Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Eine Woche im Schreibmonat oder: Warum meine Ernährung mies ist …

… und es mir trotzdem gut geht …

Keine Angst, dies ist kein Beitrag mit Tipps zur Ernährung. Und erst recht kein Beitrag, indem ich mich über dies und das beklage. Im Gegenteil, es geht um meine Erfahrungen in der ersten Woche des Schreibmonats November. Als Neuling plagten mich mit dem Startschuss am ersten November einige Zweifel: Schaffe ich es, täglich eine Wortanzahl von etwa 1.700 zu schreiben? Werde ich von meiner anfänglichen Euphorie verschluckt oder gar von meiner Müdigkeit besiegt? Bin ich vielleicht so motiviert, dass ich den 50.000 Wortsoll in einer Woche schaffen kann (unrealistisch ich weiß, aber … es könnte ja …)? All das ging mir durch den Kopf. Was ich dann tatsächlich in der letzten Woche erlebt habe, das lest ihr in diesem Beitrag.


Von Eiern auf Brot und Stress

Wenn man neben der Arbeit und anderen Verpflichtungen auch noch an seinem Roman arbeiten möchte, muss man sich die Zeit strikt einteilen, denn sie ist knapp bemessen. In meinem Fall habe ich mir drei Stunden pro Tag Zeit gegeben, um an meinem Projekt zu arbeiten. Da bleibt natürlich einiges auf der Strecke. Besonders die Zubereitung von Mahlzeiten wird auf das Mindeste beschränkt. Für gewöhnlich esse ich abwechslungsreich, koche zur Entspannung und fühle mich wie ein falscher Mensch, wenn ich nicht vernünftig was zwischen die Kiemen bekomme. Von Gemüselasagne über Sushi, Plätzchen und exotischen Kreationen wie Shrimps Banane Curry habe ich schon einiges ausprobiert und bin nur mittelmäßig wählerisch. Von Fertigessen aus der Tiefkühltruhe halte ich mich aber für gewöhnlich fern. Leider ist dieser Monat alles andere als gewöhnlich. Wenn ich im Schreibfluss bin, will ich nicht aufstehen und irgendetwas kochen. Ich möchte mich in meiner Geschichte verlieren und empfinde jede Art von Ablenkung als Störelement. Kurz gesagt, mein Ernährungsplan wurde rabiat umgestellt. Ich ernähre mich von Ei auf Brot, Pizza, Keksen und allen Dingen, die sich schnell zubereiten lassen. Das klingt nach Stress und irgendwie ist es das auch. Trotzdem fühle ich mich grandios, denn was den Schreibmonat ausmacht ist nicht etwa der Zeitdruck oder das Gefühl, unbedingt etwas schaffen zu „müssen“, sondern gleichzeitig mit tausend anderen zu schreiben.


Die Community und Schreiben muss nicht einsam sein

Den streng strukturierten Plan meines Projekts habe ich schon nach einer Woche im NaNo verworfen. Ich muss in kurzer Zeit Lösungen finden und daher vieles abändern.
Den streng strukturierten Plan meines Projekts habe ich schon nach einer Woche im NaNo verworfen. Ich muss in kurzer Zeit Lösungen finden und daher vieles abändern.

In meinem Post zum NaNo habe ich es schon angedeutet. Warum es sich lohnt, an diesem stressigen Projekt teilzunehmen, liegt nicht etwa daran, dass man am Ende einen fertigen Roman hat (gut, dass ist natürlich auch nicht schlecht), sondern an der Idee, nicht allein zu sein. Überall kann man es hören und lesen „Schreiben ist einsam“. Wer schreibt, egal ob als Journalist, Texter oder Romanautor, ist im Entstehungsprozess seines Textes allein mit sich und dem Schreibmedium. Recherche wird betrieben, die Struktur aufgebaut und sich jedes Wort reiflich überlegt. Irgendwann wird das Projekt an Testleser gegeben und man könnte annehmen von da ist man nicht mehr einsam, denn es entsteht im besten Fall eine Diskussion um das Projekt. Doch das ist ein Trugschluss. In einem Prozess, wo Kritisierter und Kritiker sich gegenübersitzen entsteht selten eine ausgelassene, kreative Stimmung, in der sich der Schreiberling wohlfühlt. Liegt ja auch in der Natur der Sache. Kritik ist immer unangenehm. Und seien wir mal ehrlich, die Rohfassung eines Romans schafft es nur selten, einen euphorischen Aufschrei der Entzückung bei einem Testleser auszulösen. Viel eher hagelt es niederschmetternden Kritik, die im schlimmsten Fall bösartige Selbstzweifel heraufbeschwören kann.

Der NaNo hat mir jedoch gezeigt, dass wir Schreiberlinge alles andere als einsam arbeiten müssen. Obwohl ich physisch allein vor meinem PC sitze und schreibe, sorgt die Vorstellung, zur gleichen Zeit wie tausend andere, einen Text zu schreiben, dafür, dass ich mich nicht allein fühle. Auf zahlreichen Blogs, in Foren und Gruppen bei Facebook sprießen täglich Beiträge aus dem Boden. Es wird offen über das geredet, was man sonst still und heimlich macht, ohne andere einzuweihen. Ich habe ein Ziel vor Augen und weiß, dass ich nicht die Einzige mit der verrückten Idee bin, einfach nur zu schreiben, weil es verdammt nochmal Spaß macht. Das führt zu einem kreativen Hoch, zu Freude und Zufriedenheit und trotzdem kann vieles schief gehen.


Wenn die Blockade kommt

In meiner ersten Woche ist sie mir erspart geblieben, die allseits unbeliebte „Schreibblockade“. Ein Wort, das selbst einen ausgewachsenen Verlagsautor zum Zittern bringen kann, denn es handelt sich um einen Zustand extremer Unproduktivität. Wir Schreiberlinge starren auf ein leeres Blatt und kommen einfach nicht vorwärts. Unser Kopf sagt: Tipp jetzt! Aber der Körper streikt. Jedes Wort fühlt sich falsch an, die Sätze klingen holprig, wir lenken uns ab, indem wir Youtube Videos ansehen, auf Facebook posten, Instagram öffnen, vielleicht ein Spiel zocken. Diesem fiesen Teufel in Gestalt eines weißen Papiers habe ich den Kampf angesagt und in den letzten zehn Jahren einige Möglichkeiten entwickelt, mit ihm umzugehen.

  1. Inspiration wächst nicht auf Bäumen. Um Quellen für neue Ideen zu finden, solltet ihr euer Umfeld ändern. ein Museum besuchen, ein Buch lesen, einen Film sehen, Mangas lesen. Es gibt unzählige Quellen der Inspiration.
  2. Erstellt eine Mindmap. Klingt banal, aber mach dir bewusst, was du mit der nächsten Szene sagen willst und wofür du sie brauchst. Es ist kein Geheimnis, dass Blockaden immer dann auftauchen, wenn wir unzufrieden sind. Denk also darüber nach, ob du die Szene, die dich blockiert wirklich brauchst und schmeiß sie ggfs. einfach raus.
  3. Schreib eine andere Szene in deinem Roman, eine Kurzgeschichte, aber vor allem etwas, was dir Spaß macht und dich zurück in den Schreibfluss bringt. Eventuell reicht auch ein Tagebucheintrag. Wenn du dann im Schreibfluss bist, kehr zu der problematischen Stelle zurück und lass die Worte einfach fließen.
  4. Setz dich mit deinen Figuren auseinander. Zeichne ein Bild, schreib ein Interview mit deinen Charakteren und frag dich, was sie besonders macht und weshalb du dich zu Beginn der Geschichte in sie verliebt hast.
  5. Sprich mit jemandem über die Blockade. Ob in Autorenforen, mit Freunden, deinen Eltern. Völlig egal, wichtig ist nur, dass du dich mitteilst und dein Projekt von einer anderen Seite betrachtest. Meist findest du erst nach einiger Zeit eine Lösung, aber je mehr Input du bekommst, umso wahrscheinlicher die Chance, dass irgendetwas dabei ist, was du für dein Projekt verwerten kannst. (Für mehr Ideen zu Schreibblockaden habe ich hier noch diese beiden Links: Leselupe und Marcus Johanus)

Das war es dann von meiner Seite. Ich blicke zuversichtlich auf die zweite Woche im November. Auch wenn die laut Hören-Sagen die schlimmste sein soll. Nächstes Wochenende findet ihr mich außerdem auf der NaNo Schreibnacht in Hamburg. Ich wünsche euch viel Erfolg für euer Projekt. Solltet ihr mal nicht weiterwissen, bin ich für ein Brainstorming immer bereit. Dazu könnte ihr mir per Mail schreiben oder aber einen Kommentar verfassen. Ich freu mich auf euch.

+ Mika +


Außerdem: Im letzten Beitrag habe ich um eure Mithilfe gebeten und viele großartige Anregungen zum Namen der Rebellenorganistion in meinem Roman „Hurt No One“ bekommen. Insgesamt haben 19 Personen an meiner Umfrage teilgenommen und ich habe mich für REKA  (Revolution des kalten Sturms) entschieden. Obwohl dieser Name literarischer ist als der zweite Favorit ERF, spiegelt er die Grundstimmung der Organisation für mich am besten wider. Vielen lieben Dank noch einmal für eure Teilnahme. Ihr wart mir eine große Hilfe!

Auswertung im Detail: REKA Revolution des kalten Sturms: 6; ERF Equal Rights Front: 6; AIF Alliance for Independence and Freedom: 5; AFUF Allianz für Freiheit und Unabhängigkeit: 4; RDNG Rebellen der neuen Generation: 1; RFFG Revolutionäre Front für Gleichberechtigung: 0.

Und wenn ihr jetzt noch aufnahmefähig seid: Ich höre derzeit das Album Death Cab for Cutie, Kintsugi. Es ist sanfter Indie-Rock, der mich sehr leicht in eine fremde Welt entführt.

Schreibarbeit

Warum wir uns gruseln wollen. Von Angstlust und Gruselgeschichten

 … Ein Beitrag zu Halloween …

In ein paar Tagen ist es so weit. Halloween steht vor der Tür. Das ist meine Zeit, denn ich will mich gruseln. Vor schaurigen Gestalten, untoten Monstern oder geheimnisvollen Schattengestalten. Nur worin genau besteht die Faszination des Gruselns und was macht sie aus?


Das psychologische Phänomen, das sich hinter dem „Sich-Gruseln-Wollen“ verbirgt, heißt Angstlust und bezeichnet das Streben, Angst zu empfinden. Es ist ein Zustand, in dem wir Angst positiv wahrnehmen, obwohl sie eine Emotionen ist, die wir generell unangenehm finden. Dieser merkwürdige Mix entsteht immer dann, wenn wir uns in einer beängstigenden Situation sicher fühlen. Wenn wir nämlich wissen, dass der als Zombie verkleidete Typ im Geisterhaus nicht wirklich ein Zombie ist, sondern eigentlich ein Mensch, der uns absolut gar nichts tun wird. Kurzzeitig schrillen die Alarmglocken, unser Körper schreit „Gefahr“, dann ist es aber auch schon wieder vorbei und wir stellen fest, dass all die Aufregung völlig unbegründet war. Wir leben, erfreuen uns bester Gesundheit und hatten einen riesen Spaß. Das ist ein Zustand, der auch von Extremsportlern empfunden und beschrieben wird. Wir befinden uns zwischen Angst und Euphorie.


Nur wieso sind manche Gruselgeschichten ängstigend und manche eben nicht?

Das selbe Prinzip funktioniert auch in Büchern. Wer kennt es nicht, das Buch „Friedhof der Kuscheltiere“, von Stephen King. Haustiere, die ins Reich der Toten gehören, erwachen zum Leben und terrorisieren eine Familie. Die tote Katze stürmt das Haus und am Ende lebt sogar der getötete Junge. Wir geben uns der Fantasie hin, dass dies auch mit unseren Haustieren passieren könnte und gruseln uns. In Panik verfallen wir jedoch nicht, denn wir wissen ganz genau, dass unsere Hauskatze niemals zu einem brutalen, untoten Mörder werden wird … oder?

Eine Gruselgeschichte spielt also mit uns und unseren Gefühlen. Sie forciert die Vorstellung einer unheimlichen Macht, die uns bedroht, die wir am Ende jedoch besiegen. Meistens indem wir einfach das Buch zuschlagen und denken: „Hui, gut, dass ich hier gemütlich in meinem Wohnzimmer sitze.“ Das ist der Grundgedanke. Was jedoch alles dazu gehört, um eine Geschichte so zu schreiben, dass ihr euch am Ende gruselt, lest ihr im nächsten Absatz.


Was genau macht einen Gruselroman nun eigentlich gruselig?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich ein paar Foren durchforstet, Blogbeiträge über das Schreiben gelesen und in der Nächtlichen Schreibwerkstatt auf Facebook nachgefragt. Einfach ist es nicht, denn neben der psychologischen Komponente hängt es von der Persönlichkeit des Lesers, von der Lesesituation* und vom Stil der Geschichte ab, ob eine Geschichte gruselig ist oder nicht. Da ein Roman keinen Einfluss darauf hat, wo er gelesen wird und was für einem Menschen er in die Hände fällt, konzentriere ich mich auf den Punkt des Stils der Geschichte. Wie muss das Geschenk also verpackt sein, damit wir es vor Angst zitternd nicht mehr öffnen wollen?

  • Es wird von etwas berichtet, was wir nicht kennen, aber uns vorstellen können

Ein undeutlicher Schatten schleicht um die Ecke, Nebel hängt in der Luft, Schritte sind zu hören, aber wer den Protagonisten verfolgt, dass erfahren wir nicht. Denn wenn wir es wüssten, wäre die Szene gestorben. Wir würden uns nicht fürchten. Solange wir jedoch im Ungewissen bleiben gruseln wir uns, und im besten Fall wird unsere Neugierde so groß, dass wir mit dem Weiterlesen nicht aufhören können.

  • Wir können uns so gut in die Figur hineinversetzen, dass wir uns aus Gründen der Empathie mitgruseln

Je konkreter die Angst der Figur in der Szene beschrieben ist, umso mehr können wir uns in sie hineinversetzen und fühlen mit. Demnach ist es nur logisch, dass eine Szene/ein Roman nur dann furchteinflößend sein kann, wenn der Protagonist selbst sich fürchtet. Klingt banal, aber nicht jede Geschichte hat eine Figur, mit der wir uns identifizieren können.

  • Unerklärliche Dinge passieren

Eine Uhr fällt plötzlich von der Wand, der Wecker geht an, das Licht flackert und um uns herum wird es eisig kalt. Alles Elemente, die man in einem guten Gruselfilm oder Roman finden kann. Sie sind deshalb so wirkungsvoll, weil es Dinge sind, die nicht natürlich sind. Auch wenn sie vielleicht einen logischen Ursprung haben, ist all das, was für uns im ersten Moment nicht normal ist, fremd und demnach ängstigend.

  • Anschauliche Bilder helfen uns, die Szene nachzuempfinden

Es gibt sie, die Vergleiche, die wir benutzen, um Blumen zu beschreiben oder einen sonnentaugetränkten Frühlingsmorgen. Aber genauso gibt es Bilder/Vergleiche/Metaphern, die uns ängstigen. Dazu sollten die Bilder im besten Fall widernatürlich sein. Ob ekelhaft, unnatürlich, brutal oder geheimnisvoll, je anschaulicher ein Geruch oder Geräusch dargestellt wird, umso mehr können wir uns in die Szene hineinversetzen, fühlen mit und haben schlussendlich Angst.

  • Nur eine kurze und knappe Erzählweise bringt genügend Schwung in eine Szene, um uns das Adrenalin durch die Glieder steigen zu lassen

Der Killer einer jeden Gruselgeschichte sind ausschweifende Erklärungen der Umgebung. In einer gruseligen Szene wird sich einzig auf die Angst konzentriert und das, was Angst machen könnte. Alle anderen Elemente sind nicht notwendig und können getrost wegfallen.

Im Endeffekt haben wir es alle in uns, den Wunsch nach dem Angstkick oder der Lust nach Angst. Und wenn ihr jetzt auf der Suche nach gruseliger Literatur zu Halloween seid, dann werft einen Blick in die kürzlich erschienene Sammlung der Autorengruppe Qindie „Dunkle Seelen“. In dem Sinne wünsche ich euch ein fürchterliches Halloween und einige angenehme Schreckmomente. 🙂

Slider-Dunkle-Seelen

+ Mika +

(*) Unter Lesesituation verstehe ich die Umgebung und das Gefühl, indem wir lesen. Es macht einen Unterschied, ob wir auf einer Parkbank bei Sonnenschein eine Gruselgeschichte lesen oder aber abends, den eReader in der Hand, im Halbdunkel an einer Bushaltestelle sitzen.


Quellen:

Beitragsfoto: Depositphoto, Standardlizenz von artshock

Tintenzirkelforum: Der Grusel-Effekt

Diskussion in der Gruppe „Nächtliche Schreibwerkstatt“ vom 24. Oktober.

Marcus Johanus: Wie man eine verdammt gute Horror-Geschichte schreibt

RP Online: Warum wir Lust an der Angst empfinden

Apotheken Umschau: Angstlust: Die Freude am Nervenkitzel

München Heilpraktiker: Warum wir uns gerne gruseln

Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten II

In meinem letzten Post zum Thema Kürzen habe ich euch vorgestellt, warum man eigentlich kürzen muss und auf welchen Ebenen das passiert. Heute geht es mir um die Praxis. Wie kürze ich und was muss ich beachten?

I) Auf der Satzebene kürzen

Wie in einem Satz gekürzt werden muss, hängt vom eigenen Stil ab. Es ist kleinteilige Arbeit, die den Blick aufs Detail nötig macht. Das kann ermüdend und frustrierend sein, aber keine Sorge, wir alle müssen durch diesen Dschungel wandern, bewaffnet mit Tastatur oder Stift.

Was genau kann man im Satz streichen? Sylvia Englert findet in ihrem Buch „So lektorieren sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten“ im Groben vier Elemente:

  1. Füllwörter. Wir kennen, lieben und hassen sie. Wem geht es nicht so, dass man ganz automatisch ein „doch“ zur Verstärkung einsetzt oder Floskeln schreibt wie: „Allerdings war er doch ein recht …“ Aber: Wörter wie „auch, ziemlich, in gewisser Weise, ja, recht“ etc. können meist einen Text verlassen, ohne ihm Schaden zuzufügen. (Siehe auch: schreiblabor.com)
  2. Nichtssagende Adjektive sind ein großes Übel. Auch hier gilt: Wenn ein Adjektiv im Text keine Funktion hat, dann ist es überflüssig. Dazu gebe ich gleich noch ein konkretes Beispiel.
  3. Wiederholungen sind auf der Satzebene eher selten, da wir einen guten Überblick über einen Satz haben. Trotzdem gibt es sie und sie müssen weg.
  4. Holprigkeiten und abgenutzte Ausdrücke sind wohl am schwierigsten zu finden. Englert gibt den Tipp, seinen Text einmal laut zu lesen, um die Stellen herauszufischen, die den Leser zum Stolpern bringen.

Kommen wir zur Praxis. Ich habe mir diesen wahllosen Satz ausgedacht:

Er war ein großer, schlanker Mann, dessen Blick sich immer wieder und meist für längere Zeit im farbenfrohen Himmelszelt verfing.

Denkt einen Moment darüber nach, was ihr hier streichen würdet. Würdet ihr überhaupt etwas streichen?

Wenn ihr keine Antwort auf die Frage habt, dann stellt euch vor, worum es in diesem Satz geht. Nämlich darum, dass eine charakteristische Eigenschaft „des Mannes“ beschrieben wird. Er ist jemand, der gern den Himmel beobachtet. Allerdings wird von diesem Kern abgelenkt indem, „der Mann“ mit Adjektiven beschrieben wird (groß, schlank), Füllwörter eingefügt werden (immer wieder, meist für längere Zeit) und das Himmelszelt beschrieben wird (farbenfroh). So viel Beschreibung kann dazu führen, dass der Leser vom eigentlichen Ziel des Satzes abgelenkt wird.

In einer extrem kurzen Form könnte der Satz wie folgt lauten:

Er war ein Mann, dessen Blick sich von Zeit zu Zeit im Himmelszelt verfing.*

Kurz und knackig würde ich sagen, oder?
Was die Adjektive betrifft, so erfüllen groß und schlank in diesem Satz alle Kriterien dafür „nichtssagend“ zu sein. Wieso? Auch ohne sie können wir uns die Szene vorstellen. Zudem sind sie so allgemein, dass sich der Leser nicht konkret vorstellen kann wie groß oder schlank der Mann ist. Besser wäre es, eine präzise und eindrückliche Beschreibung in den Text einzubauen, die den Mann unvergesslich macht. Ein Beispiel möchte ich euch aus „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak einmal vorstellen:

Jetzt da er einmal in der Woche ein Bad nahm, bemerkte Liesel, dass seine Haare gar kein Geäst waren, sondern mehr ein Nest aus Federn, die um seinen Kopf flogen.

Kein Adjektiv und trotzdem ist der Satz bildhaft und anschaulich.

Ich persönlich würde so gut es geht auf Adjektive wie gut, schlecht, schön, hässlich, dünn, dick etc. verzichten. Sie sind allgemein und vermitteln kein konkretes Bild. Vielleicht ist es meine persönliche Vorliebe, aber Wörter wie spindeldürr, rabenschwarz oder kristallklar haben eine größere Aussagekraft als Adjektive, die wir täglich überall verwenden.

Schauen wir mal, ob ihr  in den nächsten Sätzen etwas streichen würdet:

In den dunklen und tiefen Gräben der alten Burg war ein recht kleines Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.*

Mein Vorschlag:

In den dunklen und (weg, da später klar wird wie dunkel es ist) tiefen Gräben der Burg war ein recht kleines (Füllsel und Umstand, der im nächsten Satz geklärt wird) Licht zu sehen. Es schwebte in der Luft wie ein winziges (Glühwürmchen sind nie groß, bleibt das Adjektiv ist es doppelt) Glühwürmchen und bahnte sich seinen Weg durch die pechschwarze Nacht.

Außerdem: Eindampfen von Informationen

Nach all diesen Erklärungen möchte ich euer Augenmerk darauf legen, dass Informationen außerdem so gut wie möglich eingedampft und präzise erklärt werden sollten.  Zuvor habe ich das kurz erwähnt. Was meine ich damit?

Gehen wir mal von einem eindeutigen Beispiel aus: Er fuhr ein kleines Auto mit einer runden Form. Ich kann mir als Leser durchaus vorstellen, wie das Auto aussehen könnte, aber ganz genau weiß ich es nicht. Eine Alternative wäre: Er fuhr einen VW Käfer. Man läuft zwar Gefahr, jemandem zu begegnen, der einen VW Käfer nicht kennt (ich weiß, sehr unwahrscheinlich), aber dadurch wird das Objekt greifbar und beim Leser ploppt sofort ein bestimmtes Bild auf.

Ich höre euch schon rufen: „Aber dadurch wird doch der Leser erst recht in seiner Kreativität eingeschränkt“, wage aber zu widersprechen. Nehmen wir an, der VW Käfer gehört einem 1,90m großen Mann, der sich täglich hineinzwängt. Und nehmen wir an, dieser Mann ärgert sich auch noch darüber. Stellt sich dann nicht zwangsläufig die Frage, wieso er sich das antut? Das ist meiner Ansicht nach die Kreativität, die wir dem Leser überlassen können und so etwas funktioniert besser, wenn wir klare Vergleichsobjekte liefern. Ein kleines, rundes Auto könnte alles und nichts sein.

Beim nächsten Mal zum Thema kürzen geht es dann um die Absatzebene und die Textebene.

Bis dahin

+Mika+

*Mir ist durchaus klar, dass das Bild „den Blick im Himmelszelt verfangen“ bei einigen Unbehagen auslöst, da sich ein Blick ja nicht irgendwo verfangen kann wie eine Fliege im Netz einer Spinne, aber es geht mir ja hier nicht um unglückliche sprachliche Bilder und deshalb lasse ich es mal stehen.

**Okay, ich geb’s zu, ich hab reichlich übertrieben, aber in einigen Werken sind mir durchaus ähnliche Formulierungen aufgefallen. Besonders wenn es um die Beschreibung von Orten oder auch Personen geht verläuft man sich gern im Adjektivdschungel.

Beitragsbild: Mika M. Krüger

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Das Unbeliebte: Kürzen von Texten I

Es fällt schwer. Das Streichen von Textpassagen in den eigenen Geschichten. In einem Beitrag der Zeitschrift Textart von Andreas Gruber ging es um dieses Phänomen. Autoren, ich eingeschlossen, kämpfen um jedes Wort, das von der Tastatur über ein Kabel den Weg in ein Worddokument gefunden hat. Wieso ist das eigentlich so? Andreas Gruber hat eine simple Antwort:

„Die ersten mühsam getippten Passagen, die ersten vollendeten Kurzgeschichten sind wie Babys, die man geboren, wie Kinder, die man großgezogen hat. Verständlich, dass es schwerfällt, seine eigenen Wortkreationen zu vernichten.“

In meinem heutigen Post und einigen folgenden soll es um das unbeliebte Streichen von Textpassagen gehen. Ich zeige euch, wie, was und warum ich rigoros kürze. Und nein, da gibt es keine Kompromisse, was weg muss, muss weg. Schauen wir mal, ob ich euch davon überzeugen kann.


Kürzen für den Leser

Texte sind erst dann gut sind, wenn man nach dem Schreibprozess ordentlich kürzt. Das ist kein Geheimnis. Stephen King widmet einen Teil seines Buches „Das Leben und das Schreiben“ dem Kürzen von Texten. Dabei sagte ihm ein Mann mit dem er in einer lokalen Zeitung zusammenarbeitete: „Wenn du eine Geschichte schreibst, dann erzählst du sie dir selber. Wenn du sie überarbeitest, musst du hauptsächlich alles herausstreichen, was nicht zur Geschichte gehört.“ Und das ist der Kern des leidigen Kürzens.

Wenn wir mit dem Schreiben beginnen, wissen wir von unserer Geschichte oft nicht viel mehr als der Leser. Wir haben eine Idee, die sich gut anfühlt, und wollen irgendwie von A (Anfang) nach B (Ende) kommen. Dazu müssen wir uns die Welt vorstellen, die Menschen darin, einfach alles und wir beginnen wild drauflos zu schreiben und jedes Detail zu erklären. Das mache ich auch.

Kürzen ist notwendig, damit sich im Text auf das Wesentliche konzentriert werden kann, denn erst dadurch lasse ich dem Leser Raum für eigene Gedanken und Rückschlüsse. In Kriminalromanen wird das dadurch deutlich, dass der Leser oft eine Ahnung hat, wer der Täter ist, obwohl dies im Text nicht steht. Kurz: Texte schrumpfen für den Leser und nicht, weil Autoren so viel Spaß daran haben.


Was wird nun eigentlich gestrichen?

Eigentlich alles, aber so einfach mache ich es mir nicht. Um bei der Arbeit des Kürzens systematisch vorgehen zu können, stelle ich mir Ebenen vor. Meiner Erfahrung gibt es drei Ebenen innerhalb derer man streichen kann. Unter Ebene stelle ich mir dabei die Textabschnitt vor. Von der kleinsten Einheit, dem Satz, bis zur größten Einheit, dem gesamten Roman. An dieser Stelle möchte ich euch kurz vorstellen, was ich auf den einzelnen Ebenen streiche, im nächsten Post geht es dann mehr ins Detail.

I) Die Satzebene: Hier geht es im Besonderen um Kürzungen einzelner Wörter oder Satzteile.  Ein vernünftiger Satz ist kein Schachtelsatz, den man zehn Mal lesen muss, um ihn zu verstehen. Es gibt keine ellenlangen Attribute, sondern klare und bildhafte Aussagen. Manchmal muss auch eingedampft werden. Ein kleines Beispiel: „Er arbeitete wie viele halbtags in einem kleinen Büro und tippte dort Rechnungen“ ist sehr lang und kann auf ein kurzes „Er arbeitete in Teilzeit als Sekretär“ reduziert werden. Natürlich nur, wenn wir uns in einer Welt befinden, die das Konzept „Teilzeit“ kennt, bei Fantasy wird es unter Umständen schwerer.

II) Die Absatzebene:  Auch wenn es mühselig ist, sollte man selbst bei jedem Absatz und Satz überprüfen, ob dieser für den Gesamtkontext der Geschichte eine Notwendigkeit hat oder aber unnötig ist. Gibt es Absätze, die stetig nur beschreiben, aber kaum etwas an Inhalt vermitteln? Seitenlange Erklärungen von der Umgebung sind inzwischen nicht gern gesehen, da sie das Lesetempo abbremsen und wenig Freude bereiten. Gekürzt werden Wiederholungen, Aussagen, die Verwirrung stiften oder die Stimmung zerstören.

III) Der Gesamtkontext: Hier betrachtet man den gesamten Roman. Bringen die Figuren die Geschichte voran? Ist das Kapitel notwendig oder völlig überflüssig, weil es keine Information enthält, die dem Leser etwas Neues vermittelt? Das sind die grundlegenden Fragen, die man sich auf dieser Ebene stellen sollte. Diese Überlegungen stehen in engem Bezug zu dem Thema der „Struktur“.

Kurz, zentral ist immer die Frage danach, ob ein Satz, Absatz, Kapitel für den Roman tragend ist. Was das bedeutet möchte ich in einem Bild veranschaulichen. Wenn man sich die erste Rohfassung eines Romans als ein Gebäude vorstellt, dann hat dieses zu viele Wände. Das Haus gleicht einem Labyrinth, indem dringend Wände eingerissen werden müssen. Aber aufpassen: nur die freistehenden Wände können wirklich weg. Es ist eine kleinteilige Arbeit, die die Nerven raubt, aber sie hat durchaus ihren Sinn.


Im nächsten Post schaue ich mir näher an, wie ich mir das Kürzen auf der Satzebene vorstelle. Bleibt bis dahin wach und erholt. Man liest sich.

+Mika+

Beitragsbild: Mika M. Krüger