Dystopie: Gesellschaftskritik und Ich-Erzähler

Ein Testleser schrieb an den Rand meines Manuskriptes folgende Frage: „Ist es genretypisch, wenn deine Geschichte aus der Sicht von mehreren Personen geschrieben ist?“ Eine Frage, die mich ins Grübeln brachte. Ganz automatisch ging ich alle dystopischen Romane durch, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und fragte mich, wie viele Blickwinkel verschiedener Personen dort zu finden sind. Das Ergebnis: die meisten zeigen nur einen. Deshalb habe ich mir dazu Gedanken gemacht, wieso dem so ist und diese hier für euch festgehalten.


Was ist eine Dystopie?

Fangen wir erst einmal klein an und wagen uns an eine Definition des Genres Dystopie. Wie bei jedem Genre, ob in der Literatur, der Kunst oder dem Film sind die Begriffsgrenzen nicht scharf und gerade, sondern eher ausgefranst und krumm. Wer ein Genre so halbwegs begreifen möchte, müsste eine Doktorarbeit schreiben und Buch um Buch um Buch durcharbeiten. Das ist für einen Blogbeitrag natürlich nicht möglich, daher beschränke ich mich auf die wesentlichen Fakten und würde mich freuen, wenn im Anschluss eine Diskussion entsteht.

Die Dystopie ist eine Unterkategorie von Science-Fiction. Es geht in Geschichten dieses Genres um Zukunftsvisionen, die ein negatives Gesellschaftssystem zeigen. Kurz, unsere Gegenwart entwickelt sich zu etwas Schlechtem. Meist erwachsen diese Systeme aus einer utopischen und gut gemeinten Grundidee. Zum Beispiel: „Alle sollten gleich sein“, „Weniger Krieg durch das Ausschalten von Gedanken“, „Weniger Kriminalität durch Kontrolle“. Als Autor stellt man sich die Frage, was ist, wenn sich die Dinge in der heutigen Gesellschaft so entwickeln, dass daraus morgen Y entsteht. Künstliche Intelligenz, das Aufkommen des Internets oder aber auch die Ausbeutung der Natur können Themen sein, die diese Gedankenspiele hervorbringen. Es entsteht also eine Welt, die auf unseren technologischen Errungenschaften und Gesellschaftsstrukturen basiert und diese Welt fungiert als Warnung. So könnte es aussehen, wenn wir nicht aufpassen. Die Kritik am heutigen System ist damit ein wichtiger Aspekt der Dystopie. Im Gegensatz zu Science-Fiction geht es zudem nicht vorrangig um die Wissenschaft, sondern um das soziale Zusammenleben und den Umgang mit den Gesetzen in dem System. Deshalb sind Dystopien meist düster und zeigen eine Welt, die schockiert und manchmal abgestumpft ist.

sci-fishibuya

Dieses Foto könnte glatt aus einem dystopischen Film stammen. Tatsächlich zeigt es einen Teil von Shibuya in Japan. Japanische oder ostasiatische Städte stehen oft Modell für Dystopien.


Exkurs: Der Ich-Erzähler und das Jugendbuch

Schaut man sich die Veröffentlichungen im Bereich Dystopie der letzten Jahre an, fällt besonders auf, dass es einen Boom im Bereich Jugendbuch gibt und zudem häufig aus der Perspektive eines Ich-Erzählers* berichtet wird. Die Protagonisten sind oft im Alter zwischen 15-20 Jahre und starten über kurz oder lang eine Revolution gegen das System. Durch das sehr persönliche „Ich“ wird die Distanz zu dem Erzählten aufgehoben und es entsteht eine unmittelbare und oft emotional tiefe Erfahrung. Gefühle werden dadurch direkt gezeigt. Diese Perspektive zu schreiben ist jedoch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Einige Autoren beschreiben, dass es ihnen besonders leicht fällt, im Ich-Erzähler zu schreiben (geht mir tatsächlich genauso). Das liegt meiner Ansicht nach in der Natur der Sache. Da wir im realen Leben auch in einem Ich denken, können wir diese Perspektive recht schnell einnehmen und die erzählten Empfindungen leichter erleben. „Ich schreibe einen Einkaufszettel.“, „Ich lese einen Blogeintrag.“, „Ich habe mich gestritten.“ Die Erfahrungen sind unmittelbarer und nicht so beobachtend wie im Er/Sie-Erzähler. Es ist demnach nicht verwunderlich, warum sich der Ich-Erzähler bei Autoren (und Lesern natürlich!) großer Beliebtheit erfreut. Vielen geht er ganz leicht von der Hand. Doch nur, weil es relativ schnell geht, die Worte zu Papier zu bringen, heißt das nicht, dass diese am Ende auch passend sind. Häufig vermischt sich nämlich unterbewusst die Autorenidentität mit der Erzähleridentität. Das ist jetzt nicht verboten und auch niemals vollständig zu verhindern, aber es kann dazu führen, dass die Persönlichkeit des Erzählers blass oder chaotisch wird.* Es ist schwer, als Autor genügend Distanz zum Ich-Erzähler zu bekommen, um diesen authentisch und logisch stringent zu schreiben. So natürlich auch in einem dystopischen Roman.
Im Jugendroman ist der Ich-Erzähler weit verbreitet. Das liegt, platt gesagt, einfach daran, dass junge Menschen sich mit einem Ich besser identifizieren können als mit einem übergeordneten Er/Sie. Ihre Welt dreht sich häufig um ihre Probleme, ihre Sorgen und ihre Ängste und deshalb lesen sie diese Texte lieber. Allerdings hat diese Perspektive eine ganz besondere Tücke. Ist einem der Erzähler unsympathisch, hat das Buch von vornherein verloren:

„Das kann ganz angenehm sein – vorausgesetzt, dass es sich beim Ich-Erzähler um einen sympathischen Zeitgenossen handelt. Aber man sollte nicht blind darauf vertrauen, denn auch düstere Ekelpakete haben mitunter die eine oder andere spannende Geschichte zu erzählen […]“ (Bücher Wiki)


Wieso ist der Ich-Erzähler für eine Dystopie so attraktiv?

Was ich oben geschrieben habe, wird für die meisten von euch keine Neuigkeit sein, aber ich hoffe, euch anschließend ein paar neue Denkanstöße geben zu können.

Welche Vorteile hat der Ich-Erzähler in einer Dystopie? Zum einen erklärt sich die ungewöhnliche Welt durch die Gedanken der Protagonistin von selbst, zum anderen bleibt offen, was die Umgebung plant. Welche Hürden auf dem Weg bis zum Ziel warten, bleibt dadurch offen und Handlungsverläufe können sich plötzlich, ohne ersichtlichen Grund ,ändern. Als Leser ist man dann genauso wenig informiert wie die Hauptperson und wird unerwartet von einer kritischen Situation in die andere hineingerissen. Noch dazu, ohne zu wissen, was genau diese Situation für Auswirkungen hat. Augenblicklich ist man involviert und fühlt mit den Protagonisten verbunden. Das erzeugt Spannung und macht neugierig auf mehr. Wir leiden mit, nehmen ungewöhnliche Fakten als gegeben hin und können uns recht schnell emotional auf die Illusion einlassen, die da erschaffen wird.

Aber gerade für die Dystopie finde ich diese Perspektive nicht immer ideal. Wieso? Was einerseits ein Vorteil sein kann, birgt auch Schwierigkeiten. Wer eine Geschichte nur aus einer Sicht erzählt, kann die Gedanken anderer Personen nicht einfließen lassen. Das ist keine neue Erkenntnis, ich weiß, aber sie ist im Bereich Dystopie nicht zu vernachlässigen. Eine Dystopie ist meist gesellschaftskritisch und eine Gesellschaft begreift man erst, wenn man die Sichtweise mehrerer Personen darin betrachtet. Ich denke, die Soziologen würden mir zustimmen, sie betrachten ja auch immer Gruppen und nicht Einzelpersonen. Aber gut, es geht jetzt natürlich nicht um eine wissenschaftliche Studie.

Wenn der Protagonist aus einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht stammt, erfahren wir die Gedanken dieser einen Person in dieser einen Schicht. Über andere Schichten oder Menschen erfahren wir nur etwas, wenn es durch Dialoge oder ähnliche Informationsquellen aufgedeckt wird. Zum Beispiel in Form von Propaganda. Der Ich-Erzähler berichtet sehr einseitig und konzentriert sich nur auf bestimmte Sachverhalte, die für ihn als Wahrheit gelten. Dadurch entsteht ein schwarz-weiß Muster. Andere Figuren in der Geschichte werden verteufelt oder in den Himmel gelobt. Je nachdem, ob die Hauptfigur mit diesen Menschen zurechtkommt oder nicht. Es fehlt eine objektive Meinung.

Hinzu kommt, dass es ungewöhnlich sein kann, wenn der Ich-Erzähler uns im Detail die Gesellschaft erklärt, in der er lebt. Genauso wie wir nicht hinterfragen, warum wir eher Brot essen als Reis, wird die Hauptfigur nicht hinterfragen, warum sie bestimmte Dinge tut oder lässt. Derlei Informationen werden oft nur eingebaut, um den Leser von der fremden Welt zu überzeugen, sind aber eigentlich nicht notwendig. Eine Erklärung muss der inneren Logik des Erzählers folgen, ansonsten wirkt sie einfach nicht authentisch.
Bei Tribute von Panem funktioniert die Ich-Perspektive deshalb so gut, weil Katniss in eine völlig neue und ungewohnte Situation stolpert, die sie sich selbst erklärt. Im Zentrum steht ihre Entwicklung, jedoch nicht die detaillierte Beschreibung der Gesellschaft an sich. Die Motive der Rebellen oder auch der Menschen im Kapitol bleiben deshalb bis zum Schluss schwammig. Ein Er/Sie-Erzähler ist im Gegensatz dazu häufig weniger wertend und kann mehr Facetten aufzeigen als der Ich-Erzähler.


Eine Zusammenfassung

Komme ich nun auf meine Ausgangsfrage zurück. Ist es genreuntypisch, mehrere Sichtweisen von Figuren in einer Dystopie darzustellen? Generell nein, aber es gibt derzeit eine Tendenz zum Ich-Erzähler und zum Jugendbuch. Diese beiden bedingen sich gegenseitig und geben dem gesellschaftskritischen Genre emotionale Nähe. Wer jedoch eine Dystopie schreiben möchte, die sich auf die Gesellschaft und die Kritik an ihr konzentriert, erzeugt mehr Tiefe, in dem er verschiedene Sichtweisen aufzeigt. Wie im realen Leben erkennt man die Schwierigkeit einer Sache erst, wenn man die Summe vieler Gedanken zusammenfügt. Und meist gibt es dabei kein einfaches Schwarz und Weiß.


Mich würde nun interessieren, wie ihr darüber denkt. Gibt es die Eine Erzählperspektive in der Dystopie oder ist es eigentlich immer eine Frage des: Was will ich und wie setze ich es um? Ich freue mich über eure Kommentare.


*Ich meine an dieser Stelle nicht den auktorialen Ich-Erzähler, der bspw. die Geschichte einer anderen Person nacherzählt.

Quellen und weiterführende Links

BücherWiki

Wortwuchs

Beitragsbild: Jullo A Gonzalez

Foto: Hiro Tjp

4 Gedanken zu “Dystopie: Gesellschaftskritik und Ich-Erzähler

  1. Gute Darstellung! Meiner Beurteilung nach ist die Wahl des Erzählers eben immer sehr stark davon abhängig, was man darstellen will – spontan fällt mir zur Ich-Perspektive noch ein, dass man dort viel leichter mit einem Unzuverlässigen Erzähler spielen kann – oder eben mit einem Protagonisten, der nicht alles weiß und manchmal selbst in die Irre geführt wird und den Leser gleich mitreißt. Wenn ich so darüber nachdenke sind es vor allem Geschichten, in denen der Erzähler in eine ganz neue Welt (oder einen neuen Teil dieser) gerät, wo Ich-Erzähler häufig anzutreffen sind. Ich denke, das erleichtert das Erklären des Fremden, auch dem Leser gegenüber, ungemein.
    Ich selbst komme aus der Ethnologie, und die streitet sich gern über die Grundlagen der Forschung mit der Soziologie: wo der Soziologe auf quantitative Datensätze und deren Aussagen über Gruppen(verhalten) setzt, ist der Ethnologie eher an qualitativer Forschung interessiert, dh eben genau das – die Eigensicht des Individuums. Die Fragen, die man jeweils so beantworten kann, sind natürlich unterschiedliche. Deshalb muss man Forschungsmethoden – so wie Erzählstile – danach wählen, welche Fragen man stellt und welche Antworten man erhalten möchte.

    Gefällt 2 Personen

    • Jenna,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Eine ehemalige Mitbewohnerin von mir ist Ethnologin und ich erinnere mich an einige hitzige Diskussion mit ihr, die uns beide sehr viel gebracht haben. Der „Streitpunkt“ fußte auf einem ähnlichen Unterschied, den du angesprochen hast. Qualitativ vs. quantitativ. Manchmal ging es auch nur um Idealismus. Von meiner Seite als auch von ihrer Seite. Ich komme ja aus der Japanologie, wo man je nach Themengebiet aus unterschiedlichen Geisteswissenschaften Methoden entlehnt.

      „Deshalb muss man Forschungsmethoden – so wie Erzählstile – danach wählen, welche Fragen man stellt und welche Antworten man erhalten möchte.“ Das trifft meine Meinung.
      Stellst du dir eher Fragen, die ein Ich-Erzähler beantworten kann?

      +Mika+

      Gefällt mir

      • Mir liegt zumeist tatsächlich die dritte Person als Erzähler mehr, zumal ich mehr aus der Ecke High Fantasy komme vom Leseverhalten her. Meine momentanen Manuskripte würden prinzipiell auch gut in der ersten Person funktionieren (eines hatte ich auch so angefangen), da sie je eine einzelne Erzählerin haben die ganz neue Aspekte ihrer Umgebung entdeckt – aber schon da ich diese beiden Geschichten später zusammenführen will, passt die dritte Person da eher. Wär ja noch schöner, wenn sich zwei Ich-Erzähler in der gleichen Story um den zentralen Platz zanken würden. In meiner Ideensammlung gibt es aber definitiv noch ein paar Sachen, die sich gut als Ich-Erzähler machen würden – v.a. da ich mir gut vorstellen kann, dabei mit Erwartungen, Wahrnehmungen und der persönlichen Wahrheit zu spielen (z.B. in einer Story mit zwei Protagonisten, die aus ihrer Sicht erzählen und wo lange nicht klar wird, wer von beiden wirklich „Held“ ist da sie ihre Grundsätze gleichwohl begreiflich und nachvollziehbar machen).

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Mika :3
    ein wirklich ausführlicher Beitrag. Aus der Perspektive (höhö) habe ich das noch gar nicht betrachtet.
    Ich denke man kann keinem Genre wirklich eine Erzählperspektive zuordnen. Ich teile deine Meinung, dass es stets darauf ankommt, worauf man eigentlich den Fokus lenken will. Dabei sollte einem zu Beginn sehr klar sein, worauf man eigentlich hinaus will. Nicht, dass man plötzlich mitten im Plot bemerkt, dass eigentlich doch mehrere Perspektiven sinnvoller für den Verlauf gewesen wären.

    Vorab ist es auch wichtig zu wissen, an wen sich das Buch richten soll. So wie du es beschrieben hast, lesen jüngere Leser lieber aus der Ich-Perspektive. Je nachdem, welches Publikum angesprochen werden soll, sollte auch der Fokus und die Perspektive gewählt werden.

    Allerdings muss ich sagen, dass ich diese Entscheidung gar nicht wirklich bewusst fälle. Wenn mir eine Geschichte in den Sinn kommt und ich mir Gedanken über den Verlauf mache, treffe ich die Wahl von ganz allein, so wie es sich für die Geschichte „richtig“ anfühlt.

    Liebe Grüße 🙂
    Sarah

    Gefällt 1 Person

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