Schreibarbeit

Warum Self-Publishing? Hürden des Eigenverlags

Über Self-Publishing wird viel diskutiert. Für Autoren ist es die Möglichkeit, das eigene Buch nach eigenen Vorgaben herauszubringen. Für Verlage sind Eigenverleger ernst zu nehmende Konkurrenz und Leser wissen oft nicht, was sie von dem Ganzen nun eigentlich halten sollen. Mein Beitrag möchte einige Unklarheiten beseitigen, kann jedoch keinesfalls Vollständigkeit bieten. Denn sind wir mal ehrlich, dieses Thema ist so vielfältig, ich könnte ein Buch im Format von Herr der Ringe darüber schreiben.


Self-Publishing, im Deutschen auch Eigenverlag oder Selbstverlag, ist jedem inzwischen ein Begriff. Es ist eine Variante des Verlegens von Büchern. Dabei tritt der Autoren selbst in Vorkasse und veröffentlicht ohne die Unterstützung eines Verlags seine Bücher. Ob ebooks, Hörbücher oder Taschenbücher spielt dabei keine Rolle. Alles ist machbar. Autoren werden so zu Unternehmern. Sie kümmern sich nicht nur um das Schreiben des Buches, sondern auch um den Druck, die Vermarktung, den Kontakt mit der Presse, das Netzwerken und alles andere, was so anfällt. Man kann also sagen, die gesamte Verantwortung für die Qualität und den Erfolg des Buches lastet auf den Schultern der Autoren und es stellt sich die Frage: Wie schafft man das und was hat man davon?


Self-Publisher als Marketingspezialisten

Im Grunde genommen ist es heute ganz einfach, ein Buch zu veröffentlichen. Nehmen wir an, wir haben einen fertigen Text, der mehrfach korrigiert/lektoriert worden ist und gehen davon aus, dass es schon ein fachmännisches Cover, einen guten Titel sowie einen guten Klappentext gibt. Wer an diesem Punkt angelangt ist, muss sich nur noch die Frage stellen: Wie will ich mein Buch veröffentlichen? Als Ebook oder Taschenbuch? Der Neuling wird sofort zum ebook greifen, denn das verursacht in der Regel keine großen Kosten. Man wählt einen der zahlreichen Distributoren* wie Neobooks, Amazonas Kindle Publishing, Tolino Media und schon kanns losgehen. Distributoren Homepage öffnen, Daten einpflegen, was bis zu einen Tag dauern kann, dann drückt man auf „veröffentlichen“ und den Rest übernimmt das Team von bspw. Neobooks. Danach sollte sich das Buch im besten Fall ganz von selbst verkaufen. Sieht ja schön aus und macht was her, das Büchlein! Aber genau so funktioniert es nicht. Im Titel dieses Beitrags ist nicht umsonst das Wort „Hürden“ aufgeführt. Und von Schreibblockaden oder ganz klassischen Problemen des Schreibens ist hier gar nicht die Rede. Sowas kann sich ein Self-Publisher nämlich nicht leisten (siehe letzter Abschnitt).

Die grundsätzliche Hürde des Self-Publishing besteht nicht etwa darin, ein Buch zu veröffentlichen, sondern es zu verkaufen. Wie kann ich mein Werk im Amazonas der Bücherwelt sichtbar machen? Ich muss euch enttäuschen, auf diese Frage habe ich kein Patentrezept. Das gibt es auch nicht. Wer mehr darüber wissen will, schaut einfach mal auf die Seite von Matthias Matting, der sich ausführlich damit beschäftigt. Fakt ist, Autoren sollten im Eigenverlag auch die Rolle eines Marketingspezialisten übernehmen, obwohl sie sich dessen sehr wahrscheinlich nicht bewusst sind. Und Marketing ist harte, schweißtreibende und undankbare Arbeit. Es macht überhaupt keinen Spaß. Ganz ehrlich. Null, nada. Wer weiß, wie schwer es ist, bei einem Bewerbungsgespräch auf die eigenen Stärken zu verweisen, hat eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, das eigene Buch öffentlich als „kaufbar“ anzupreisen. Egal, ob man davon überzeugt ist oder nicht. Doch gerade das ist für Self-Publisher notwendig. Während man inzwischen überall freie Lektoren oder Coverdesigner findet, bin ich noch nicht über einen freien Werbespezialisten für Autoren gestoßen. Diesen Part übernehmen normalerweise Agenturen oder Verlage. Wer sich damit absolut nicht anfreunden kann, für den ist Self-Publishing nicht rentabel und wahrscheinlich nur Spaß an der Freude. Ein gelungenes Beispiel für gutes Marketing ist das Autorenprofil von Ilona Bulazel. Ihre letzte Buchankündigung bekam viel Zuspruch und niemand moniert, dass es sich im Grunde um ein Buch im Eigenverlag handelt. Merkt man ja auch nicht. Sieht alles top aus.


Warum eigentlich Self-Publishing?

Eine heikle Frage, die Autoren und Außenstehende völlig gegensätzlich beantworten. Autoren sagen: Weil ich mein eigener Herr sein will. Außenstehende sagen: Weil vom Verlag abgelehnte Autoren auf Teufel komm raus, ihr eigenes Buch veröffentlichen wollen. Wie bei allen Dingen liegt die Wahrheit in der Mitte. Ja, es gibt viele Autoren, die abgelehnt werden und einige davon veröffentlichen ihr Buch dann in Eigenregie, doch die Gründe für eine Ablehnung sind vielfältig. Es geht nicht immer nur um schlechte Qualität. Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wenn das Unternehmen Verluste wittert, wird eine Annahme verweigert, ansonsten kann es nicht haushalten. Ein Text, der nicht massentauglich ist, hat es beim Verlag demnach schwer, egal, ob gut oder nicht.

Ich habe mich insgesamt mit zwei Manuskripten direkt beim Verlag beworben und ja, ich habe Absagen bekommen. In meinen Absagen standen Dinge wie: Science-Fiction verkauft sich in Deutschland nicht gut (das war 2010 also vor Tribute von Panem) oder die Geschichte hat keinen Handlungsrahmen (2012 für das Manuskript „Das Geschick meines Feindes“). Ersteres war niederschmetternd, letzteres hat mir gezeigt, dass ein Verlag Geschichten mit einem bestimmten Schema sucht. Wer einen Thriller schreibt, sollte sich inhaltlich von Fitzek, Dan Brown oder anderen bekannten Größen inspirieren lassen und es ähnlich machen. Was der Leser kennt, kauft er auch, ist die Devise und funktioniert besonders gut bei Liebesromanen. Ein Buch mit zu individuellem Charakter ist nicht gern gesehen. Lange Rede kurzer Sinn. Verlage haben ihre eigenen Richtlinien, Vorstellungen, Ideen. Sie möchten das Cover bestimmen und ggfs. in das Werk selbst eingreifen, wenn sie es für richtig halten. Veränderungen können massiv oder gering ausfallen, je nach Manuskript. Autoren, die genau das nicht wollen, werden von sich aus auf eine Bewerbung beim Verlag verzichten. Die Hürde besteht dann darin, nicht als frustriert und qualitativ schlecht abgestempelt zu werden.


Veröffentlichung am Fließband

Ich bin weder ein fanatischer Anhänger von Self-Publishing noch ein jemand, der Verlage bejubelt. Jede Art der Veröffentlichung hat seine Vor- und Nachteile. Allerdings ist mir in den letzten Monaten eine Tendenz aufgefallen, die mich beunruhigt. Es ist kein Geheimnis, dass wir in Zeiten, wo neue Smartphones alle halbe Jahr auf den Markt geworfen werden und wir ein Überangebot von Luxusgütern haben, schnell, schnell etwas NEUES haben wollen. Ein Verlag sieht das nicht so eng, sie haben mehrere Bücher zur Auswahl, wenn ein Autor mal ein Jahr braucht, kein Problem. Im Self-Publishing ist das nicht so leicht. Ein Buch hat eine Halbwertszeit von drei Monaten. Danach ist es in den Listen von Amazonas und Co. verschwunden und die Verkaufszahlen gehen gegen null. Wer Self-Publisher ist, muss also Bücher wie am Fließband produzieren. Drei Bücher oder mehr im Jahr sind keine Seltenheit. Zu diesem Thema habe ich eine ganz klare Meinung: Ein in drei Monaten geschriebenes Buch kann niemals die Qualität eines Verlagswerkes haben. Schreibprozess, Lektorat, Korrektorat, Buchdruck, das alles geht nicht von heute auf morgen. Sicher kann man Routinen entwickeln und Bücher mit ähnlichem Konzept immer wieder produzieren, aber ist das wirklich sinnvoll? Ich weiß es nicht. Ich finde, das ist purer Stress. Mir ist klar, dass es aus kurzer Sicht gesehen, Sinn macht, so zu verfahren, bin aber der Ansicht, dass ein handfestes Werk Zeit braucht, anderenfalls können (müssen nicht) Bücher entstehen, die das negative Bild von Self-Publishing stärken. Ein Baum braucht hundert Jahre, um so hoch zu wachsen, dass wir staunend vor ihm stehen bleiben. Ein Buch vielleicht auch.

+Mika+


*Distributoren sind Anbieter, die meist online das Veröffentlichen und Vertreiben von Büchern ermöglichen.

Weiterführende Links:

Über Self-Publishing in Zeit Online.

Die Self-Publisher Revolution?!

Beitragsbild: www.literalis.net aus flickr.com

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Ihr seid gefragt II

Liebe Leser, Interessierte und Neugierige

auf diesem Blog findet ihr Beiträge über Literatur. Ob Artikel über die Technik, Leser das Gruseln zu lehren, den Schreibprozess an sich oder auch Eindrücke, die ich in meiner Zeit als Autorin gewinnen konnte, alles ist dabei. In letzter Zeit habe ich zahlreiche Ideen für Blogbeiträge, aber nicht genug Zeit, um tatsächlich alle aufzuschreiben. Deshalb frage ich heute euch, was ihr gern lesen wollt. Zur Auswahl stehen drei verschiedene Themen, die ihr unten in der Umfrage seht. Das erste Thema dreht sich vor allem um die Frage, was es zu beachten gilt, wenn man über Kulturen schreibt, die man selbst nicht kennt. Darauf gebracht, hat mich eine Diskussion im Writers Inn bei Facebook. Das zweite Thema ist ein Beitrag über mein Romanprojekt und die Hauptfigur darin. Ich werde jedoch nicht nur auf die Figur eingehen, sondern auch einige interessante psychologische Aspekte zur Sprache bringen, die bspw. zur Entwicklung von Figuren interessant sein können. Das letzte Thema soll sich vom Schwerpunkt her mit Self-Publishing und einigen Vorurteilen dieser unbeliebten Branche auseinandersetzen. Ich werde aus der Sicht der Autorin und des Leser schauen, warum der Eigenverlag noch immer unbeliebt ist und welche Hürden es gibt.

Jetzt bitte ich euch, einfach das anzuklicken, was euch am meisten interessiert. Immerhin will ich euch nicht langweilen. Vielen Dank schon im Voraus für die Teilnahme. Ich wünsche euch einen wundervollen Freitag und gebe euch ein düsteres „Krächz“ mit auf den Weg.

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Schreiben, das kann doch jeder!

In diesem Beitrag geht es um etwas Persönliches. Um meine Erfahrung mit dem Schreiben. Es geht nicht darum, wie ich schreibe oder warum, sondern darum, wie ich mich fühle, wenn ich über meinen Traum spreche. Ich sehe euch schon die Stirn runzeln: „Ist das jetzt auch so ein Blogeintrag bei dem gejammert wird was das Zeug hält?“ Ich kann euch beruhigen, das ist es nicht. Ich möchte euch von einem Dilemma berichten, das nicht so ungewöhnlich ist, wie es auf den ersten Blick scheint.


Beginnen wir mal ganz am Anfang. Es war einmal … Okay, okay, das würde zu lange dauern und nicht zielgerichtet sein. Der Anfang dieses Blogeintrags beginnt vielmehr mit mir und meiner derzeitigen beruflichen Situation. Einige haben es im Blog bereits verfolgt, im August 2015 habe ich mein Studium abgeschlossen und war plötzlich vogelfrei. Im Gegensatz zu vielen anderen, wusste ich sofort, was ich nach dem Studium machen will: Teilzeit arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig schreiben zu können. Es war ein Gefühl von grenzenloser Euphorie nach sieben Jahren Studium endlich das tun zu können, was ich immer tun wollte. Die Realität sieht natürlich etwas anders aus. Wer hat schon Lust nach einem harten Arbeitstag abends noch in die Tasten zu hauen? Ich geb’s zu, ich nicht. Trotzdem schreibe ich viel und sehr regelmäßig. In erster Linie, weil ich daran glaube, dass es irgendwo da draußen Menschen gibt, die mit meinen Geschichten Spaß haben können. Als Autorin bin ich streng genommen Entertainer. Immer am Überlegen, wie ich die nächste Szene so eindrücklich wie möglich über die Bühne bringe. Wenn ich Wörter zusammensetze, habe ich mein Publikum immer vor Augen und stelle mir die Reaktionen vor. Berührt, schockiert, belustigt oder wütend? Das bereitet mir ungeheure Freude und treibt mich zu Höchstformen an.

Trotz alledem fällt es mir bis heute schwer, über das, was ich tue, zu sprechen. Das ist mein Dilemma und ein Widerspruch in sich. Am liebsten würde ich in die Welt hinausrennen und euch alle mit meinen Geschichten, ja, nennen wir es beim Namen, nerven. Meine Reaktion ist dann leider das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche. Ich bleibe sitzen und behalte alles für mich. Sind ja eh nur meine dummen Ideen, oder?

Ich habe mich gefragt, warum das so ist? Andere plappern doch auch einfach drauflos. Ein Grund liegt auf der Hand: Ich gehe nicht den normale Lebensweg, sondern einen ungewöhnlichen, unsicheren. Kaum jemand wird anerkennend nicken, wenn ich ihm von meinen Zukunftsplänen berichte, es bricht viel eher betretenes Schweigen aus. Das gilt nicht nur für den Beruf des Autors, sondern genauso für all die anderen Kreativen im Bereich der Kunst oder Musik. Unser täglich Brot hat einen großen Nachteil: Es hat keinen konkreten Nutzen. Wer Hunger hat, muss essen. Wer zur Arbeit will, braucht ein Zugticket oder ein Auto. Bilder, Bücher, Lieder sind im Gegensatz dazu Luxusartikel, die für den Alltag nicht  überlebensnotwendig sind. Sie sind das Toping und das kann auch mal wegbleiben.

Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass angehende Autoren skeptisch beäugt werden. Aber nicht nur deshalb. Ein weiterer Faktor ist der folgende Gedanke: Schreiben, das kann doch jeder. Dazu braucht man nur einen PC und eine Tastatur, dann reiht man fleißig ein paar Wörter aneinander und schon … ist ein Roman aus dem Hut gezaubert. Kann ja nicht so schwer sein. Autoren wie Stephen King oder J. K. Rowling haben Talent! Die sind etwas Besonderes. Für alle anderen ist schreiben nur ein Hobby und mit dem lässt sich bekanntlich nichts verdienen. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Ach, ich gehe regelmäßig schwimmen und jetzt möchte ich davon leben. Die fünfzig Bahnen, dafür kann man mich ruhig bezahlen. Also die, die zugucken und sehen, wie außerordentlich grazil ich schwimme, meine ich.

Eine meiner Autorenkolleginnen sagte mal zu mir, dass sie sich als richtige Autorin gefühlt hat, als sie sich selbstständig machte. Das ist etwas Offizielles wie ein Studienabschluss oder ein Zeugnis. Den Titel Anwalt führt man zu recht, der Titel Autor lässt sich im Gegensatz dazu nicht bescheinigen. Man wird Autor über Nacht. Manche sagen, man habe erst ein Recht darauf, sich Autor zu nennen, wenn man eine Veröffentlichung vorweisen kann. Andere sagen, jeder, der schreibt, ist Autor. Mir ist das, ganz ehrlich, völlig egal. Ich weiß nur, dass ich meiner Tätigkeit einen Namen geben möchte. Ich bin Autorin, weil ich schreibe. Ich schreibe, weil ich Autorin bin. Warum ich also nicht über meinen Beruf sprechen kann, liegt in der Sache selbst begründet. Der Beruf Autor ist nicht verifizierbar.

Ein weiterer Hemmschuh bin ich selbst. Ja, richtig, ich selbst. Hat lange gedauert, mir das einzugestehen. Ich habe mir seit jeher mehr Unterstützung gewünscht. Wie habe ich mir diese Unterstützung vorgestellt? Von der simplen Frage nach dem: Was schreibst du grad?, bis hin zur Mund zu Mund Propaganda, weil meine Geschichten Begeisterung erwecken, wäre mir alles recht gewesen. Doch es kam nur wenig und ich fühlte mich abgelehnt und fragte mich, ob ich etwas falsch mache oder noch schlimmer, ob ich nicht weniger wert bin als beispielsweise der erfolgreiche Anwalt. Das klingt verrückt, aber solche Sachen kamen mir in den Kopf und ich denke, einigen unter euch geht es ähnlich.

Fakt ist: Seitdem ich offener mit meinem Wunsch zum Schreiben umgehe, bekomme ich mehr Resonanz als jemals zuvor. Wieso? Weil Begeisterung abfärbt. Ein graues Mäuschen wird neben dem schillernden Prachtexemplar einfach untergehen. Es ist also gar nicht so wichtig, sich zu fragen, ob wir anderen gerecht werden. Viel wichtiger ist es, sich einzugestehen, dass das Schreiben ein wichtiger Teil von uns ist, an den wir selbst glauben.

In dem Sinne wünsche ich euch allen noch einen erfüllten Valentinstag. Ich bin ja nicht so die Romantikerin, aber ein Schokoherz lässt auch mich weich werden. ;P

+Mika+

Valentinsraben

PS: War euch der Beitrag zu philosophisch? Keine Angst, solche Ausbrüche passieren mir höchstens alle paar Monate, ach nein Wochen. Wenn ich es mir recht überlege, passiert das alle paar Tage. Okay, ich bin ehrlich … stündlich.


 

Quellen:

Beitragsbild

Raben mit Herz

Schreibarbeit

Ist Mystery ein Genre?

Wer fragt: „Was liest du eigentlich so?“, der erwartet als Antwort einen bestimmten Autor, Buchtitel oder aber ein Genre. Fantasy, Krimi, Science-Fiction, Liebesroman. Das sind Genrebegriffe mit denen wir eine bestimmte Vorstellung verbinden. Sie sagt uns, welchen Geschmack unser Gegenüber hat. Doch wie ist das bei Mystery? Ist unsere Vorstellung da auch so eindeutig, oder reden wir bei diesem Begriff möglicherweise aneinander vorbei?


Was bedeutet Mystery?

Vor wenigen Tagen hätte ich die oben gestellten Fragen mit einem „Nein“ beantwortet. Mystery, da weiß doch jeder was gemeint ist. Eine düstere Szenerie mit übernatürlichen Dingen und einer geheimnisvollen Geschichte. Wenn es jedoch so einfach wäre, bräuchte ich diesen Beitrag nicht schreiben. Eine Diskussion in der Facebookgruppe Recherche-Pool brachte mich darauf, dass nicht jeder meine Meinung teilt. Bevor ich jedoch das Pferd von hinten aufzäume, fange ich ganz klein an. Bei dem Begriff „mystery“.

Es ist eindeutig, dass das Wort „mystery“ aus dem englischen Sprachraum stammt. Es begegnet uns auf TV-Sendern wie RTL, Prosieben und Kabel eins. Ein Schlagwort mit dem Serien wie Akte X, Fringe oder auch Supernatural eingeleitet werden. Alles Serien, die ich selbst mit mal mehr mal weniger Genuss konsumiert habe. In einem Englischwörterbuch werden wir jedoch vergeblich nach den Worten „Randgebiet“* oder „übernatürlich“ suchen. Als deutsche Übersetzung finden wir dort Wörter wie Geheimnis, oder Rätsel. Also etwas Unbekanntes, das neugierig macht und entschlüsselt werden will. Soweit so gut, das deckt sich ja schon mit dem deutschen Pendant Mysterium.

Wer sich nun die Mühe macht und das meist zitierte Internetlexikon Wikipedia  zu Rate zieht, wird feststellen, dass wir den Begriff Mystery im Bereich der Literatur trotzdem „nicht korrekt“ verwenden (wir bösen Fremdsprachenlerner wir!). Mystery ist im Grunde genommen ein „false friend“ wie handy, lyrics oder realise. Ein Phänomen, das hitzige Diskussionen auslösen kann, die meist darauf hinauslaufen, dass wir der englischen Sprache eben doch nicht mächtig sind.  Dabei ist diese fehlerhafte Übertragungen ganz normal und passiert auch mit deutschen Wörtern, zum Beispiel im Japanischen (arubaito für Arbeit als Nebenjob). Nun aber zurück zum eigentlichen Thema.


Mystery in der englischen Literatur

Inwiefern verwenden wir Mystery nun eigentlich nicht korrekt? Darauf gibt es eine klare Antwort: wir (es gibt sicher Ausnahmen) bringen es mit etwas Übernatürlichem in Verbindung. Das englische Original meint allerdings einen Kriminalroman im Stil von Sherlock Holmes oder Agatha Christies Romanen. Es geht vordergründig um das Lösen eines Rätsels. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass mystery novel im Deutschen als Kriminalroman übersetzt werden kann. Wir hingegen  denken ganz unweigerlich an düstere Schauplätze mit unerklärlichen Vorkommnissen. Ganz so, wie es sich RTL und Co sich wünschen. Unsere Vorstellung tendiert daher eher weniger in Richtung Krimi, sondern zu Psychothriller oder auch Horror.

Meine Autorenkollegin Stella Delaney hat festgestellt, dass sich Genrebezeichnungen immer dann von ihrem englischen Pendant unterscheiden, wenn sie sich bereits eigenständig entwickelt haben (Romance vs. Romanze oder auch Mystery vs. Kriminalroman). Begriffe, die allerdings direkt aus dem Englischen übernommen worden sind, sind häufig identisch, da die Genredefinition mitgenommen worden ist (Sci-Fi oder Fantasy).


Warum es keine klaren Genregrenzen gibt

Doch damit nicht genug des Mysteryhorrors, denn Tatsache ist, dass der Genrebegriff Mystery in der deutschen Literatur bis jetzt kaum Bedeutung hat. Die Ursache dafür fasst das folgende Zitat aus Buecher-wiki treffend zusammen:

Mystery ist eine unscharfe Sammelbezeichnung für erzählende Literatur an der Schnittstelle von Kriminalroman, Fantasy, Horrorliteratur und historischem Roman, selten von Science Fiction. (Buecher-wiki, siehe Quellen unten)

Kurz: Das Genre hat noch keine eindeutige Definition. Autoren mit geisterhaften und düsteren Themen, die einen geheimnisvollen Hintergrund beleuchten, müssen sich also entscheiden: Entweder Krimi oder Horror oder Fantasy oder Science-Fiction. Ein Bücherregal mit der Aufschrift Mystery finden wir bei Thalia oder Amazon nicht. Ich persönlich finde keines der Genre passend. Natürlich können wir uns darüber streiten, ob es denn überhaupt nötig ist, ein Genre festzulegen. Macht es Sinn, dass wir Bücher in Schubladen legen, aus denen sie nicht ausbrechen können? Ich sage Ja. Für die Kommunikation ist es notwendig, dem Gegenüber klar machen zu können, von was man gerade spricht. „Ich lese gerade einen Fantasyroman“ heißt also: Ich lese gerade ein Buch, das in einer Welt spielt, in der die Gesetze unserer realen Welt ausgehebelt werden. Mein Buch Sieben Raben stellte mich jedoch genau vor dieses Problem der Genrebezeichnung. Es ist märchenhaftes Mystery mit Aspekten eines Kriminalromans. Horror? Nein. Kriminalroman? Nein. Thriller? Keinesfalls. Deshalb habe ich mich entschieden, es dem bisher noch unscharfen Genre Mystery zuzuordnen.


Was macht Mystery aus?

Versuche ich das Ganze in ein paar Sätzen zusammenzufassen. In einem Mystery Roman geht es damit um das Lösen eines Geheimnisses. Das kann in Form eines Verbrechens, einer übernatürlichen Macht oder einem Rätsel vorliegen. Die Sprache ist atmosphärisch dicht und eindeutig dunkel/negativ. Zudem ist auch die Szenerie geheimnisvoll wie es beispielsweise in Neil Gaimans Romanen zu finden ist. Im Gegensatz zu Horror geht es also nicht vorrangig darum, den Leser mit Abartigkeit zu schockieren, sondern ihn vielmehr in eine finstere Welt zu führen. Ein Kriminalfall an sich jedoch ist nicht sofort Mystery, denn erst, wenn Sprache, Szenerie und Thema mysteriös sind, haben wir die Kombination, die Mystery ausmacht. Aber wie bei allen Definitionen, gibt es nicht etwa eine Schablone, die nachgezeichnet werden kann, sondern einen Rahmen, in dem wir uns völlig frei entfalten können.

In dem Sinne verabschiede ich mich von euch mit Zitat von Neil Gaiman aus Coraline im englischen Original:

She will take your life and all you are and all you care’st for, and she will leave you with nothing but mist and fog. She’ll take your joy. And one day you’ll awake and your heart and your soul will have gone.


* In dem konkreten Zusammenhang der Serie bedeutet fringe Grenzgebiet der Wissenschaften.

Weiterführende Links:

Mysterynet (Englisch)

Scholastic (Englisch)

Buecher-wiki

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Warum Romane Gegner brauchen

… und eine schlechte Rezension kein Weltuntergang ist …

Habt ihr schon mal ein richtig schlechtes Buch gelesen? Eins, wo ihr nach zehn Seiten abbrechen musstet und dachtet: „Was zum Teufel hat sich der Autor denn dabei gedacht?“ Und ist euch im gleichen Moment klar geworden, dass das Buch in euren Händen von unzähligen Menschen abgöttisch geliebt wird? Ja? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um ein Buch handelt, welches polarisiert. Ein Buch, das die einen lieben und die anderen hassen. Um dieses Phänomen dreht sich mein heutiger Beitrag. Ich behaupte, dass Bücher, die Fans und Feinde haben, erfolgreicher sind als solche, die keine Emotionen in uns auslösen.


Wenn Bücher kontrovers diskutiert werden

Es kommt nicht oft vor, dass wir einen Roman verabscheuen. Viel häufiger mögen wir ein Buch oder halten es für durchschnittlich. Trotzdem lösen manche Bücher in uns Gefühle aus, die negativ sind und dazu führen können, dass wir mit den Augen rollen, sobald wir den Titel irgendwo lesen, hören oder sehen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg und man kann sich schon fragen, wieso wir diesen negativen Gefühlen so viel Raum geben. Es ist ja doch nur ein Buch, oder?

Was Kritik angeht, bin ich ein gemäßigter Typ. Ich bin streng, aber sehe in jedem künstlerischen Werk etwas Gutes und weiß, dass der Künstler Zeit, Schweiß und Selbstzweifel überwunden hat, um sein Produkt zu schaffen. Aber auch ich kenne ein Buch, das mich in den Wahnsinn treibt, weil ich es grauenhaft schlecht finde. Trotzdem ist es in aller Munde. Den Titel werde ich nicht verraten, nur so viel, es ist ein Buch, das als Fanfiction Werk geschrieben worden ist. Doch was genau stört mich daran? Es ist nicht nur der Schreibstil oder der klischeehafte Inhalt, es die Tatsache, dass es trotz der offensichtlichen Fehler eines der erfolgreichsten Werke der letzten Jahre ist. Es ist einfach überall. Ich kann nicht durch die Stadt laufen ohne über den Titel böse zu stolpern.

Meine These leitet sich daraus ab. Wir ärgern uns nicht etwa über das Buch selbst, das wir aus subjektiven Gründen schlecht finden, sondern darüber, dass es im Gegensatz zu unseren Lieblingsbüchern, so viel häufiger angepriesen wird. Wir wollen plötzlich, dass die Welt begreift, dass DAS BUCH DA ganz grauenhaft ist und es viel bessere Literatur gibt. Doch genau das Gegenteil passiert: Mit unserem öffentlichen Protest verschaffen wir dem Werk noch mehr Aufmerksamkeit, denn wer Kritik übt, bekommt etwas zurück. Von Fans. Es entsteht eine heftige Diskussion und zwei gegensätzliche Pole kristallisieren sich heraus. Jeder ist fest davon überzeugt, dass er im Recht ist. Das Buch rückt ins Zentrum des Interesses, wie so manches gesellschaftliches Problem, und ehe wir uns versehen, ist es auf Plakaten, auf der Arbeit (im Gespräch), im Kino und anderswo. Ein Kreislauf, der sich nicht durchbrechen lässt. Und am Ende steht ein Werk, das wir für schlecht halten, das aber doch jeder kennt. Gemäßigte Stimmen gibt es nur selten, denn jeder hat eine Meinung dazu. Entweder oder. Ein Dazwischen gibt es nicht. Tatsache ist, so ein Werk verkauft sich blendend. Frank Schätzing sagte dazu in einem Interview, dass nur Bücher Erfolg haben, die kontrovers diskutiert werden, denn „wer nicht polarisiert, ist nicht relevant.“


Eine schlechte Rezension muss nicht schädlich fürs Geschäft sein

Nun komme ich zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags. Im Laufe der letzten drei Jahre, in denen ich mich in Autorenforen, auf neobooks, Facebook und anderen Onlineportalen herumgetrieben habe, ist mir eines aufgefallen: Manche Autoren vertragen keine Kritik, weil sie glauben, negative Kritik ist schädlich für den Verkauf oder wertet das Buch ab. Tatsache ist, dass diese Angst nur im Kopf eines Autors existiert, aber nicht in der Wirklichkeit. Anschließend zwei Fälle dazu:

Fall eins: Eine Autorin, die in unangenehmer Art und Weise ihr Werk bis aufs Blut verteidigt

Die Autorin hatte einen provokativen Roman über Borderline geschrieben, in dem sich eine Frau in einer Traumwelt befand, in der alles möglich war. Brutaler Sex inbegriffen. Einige Leser äußerten mehr oder weniger ungehalten, dass so etwas geschmacklos ist. Das ist harte Kritik, die jeder erstmal verdauen muss. Eine Nacht darüber schlafen ist die beste Medizin. Die Reaktion der Autorin war jedoch unüberlegt. Sie kommentierte die Rezensionen mit den Worten: Es handelt sich um eine Traumwelt, in der alles möglich ist. Wer das nicht versteht, ist „dumm“. Den Wortlaut hat sie mehrfach wiederholt.

Und? Würdet ihr nach der Reaktion noch eines von ihren Büchern lesen wollen? Ich denke nicht. Da liegt dann auch der Hase begraben. Eine solche Überreaktion schreckt ab und schadet dem Verkauf mehr als die Rezension selbst.

Fall zwei: Ein Autor, der die Kritik nutzt, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der Autor hatte ein Science-Fiction Werk geschrieben. Soweit ich mich erinnern kann, ging es um Zeitreisen. Im Detail wurde die Maschine beschrieben, die diese Reise ermöglicht und das war streckenweise langweilig. Viele Leser haben diesen Punkt kritisiert. Der Autor griff diese Kritik auf und postete in regelmäßigen Abständen Beiträge, in denen er sein Buch als „polarisierend“ anpries. Er stellte beide Pole gegenüber und überließ uns die Entscheidung, welcher Meinung wir uns anschließen.*

Jetzt erneut die Frage, würdet ihr dieses Buch lesen? Vermutlich eher als das Werk aus dem obigen Beispiel. Im Endeffekt habe ich die ersten Seiten des Buches nur gelesen, weil mich interessiert hat, worüber die anderen eigentlich diskutieren. In kurzer Zeit erstürmte das Buch die neobooks Verkaufscharts und stand lange Zeit auf Platz eins.

So viel zur negativen Wirkung von schlechten Rezensionen oder auch Kritik. Was daraus wird, liegt in der Hand des Autors, nicht in der Hand des Lesers.

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Einige abschließende Worte und der Versuch eines Fazits

Ein Buch, das Aufmerksamkeit bekommt, verkauft sich besser. So banal diese Erkenntnis klingt, so schwierig ist es, diese Aufmerksamkeit zu erlangen. Ein wichtiger Faktor zum Erfolg sind Bewertungen. Egal ob positiv oder negativ. Nichts ist schlimmer als ein Buch ohne jede Kritik. Denn das suggeriert uns, dass niemand sich dafür interessiert. Außerdem gibt es viele, die einem Buch mit nur guten Rezensionen skeptisch gegenüberstehen. Das liegt in der Natur der Sache. Literatur ist subjektiv. Ab einer bestimmten Anzahl von Rezensionen ist es ganz normal, auch negative Kommentare zu erhalten. Nicht selten widersprechen sich die Rezensenten sogar und ein verzweifelter Autor fragt sich dann stets, was soll ich eigentlich noch glauben? Wie kann ich ein Werk schreiben, das jedem gefällt? Kurz und knapp: Geht nicht. Ist unmöglich. Wird nicht passieren. Selbst Harry Potter hat seine Feinde. Deshalb ist mir als Autorin eine ehrliche Meinungen lieber als eine Beweihräucherung meines Buches.**

Ihr findet meine Meinung unsinnig? Dann nutzt das Kommentarfeld und tobt euch aus. Wenn euch gefallen hat, was ihr gelesen habt, freue ich mich, wenn ihr meinen Beitrag teilt. In dem Sinne, wünsche ich euch einen wundervollen dritten Advent.

+ Mika  +


Beitragsbilder: Mika M. Krüger

Comic von islieb.de.

*Mir hat da Buch letztendlich nicht gefallen, aber das steht auf einem anderen Blatt geschrieben

**Auch ich muss nach jeder harten Kritik schlucken und beginne, an mir selbst zu zweifeln.