6: Leseproben

Gruselige Ostern

Ich wünsche euch ein gruselig-fröhliches Osterfest. Als Überraschungsei habe ich eine dreihundert Wort Geschichte vorbereitet, in der meine mörderischen Kaninchen aus der Kurzgeschichte Das schwarze Kaninchen wieder aufleben. Da es sich um Horror handelt, ist diese Geschichte womöglich nicht für jedes Gemüt geeignet.

Oh nein, oh nein, das darf nicht sein – Oh, nein, oh nein, das tut es doch.
Es töten die Kaninchen aus dem finstren Loch.

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Das Fremde lag zwischen frischem Löwenzahn und Klee. Es schien eine aus Holz gefertigte Schale zu sein, in dessen Mitte ein ovales Ding thronte. So schwarz wie Shwaas selbst, jedoch mit roten Kringeln verziert. Die runde Spitze zeigte nach oben, der Bauch nach unten.

Shwaas hob das Köpfchen und näherte sich dem Etwas mit ausgestrecktem Körper. Er schnüffelte daran, nahm etwas Chemisches wahr und schüttelte sich. So ein unangenehm stechender Geruch war ihm selten untergekommen. War das etwa jenes Zeug, das die Zweibeinigen auf Dinge strichen, damit sie ihre Farbe wechselten?

Shwaas schaute in die Schale. Unter dem ovalen Ding lagen Stückchen in Dunkelrot. Vorsichtig hielt er sein Näschen daran und vernahm einen unverkennbar schmackhaften Duft. Speichel sammelte sich in Shwaas Mäulchen und er flitzte aufgeregt im Kreis, schlug Haken und weckte mit seinem Trampeln die weißen Kaninchen. Schlaftrunken kamen sie heraus und bleckten ihre Nagezähne.

Und als sie ihrerseits das Köpfchen hoben, da rauschte es durch ihre Glieder. Das unbändige, das fürchterliche, das heilige Oh!

Wie besessen stürzten sie sich auf das Körbchen, gruben ihre Nasen zwischen die Stückchen und schlangen sie gierig herunter. Je mehr sie fraßen, umso stärker erfüllte der liebliche Geruch den Kaninchenbau: eisenhaltig, nahrhaft, fuchsgesichtig – Menschenfleisch.

Shwaas begnügte sich mit einem einzelnen Stück, knusperte zufrieden nach dem Festschmaus und entdeckte ein Etikett, das am Körbchen klebte. Mühsam entzifferte er die Schrift: „Grausige Ostern, meine Kinderlein der Finsternis.“

Sie war es also. Shwaas blickte hinüber zur Holzwand, die ihr Zuhause umzäunte. Dort stand ein hutzliges Menschenweibchen und lächelte mit wenigen Zähnen im Mund. Es war geduldet, denn es brachte Überraschungen. Es wusste, Kaninchen versteckten keine Geschenke. Oh nein. Sie fraßen, was ihnen zwischen die Zähne kam, blutig und frisch mochten sie es am liebsten. Die Kaninchen der Finsternis, die Kaninchen des Todes, die Kaninchen ohne Gnade.


Bildquelle Pixabay – Pexels (Lizenz frei für kommerzielle Verwendung). Bearbeitet durch Mika M. Krüger. – Das Foto zeigt einen Feldhasen, kein Kaninchen. Shwaas ist empört! Dass die zweibeinigen Fuchsgesichter aber auch wirklich alles durcheinander bringen. Seufz!

Die Kurzgeschichte Das schwarze Kaninchen findet ihr in der Anthologie Letzte Fahrt von Qindie, die 2017 zu Halloween erschienen ist. Coverdesign von Jacqueline Spieweg.

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