden kann. An einigen Stellen musste ich das Buch weglegen und den Kopf schütteln, so realistisch war die Engstirnigkeit mancher Figuren dargestellt.


Figuren

Siegfried und auch Darius sind tiefgründige Menschen mit ganz gewöhnlichen Problemen. Sie kommen mir lebendig und realistisch vor. Vor allem von Darius habe ich ein eindrückliches Bild, denn er ist Siegfrieds große Liebe und das spüre ich in jedem Satz. Ich kann zwar nicht ganz begreifen, wie man in kurzer Zeit eine so tiefe Zuneigung entwickeln kann wie die Beiden es tun, aber dafür bin ich wohl einfach zu unromantisch.


Insgesamt

Kein Zweifel, Florian Tietgens Roman hat gesellschaftlichen Tiefgang. Es ist mein erster Roman mit dem Schwerpunkt Homosexualität und ich hätte nicht besser in ein so empfindliches Thema einsteigen können. Das Werk ist ehrlich, manchmal schockierend und in seiner Gesamtheit optimistisch. Empfehlen möchte ich es jedem, der sich einen Mix aus anspruchsvoller Literatur und guter Unterhaltung wünscht.

Und außerdem: Florian Tietgens Roman wurde mit dem „Q“ ausgezeichnet. Wenn ihr nicht wisst, was das ist, dann werft einen Blick auf meine Seite zum Thema Qindie.

+ Mika +

Fragt ihr euch, was der Rabe neben dem Buch zu suchen hat?

Ich vergebe auf meinem Blog keine Sterne, da ich überzeugt bin, dass meine Rezensionen auch ohne diese Bewertung deutlich machen, wie gut mir das Werk gefallen hat. (eine Diskussion dazu findet ihr HIER!) Deshalb habe ich mich entschieden, nur Empfehlungen auszusprechen. Alle Bücher mit Rabe werden direkt von mir weiterempfohlen, weil sie nicht nur strukturell, stilistisch und von der Rechtschreibung überzeugt haben, sondern weil sie mir schlichtweg gefallen und meinen persönlichen Geschmack getroffen haben.