Das Unbeliebte: Kürzen von Texten I

Labyrinth2

Manchmal sind Texte wie Labyrinthe, deren Ausgang man erst finden muss.

Es fällt schwer. Das Streichen von Textpassagen in den eigenen Geschichten. In einem Beitrag der Zeitschrift Textart von Andreas Gruber ging es um dieses Phänomen. Autoren, ich eingeschlossen, kämpfen um jedes Wort, das von der Tastatur über ein Kabel den Weg in ein Worddokument gefunden hat. Wieso ist das eigentlich so? Andreas Gruber hat eine simple Antwort:

„Die ersten mühsam getippten Passagen, die ersten vollendeten Kurzgeschichten sind wie Babys, die man geboren, wie Kinder, die man großgezogen hat. Verständlich, dass es schwerfällt, seine eigenen Wortkreationen zu vernichten.“

In meinem heutigen Post und einigen folgenden soll es um das unbeliebte Streichen von Textpassagen gehen. Ich zeige euch, wie, was und warum ich rigoros kürze. Und nein, da gibt es keine Kompromisse, was weg muss, muss weg. Schauen wir mal, ob ich euch davon überzeugen kann.


Kürzen für den Leser

Texte sind erst dann gut sind, wenn man nach dem Schreibprozess ordentlich kürzt. Das ist kein Geheimnis. Stephen King widmet einen Teil seines Buches „Das Leben und das Schreiben“ dem Kürzen von Texten. Dabei sagte ihm ein Mann mit dem er in einer lokalen Zeitung zusammenarbeitete: „Wenn du eine Geschichte schreibst, dann erzählst du sie dir selber. Wenn du sie überarbeitest, musst du hauptsächlich alles herausstreichen, was nicht zur Geschichte gehört.“ Und das ist der Kern des leidigen Kürzens.

Wenn wir mit dem Schreiben beginnen, wissen wir von unserer Geschichte oft nicht viel mehr als der Leser. Wir haben eine Idee, die sich gut anfühlt, und wollen irgendwie von A (Anfang) nach B (Ende) kommen. Dazu müssen wir uns die Welt vorstellen, die Menschen darin, einfach alles und wir beginnen wild drauflos zu schreiben und jedes Detail zu erklären. Das mache ich auch.

Kürzen ist notwendig, damit sich im Text auf das Wesentliche konzentriert werden kann, denn erst dadurch lasse ich dem Leser Raum für eigene Gedanken und Rückschlüsse. In Kriminalromanen wird das dadurch deutlich, dass der Leser oft eine Ahnung hat, wer der Täter ist, obwohl dies im Text nicht steht. Kurz: Texte schrumpfen für den Leser und nicht, weil Autoren so viel Spaß daran haben.


Was wird nun eigentlich gestrichen?

Eigentlich alles, aber so einfach mache ich es mir nicht. Um bei der Arbeit des Kürzens systematisch vorgehen zu können, stelle ich mir Ebenen vor. Meiner Erfahrung gibt es drei Ebenen innerhalb derer man streichen kann. Unter Ebene stelle ich mir dabei die Textabschnitt vor. Von der kleinsten Einheit, dem Satz, bis zur größten Einheit, dem gesamten Roman. An dieser Stelle möchte ich euch kurz vorstellen, was ich auf den einzelnen Ebenen streiche, im nächsten Post geht es dann mehr ins Detail.

I) Die Satzebene: Hier geht es im Besonderen um Kürzungen einzelner Wörter oder Satzteile.  Ein vernünftiger Satz ist kein Schachtelsatz, den man zehn Mal lesen muss, um ihn zu verstehen. Es gibt keine ellenlangen Attribute, sondern klare und bildhafte Aussagen. Manchmal muss auch eingedampft werden. Ein kleines Beispiel: „Er arbeitete wie viele halbtags in einem kleinen Büro und tippte dort Rechnungen“ ist sehr lang und kann auf ein kurzes „Er arbeitete in Teilzeit als Sekretär“ reduziert werden. Natürlich nur, wenn wir uns in einer Welt befinden, die das Konzept „Teilzeit“ kennt, bei Fantasy wird es unter Umständen schwerer.

II) Die Absatzebene:  Auch wenn es mühselig ist, sollte man selbst bei jedem Absatz und Satz überprüfen, ob dieser für den Gesamtkontext der Geschichte eine Notwendigkeit hat oder aber unnötig ist. Gibt es Absätze, die stetig nur beschreiben, aber kaum etwas an Inhalt vermitteln? Seitenlange Erklärungen von der Umgebung sind inzwischen nicht gern gesehen, da sie das Lesetempo abbremsen und wenig Freude bereiten. Gekürzt werden Wiederholungen, Aussagen, die Verwirrung stiften oder die Stimmung zerstören.

III) Der Gesamtkontext: Hier betrachtet man den gesamten Roman. Bringen die Figuren die Geschichte voran? Ist das Kapitel notwendig oder völlig überflüssig, weil es keine Information enthält, die dem Leser etwas Neues vermittelt? Das sind die grundlegenden Fragen, die man sich auf dieser Ebene stellen sollte. Diese Überlegungen stehen in engem Bezug zu dem Thema der „Struktur“.

Kurz, zentral ist immer die Frage danach, ob ein Satz, Absatz, Kapitel für den Roman tragend ist. Was das bedeutet möchte ich in einem Bild veranschaulichen. Wenn man sich die erste Rohfassung eines Romans als ein Gebäude vorstellt, dann hat dieses zu viele Wände. Das Haus gleicht einem Labyrinth, indem dringend Wände eingerissen werden müssen. Aber aufpassen: nur die freistehenden Wände können wirklich weg. Es ist eine kleinteilige Arbeit, die die Nerven raubt, aber sie hat durchaus ihren Sinn.


Im nächsten Post schaue ich mir näher an, wie ich mir das Kürzen auf der Satzebene vorstelle. Bleibt bis dahin wach und erholt. Man liest sich.

+Mika+

Foto: Das Labyrinthfoto wurde Chris Hsia geschossen und auf flickr.com veröffentlicht.

4 Gedanken zu “Das Unbeliebte: Kürzen von Texten I

  1. Kürzen ist so eine Hass-Liebe.
    Ich finde es überwiegend furchtbar, mühsam und schwierig. Doch manchmal ist es erleichternd, weil man selbst bemerkt hat, dass „irgendetwas“ nicht stimmt oder zu viel erscheint. Ich lasse die Story auch ganz gern für einige Tage oder auch Wochen einfach nur ruhen, bis ich sie so gut es geht vollends aus dem Gedächtnis verbannt habe. Dann lese ich sie erneut und stelle meistens leichter fest, was gut und schlecht ist.

    Gefällt 2 Personen

    • Ah, du arbeitest also gerade an deiner Rohfassung? Es freut mich zu hören, dass dir mein Post etwas Trost spenden kann. Am Ende geht es uns allen gleich. Wir würden unser ausgeformtes Labyrinth lieber so lassen, anstatt es nach monatelanger Arbeit ausdünnen zu müssen …

      Gefällt 1 Person

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