Silver Coin 203

Wie ein Roman entsteht

… Statusupdate #2: Hurt No One …

Vor einem Monat habe ich einen Beitrag verfasst, in dem es um eines meiner Jahresziele ging: Die Veröffentlichung meines Romanprojektes Hurt No One. Inzwischen gibt es einige Neuigkeiten, die ich mit euch teilen möchte. Warum solltet ihr jetzt weiterlesen? Durch meine Beiträge könnt ihr miterleben, wie nach und nach ein Buch entsteht. Es gibt jeden Monat ein Update mit Skizzen, Fotos und exklusiven Details zur Geschichte.


Die Rohfassung: Das Ende konnte nicht warten

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, erinnert sich noch an die ungewöhliche Idee zum Showdown meines Buches. Die letzten vier Kapitel sollten erst entstehen, wenn das Manuskript vollständig überarbeitet ist. Grund dafür war die Überlegung, dass die ersten Kapitel wie das Grundgerüst eines Hauses sind und das Ende das alles entscheidende Dach. Wenn also das Gerüst nicht steht oder wackelt, brauche ich das Dach nicht bauen. In meiner Geschichte sind noch einige Stützpfeiler wackelig. Es passieren Dinge, die nichts mit der Handlung zu tun haben, Personen verhalten sich nicht ihrer Rolle entsprechend, einige Szenen sind nur in Auszügen vorhanden. Trotzdem habe ich mich entschieden, die letzten vier Kapitel zu schreiben und war am 04. Februar fertig. Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?

  1. Ich kam bei der Überarbeitung nicht voran, weil ich immer daran denken musste, wie ich das Ende am besten über die Bühne bringe.
  2. Ich hatte das Gefühl, meinen Hauptfiguren Rina und Neel damit keinen Gefallen zu tun. Sie wirkten ungewöhnlich nervös und zappelig …
  3. Ich wollte einfach etwas schreiben.

Demnach ist die Rohfassung meines Buches jetzt fertig. Insgesamt sind es 14 Kapitel mit rund 80.000 Wörtern. Angedacht war etwas weniger, allerdings hat mir meine dystopische Welt da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es muss eben doch mehr beschrieben werden als in einem Gegenwartsroman. So eine Zukunftsstadt mit ganz eigenen Regeln baut sich nicht von selbst.


Der Showdown: Action oder Strategie?

Mein Roman ist kein seicht dahinplätscherndes Buch mit einigen wenigen Spannungselementen. Da romantische Szenen so gut wie nicht vorkommen und wir uns in einer menschenfeindlichen Umgebung befinden, sind Geheimnisse, Rätsel und Aktionszenen meine Elemente, um euch bei der Stange zu halten. Es geht dabei nicht um stumpfes Geballer, sondern Verfolgungsszenarien, Verhaftungen oder psychologische Folter. Deshalb wollte ich ein Ende, das diese Grundstimmung auffängt und die vorherigen Szenen toppt. Logisch, ich will euch ja nicht enttäuschen.

An dieser Stelle möchte ich euch nicht spoilern oder zu viel verraten, aber trotzdem einen Einblick in meine Überlegungen beim Showdown geben. Es ging im Grunde um die Planung des Handlungsablaufes, was mich mehrere Tage Bedenkzeit gekostet hat. Meine Hauptpersonen sollen in einen Gebäudekomplex namens Safecity eindringen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass das Gebäude stark bewacht ist und wenige verwundbare Stellen hat (stellt euch Helmes Klamm in modern vor). Ich musste mich also fragen, wie kommen meine Hauptpersonen realistisch in das Gebäude hinein und wieder hinaus. Damit ich das halbwegs ordentlich planen konnte, habe ich eine Skizze angefertigt und mir die räumlichen Gegebenheiten vor Augen geführt. Das ist dabei herausgekommen:

Safecity_Plan_Rahmen
Wie ihr sehen könnt ist links das Meer und rechts das Festland. Über den eigentlichen Gebäuden ist eine Glaskuppel. Unten rechts ist der Aufriss dargestellt. Meine Hauptpersonen wollen in das zweite Gebäude von links gelangen. Den so genannten Hygienetrakt.

Die Strategen in meinem Roman (Tom, Jay und Caren) haben sich dazu nun folgende Vorgehensweisen überlegt:

  1. Ein Vorstoß über die Kanalisation mit einem Durchbruch durch eine Wand, hinter der sich Räume des Gebäudes befinden. Vorteil: Geht schnell und braucht wenig Vorbereitung. Nachteil: Zieht viel Aufmerksamkeit auf sich und könnte schief gehen, wenn man auf zu viel Widerstand trifft.
  2. Ein Vorstoß über einen selbst gegrabenen Tunnel wie es die Gangster in Fortaleza 2005 oder auch Berlin 2013 gemacht haben. Vorteil: Es existieren bereits etliche Tunnel unterhalb von Red-Mon-Stadt, die man gut nutzen kann. Außerdem ist es möglich, selbst zu bestimmen, wo genau man im Gebäude herauskommt. Nachteil: Es dauert lange und die Frage ist, ob die Zeit für ein solches Unterfangen da ist.
  3. Jemanden in das Gebäude schleusen. Vorteil: Sie haben einen Trumpf und könnten ihn ausspielen. Wenn alles glatt geht, kommt man einfach rein und wieder raus, ohne Ressourcen zu verschwenden. Nachteil: Es besteht ein sehr hohes Risiko entdeckt zu werden und wenn etwas schief geht, sind alle tot oder gefangen oder …

Für welche Variante würdet ihr euch entscheiden? Habt ihr andere Ideen? In der endgültigen Version gibt es zahlreiche Details, viele unerwartete Wendungen und Spielraum zur Improvisation. Bisher bin ich ganz zufrieden, werde mir aber vermutlich beim nächsten Lesen die Haare raufen und mich für meine Entscheidung verfluchen.

Hier noch kurz das Gebäude, das mich zu meiner Skizze von Safecity inspiriert hat. Es steht in Valencia und heißt Hemisfèric. Das Foto wurde von Maren Arndt geschossen. Ich finde es wunderschön.

InspirationSafeCity


Überarbeitung: Wo bin ich gerade?

Ich gebe zu, dass ich in letzter Zeit mit den Vorbereitungen für die Leipziger Buchmesse stark eingespannt war. Mein Taschenbuch Sieben Raben wird gedruckt, Flyer erstellt und noch vieles mehr, deshalb hatte ich nicht viel Zeit, um mich mit der Überarbeitung von Hurt No One zu beschäftigen. Das frustriert mich. Ich würde viel lieber mein neues Buch voranbringen als das, das ich bereits 2013 vollendet habe, aber es lässt sich nicht ändern. Kapitel eins wurde jedenfalls von den ersten beiden Testlesern auf Logikfehler hin überprüft und beide waren mit dem Text zufrieden. Ansonsten sitze ich nun an der ersten Überarbeitungsrunde von Kapitel zwei. Es kann nur noch vorwärts gehen.


Hurt No One ist ein Mehrteiler

In meinem letzten Beitrag habe ich das böse „T“ Wort benutzt. Ja, ich plane derzeit drei Bände für Hurt No One. Einige von euch werden mir nun vorwerfen, dass ich auf einen fahrenden Zug aufspringe. Schreibt ja jeder inzwischen eine Trilogie. Da habt ihr nicht mal unrecht und ja, mich nervt der Hype auch. Ich habe mich allerdings nicht für mehrere Bände entschieden, weil die Geschichte so komplex ist oder ich dadurch mehr Verkäufe generiere. Ursprünglich wollte ich einfach nur mehr Zeit mit meinen Hauptfiguren verbringen. Meine letzten drei Buchprojekte (zwei davon schlummern in Schubladenland) waren relativ kurz. Außerdem habe ich viele Kurzgeschichten geschrieben und musste mir daher oft neue Figuren ausdenken, die nie wieder (oder ziemlich wahrscheinlich nicht) in meinen nächsten Geschichten auftauchen werden. Ehrlich, das ist schon traurig. Abschied fällt mir schwer. Deshalb schreibe ich nun mehrere Bände und fühle mich damit richtig gut. Die vorläufigen Untertitel heißen derzeit: Totenläufer, Racheland und Kalter Sturm. Die letzten beiden Titel werden sich wohl noch ändern.


Zum Abschluss ein Wort aus Red-Mon-Stadt

Beim letzten Mal habe ich euch einen Auszug aus dem Glossar zu meiner Dystopie vorgestellt. Das werde ich heute fortsetzen und euch eine der wichtigsten Personengruppen in meiner Welt vorstellen:

Lorca: Eine diskriminierte Minderheit. Lorca unterscheiden sich in wenigen Merkmalen vom Menschen. Der Forscher Albertus Lorca entdeckte das Gen, welches die Differenzierung verursacht, weshalb man diese Menschen mit seinem Namen ruft. Lorca entwickeln im Zuge ihrer Pubertät außergewöhnliche Fähigkeiten, die sich von Person zu Person unterscheiden. Sie haben eine durchscheinend helle Haut mit schwacher Pigmentierung und leuchtende Augen unterschiedlicher Farben. Sie sind in Red-Mon-Stadt nicht erwünscht, da sie als Gefahr eingestuft werden. Es wird behauptet, sie tragen eine gefährliche Krankheit in sich, die man gemeinhin als Lorcakrankheit bezeichnet. Sie soll höchst ansteckend sein und nach einem kurzen Krankheitsverlauf sofort zum Tod führen.


Ich danke euch für euer Interesse an meinem Blog und meinen Geschichten und wünsche euch einen angenehmen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.

+Mika+

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Schreiben, das kann doch jeder!

In diesem Beitrag geht es um etwas Persönliches. Um meine Erfahrung mit dem Schreiben. Es geht nicht darum, wie ich schreibe oder warum, sondern darum, wie ich mich fühle, wenn ich über meinen Traum spreche. Ich sehe euch schon die Stirn runzeln: „Ist das jetzt auch so ein Blogeintrag bei dem gejammert wird was das Zeug hält?“ Ich kann euch beruhigen, das ist es nicht. Ich möchte euch von einem Dilemma berichten, das nicht so ungewöhnlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint.


Beginnen wir mal ganz am Anfang. Es war einmal … Okay, okay, das würde zu lange dauern und nicht zielgerichtet sein. Der Anfang dieses Blogeintrags beginnt vielmehr mit mir und meiner derzeitigen beruflichen Situation. Einige haben es im Blog bereits verfolgt, im August 2015 habe ich mein Studium abgeschlossen und war plötzlich vogelfrei. Im Gegensatz zu vielen anderen, wusste ich sofort, was ich nach dem Studium machen will: Teilzeit arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig schreiben zu können. Es war ein Gefühl von grenzenloser Euphorie nach sieben Jahren Studium endlich das tun zu können, was ich immer tun wollte. Die Realität sieht natürlich etwas anders aus. Wer hat schon Lust nach einem harten Arbeitstag abends noch in die Tasten zu hauen? Ich geb’s zu, ich nicht. Trotzdem schreibe ich viel und sehr regelmäßig. In erster Linie, weil ich daran glaube, dass es irgendwo da draußen Menschen gibt, die mit meinen Geschichten Spaß haben können. Als Autorin bin ich streng genommen Entertainer. Immer am Überlegen, wie ich die nächste Szene so eindrücklich wie möglich über die Bühne bringe. Wenn ich Wörter zusammensetze, habe ich mein Publikum immer vor Augen und stelle mir die Reaktionen vor. Berührt, schockiert, belustigt oder wütend? Das bereitet mir ungeheure Freude und treibt mich zu Höchstformen an.

Trotz alledem fällt es mir bis heute schwer, über das, was ich tue, zu sprechen. Das ist mein Dilemma und ein Widerspruch in sich. Am liebsten würde ich in die Welt hinausrennen und euch alle mit meinen Geschichten, ja, nennen wir es beim Namen, nerven. Meine Reaktion ist dann leider das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche. Ich bleibe sitzen und behalte alles für mich. Sind ja eh nur meine dummen Ideen, oder?

Ich habe mich gefragt, warum das so ist? Andere plappern doch auch einfach drauflos. Ein Grund liegt auf der Hand: Ich gehe nicht den normale Lebensweg, sondern einen ungewöhnlichen, unsicheren. Kaum jemand wird anerkennend nicken, wenn ich ihm von meinen Zukunftsplänen berichte, es bricht viel eher betretenes Schweigen aus. Das gilt nicht nur für den Beruf des Autors, sondern genauso für all die anderen Kreativen im Bereich der Kunst oder Musik. Unser täglich Brot hat einen großen Nachteil: Es hat keinen konkreten Nutzen. Wer Hunger hat, muss essen. Wer zur Arbeit will, braucht ein Zugticket oder ein Auto. Bilder, Bücher, Lieder sind im Gegensatz dazu Luxusartikel, die für den Alltag nicht  überlebensnotwendig sind. Sie sind das Toping und das kann auch mal wegbleiben.

Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass angehende Autoren skeptisch beäugt werden. Aber nicht nur deshalb. Ein weiterer Faktor ist der folgende Gedanke: Schreiben, das kann doch jeder. Dazu braucht man nur einen PC und eine Tastatur, dann reiht man fleißig ein paar Wörter aneinander und schon … ist ein Roman aus dem Hut gezaubert. Kann ja nicht so schwer sein. Autoren wie Stephen King oder J. K. Rowling haben Talent! Die sind etwas Besonderes. Für alle anderen ist schreiben nur ein Hobby und mit dem lässt sich bekanntlich nichts verdienen. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Ach, ich gehe regelmäßig schwimmen und jetzt möchte ich davon leben. Die fünfzig Bahnen, dafür kann man mich ruhig bezahlen. Also die, die zugucken und sehen, wie außerordentlich grazil ich schwimme, meine ich.

Eine meiner Autorenkolleginnen sagte mal zu mir, dass sie sich als richtige Autorin gefühlt hat, als sie sich selbstständig machte. Das ist etwas Offizielles wie ein Studienabschluss oder ein Zeugnis. Den Titel Anwalt führt man zu recht, der Titel Autor lässt sich im Gegensatz dazu nicht bescheinigen. Man wird Autor über Nacht. Manche sagen, man habe erst ein Recht darauf, sich Autor zu nennen, wenn man eine Veröffentlichung vorweisen kann. Andere sagen, jeder, der schreibt, ist Autor. Mir ist das, ganz ehrlich, völlig egal. Ich weiß nur, dass ich meiner Tätigkeit einen Namen geben möchte. Ich bin Autorin, weil ich schreibe. Ich schreibe, weil ich Autorin bin. Warum ich also nicht über meinen Beruf sprechen kann, liegt in der Sache selbst begründet. Der Beruf Autor ist nicht verifizierbar.

Ein weiterer Hemmschuh bin ich selbst. Ja, richtig, ich selbst. Hat lange gedauert, mir das einzugestehen. Ich habe mir seit jeher mehr Unterstützung gewünscht. Wie habe ich mir diese Unterstützung vorgestellt? Von der simplen Frage nach dem: Was schreibst du grad?, bis hin zur Mund zu Mund Propaganda, weil meine Geschichten Begeisterung erwecken, wäre mir alles recht gewesen. Doch es kam nur wenig und ich fühlte mich abgelehnt und fragte mich, ob ich etwas falsch mache oder noch schlimmer, ob ich nicht weniger wert bin als beispielsweise der erfolgreiche Anwalt. Das klingt verrückt, aber solche Sachen kamen mir in den Kopf und ich denke, einigen unter euch geht es ähnlich.

Fakt ist: Seitdem ich offener mit meinem Wunsch zum Schreiben umgehe, bekomme ich mehr Resonanz als jemals zuvor. Wieso? Weil Begeisterung abfärbt. Ein graues Mäuschen wird neben dem schillernden Prachtexemplar einfach untergehen. Es ist also gar nicht so wichtig, sich zu fragen, ob wir anderen gerecht werden. Viel wichtiger ist es, sich einzugestehen, dass das Schreiben ein wichtiger Teil von uns ist, an den wir selbst glauben.

In dem Sinne wünsche ich euch allen noch einen erfüllten Valentinstag. Ich bin ja nicht so die Romantikerin, aber ein Schokoherz lässt auch mich weich werden. ;P

+Mika+

Valentinsraben

PS: War euch der Beitrag zu philosophisch? Keine Angst, solche Ausbrüche passieren mir höchstens alle paar Monate, ach nein Wochen. Wenn ich es mir recht überlege, passiert das alle paar Tage. Okay, ich bin ehrlich … stündlich.


 

Quellen:

Beitragsbild

Raben mit Herz

Silver Coin 203

Wie ein Roman entsteht

… Statusupdate #1: Hurt No One …

Mein letzter Beitrag handelte von Vorsätzen und deren Sinn oder Unsinn. Heute soll es um eines meiner Ziele gehen: Die Veröffentlichung meines Science-Fiction Romans „Hurt No One“ im Herbst. Noch ein Beitrag über ein Romanprojekt, werdet ihr jetzt denken und auf Schließen drücken. Aber Halt! Nicht so schnell. Es springt auch für euch etwas dabei heraus. Es geht hier nicht um meine Höhen und Tiefen, sondern um die einzelnen Schritte im Entstehungsprozess. Ihr seid also live dabei, wie mein Roman entsteht und könnt prüfen, ob ich meinen Job auch wirklich ordentlich mache.


Schreibprozess: Wie weit bin ich eigentlich?

Auf den ersten Blick ist das die wichtigste aller Fragen. Hab ich schon alles fertig geschrieben? Fehlt da noch etwas? Um es kurz zu machen: Mein Projekt befindet sich in der Überarbeitungsphase. Das heißt, der unliebsame, stressige und nervenaufreibende Teil hat begonnen. Für eine Seite brauche ich bis zu drei Stunden. Zumindest wenn ich schlechte Laune habe. Aber lassen wir das, ich bin natürlich immer gut gelaunt! So wie ihr und alle anderen da draußen!

Jeder Autor hat sein eigenes Überarbeitungssystem. Ich teile meines in vier Schritte und gehe diese Kapitel für Kapitel durch:

  • Schritt 1) Korrektur grober Sinnfehler, Rechtschreibung, Grammatik im Word-Dokument mit etwa zwei oder drei Runden.
  • Schritt 2) Überlegung zur Kapitelstruktur und inhaltlicher Logik auf einem Ausdruck mit rotem Stift (sehr demotivierend, aber leicht zu lesen, siehe Bild unten)
  • Schritt 3) Korrektur, nachdem die ersten Testleser gelesen haben.
  • Schritt 4) Finaler Durchgang mit Rechtschreibprüfung nach dem zweiten Testlesen.

Derzeit bastele ich am ersten Kapitel in Schritt 2. Vom eigentlichen Manuskript fehlt mir nur noch der Showdown, das Sahnehäubchen. Den schreibe ich allerdings erst, wenn die chaotische Struktur, entstanden durch das schnelle Schreiben im NaNoWriMo, sortiert ist. Erst dann kann ich leicht Querverweise zum Anfang ziehen und offene Fragen beantworten.

Überarbeitung.jpg


Ein Cover braucht Bedenkzeit …

… weshalb ich mir in der letzten Woche Gedanken über das Titelbild gemacht habe. Es soll düster sein, muss den Geist der Geschichte enthalten und trotzdem genügend Anziehungskraft ausüben, damit überhaupt jemand zugreift. In dem Zusammenhang ist eine Skizzen entstanden, die ich euch nicht vorenthalten will:

Coverdesign_Skizze2
Links seht ihr einen Soldaten, der auf eine Gestalt im Nebel schießt. Rechts eine Frau, aus der Gedanken herausströmen. Nicht zu sehen ist, dass sie angeschossen wird.

Ich schwanke zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder wird es fotorealistisch oder aber eine Variante mit comichafter Tendenz. Ich meine damit nicht, dass ich Comicfiguren auf dem Titelbild möchte. Ich stelle mir viel eher vor, dass die Menschen schattenhaft sind und mit groben Zeichenstrichen gemalt werden. Letztere Variante erfordert natürlich sehr viel zeichnerisches Können (allein schaffe ich das sicher nicht). In beiden Fällen möchte ich keinesfalls Gesichter oder zu klare Formen, damit ihr kein zu eindeutiges Bild meiner Protagonisten bekommt. Es lebe die Fantasie! Es reift in jedem Fall die Überlegung, einen professionellen Coverdesigner zu engagieren, damit euch mein Cover auch wirklich umhaut.


Der rote Faden entsteht nur, wenn die Struktur stimmt

Seit ich von einer Lektorin gehört habe (2012), dass eines meiner Manuskripte stilistisch und sprachlich zwar überzeugt, aber die Struktur ausbaufähig ist, nehme ich mir für die Struktur viel Zeit. Ich nutze kleine Karteikarten, die ich mit den Kapitelinhalten beschrifte und schiebe sie hin und her, bis mir klar wird, was ich brauche und was nicht. In den letzten Tagen musste ich deshalb einige Kapitel löschen und an anderen Stellen Szenen einfügen. So langsam entsteht ein rundes Gesamtbild und der rote Faden wird sichtbar. Wichtig sind mir dabei auch Schlagwörter oder offene Fragen, die ich später in den Text einbaue. Wenn das Ganze fertig ist, sieht es am Ende ungefähr so aus:

PPS2
Struktur meines Projekts „Purpurscherben“ aus dem letzten Jahr.

Die Sache mit dem Titel …

… ist wirklich unglücklich gelaufen. Vielen von euch gefällt der Titel „Hurt No One“ sehr gut. Mir gefällt er auch, leider. Nur kann ich ihn für das endgültige Buch nicht übernehmen, da es der Songtitel einer meiner Lieblingsbands ist. Ich würde mich also nur in die Copyright-Nesseln setzen und das wäre unschön. Also muss ein neuer Titel her. Brainstorming ist angesagt. Inzwischen habe ich mehrere Blätter mit möglichen Varianten vollgeschmiert, bin der Lösung aber noch immer nicht näher gekommen. Fakt ist: Ich brauche einen Übertitel für die Trilogie und einen Untertitel. Der Untertitel ist kein Problem, den habe ich für Band eins schon seit zwei Monaten. Der eigentliche Trilogietitel bereitet mir jedoch Kopfschmerzen. Er soll den Inhalt aller drei Teile widerspiegeln, am besten schon den Konflikt andeuten und dennoch aussagekräftig sein. Der gleiche Nenner in meiner Trilogie ist die fiktive Stadt, in der alles spielt. Sie trägt den Namen „Red-Mon-Stadt“. Aber so ein Titel ist weder aussagekräftig noch deutet er einen Konflikt an. Mal sehen, was ich da tun kann.


Science-Fiction braucht eine eigene Welt: Ein Glossar entsteht

Da mein Projekt nicht einfach nur SF ist, sondern es sich im Speziellen um eine Dystopie handelt, brauche ich eine ganz eigene Welt mit ganz eigenen Regeln. Ein paar davon habe ich euch schon in meiner Kurzvorstellung Hurt No One beschrieben, aber das war eben nur die Spitze einer Welt, mit der ich mich schon seit mehr als zwei Jahren beschäftige. Aus diesem Grund habe ich ein Glossar mit allen wichtigen Begriffen, Institutionen oder Personengruppen erstellt. Für euch ein noch nicht ganz perfekter, aber exklusiver Auszug daraus:

Die Nutzversicherung bescheinigt den Nutzen einer Person für Red-Mon-Stadt. Es ist ein schriftliches Dokument, das jeder Bürger zu unterzeichnen hat. Dort wird einerseits die Art des Nutzens und andererseits die Eignung für diesen festgelegt. Der Nutzen einer Person wird durch einen Test ermittelt. Dieser Test bezieht sich nicht ausschließlich auf die Benotung durch schriftliche oder mündliche Prüfungen, sondern geht auch auf angeborene Talente oder die Persönlichkeit ein. Änderungen können im Nachhinein beantragt werden. Personen ohne Nutzversicherung, die sich in Red-Mon-Stadt aufhalten, sind keine offiziellen Einwohner der Stadt und gelten als PON (Person ohne Nutzen) und sind als Gefahr einzustufen.


Damit beende ich mein Statusupdate und wünsche euch eine wundervolle Restwoche. Macht was draus. Ihr hört von mir. Und solltet ihr selbst gerade an einem Buchprojekt sitzen, hinterlasst mir einen Kommentar, wir können uns gern darüber austauschen.

Bis dahin

+ Mika +

Aktuelles, Silver Coin 203

Frohe Weihnachten

Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest. Genießt die Zeit mit euren Lieben und schaltet den Alltagsstress einfach mal aus. Klick und weg. Da ich mir bis zum 10. Januar eine Pause gönne, habe ich für euch eine kurze Weihnachtsgeschichte vorbereitet. Lesbar in zehn Minuten. Düster, aber hoffnungsvoll.  Viel Spaß damit. 🙂


Verlorene Weihnachten

Rina zählte zu einer aussterbenden Generation. In Red-Mon-Stadt gab es kein Weihnachten und sie als Einwanderin war eine der Wenigen, die sich noch daran erinnern konnten. Deshalb war sie es auch, die am 24. beschloss, dieses Fest aufleben zu lassen, auch wenn sie sich und die anderen damit in Gefahr brachte. Seit Monaten lebten sie wie Ratten unter der Straße, verbargen sich in der Dunkelheit und wurden von ihrer ausweglosen Situation erdrückt. Es war Zeit, dass ein wenig Licht in die Dunkelheit kam und mit ihm etwas, woran sie sich gemeinsam festklammern konnten, um nicht aufzugeben.

Eisiger Wind streifte Rinas Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um den Körper. Sie stand im langen Schatten eines Hochhauses, Owens Hausmarkt fest im Blick. Vor dem Lebensmittelladen, er war beliebt, weil er Importwaren verkaufte. Ein seltenes Gut in einer Stadt, die vom Rest der Welt abgeschnitten war. Darum hatte sie diesen Ort gewählt. Zwischen den Menschenmassen konnte sie sich gut verstecken. Es durfte ihr nur niemand ins Gesicht sehen.

Rina zog den Schal über die Hälfte ihres Gesichtes und kämmte mit den Fingern ihren Pony über die Augen. Dann richtete sie den Blick auf den Boden. Sie zog den panischen Stachel, der sich tief in ihren Körper gefressen hatte und machte Platz für Mut. Nichts würde ihr passieren. Sie hatte es immer geschafft, denn im Notfall war sie flink wie eine scheue Katze. Vor Gefahr zu flüchten, war ihre Spezialität.

Sie machte sich auf den Weg zum Laden, passierte die Brücke zu Oberstadt, hörte ihr Herz in der Brust hämmern, zwängte sich zwischen die Menschen und war drinnen. Wärme umfing sie und ihre Wangen begannen zu brennen. Der Geruch fremder Gewürze stieg ihr in die Nase.

Zuerst brauchte sie Öl. Unauffällig schlich sie an den Leuten vorbei, entdeckte die goldene Flasche in unmittelbarer Nähe, gelangte dorthin, streckte die Hand aus und ließ sie unter ihrer geöffneten Jacke in einer Tasche verschwinden. Nun brauchte sie etwas Süßes. Ihr Blick streifte durch den Laden. Am anderen Ende waren die abgepackten Kekse, deshalb schob sie sich zwischen die Leute, kam in die Nähe des Regals, nutzte den Moment und ließ sie genauso verschwinden wie das Öl. Nur noch die Milch und Kakao. Ihre Schritte fühlten sich wie die eines Fremden an, doch sie fand die beiden Lebensmittel und ließ auch sie unbemerkt verschwinden. Geschafft. Niemand schrie, zeigte auf sie, brach in Panik aus. Sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Doch gerade als Rina zum Ausgang strebte, stieß sie gegen jemanden.

„Kannst du deine Augen nicht aufmachen!“, sagte ein Mann und in diesem Moment entglitt ihr die Situation. Reflexartig sah sie auf. Vor ihr stand ein großer Mann mit kurzen Haaren und eleganter Kleidung. Sein Blick traf ihren und er hatte freie Sicht auf ihre verräterisch goldenen Augen. Sekunden tickten. Er starrte sie an. Sie starrte ihn an. „Du … du … bist ein Lorca“, murmelte er und ein Stich raste durch Rinas Körper. Ausgesprochen, das verfluchte Wort.

„Hier ist ein LORCA!“, schrie er mit einem Mal. „Ruft doch jemand die Hygienepolizei!“

Es war passiert. Alle drehten sich zu ihr um und in ihren Gesichtern bildete sich der Ausdruck kalter Abscheu. „Hygienepolizei“, wiederholte der Mann und trat ein paar Schritte zurück. Im gleichen Augenblick ertönte schrill der Lorca Alarm. Rina erwachte aus der Trance. Jetzt blieben ihr noch höchstens zwei Minuten.

Sie fauchte wild, so als sei sie besessen. Es half. Die Menschen erschraken, wandten sich ab und rannten panisch davon. Rina nutzte die Gelegenheit und setzte zum Sprint an. Niemand würde sie packen oder aufhalten, denn sie alle waren davon überzeugt, dass sie krank wurden, sobald sie einen Lorca berührten. Zu glauben, dass jemand wie Rina eine todbringende Krankheit übertrug, ersetze den Glauben an einen Gott. Niemand bemerkte, dass diese Krankheit gar nicht existierte.

Rinas Beine trugen sie aus dem Laden heraus, die Brücke von Oberstadt entlang. Sie war schnell und wendig und sah niemals zurück. Ihr Weg führte sie die Treppe hinunter nach Mittelstadt, wo sie in einer Gasse verschwand, während der Alarm bedrohlich an und abschwoll.

Dort lief sie zu einem leicht geöffneten Kellerfenster. Bevor sie in den Keller abtauchte, sah sie sich um. Niemand war ihr gefolgt. Hastig zog sie die Jacke aus, steckte sie als erstes durch das Fenster und folgte ihr dann. Drinnen war es dunkel und staubig. Sie schloss das Fenster hinter sich und atmete einmal tief durch. Sie war entkommen.

***

Es war ein ungewöhnliches Weihnachtsfest. Fünf junge Menschen mit ungewöhnlich heller Haut und golden glänzenden Augen saßen um eine Ölkerze herum, aßen Kekse und tranken Kakao. Es gab keine Tannenzweige, keine Lebkuchen, keinen Weihnachtsschmuck und keine Geschenke, doch sie hatten einander. Es war kein Vergleich zu jenen Festen, die Rina aus ihrer Kindheit kannte, aber das war nicht wichtig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich lebendig. Sie erzählte den anderen Weihnachtsgeschichten im Flüsterton und sie klebten an ihren Lippen. Jeder von ihnen war jünger als sie, jeder in Red-Mon-Stadt geboren. Sie alle hatten etwas verloren, nur das Leben war ihnen geblieben. Rina malte mit Worten Bilder von Häusern, bedeckt mit Puderzuckerschnee, einem Mann in rotem Mantel und einem weißen Bart, der nachts an die Tür klopfte. Was sie in der Dunkelheit hatten, war eine zerbrechliche Gemeinschaft. Es war ein Licht im Dunkel, denn sie hatten einander und sie würden nicht aufgeben. Egal, wie feindlich die Welt war, in der sie lebten. Denn irgendwann würden auch sie geborgen sein, geliebt werden und keine Angst mehr haben. Sicher. Ganz sicher …


Die Kurzgeschichte ist ein Szene aus meinem derzeitigen Romanprojekt Hurt No One. Wer von euch mehr darüber wissen will, schaut einfach mal HIER vorbei.


Beitragsbild von flickr.com

Gedanken-Mix

Wo die Muse hinfällt

Liebe Leser,

im September habe ich in einer Kurzgeschichtensammlung von 84 Autoren die geisterhafte Kurzgeschichte „Kristallene Realität“ veröffentlicht. Als nachträgliches Nikolausgeschenk veröffentliche ich sie heute auf meinem Blog. Kurz zusammengefasst geht es um einen Künstler, dessen Muse nicht so ganz das macht, was er möchte. Zu behaupten, sie sei ein wenig störrisch, ist da noch untertrieben, denn sie macht, was sie will. Viel Spaß beim Lesen und wie immer: Bei Verdauungsproblemen mit der Kost, wendet euch vertrauensvoll an die Autorin. Eine gute Woche wünsche ich euch.


Prota_Mika
Die Muse

Mein Herz explodierte, denn die Frau vor mir war keine meiner irren Fantasien, sondern kristallene Realität – obwohl „real“ in meinem Fall so oder so eine Frage der Definition war. Und in diesem teuren Fünf-Sterne Hotel mit Satin-Gardinen und Gold bestickten Couchgarnituren fühlte sich ihr Lächeln so real an wie kaltes Wasser auf nackter Haut.

„Du hast ihn umgebracht“, sagte sie und ihre Puppenaugen blinzelten. Dabei berührten ihre Wimpern die tellergroßen Brillengläser und hinterließen schwarze Schlieren auf dem Glas. Sie hatte Katzenpupillen und ihr Mund war so groß wie eine zwei Euro Münze. Wenn sie sprach, hob sie die Oberlippe nur einen Millimeter an und trotzdem flüchteten Worte darunter hindurch. Ich schluckte.

„Er hat mich von der Arbeit abgehalten“, verteidigte ich mich und spürte die Reste meines Herzens wild schlagen. Ihr Anblick machte mich verrückt. Ihre zarte Gestalt mit der schneeweißen Haut und der azurblauen Kutte auf der vorn am Reißverschluss ein Menschenauge thronte. Ein echtes Menschenauge. Blickte sie in eine bestimmte Richtung, dann glotzte es mit. Ich wandte mich dem Schreibtisch zu.

„Du wolltest ihn nicht mehr haben“, sagte sie und ich hörte, wie sich der Stoff um ihren Körper bewegte. Steife Wolle auf schneeweißer Haut. Sie kam zu mir, stellte sich hinter mich, blickte mir über die Schulter. „Du hast zu ihm gesagt, er soll verschwinden und dann ist er gesprungen.“

Ich ignorierte ihre Worte, spürte Gänsehaut auf meinen Armen und zog meinen Skizzenblock hervor. Ich musste die Zeit nutzen, die mir mit ihr blieb. Meine Finger zitterten.

„Wirst du mich auch umbringen?“, fragte sie und die Haut auf meinen Wangen begann zu glühen.

„NEIN!“, schrie ich und drehte mich zu ihr um. Verwundert wich sie zurück. Das Menschenauge glotzte. „Nein, nein, nein! Hör auf, so einen Unsinn zu reden. Ich brauche dich.“

„Ach so“, sagte sie leise, hob ihre Hand und begann, nervös an ihren Fingern zu knabbern. Sie sah verloren aus, wie sie in dem geräumigen Zimmer stand, umgeben von lauter Luxus und Prunk. Ihre Gestalt passte viel besser in eine Galerie, auf ein Gemälde mit Ölfarben. Ich liebte sie. Auch das war Realität. Mein Herz klopfte.

„Und die anderen?“, flüsterte sie. „Ich möchte nicht allein sein.“

„Jetzt hör schon auf damit! Es ist meine Entscheidung, wer mir nutzt und wer nicht. Ihr kommt und geht in ständigem Wechsel. Das ist ein Kreislauf, den man nicht durchbrechen kann. Wenn ich morgen überfahren werde, bist du auch allein.“

„Hm“, machte sie, „dann werden sie alle weinen, die Menschen, die dich bewundern, und mit denen du immer sprichst, während wir uns verstecken müssen.“ Sie sagte es mit Vorwurf in der Stimme. „Ich würde auch gern mal mit ihnen sprechen.“

Ich atmete tief durch und raufte mir die Haare. Natürlich wollte sie mit ihnen sprechen, aber das konnte ich nicht erlauben. Diese Menschen, die nur an meinem Ruhm interessiert waren, würden sie stehlen und für sich verwenden.

„Ja, ja, ich weiß schon. Bist du deshalb hier?“

Sie musterte mich mit ihren drei Augen und schüttelte den Kopf. Das kurze, goldgelbe Haar bewegte sich im Takt und glänzte im Sonnenlicht rötlich. „Ich bin wegen ihm hier. Weil du ihn umgebracht hast. Das weißt du doch.“

Ich stöhnte, denn natürlich wusste ich das. Wie viele Stunden war es her, seit ich ihm den, wie nannte man das, Laufpass gegeben hatte? Ein paar vermutlich. Sein geschocktes Gesicht war mir noch deutlich vor Augen. Die Knopfaugen, der kindliche Körper, selbst der verdammte Hut, der stets gewippt hatte, ohne dass sich der Junge bewegte, war erstarrt. Ich wusste, einem Kind durfte man nicht wehtun, aber ich hatte es trotzdem getan. Die Flinte angelegt, gezielt und ihn erschossen, weil mir ihre Anwesenheit lieber war. Ich hatte sie vermisst.

„Warum verschwindest du auch immer?“, fragte ich sie und sie hockte sich hin, zog mit ihren Fingern Kreise auf dem Boden.

„Ich bin eben nur da, wenn es nötig ist.“

„Es ist immer nötig!“

„Nein.“

„Doch“, protestierte ich und mir traten Tränen in die Augen. Sie war mein Leben, aber sie kam und ging, wann sie wollte. Ohne sie fiel mir das Atmen schwer, ich konnte mich nicht konzentrieren, meine Arbeit nicht vernünftig machen. Der Junge war ein Ersatz gewesen und er hatte einige Monate geholfen, aber nun brauchte ich sie so dringend wie ein Mörder seine Waffe. Nichts funktionierte mehr. Ich war ohne sie völlig allein. „Bleib hier, für immer“, murmelte ich, doch sie schüttelte den Kopf.

„Du brauchst mich nicht immer. Dann werde ich langweilig“, sagte sie und lächelte. „Wenn es nötig ist, bin ich da. Sonst musst du dir jemand anderen suchen. Aber töte sie nicht, es tut dir weh und am Ende musst du weinen.“

Ich schluckte den Schmerz herunter, unterdrückte meinen inneren Protest. Dann kam sie zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange. Es fühlte sich heiß an, dort wo sie mich berührte. Ihre zarten Lippen waren wie Wundsalbe. Ich schloss die Augen und als ich sie öffnete, sah ich, wie sie ging. Nicht wie normale Menschen durch die Tür, sondern durch die Fensterfront. Dann verschwand sie. Vermutlich für eine lange Zeit.

Erschöpft sank ich auf meinem Stuhl zusammen. Es juckte mich in meinen Fingern. Tausend Bilder rasten durch meinen Kopf. So war es immer, wenn sie auftauchte. Rasch wandte ich mich dem Tisch zu. Der Skizzenblock lächelte. Ich nahm einen Stift hervor und begann zu zeichnen. Strich um Strich fügte sich aneinander. Schon lange war es nicht mehr so leicht gewesen.

Sie war eine meiner vielen Musen, aber sie kam nur manchmal zu mir. Nur manchmal, wenn ich eine andere Muse aufgab oder verlor und verzweifelt auf das leere Blatt starrte.

Manche sagten, ich sei verrückt, aber Kunst funktioniert nur so. Mit dem Verrücktsein verdiente man Geld und ich war ausgezeichnet darin, besonders wenn ich sie zeichnete. Alle liebten die Frau mit den Katzenaugen und dem azurblauen Umhang, der wie ein Federkleid ihren Körper schmückte. Sie war ein Teil von mir, ein Teil meiner ureigenen Realität.


Beitragsbild: Mika M. Krüger