Aktuelles, Silver Coin 203

Frohe Weihnachten

Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest. Genießt die Zeit mit euren Lieben und schaltet den Alltagsstress einfach mal aus. Klick und weg. Da ich mir bis zum 10. Januar eine Pause gönne, habe ich für euch eine kurze Weihnachtsgeschichte vorbereitet. Lesbar in zehn Minuten. Düster, aber hoffnungsvoll.  Viel Spaß damit. 🙂


Verlorene Weihnachten

Rina zählte zu einer aussterbenden Generation. In Red-Mon-Stadt gab es kein Weihnachten und sie als Einwanderin war eine der Wenigen, die sich noch daran erinnern konnten. Deshalb war sie es auch, die am 24. beschloss, dieses Fest aufleben zu lassen, auch wenn sie sich und die anderen damit in Gefahr brachte. Seit Monaten lebten sie wie Ratten unter der Straße, verbargen sich in der Dunkelheit und wurden von ihrer ausweglosen Situation erdrückt. Es war Zeit, dass ein wenig Licht in die Dunkelheit kam und mit ihm etwas, woran sie sich gemeinsam festklammern konnten, um nicht aufzugeben.

Eisiger Wind streifte Rinas Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um den Körper. Sie stand im langen Schatten eines Hochhauses, Owens Hausmarkt fest im Blick. Vor dem Lebensmittelladen, er war beliebt, weil er Importwaren verkaufte. Ein seltenes Gut in einer Stadt, die vom Rest der Welt abgeschnitten war. Darum hatte sie diesen Ort gewählt. Zwischen den Menschenmassen konnte sie sich gut verstecken. Es durfte ihr nur niemand ins Gesicht sehen.

Rina zog den Schal über die Hälfte ihres Gesichtes und kämmte mit den Fingern ihren Pony über die Augen. Dann richtete sie den Blick auf den Boden. Sie zog den panischen Stachel, der sich tief in ihren Körper gefressen hatte und machte Platz für Mut. Nichts würde ihr passieren. Sie hatte es immer geschafft, denn im Notfall war sie flink wie eine scheue Katze. Vor Gefahr zu flüchten, war ihre Spezialität.

Sie machte sich auf den Weg zum Laden, passierte die Brücke zu Oberstadt, hörte ihr Herz in der Brust hämmern, zwängte sich zwischen die Menschen und war drinnen. Wärme umfing sie und ihre Wangen begannen zu brennen. Der Geruch fremder Gewürze stieg ihr in die Nase.

Zuerst brauchte sie Öl. Unauffällig schlich sie an den Leuten vorbei, entdeckte die goldene Flasche in unmittelbarer Nähe, gelangte dorthin, streckte die Hand aus und ließ sie unter ihrer geöffneten Jacke in einer Tasche verschwinden. Nun brauchte sie etwas Süßes. Ihr Blick streifte durch den Laden. Am anderen Ende waren die abgepackten Kekse, deshalb schob sie sich zwischen die Leute, kam in die Nähe des Regals, nutzte den Moment und ließ sie genauso verschwinden wie das Öl. Nur noch die Milch und Kakao. Ihre Schritte fühlten sich wie die eines Fremden an, doch sie fand die beiden Lebensmittel und ließ auch sie unbemerkt verschwinden. Geschafft. Niemand schrie, zeigte auf sie, brach in Panik aus. Sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Doch gerade als Rina zum Ausgang strebte, stieß sie gegen jemanden.

„Kannst du deine Augen nicht aufmachen!“, sagte ein Mann und in diesem Moment entglitt ihr die Situation. Reflexartig sah sie auf. Vor ihr stand ein großer Mann mit kurzen Haaren und eleganter Kleidung. Sein Blick traf ihren und er hatte freie Sicht auf ihre verräterisch goldenen Augen. Sekunden tickten. Er starrte sie an. Sie starrte ihn an. „Du … du … bist ein Lorca“, murmelte er und ein Stich raste durch Rinas Körper. Ausgesprochen, das verfluchte Wort.

„Hier ist ein LORCA!“, schrie er mit einem Mal. „Ruft doch jemand die Hygienepolizei!“

Es war passiert. Alle drehten sich zu ihr um und in ihren Gesichtern bildete sich der Ausdruck kalter Abscheu. „Hygienepolizei“, wiederholte der Mann und trat ein paar Schritte zurück. Im gleichen Augenblick ertönte schrill der Lorca Alarm. Rina erwachte aus der Trance. Jetzt blieben ihr noch höchstens zwei Minuten.

Sie fauchte wild, so als sei sie besessen. Es half. Die Menschen erschraken, wandten sich ab und rannten panisch davon. Rina nutzte die Gelegenheit und setzte zum Sprint an. Niemand würde sie packen oder aufhalten, denn sie alle waren davon überzeugt, dass sie krank wurden, sobald sie einen Lorca berührten. Zu glauben, dass jemand wie Rina eine todbringende Krankheit übertrug, ersetze den Glauben an einen Gott. Niemand bemerkte, dass diese Krankheit gar nicht existierte.

Rinas Beine trugen sie aus dem Laden heraus, die Brücke von Oberstadt entlang. Sie war schnell und wendig und sah niemals zurück. Ihr Weg führte sie die Treppe hinunter nach Mittelstadt, wo sie in einer Gasse verschwand, während der Alarm bedrohlich an und abschwoll.

Dort lief sie zu einem leicht geöffneten Kellerfenster. Bevor sie in den Keller abtauchte, sah sie sich um. Niemand war ihr gefolgt. Hastig zog sie die Jacke aus, steckte sie als erstes durch das Fenster und folgte ihr dann. Drinnen war es dunkel und staubig. Sie schloss das Fenster hinter sich und atmete einmal tief durch. Sie war entkommen.

***

Es war ein ungewöhnliches Weihnachtsfest. Fünf junge Menschen mit ungewöhnlich heller Haut und golden glänzenden Augen saßen um eine Ölkerze herum, aßen Kekse und tranken Kakao. Es gab keine Tannenzweige, keine Lebkuchen, keinen Weihnachtsschmuck und keine Geschenke, doch sie hatten einander. Es war kein Vergleich zu jenen Festen, die Rina aus ihrer Kindheit kannte, aber das war nicht wichtig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich lebendig. Sie erzählte den anderen Weihnachtsgeschichten im Flüsterton und sie klebten an ihren Lippen. Jeder von ihnen war jünger als sie, jeder in Red-Mon-Stadt geboren. Sie alle hatten etwas verloren, nur das Leben war ihnen geblieben. Rina malte mit Worten Bilder von Häusern, bedeckt mit Puderzuckerschnee, einem Mann in rotem Mantel und einem weißen Bart, der nachts an die Tür klopfte. Was sie in der Dunkelheit hatten, war eine zerbrechliche Gemeinschaft. Es war ein Licht im Dunkel, denn sie hatten einander und sie würden nicht aufgeben. Egal, wie feindlich die Welt war, in der sie lebten. Denn irgendwann würden auch sie geborgen sein, geliebt werden und keine Angst mehr haben. Sicher. Ganz sicher …


Die Kurzgeschichte ist ein Szene aus meinem derzeitigen Romanprojekt Hurt No One. Wer von euch mehr darüber wissen will, schaut einfach mal HIER vorbei.


Beitragsbild von flickr.com

Silver Coin 203

Mein Projekt beim NaNoWriMo …

… und eine Schreibnacht auf Facebook …

HurtNoOne_NaNoWriMo

Wie angekündigt werde ich in diesem Jahr am NaNoWriMo teilnehmen. Hiermit lasse ich nun die Katze aus dem Sack. Das Projekt mit dem ich mein Glück versuche, trägt den vorläufigen Titel „Hurt No One“ und ist eine Science-Fiction Story über zwei Menschen, deren Schicksal sich durch Zufall miteinander verwebt. Zwei Antihelden, die in den blutigen Kampf zweier Parteien gerissen werden, sich auf gegnerischen Seiten befinden, aber am Ende Hand in Hand gegen ihre Unterdrückung und für ihre Freiheit kämpfen.

Wie es der Zufall wollte, habe ich gestern dann an einer Schreibnacht auf Facebook teilgenommen und mich der dort gestellten Schreibaufgabe gewidmet. Diese lautete: Schreibe einen Dialog zwischen dem Protagonist und dem Antagonist deiner Story. Das war nicht ganz einfach, denn bisher hatte meine Antagonistin weder ein Gesicht noch einen Charakter.

Ob mir der Dialog gelungen ist oder nicht, davon könnt ihr euch selbst überzeugen. Sollten Verdauungsproblemen beim Konsum der Kost auftreten, wendet euch vertrauenswürdig an die Autorin. ;P


„Amanda war kein Name, der zu ihr passte. In einem kantigen Gesicht mit leichengrauer Haut, ruhten stechend kalte Augen, die ihre Umgebung bestens im Griff hatten. Niemand gab sich freiwillig mit einer Frau wie Amanda ab. Ihm aber blieb keine Wahl. Neel setzte sich auf den Stuhl, den sie ihm schon vor seiner Ankunft zurechtgeschoben hatte und wartete.

„Ich habe gehört, dass du nicht funktioniert hast“, sagte Amanda, nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte.

Bin wohl eingerostet, wollte er entgegnen, aber seine Ironie blieb ihm im Hals stecken. Wenn er Pech hatte, würde Amanda an einer Strippe ziehen und alles war vorbei. Hätte er es doch einfach sein lassen. Zu spät. Da musste er jetzt durch.

„Ich war nicht bei der Sache.“, log Neel.

„Du warst also nicht bei der Sache. Wie kann ich mir das genau vorstellen, Soldat?“

„Ihre Leiche ist ins Meer gestürzt und als ich es bemerkt habe, war sie im Dunkeln nicht mehr zu sehen. Es war ein Fehler und kommt nicht wieder vor.“

Amandas Hände ruhten auf dem Tisch. In ihrer Miene lag der Ausdruck abschätziger Missbilligung. Wenn Amanda am Ruder saß, ging nichts schief. Das war ausgeschlossen. Zumindest in der Theorie.

„Wir tolerieren kein Fehlverhalten, Soldat. Ich hatte angenommen, das ist dir bewusst. Also stellt sich mir die Frage, wieso du einem Befehl nicht Folge geleistet hast.“

„Ich habe den Befehl befolgt. Die Zielpersonen sind tot. Es ist nur etwas danebengegangen. Fehler sind menschlich. Kann mal passieren. Kommt nicht wieder vor.“

Jetzt wurde ihre Miene zu Stahl.

„Fehler … sind … menschlich“, wiederholte sie. „Um eins klarzustellen, Soldat, du bist weder ein Mensch noch hast du das Recht, dir Menschlichkeit zu erlauben. Du bist eine Maschine, die zu funktionieren hat. Wie ein Rädchen in einer Uhr, das ganz leicht austauschbar ist. Willst du das abstreiten?“

„Nein.“

„Gut. Mach dir das bewusst, wenn du das nächste Mal einen Auftrag hast. Mach dir bewusst, dass ich dich ganz einfach gegen ein neues, funktionierendes Rädchen austauschen kann.“

Neel fragte sich, ob Amanda deshalb so eindrücklich sprach, weil sie glaubte, ihn dadurch besser manipulieren zu können. Innerlich zog er den Revolver aus dem Halfter an seiner Hose, richtete ihn auf sie und schoss. Was für eine Genugtuung. Äußerlich blieb er ruhig.

Amanda schaltete das Display ein, das in den Tisch eingelassen war und schob mit den Fingern Dokumente beiseite. Ein Blatt vergrößerte sie und drehte es, damit er es sehen konnte.

„Dein Vertrag.“ Natürlich kam sie ihm damit. Ihr dürrer Finger tippte auf seine krakelige Unterschrift. „Steht da irgendetwas von Fehlern und Menschlichkeit?“

„Nein.“

„Richtig. Natürlich nicht. Streich diese beiden Wörter aus deinem Wortschatz. Sie existieren nicht. Nicht für einen Soldat wie dich. Es gibt einen Befehl, einen Auftrag und am Ende zählt nur das Ergebnis. Und heute fehlt uns einer auf der Liste. Dieser jemand ist spurlos verschwunden. Das ist inakzeptabel. Niemand kümmert sich darum, was in deinem erbsengroßen Gehirn vorgegangen ist, dass es so weit kam. Sind wir uns da einig?“

„Natürlich.“

„Gut, dann haben wir das geklärt. Du kannst gehen.“

Er stand auf, neigte sich zum Abschied und ging zur Tür. Gerade als er auf dem Absatz stand, meinte Amanda beiläufig: „Ach, ich hätte es fast vergessen. Deine Mutter war sehr aufgelöst als sie hörte, dass du derjenige bist, den sie den Totenläufer nennen.“

Neel erstarrte in der Bewegung. Sein Herz wurde kalt in der Brust und zitterte. Sie hatte mit seiner Mutter gesprochen. Persönlich. So weit war es also.

„Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie“, brachte er hervor.

„Das ist wirklich sehr schade. Ihre Stimme war weich wie Butter. Eine entzückende Person. Nun denn, Neel, alles weitere folgt bei der Besprechung um fünfzehn Uhr.“

Er ging ohne ein weiteres Wort.

Als er draußen im Flur war, achtete er auf die Kameras. Ihm durfte sein Gesicht nicht entgleiten. Er musste durchhalten, zumindest bis er draußen auf der Straße war. Diese Frau. Sie kannte ihn perfekt. Seine Ängste, seine Zweifel. Er konnte nur hoffen, dass sie die Wahrheit nicht schon kannte, denn die Zielperson war nicht tot. Er hatte sie laufen lassen. „


Und wer sich jetzt noch neugierig ist, wie ich auf diesen den Buchtitel gekommen bin, der schaut sich einfach das Musikvideo der Band The Used an. Dieses Lied hat mich überhaupt erst auf die Idee zum neuen Projekt gebracht. Musik regiert die Welt!

Ich wünsche euch noch einen angenehmen Restsonntag

+ Mika +


PS: Und nein, ich habe nicht schon vor November mit dem Schreiben an meinem Roman begonnen. Diesen Dialog wird es sehr wahrscheinlich nie in die Endfassung von „Hurt No One“ schaffen.