Selbstzensur: Wieso wir uns beim Schreiben selbst Grenzen setzen

Es gibt Dinge, über die darf ich nicht schreiben. Wieso? Na, das ist eben so. In einen Krimi gehört keine explizite Sexszene, genauso wie in eine romantische Liebesgeschichte kein brutaler Mord passt. Ganz zu schweigen von einem anspruchsvollen Gegenwartsroman, der ja nun wirklich nicht zu viele Klischees bedienen sollte. Passt nicht, gibt’s nicht, soll so nicht sein.

Diese und ähnliche Gedanken machen wir uns beim Schreiben jeden Tag. Einige sagen, in der Literatur gäbe es keine Tabus, andere meinen, Grenzen seien wichtig, um die Erwartungen von Lesern zu erfüllen. Es scheint immer wichtiger zu werden, warum wir etwas nicht tun, als die Frage, warum wir etwas tun. Selbstzensur ist das Thema, das sich dahinter verbirgt. Nur ist das wirklich so dramatisch, wie es klingt?


Selbstzensur: Ein Widerspruch in sich

Zu Beginn eine Kleinigkeit: Ich hatte einen Knoten im Kopf, als ich Selbstzensur zum ersten Mal gehört habe. Wie soll man sich denn selbst zensieren? Geht nicht, dachte ich mir. Immerhin bezeichnet die Zensur etwas, was durch eine Institution oder ein Organ vorgenommen wird. Inhalte werden dabei gezielt kontrolliert und beschnitten. „Streich das! Mach das nicht! Das ist zu kritisch, bloß weg damit!“ Sind Aufforderungen, die ganz gut passen. Es ist ein negativer Begriff, der Einfluss auf die Freiheit hat. Dass man selbst derlei Druck auf sich ausübt, ist für mich ein Widerspruch in sich. Aber halt! Ich habe mich getäuscht. Wenn ich in Ruhe darüber nachdenke, ist er nicht so unsinnig, wie es auf den ersten Blick den Eindruck macht. Werfen wir einen Blick auf das Wort Selbstbestrafung . Es ist ähnlich konstruiert. Bestrafungen werden in der Regel durch andere durchgeführt. Durch die Gesellschaft, Menschen, Institutionen. Psychologisch gesehen, ist es jedoch auch möglich, sein eigenes Verhalten zu bestrafen.


Brisant ist interessant

Im Grunde geht es also darum, ob jemand etwas bewusst oder auch unbewusst aus seinem Romanprojekt streicht, um damit gesellschaftlich weniger aufzufallen, weniger anzuecken, mehr Akzeptanz zu bekommen. Sagt meine Protagonistin wirklich ‚Penner‘ oder ‚Nigger‘, weil sie eine rechtsradikale Schlägerin ist oder lasse ich das lieber, damit sich niemand am Wortlaut stört?

Ein Gedanke aus meinem eigenen Schreibprozess: Eine meiner Protagonistinnen hat in ihrer Vergangenheit ein Tier gequält. Vermutlich aus Frustration über ihre eigene ausweglose Situation. Diese Erfahrung hat sie und ihr zwischenmenschliches Vorgehen stark geprägt. Ich weiß, dass eine solche Szene negativ auffallen wird. Stephen King ist das passiert, als einer seiner Protagonisten in einem Buch einen Hund quälte. Er bekam daraufhin Hassbotschaften. Natürlich möchte ich nicht, dass mir das Gleiche passiert, andererseits ist diese Frau eben eine gefühlskalte Person. Das ist ein Konflikt. Auch jetzt, wo ich diese Worte hier im Blog niederschreibe, fühlt es sich nicht richtig an, eine solche Szene in mein Buch einzubinden. Ich fürchte mich davor, die Quälerei zu erwähnen und zensiere mich selbst, indem ich diesen Aspekt lösche. Nicht etwa, weil es für die Geschichte nicht wichtig ist, sondern weil ich mich fürchte, einen schlechten Eindruck zu machen. Dabei ist es nur eine fiktive Geschichte. Mal ganz davon abgesehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die Tieren schaden. Das ist traurige Realität.

Um zur Selbstzensur zurückzukommen. Es macht durchaus Sinn, zu hinterfragen, aus welchen Gründen bestimmte Dinge von uns selbst gelöscht werden. Wer etwas nicht schreibt, weil es zu brisant ist, läuft Gefahr, nicht ehrlich mit sich und seiner Geschichte zu sein. Eventuell entsteht ein langweiliges Werk ohne Höhen und Tiefen. Zu glatt, zu sauber, zu perfekt. Wer kann damit Menschen aufrütteln? Keiner, denke ich.


Rules

Sich an Schreibregeln und Genregrenzen zu halten, ist keine Zensur

Einige Dinge fallen mir in der Diskussion dennoch negativ auf und verursachen ein Stirnrunzeln. Es ist meiner Ansicht nach keine Zensur, wenn wir uns an Regeln des Schreibens und genrespezifische Grenzen halten. Wer beides überschreitet, ist entweder extrem gut oder, ich muss es sagen, kennt sich nicht aus. Ich kann nicht eine Fantasywelt aufbauen und urplötzlich eine machthungrige Maus einführen, die vom Planet Mauswahn kommt und mit einer Laserstrahlenpistole auf einen Ork zielt. Na gut, ja, das kann ich schon, die Frage ist doch aber, will das jemand lesen? Sehr wahrscheinlich nicht. Und ja, ich kann radikal alle meine Hauptpersonen umbringen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich kann auch Figuren auftauchen lassen, die nichts mit dem eigentlichen Geschehen zu tun haben, pöbeln, brutalen Sex haben, sich die Köpfe blutig schlagen und einfach wieder verschwinden, ohne eine weitere Erwähnung. Kein Problem, aber mehr als einen verwirrten Blick und frustrierte Leser wird das wohl nicht bringen.

Die Frage ist immer, ob man sich freiwillig entscheidet, Dinge zu löschen oder es nur tut, weil man sich gesellschaftlich dazu gedrängt fühlt. Eine Geschichte über einen pädophilen Massenmörder? Nein Danke. Islamkritik? Nein danke. Veganerin trifft Kannibalen? Auch nicht. Zu sagen, wo freiwillig anfängt und wo es aufhört, ist dabei unmöglich. Überall werden wir durch irgendetwas beeinflusst. Wir sollten uns in erste Linie mit der Entscheidung wohlfühlen und sie nicht bereuen. Es ist richtig zu sagen, die Geschichte ist einfach so wie sie ist, egal, ob manche sich daran stören. Wir sollten dazu stehen und mutig sein, die ‚unpassenden‘ Dinge anzusprechen. Es ist allerdings nicht sinnvoll, Schreibregeln zu missachten, nur weil man denkt: „Pah, ich mach das jetzt eben so.“ Wenn ich nicht weiß, wo eine Straße anfängt und wo sie aufhört, werde ich womöglich überfahren.

Mein Eindruck ist, dass die Kritik einer sogenannten Selbstzensur im Bereich Self-Publishing zum Teil (!) dazu genutzt wird, um zu rechtfertigen, warum man bestimmte, unlogische Dinge in Romanen eben doch tut. Es ist Kunst, ich wollte mich nicht selbst zensieren. Von Lesern höre ich demgegenüber immer öfter, Bücher seien Versprechen und mit diesem sind eben auch gewisse Erwartungen verknüpft. Jemand, der einen aufwühlenden Thriller in den Händen hält, wird wohl wütend werden, wenn in diesem eine ausschweifende Dreiecksbeziehung vorkommt. Gedankenlos einfach zu schreiben, was einem gerade einfällt, kann problematisch sein (muss nicht, kann aber …). Für mich ist es daher keine Selbstzensur, zu durchdenken, wie der Roman ankommen könnte. Ich fühle mich dadurch auch nicht meiner Freiheit beraubt. Es gibt tatsächlich viel schwerwiegendere Gründe, sich gegen bestimmte Szenen zu entscheiden. Aus Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen zum Beispiel.

Bis dahin

+Mika+


Nützliche Links

Selbstzensur der Medien

FaZ

Spiegel

Bilder:

Filtern ist keine Lösung: Karsten Suehring

To break the rules you must first master them: Lefteris Heritakis

6 Gedanken zu “Selbstzensur: Wieso wir uns beim Schreiben selbst Grenzen setzen

  1. Sehr guter Artikel.

    Ich hatte die Diskussion bis jetzt irgendwie total verpasst, aber so, wie du es schreibst, macht es Sinn.

    Als Autor sollte man auf jeden Fall auch die Lesererwartung bedenken, die an gewisse Genres geknüpft ist. Brüche können gelingen, wenn sie gut gemacht sind und der Leser trotzdem noch ‚genug‘ von dem bekommt, was er erwartet hat. Sprich: wenn die Lovestory gut genug geschrieben ist – und nicht zu klischeehaft/weichgespült – und trotzdem noch genug Spannung aufkommt, wird ein knallharter Thriller-Fan auch die deutlichen Romance-Elemente verzeihen können, vielleicht sogar auf eine Art mögen. Ansonsten hat man aber leider ein Buch geschrieben, dass die Leser enttäuscht (sowas hab ich im Kino oft mit Filmen gesehen – da wird eine Komödie angekündigt, und dann hat die Mutter plötzlich Krebs und alles kippt ins Drama), und das sollte man vermeiden. Dafür ist es aber auch wichtig, sein Buch im Klappentext genau zu beschreiben und eventuell schon auf den Bruch hinzuweisen; obwohl es dann wieder passieren kann, dass weder Thriller- noch Romance-Fans das Buch als interessant beurteilen.

    Wie jedes Risiko ist so ein Bruch mit den Genre-Regeln oder Lesererwartungen ein Risiko, dass es abzuwägen gilt. Und ggf. mit den Konsequenzen zu leben, wenn man sich dafür entscheidet.

    PS: Tioerquälerei gibt es inzwischen in vielen Büchern… ich lese aktuell leider grade wieder eins. Viele Menschen können das gut tolerieren oder als ‚fiktiv‘ abtun. Ist nicht jeder so empfindlich wie ich…

    Gefällt 1 Person

    • Hey Stella, danke für diesen super ausführlichen Kommentar. Die Diskussion spielt sich auch wirklich mehr im Journalistik Bereich ab. Aber ein paar Mal ist es mir doch schon im Self-Publishing Bereich aufgefallen.
      Ja, sich zu entscheiden, was man für sein Projekt will ist gar nicht so einfach. Einerseits kann man es nicht allen recht machen und andererseits sollte man auch nicht total am Geschmack der Leute vorbeischreiben.
      +Mika+

      Gefällt 1 Person

  2. Hm, so ganz verstehe ich nicht, was Du sagen möchtest. Wenn Du Dich aus erfolgs- und marketingtechnischen Gründen entscheidest, den Erwartungen Deiner Leser gerecht zu werden, dann ist das doch keine Zensur, oder? Es gibt auch keine wirklichen Tabus in Gattungen, zumal die Zeit des Cross-over schon lange angebrochen ist. Wie Du sagst, muss man dabei zwar „extrem gut“ sein, aber Zensur? Eine gute Liebesgeschichte kann durchaus durch einen Mord gewinnen, „explizite Sexszenen“ finden sich in Krimis zuhauf. Wenn Zensur, dann nur im Bereich Kinderbuch, wo zuviel „Scheiße“ oder Gewaltdarstellung halt nichts zu suchen hat. Aber sonst?
    Insofern bin ich ein bisschen ratlos …

    Gefällt 1 Person

    • Hey Simon,
      im Grunde hast du genau den Kern meiner Aussage getroffen. Zensur ist meiner Ansicht nach eben nicht, wenn man sich aus logischen und freiwilligen Stücken entscheidet, sein Buch auf den Markt anzupassen. Diese Ansicht gibt es jedoch. Selbstzensur ist, wenn ich mich gedrängt fühle, etwas nicht zu schreiben, weil es brisant ist und anecken könnte.
      Und ich denke schon, dass es gewisse Genregrenzen gibt, die nicht überschritten werden sollten. Mit einer expliziten Sexszene meine ich wirklich eine, die in einem Erotikroman vorkommen könnte und im Detail den Akt schdert. Ich persönlich finde das in einem Krimi störend. Aber, wie bei allen Dingen, ist es eben so, dass natürlich die Machart auch darüber entscheidet, ob es nicht doch funktioniert.
      +Mika+

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  3. Hallo Mika,

    es ist immer wieder interessant von dir zu lesen, welche Gedanken und Bedenken dich zum Thema ‚Schreibprozess‘ beschäftigen. Es zeigt uns deine ernsthaften Bemühungen um deine Schreibkunst. Zweifel sind auch ein Nährboden für eine Weiterentwicklung jeglicher Kunst, das gehört zu den unabänderlichen Leiden mit denen sich Künstler (jedweder Gattung) abfinden müssen. Soweit ist das Thema ‚Selbstzensur‘ ein ganz normaler Denk- und Schreibprozess.
    Auch in der menschlichen, täglichen Kommunikation lege ich meinem Reden auch ‚Zügel‘ an, sage nicht alles was gesagt werden könnte, was ich denke – halte meine Meinung gegenüber nur Bekannten oder auch Arbeitskollegen diplomatisch zurück. Aber mehr aus Klugheit (sein Herz nicht auf der Zunge zu tragen) denn aus der ‚Erwartungserfüllung‘ daraus einen Vorteil zu erhalten.

    Das ist der Punkt den ich kritisiere. Ein Autor sollte schreiben, was ihm das Anliegen ist und dabei nicht auf die ‚Erwartung‘ möglicher Leser schielen. Er kann alles schreiben, wenn er es kann, das ist die Maßgabe. Der Leser entscheidet sowieso und das Marketing macht den Erfolg, da kann sich der Autor noch so sehr nach den diffusen Erwartungen seiner Zielgruppe strecken.
    Den ‚Geschmack der Leute‘ gibt es nicht – und wenn dann ist es mehr ein hype (ähnlich dem Fußball-Begeisterungsrausch) als dem eines gourmets.

    Dazu musst du auch nicht explizit jede Szene deines Romans in allen Einzelheiten detailliert ausmalen, das machen zwar einige beflissene Autoren um damit den dumpfen Voyeurismus zu bedienen (erfolgreich wie man leider sieht) – der Leser ist normalerweise mit genügend Phantasie begabt um sein ‚Kopkino‘ bei der Lektüre anlaufen zu lassen. Das ist doch das Vergnügen beim Lesen.

    Wünsche dir weiterhin eine gute Entwicklung zur Autorin.

    Liebe Grüße
    Roland

    Gefällt 1 Person

  4. Hallo Mika 🙂
    ein wirklich interessantes Thema, über das ich mir zuvor noch gar keine Gedanken gemacht hatte.
    Ich muss gestehen, dass ich gerne hier und dort Gesellschaftskritische Punkte niederkritzel, jedoch ohne darauf große Aufmerksamkeit im gesamtheitlichen Roman zu lenken. Ich sehe das so: In meinem Roman möchte ich nicht nur die guten Seiten dieser/einer fantastischen Welt zeigen. Sie sollte auch die Realität zeigen, die nun einmal nicht immer in Regenbogenfarben malt. Dass Steven King diese Szene geschrieben hat, finde ich insofern gut, dass daraufhin darüber diskutiert wird. Denn Tiere werden misshandelt, gequält etc. Es zu verheimlichen, verhindert es nicht. Es zu lesen, lenkt in dem Moment Aufmerksamkeit auf das Thema und plötzlich reden Menschen darüber.
    Natürlich besteht dann die Frage, ob ich in meiner Freizeit, wenn ich mich eigentlich entspannen möchte, ein Buch mit solchen Inhalten überhaupt lesen will. Natürlich nicht. Dann ergibt sich die Thematik der Verantwortung für den Leser eine entsprechend lesbare Atmosphäre zu erschaffen. Es sind viele Punkte, die beim Schreiben beachtet werden müssen. Ich denke jedoch, dass jeder von uns hier und dort die Gesellschaft etwas wecken darf, es sollte jedoch passen. Wichtig ist es, sich selbst als Autor und der Geschichte im Ganzen treu zu bleiben. Gelenkt werden wir denke ich jedoch bei einigen Sachen sehr unbewusst. Aber vielleicht wollen wir auch manchmal gewisse Dinge nicht schreiben, weil sie uns selbst nicht gefallen 🙂

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

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