Gedanken-Mix

Wo die Muse hinfällt

Liebe Leser,

im September habe ich in einer Kurzgeschichtensammlung von 84 Autoren die geisterhafte Kurzgeschichte „Kristallene Realität“ veröffentlicht. Als nachträgliches Nikolausgeschenk veröffentliche ich sie heute auf meinem Blog. Kurz zusammengefasst geht es um einen Künstler, dessen Muse nicht so ganz das macht, was er möchte. Zu behaupten, sie sei ein wenig störrisch, ist da noch untertrieben, denn sie macht, was sie will. Viel Spaß beim Lesen und wie immer: Bei Verdauungsproblemen mit der Kost, wendet euch vertrauensvoll an die Autorin. Eine gute Woche wünsche ich euch.


Prota_Mika
Die Muse

Mein Herz explodierte, denn die Frau vor mir war keine meiner irren Fantasien, sondern kristallene Realität – obwohl „real“ in meinem Fall so oder so eine Frage der Definition war. Und in diesem teuren Fünf-Sterne Hotel mit Satin-Gardinen und Gold bestickten Couchgarnituren fühlte sich ihr Lächeln so real an wie kaltes Wasser auf nackter Haut.

„Du hast ihn umgebracht“, sagte sie und ihre Puppenaugen blinzelten. Dabei berührten ihre Wimpern die tellergroßen Brillengläser und hinterließen schwarze Schlieren auf dem Glas. Sie hatte Katzenpupillen und ihr Mund war so groß wie eine zwei Euro Münze. Wenn sie sprach, hob sie die Oberlippe nur einen Millimeter an und trotzdem flüchteten Worte darunter hindurch. Ich schluckte.

„Er hat mich von der Arbeit abgehalten“, verteidigte ich mich und spürte die Reste meines Herzens wild schlagen. Ihr Anblick machte mich verrückt. Ihre zarte Gestalt mit der schneeweißen Haut und der azurblauen Kutte auf der vorn am Reißverschluss ein Menschenauge thronte. Ein echtes Menschenauge. Blickte sie in eine bestimmte Richtung, dann glotzte es mit. Ich wandte mich dem Schreibtisch zu.

„Du wolltest ihn nicht mehr haben“, sagte sie und ich hörte, wie sich der Stoff um ihren Körper bewegte. Steife Wolle auf schneeweißer Haut. Sie kam zu mir, stellte sich hinter mich, blickte mir über die Schulter. „Du hast zu ihm gesagt, er soll verschwinden und dann ist er gesprungen.“

Ich ignorierte ihre Worte, spürte Gänsehaut auf meinen Armen und zog meinen Skizzenblock hervor. Ich musste die Zeit nutzen, die mir mit ihr blieb. Meine Finger zitterten.

„Wirst du mich auch umbringen?“, fragte sie und die Haut auf meinen Wangen begann zu glühen.

„NEIN!“, schrie ich und drehte mich zu ihr um. Verwundert wich sie zurück. Das Menschenauge glotzte. „Nein, nein, nein! Hör auf, so einen Unsinn zu reden. Ich brauche dich.“

„Ach so“, sagte sie leise, hob ihre Hand und begann, nervös an ihren Fingern zu knabbern. Sie sah verloren aus, wie sie in dem geräumigen Zimmer stand, umgeben von lauter Luxus und Prunk. Ihre Gestalt passte viel besser in eine Galerie, auf ein Gemälde mit Ölfarben. Ich liebte sie. Auch das war Realität. Mein Herz klopfte.

„Und die anderen?“, flüsterte sie. „Ich möchte nicht allein sein.“

„Jetzt hör schon auf damit! Es ist meine Entscheidung, wer mir nutzt und wer nicht. Ihr kommt und geht in ständigem Wechsel. Das ist ein Kreislauf, den man nicht durchbrechen kann. Wenn ich morgen überfahren werde, bist du auch allein.“

„Hm“, machte sie, „dann werden sie alle weinen, die Menschen, die dich bewundern, und mit denen du immer sprichst, während wir uns verstecken müssen.“ Sie sagte es mit Vorwurf in der Stimme. „Ich würde auch gern mal mit ihnen sprechen.“

Ich atmete tief durch und raufte mir die Haare. Natürlich wollte sie mit ihnen sprechen, aber das konnte ich nicht erlauben. Diese Menschen, die nur an meinem Ruhm interessiert waren, würden sie stehlen und für sich verwenden.

„Ja, ja, ich weiß schon. Bist du deshalb hier?“

Sie musterte mich mit ihren drei Augen und schüttelte den Kopf. Das kurze, goldgelbe Haar bewegte sich im Takt und glänzte im Sonnenlicht rötlich. „Ich bin wegen ihm hier. Weil du ihn umgebracht hast. Das weißt du doch.“

Ich stöhnte, denn natürlich wusste ich das. Wie viele Stunden war es her, seit ich ihm den, wie nannte man das, Laufpass gegeben hatte? Ein paar vermutlich. Sein geschocktes Gesicht war mir noch deutlich vor Augen. Die Knopfaugen, der kindliche Körper, selbst der verdammte Hut, der stets gewippt hatte, ohne dass sich der Junge bewegte, war erstarrt. Ich wusste, einem Kind durfte man nicht wehtun, aber ich hatte es trotzdem getan. Die Flinte angelegt, gezielt und ihn erschossen, weil mir ihre Anwesenheit lieber war. Ich hatte sie vermisst.

„Warum verschwindest du auch immer?“, fragte ich sie und sie hockte sich hin, zog mit ihren Fingern Kreise auf dem Boden.

„Ich bin eben nur da, wenn es nötig ist.“

„Es ist immer nötig!“

„Nein.“

„Doch“, protestierte ich und mir traten Tränen in die Augen. Sie war mein Leben, aber sie kam und ging, wann sie wollte. Ohne sie fiel mir das Atmen schwer, ich konnte mich nicht konzentrieren, meine Arbeit nicht vernünftig machen. Der Junge war ein Ersatz gewesen und er hatte einige Monate geholfen, aber nun brauchte ich sie so dringend wie ein Mörder seine Waffe. Nichts funktionierte mehr. Ich war ohne sie völlig allein. „Bleib hier, für immer“, murmelte ich, doch sie schüttelte den Kopf.

„Du brauchst mich nicht immer. Dann werde ich langweilig“, sagte sie und lächelte. „Wenn es nötig ist, bin ich da. Sonst musst du dir jemand anderen suchen. Aber töte sie nicht, es tut dir weh und am Ende musst du weinen.“

Ich schluckte den Schmerz herunter, unterdrückte meinen inneren Protest. Dann kam sie zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange. Es fühlte sich heiß an, dort wo sie mich berührte. Ihre zarten Lippen waren wie Wundsalbe. Ich schloss die Augen und als ich sie öffnete, sah ich, wie sie ging. Nicht wie normale Menschen durch die Tür, sondern durch die Fensterfront. Dann verschwand sie. Vermutlich für eine lange Zeit.

Erschöpft sank ich auf meinem Stuhl zusammen. Es juckte mich in meinen Fingern. Tausend Bilder rasten durch meinen Kopf. So war es immer, wenn sie auftauchte. Rasch wandte ich mich dem Tisch zu. Der Skizzenblock lächelte. Ich nahm einen Stift hervor und begann zu zeichnen. Strich um Strich fügte sich aneinander. Schon lange war es nicht mehr so leicht gewesen.

Sie war eine meiner vielen Musen, aber sie kam nur manchmal zu mir. Nur manchmal, wenn ich eine andere Muse aufgab oder verlor und verzweifelt auf das leere Blatt starrte.

Manche sagten, ich sei verrückt, aber Kunst funktioniert nur so. Mit dem Verrücktsein verdiente man Geld und ich war ausgezeichnet darin, besonders wenn ich sie zeichnete. Alle liebten die Frau mit den Katzenaugen und dem azurblauen Umhang, der wie ein Federkleid ihren Körper schmückte. Sie war ein Teil von mir, ein Teil meiner ureigenen Realität.


Beitragsbild: Mika M. Krüger

Gedanken-Mix

Pünktlich zum ersten Advent ist die Schlacht geschlagen …

… zumindest vorerst …

Zuerst einmal, wünsche ich euch allen einen wundervollen ersten Advent! Genießt den Sonntag und lasst euch nicht vom Schnee nicht in die Knie zwingen.

Nun zum Schreibmonat November: Für mich ist der NaNo in diesem Jahr beendet. Die 50.000 Wörter waren schon am Dienstag geschafft, aber ich wollte gemeinsam mit meiner Kollegin Stella Delaney über die Ziellinie springen. Das haben wir dann gestern gemacht und auf der NaNo Homepage unseren Text validiert. Ich bin nun also ein „Gewinner“.

Es war für mich ein erfolgreicher Monat mit Höhen und Tiefen. Meine Hauptfiguren Neel und Rina sind mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen, entpuppten sich jedoch als selbstständige Menschen, die ohne mich zu fragen, ihren eigenen Kopf durchsetzten. Meinen Plot musste ich dadurch jedoch nach zwei Wochen über den Haufen werfen. Die gut durchdachte Planung war dahin. Ich wollte eine Antagonistin, die von oben her beeinflusst wird und habe nun eine Frau, die im Hintergrund alle Strippen zieht. Mir schwebte eine Hauptheldin vor, die ängstlich und stur sein sollte, nun ist Rina eine Frau, die ohne zu zögern ihren Willen durchsetzt. Hatte ich geplant, dass es nur zwei Hauptpersonen gibt, sind es inzwischen vier.

Das schnelle Schreiben hat mich davon abgehalten, viel über die Struktur meines Werkes nachzudenken. Es hat sich verselbstständigt und mich gerade deshalb ständig auf Trab gehalten. Leider bringt diese Art des Schreibens auch einen großen Nachteil mit sich: Das Werk ist nun chaotisch. Ehe ich es irgendjemandem zum Lesen geben kann, muss ich dringend und ich meine DRINGEND alles überarbeiten … Diesen grauenvollen Arbeitsschritt werde ich im Januar beginnen, denn bisher ist mein Projekt noch gar nicht fertig. Der große Showdown steht meinen Hauptfiguren noch bevor. Drückt mit also die Daumen, dass ich trotz beendetem NaNo die Euphorie nicht verliere.

Im Dezember werde ich mich wieder mehr meinem Blog widmen, euch mein Projekt näher vorstellen und eine Schreibpause einlegen.

Und ich freue mich auch mit meiner Kollegin Sarah Richizzi, die ihren NaNo schon einige Tage vor mir beendet hat. 🙂

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Bis dahin

+ Mika +


Beitragsbild: Mika M. Krüger

Aktuelles, Gedanken-Mix

Wenn vierzig Leute gleichzeitig schreiben

… Erfahrungsbericht zur Nacht der Wilden Worte …

Inzwischen sind drei Wochen im Schreibmonat November vergangen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen gesammelt, ist verzweifelt, noch immer euphorisch oder bereits routinierter Wortzähler. Ich für meinen Teil spüre eine Mischung aus allen drei Aspekten. Euphorisch, weil ich schon die Hälfte meines Romans auf Papier habe. Verzweifelt, weil die Struktur einfach nicht hinhaut. Routiniert, weil ich täglich mindestens eine Stunde für das Schreiben investiere. Vorletztes Wochenende konnte ich im Rahmen des NaNo endlich ein paar meiner Schreibkollegen bei der „Nacht der wilden Worte“ persönlich treffen.


Die Nacht der wilden Worte

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Schon mal in einem Raum mit vierzig Leuten gesessen, die alle fleißig und schnell auf ihren Tastaturen tippen? Nein. Ich bis zum vorletzten Wochenende auch nicht, aber es ist ein grandioses Gefühl, kann ich euch sagen. Vom 14.11. bis zum 15.11. fand in Hamburg die „Nacht der wilden Worte“ statt. Schreibende NaNos aus ganz Deutschland fanden sich zusammen, tauschten sich aus, philosophierten über das Schreibhandwerk und tippten einige Wörter in ihrem derzeitigen Projekt. Sechs Stunden lang wurden aus uns einsamen Wölfen und Wölfinnen Gemeinschaftstiere, die alle ein Ziel verfolgten: So viel zu schreiben wie nur möglich. Kein Wunder also, dass man an den Vierertischen auch gegeneinander antrat. Wer schreibt in welcher Zeit wie viele Wörter, war das Gebot der Stunde.

Der Veranstaltungsort tat sein Übriges, um mich in die richtige Schreibstimmung zu versetzen, denn getippt wurde nicht in einem Café, sondern in der Pauluskirche in Hamburg. Draußen war es kalt und finster, Nieselregen lag über der Stadt und wir saßen bis zur Mitternacht in einer Kirche bei Tee, Kaffee und Baguettes. Daran könnte ich mich glatt gewöhnen.

Was die Stimmung des Abends betraf, gehe ich mit gemischten Gefühlen nach Hause. Die Autoren waren ausgelassen, konzentriert, hoch motiviert und sehr gesprächig, aber der Wettbewerbscharakter war nicht mein Fall. Es gab WordWars, das heißt in 15 Minuten wurde wie verrückt drauflos getippt und danach gezählt, wie viele Wörter man geschafft hat. Derjenige mit den meisten Worten bekam anerkennenden Applaus. Ergänzt wurde das Programm durch Speed Datings, in denen es im Grunde auch darum ging, in 15 Minuten so viel zu schreiben wie möglich, um sich danach mit den anderen Autoren darüber auszutauschen. Da hätte ich mir beispielsweise gewünscht, dass wir uns gegenseitig das Geschriebene vorlesen, um über den Inhalt diskutieren zu können. Dem war jedoch nicht so. Es geht ja beim NaNo bekanntlich darum, die Geschichten voranzubringen und nicht über Kritikpunkte nachzudenken. Schade war es trotzdem, denn ich bin immer interessiert daran, was der Einzelne so aufs Papier bringt.

Außerdem gab es noch eine Tombola, Poster auf denen jeder seine liebsten Zitate, Ziele des Abends oder seinen Wordcount eintragen konnte. Mein persönliches Highlight war allerdings der Pep Talk von Andreas Eschbach, der auf einer A4 Seite zusammengefasst hat, warum der Mittelteil eines Romans immer der schwerste ist. Man weiß eben einfach nicht, welchen Weg man genau einschlagen soll, um zum Ziel zu kommen.

Gegen Null Uhr löste sich alles langsam auf. Einige Wenige blieben bis zum Schluss und kümmerten sich darum, dass das Kaffeekränzchen der Omas am nächsten Tag wie gehabt stattfinden konnte und keine Schreibnachtüberbleibsel (was für ein Wort) zurückgelassen worden.

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So sah der Raum aus, den wir für die Schreibnacht zur Verfügung hatten. Man sieht, alle schreiben fleißig.

Fazit: Unter Druck schreiben ist …

… nicht mein Ding. Während einige gerade durch die WordWars angespornt waren, so schnell wie möglich ihren Text voranzubringen, war ich durch den Druck wie blockiert. Ich wollte mit den Teilnehmern sprechen und erfahren, worum es in ihren Geschichten geht, denn daher nehme ich meine Motivation. Von Geschichten zur Erinnerung an die verstorbene Mutter, über Dreiecksbeziehungen, Young Adult und eine Fanfiction von „Alles steht Kopf“ war alles vertreten. Ich fühlte mich mit meinem Science-Fiction Projekt, das zumindest etwas gesellschaftskritisch sein möchte, weniger kreativ als einige meiner Kollegen/Innen im Raum. Alles in allem war die Schreibnacht für mich eine grandiose Erfahrung. Da war selbst die Überraschung mit der Bahn vergessen. Auf der Hinfahrt nach Hamburg hieß es nämlich in Uelzen: Überspannungsschaden, bitte pressen sie sich mit aller Kraft in den SEV. Nun gut, das bin ich ja von der Tokioter Rush Hour gewöhnt.

Ich danke allen, die diesen Abend zu einem Erlebnis gemacht haben und möchte mich im Besonderen bei meiner Gastgeberin Johanna bedanken, die mich bei sich aufgenommen hat 🙂 Ich hoffe, man sieht sich bald wieder.

+ Mika +

PS: In der dritten Woche des NaNo hatte ich tatsächlich einen ernsthaften Hänger. Ich würde es nicht Schreibblockade nennen, aber die ersten Zweifel am Sinn meines Projektes haben sich eingeschlichen. Das habe ich zum Glück überwunden und inzwischen bin ich bei 45.000 Wörtern angekommen.

Gedanken-Mix

Wo wir Inspiration finden

Mein heutiger Blogeintrag möchte mit euch auf Entdeckungsreise gehen. Wir suchen gemeinsam Inspiration, denn dass diese tatsächlich vom Baum fällt wie auf meinem Beitragsbild ist in der Regel nicht der Fall. Damit wir von irgendetwas inspiriert werden können, müssen wir Neues wagen, suchen und unermüdlich Ausschau halten. Inspiration kann sich hinter jeder Ecke verstecken, ob in Form von Musik, Bildern, Romanen, dem Alltag oder einer erlebnisreichen Reise. Wenn man geübt genug ist, kann man selbst aus dem unsinnigsten Ding etwas machen, was später die Grundlage für etwas Großes ist. Da ich auf Tipps zum Finden von beflügelnden Momenten verzichten will, stelle ich euch heute drei Dinge vor, die mich in den letzten Wochen kreativ unterstützt haben. Mal sehen, ob ich euch mit meiner Auswahl überraschen kann.


Dokumentationen sind nicht immer was für Langweiler

Ich habe keinen Fernseher, da ich auf Familiendramen a lá RTL keine Lust mehr habe. Vielleicht geht es auch ähnlich. Aus dem Grund habe ich mir angewöhnt, Dokumentation auf Youtube zu schauen. Meine Vorliebe liegt bei Dokus über Straftäter wie Ted Bundy. Sie gehen oft auf psychologische Details des Täters ein und machen einem klar, dass jeder Mensch ein Mörder sein könnte. Verstörende Vorstellung, aber das ist ein anderes Thema. Während meiner Dokusession entdeckte ich dann den Titel „Kannibalen auf dem Medusafloß„. Genau das Richtige für mich. Im Zentrum der Dokumentation steht das Ölgemälde von Théodore Géricault „Das Floß der Medusa“, das Schiffsbrüchige auf einem Floß zeigt. Er hat es zwischen 1818 bis 1819 gemalt:

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Die künstlerische Überzeichnung der Szenerie täuscht darüber hinweg, dass es sich bei dem Bild um brutale Realität handelte. Denn das grauenhafte Bild ist vom Künstler nicht etwa frei erfunden worden, sondern zeigt einen Vorfall, der sich tatsächlich ereignet hat. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, möchte ich kurz zusammenfassen, worum es ging: Die Fregatte La Méduse sticht 1816 in See. An Bord sind Edelmänner, Familien und Matrosen zugleich. Als das Schiff an der afrikanischen Küste auf eine Sandbank aufläuft, rettet sich ein Teil der Passagiere in Rettungsboote. Doch nicht alle finden Platz. Die entbehrliche Crew, 151 Mann, wird auf ein Floß verfrachtet, das behelfsmäßig zusammengezimmert worden ist. Obwohl es das Ziel ist, das Floß an Land zu ziehen, gelingt dies nicht und die Menschen darauf werden der See überlassen. Nach 14 Tagen auf dem offenen Meer, ist endlich Land in Sicht, doch von den 151 Personen leben nur noch 15. Von Kannibalismus ist die Rede, von Mord und menschenunwürdigen Bedingungen.

Die Dokumentation schildert jedoch nicht einfach nur den Vorfall. Es geht um Géricaults fanatische Sucht ein Meisterwerk zu schaffen. Darum, wie das Floß in der Realität hätte aussehen können und wieso es nicht verwunderlich war, dass am Ende der Reise nur noch eine Handvoll Männer übrig blieb. Der Vorfall wird aus der Sicht des Künstlers, des Forschers und der Männer genau dargestellt.

Ganz unweigerlich begann ich beim Konsum der Dokumentation mir zahlreiche Fragen zu stellen. Werden wir fähig im Angesicht des Todes über unsere menschlichen Grenzen zu gehen, weil Hunger uns besiegt? Treibt und Enge und Not in einen Sog aus Panik? Töten wir, damit wir selbst überleben können? Eine schaurig reale Geschichte, die für mich aus psychologischer Sicht genügend Stoff hergeben würde, um einen Roman zu schreiben. Kein Wunder, dass der Künstler beinahe besessen von seinem Gemälde war …


Kurze Animationsfilme: Alles nur Trickfilmquatsch, oder?

Eine meiner liebsten Inspirationsquellen sind seit jeher Animationsfilme. Bevor ich darauf jedoch näher eingehe, schaut euch einfach mal dieses Video an. Es gehört zu meinen Favoriten und spricht für sich. Zur Länge: Mehr als zehn Minuten sollte es nicht dauern.

Nun mein Kommentar: Ist euch etwas aufgefallen? Genau, es wird gar nicht gesprochen. Animationsfilme, wie die früheren Versionen von Mickey Mouse funktionieren ohne Gespräche. Sie leben allein von Bildern, Musik und der Gewalt dessen, was diese uns erzählen. Innerhalb von wenigen Minute reiht sich eine Szene an die nächste und wir verstehen sofort, worum es geht. Oder war euch nicht klar, dass das da im Video Tod und Leben oder Winter und Sommer sind? Dazu brauchtet ihr niemanden, der mit dem Finger drauf zeigen und sagt: „Ey, guck mal, die sieht aus wie Sommer.“ Es wird mit unserer Vorstellungskraft gespielt und eine Geschichte erzählt, die schockierend und anrührend zugleich ist. Tod und Leben halten sich die Hand, doch sie treffen sich nie. Für mich ist das ganz großes Kino und veranschaulicht, was ich mir unter „show, don’t tell“ vorstelle. Ein Satz, der in der Schriftstellerei gern mal einem Stoßgebet gleich von sich gegeben wird. Es ist nicht wichtig, zu sagen, was passieren wird oder hätte passieren können, wichtig ist, es zu zeigen.


Beeindruckende Persönlichkeiten: Noella Borie und Faceless Neil

Erst gestern bin ich auf die Künstlerin Noella Borie und ihren „Faceless Neil“ gestoßen (Faceless Neil und seinen Kumpel Manny seht ihr oben). Gestartet bin ich bei einen Kurzanimationsfilm, dessen Hauptperson sich als „Neil“ entpuppte. Da der Protagonist meines derzeitigen Romanprojekts ähnlich heißt (Neel) wurde ich neugierig. Einige Kurzfilme und etliche Internetbesuche später war ich dann schlauer. Noella Borie startete ihr Projekt „Faceless Neil“ 2009. Es war ursprünglich eine Hausaufgabe im College, die sie so lieb gewann, dass sie einen Film drehen wollte. Ganz im Stil von Stop-Motion-Animation wie bei Filmen von Tim Burton bekannt. Mit Hilfe einer Crowd-Funding Aktion sammelte sie genügend Geld, um sich ein kleines Stück vom Traum zu erfüllen. Die erste Szene ihres Films wurde 2014 umgesetzt.

Aber was ist das jetzt eigentlich für ein merkwürdiger Junge ohne Gesicht? Der arme Neil hat sich offensichtlich zwischen der Welt der Toten und Lebenden verirrt und dabei auch noch sein Gesicht verloren. Zurückgeblieben sind nur leere, schwarze Augen. Da er natürlich nicht so bleiben will, macht er sich auf die Suche nach einem neuen Gesicht. Im Gepäck einen gesprächigen Geist in Gestalt einer Schlange. Klingt verrückt? Natürlich klingt es das, aber schon allein deshalb ist es Inspiration genug. Und mal ehrlich, wer so verbissen an seinen Traum glaubt und selbst fünf Jahre nach der ersten Skizze seines Projekts nicht aufgegeben hat, der kann nur bewundert werden.

So und nach all dem Gerede über meine Quellen der Inspiration interessiert mich jetzt, was euch beflügelt hat? Gibt etwas, was euer Kopfkino in Gang setzt, sodass ihr einfach nicht mehr aufhören könnt, an einer Idee festzuhalten?

Ich wünsche euch noch ein schönes Wochenende

+Mika+

PS: Mein nächster Beitrag wird voraussichtlich Dienstag erscheinen. Darin geht es um die „Nacht der wilden Worte“ in Hamburg. Es ist eine Schreibnacht, die morgen ab 18 Uhr im Rahmen des NaNoWriMo veranstaltet wird. Ihr dürft also gespannt sein.


Quellen:

Beitragsbild von Flickr.com

Dokumentation „Kannibalen auf dem Medusafloß“

Faceless Neil Homepage

Noella Borie bei Kickstarter und Vimeo Channel

Gedanken-Mix, Schreibarbeit

Eine Woche im Schreibmonat oder: Warum meine Ernährung mies ist …

… und es mir trotzdem gut geht …

Keine Angst, dies ist kein Beitrag mit Tipps zur Ernährung. Und erst recht kein Beitrag, indem ich mich über dies und das beklage. Im Gegenteil, es geht um meine Erfahrungen in der ersten Woche des Schreibmonats November. Als Neuling plagten mich mit dem Startschuss am ersten November einige Zweifel: Schaffe ich es, täglich eine Wortanzahl von etwa 1.700 zu schreiben? Werde ich von meiner anfänglichen Euphorie verschluckt oder gar von meiner Müdigkeit besiegt? Bin ich vielleicht so motiviert, dass ich den 50.000 Wortsoll in einer Woche schaffen kann (unrealistisch ich weiß, aber … es könnte ja …)? All das ging mir durch den Kopf. Was ich dann tatsächlich in der letzten Woche erlebt habe, das lest ihr in diesem Beitrag.


Von Eiern auf Brot und Stress

Wenn man neben der Arbeit und anderen Verpflichtungen auch noch an seinem Roman arbeiten möchte, muss man sich die Zeit strikt einteilen, denn sie ist knapp bemessen. In meinem Fall habe ich mir drei Stunden pro Tag Zeit gegeben, um an meinem Projekt zu arbeiten. Da bleibt natürlich einiges auf der Strecke. Besonders die Zubereitung von Mahlzeiten wird auf das Mindeste beschränkt. Für gewöhnlich esse ich abwechslungsreich, koche zur Entspannung und fühle mich wie ein falscher Mensch, wenn ich nicht vernünftig was zwischen die Kiemen bekomme. Von Gemüselasagne über Sushi, Plätzchen und exotischen Kreationen wie Shrimps Banane Curry habe ich schon einiges ausprobiert und bin nur mittelmäßig wählerisch. Von Fertigessen aus der Tiefkühltruhe halte ich mich aber für gewöhnlich fern. Leider ist dieser Monat alles andere als gewöhnlich. Wenn ich im Schreibfluss bin, will ich nicht aufstehen und irgendetwas kochen. Ich möchte mich in meiner Geschichte verlieren und empfinde jede Art von Ablenkung als Störelement. Kurz gesagt, mein Ernährungsplan wurde rabiat umgestellt. Ich ernähre mich von Ei auf Brot, Pizza, Keksen und allen Dingen, die sich schnell zubereiten lassen. Das klingt nach Stress und irgendwie ist es das auch. Trotzdem fühle ich mich grandios, denn was den Schreibmonat ausmacht ist nicht etwa der Zeitdruck oder das Gefühl, unbedingt etwas schaffen zu „müssen“, sondern gleichzeitig mit tausend anderen zu schreiben.


Die Community und Schreiben muss nicht einsam sein

Den streng strukturierten Plan meines Projekts habe ich schon nach einer Woche im NaNo verworfen. Ich muss in kurzer Zeit Lösungen finden und daher vieles abändern.
Den streng strukturierten Plan meines Projekts habe ich schon nach einer Woche im NaNo verworfen. Ich muss in kurzer Zeit Lösungen finden und daher vieles abändern.

In meinem Post zum NaNo habe ich es schon angedeutet. Warum es sich lohnt, an diesem stressigen Projekt teilzunehmen, liegt nicht etwa daran, dass man am Ende einen fertigen Roman hat (gut, dass ist natürlich auch nicht schlecht), sondern an der Idee, nicht allein zu sein. Überall kann man es hören und lesen „Schreiben ist einsam“. Wer schreibt, egal ob als Journalist, Texter oder Romanautor, ist im Entstehungsprozess seines Textes allein mit sich und dem Schreibmedium. Recherche wird betrieben, die Struktur aufgebaut und sich jedes Wort reiflich überlegt. Irgendwann wird das Projekt an Testleser gegeben und man könnte annehmen von da ist man nicht mehr einsam, denn es entsteht im besten Fall eine Diskussion um das Projekt. Doch das ist ein Trugschluss. In einem Prozess, wo Kritisierter und Kritiker sich gegenübersitzen entsteht selten eine ausgelassene, kreative Stimmung, in der sich der Schreiberling wohlfühlt. Liegt ja auch in der Natur der Sache. Kritik ist immer unangenehm. Und seien wir mal ehrlich, die Rohfassung eines Romans schafft es nur selten, einen euphorischen Aufschrei der Entzückung bei einem Testleser auszulösen. Viel eher hagelt es niederschmetternden Kritik, die im schlimmsten Fall bösartige Selbstzweifel heraufbeschwören kann.

Der NaNo hat mir jedoch gezeigt, dass wir Schreiberlinge alles andere als einsam arbeiten müssen. Obwohl ich physisch allein vor meinem PC sitze und schreibe, sorgt die Vorstellung, zur gleichen Zeit wie tausend andere, einen Text zu schreiben, dafür, dass ich mich nicht allein fühle. Auf zahlreichen Blogs, in Foren und Gruppen bei Facebook sprießen täglich Beiträge aus dem Boden. Es wird offen über das geredet, was man sonst still und heimlich macht, ohne andere einzuweihen. Ich habe ein Ziel vor Augen und weiß, dass ich nicht die Einzige mit der verrückten Idee bin, einfach nur zu schreiben, weil es verdammt nochmal Spaß macht. Das führt zu einem kreativen Hoch, zu Freude und Zufriedenheit und trotzdem kann vieles schief gehen.


Wenn die Blockade kommt

In meiner ersten Woche ist sie mir erspart geblieben, die allseits unbeliebte „Schreibblockade“. Ein Wort, das selbst einen ausgewachsenen Verlagsautor zum Zittern bringen kann, denn es handelt sich um einen Zustand extremer Unproduktivität. Wir Schreiberlinge starren auf ein leeres Blatt und kommen einfach nicht vorwärts. Unser Kopf sagt: Tipp jetzt! Aber der Körper streikt. Jedes Wort fühlt sich falsch an, die Sätze klingen holprig, wir lenken uns ab, indem wir Youtube Videos ansehen, auf Facebook posten, Instagram öffnen, vielleicht ein Spiel zocken. Diesem fiesen Teufel in Gestalt eines weißen Papiers habe ich den Kampf angesagt und in den letzten zehn Jahren einige Möglichkeiten entwickelt, mit ihm umzugehen.

  1. Inspiration wächst nicht auf Bäumen. Um Quellen für neue Ideen zu finden, solltet ihr euer Umfeld ändern. ein Museum besuchen, ein Buch lesen, einen Film sehen, Mangas lesen. Es gibt unzählige Quellen der Inspiration.
  2. Erstellt eine Mindmap. Klingt banal, aber mach dir bewusst, was du mit der nächsten Szene sagen willst und wofür du sie brauchst. Es ist kein Geheimnis, dass Blockaden immer dann auftauchen, wenn wir unzufrieden sind. Denk also darüber nach, ob du die Szene, die dich blockiert wirklich brauchst und schmeiß sie ggfs. einfach raus.
  3. Schreib eine andere Szene in deinem Roman, eine Kurzgeschichte, aber vor allem etwas, was dir Spaß macht und dich zurück in den Schreibfluss bringt. Eventuell reicht auch ein Tagebucheintrag. Wenn du dann im Schreibfluss bist, kehr zu der problematischen Stelle zurück und lass die Worte einfach fließen.
  4. Setz dich mit deinen Figuren auseinander. Zeichne ein Bild, schreib ein Interview mit deinen Charakteren und frag dich, was sie besonders macht und weshalb du dich zu Beginn der Geschichte in sie verliebt hast.
  5. Sprich mit jemandem über die Blockade. Ob in Autorenforen, mit Freunden, deinen Eltern. Völlig egal, wichtig ist nur, dass du dich mitteilst und dein Projekt von einer anderen Seite betrachtest. Meist findest du erst nach einiger Zeit eine Lösung, aber je mehr Input du bekommst, umso wahrscheinlicher die Chance, dass irgendetwas dabei ist, was du für dein Projekt verwerten kannst. (Für mehr Ideen zu Schreibblockaden habe ich hier noch diese beiden Links: Leselupe und Marcus Johanus)

Das war es dann von meiner Seite. Ich blicke zuversichtlich auf die zweite Woche im November. Auch wenn die laut Hören-Sagen die schlimmste sein soll. Nächstes Wochenende findet ihr mich außerdem auf der NaNo Schreibnacht in Hamburg. Ich wünsche euch viel Erfolg für euer Projekt. Solltet ihr mal nicht weiterwissen, bin ich für ein Brainstorming immer bereit. Dazu könnte ihr mir per Mail schreiben oder aber einen Kommentar verfassen. Ich freu mich auf euch.

+ Mika +


Außerdem: Im letzten Beitrag habe ich um eure Mithilfe gebeten und viele großartige Anregungen zum Namen der Rebellenorganistion in meinem Roman „Hurt No One“ bekommen. Insgesamt haben 19 Personen an meiner Umfrage teilgenommen und ich habe mich für REKA  (Revolution des kalten Sturms) entschieden. Obwohl dieser Name literarischer ist als der zweite Favorit ERF, spiegelt er die Grundstimmung der Organisation für mich am besten wider. Vielen lieben Dank noch einmal für eure Teilnahme. Ihr wart mir eine große Hilfe!

Auswertung im Detail: REKA Revolution des kalten Sturms: 6; ERF Equal Rights Front: 6; AIF Alliance for Independence and Freedom: 5; AFUF Allianz für Freiheit und Unabhängigkeit: 4; RDNG Rebellen der neuen Generation: 1; RFFG Revolutionäre Front für Gleichberechtigung: 0.

Und wenn ihr jetzt noch aufnahmefähig seid: Ich höre derzeit das Album Death Cab for Cutie, Kintsugi. Es ist sanfter Indie-Rock, der mich sehr leicht in eine fremde Welt entführt.