Tod dem Plotloch: die Grundlage

Ob Leser oder Autor, wir kennen sie alle: die bösen und sehr frustrierenden Plotlöcher. Sie machen uns wahnsinnig und zerstören im schlimmsten Fall die Illusion einer Geschichte. Deshalb müssen sie weg, ohne Rücksicht auf Verluste. Doch wie nur wie, kann man diese anhänglichen und doch so unauffälligen Gesellen eigentlich finden und noch besser beseitigen? Am besten starten wir dazu mit den Grundlagen. Denn ihr wisst schon, wir können ein Loch nur füllen, wenn wir genau wissen, wie tief es ist und mit was wir es auffüllen können. Daher in diesem Beitrag  der Versuch einer Definition.


Was ist ein Plotloch?

Bevor ich starte, ein Gedankenexperiment. Erinnert ihr euch an unlogische Stellen in Büchern und Texten? Habt ihr diese mal mit anderen diskutiert und festgestellt, dass jeder etwas anderes bemängelt? Vermutlich schon. Genau das ist der heikle Punkt bei allem, was wir tun. Es ist unmöglich, jedem zu gefallen. Das Gleiche gilt für Plotlöcher. Den einen stört schon der kleinste Logikbruch, der nächste reibt sich an psychologischen Details oder zu wenig Empathie auf. Je nach Leser, Erfahrung und Empfindung wird das Augenmerk auf etwas völlig anderes gelegt. Darum sollten wir uns bewusst machen, was für einen Text wir da eigentlich vor uns haben. Eine perfekt recherchierte, top durchdachte Sci-Fi-Story mit in sich schlüssigen Erfindungen oder ein Buch, in dem die Beziehungen der einzelnen Figuren im Vordergrund stehen, während technische Details eher belanglos sind? Je nach Schwerpunkt sollten Plotlöcher anders behandelt werden.

Hier nun mein Versuch, eine Einteilung zu Plotlöchern zu machen (keine Garantie auf Vollständigkeit, ist ja keine wissenschaftliche Arbeit):


Hole

Ein Plotloch strahlt auch in tiefster Dunkelheit. Leider ist das selten gut …

1) Logikbrüche – Das verstehe ich jetzt nicht … wieso passiert das?

Wir lesen Geschichten und dabei springt (hoffentlich) unser Gedankenkino an. Wir versetzen uns in die Lage der Figuren hinein und malen uns aus, was hätte sein können. Bei Stellen im Text, die unlogisch sind, gelangen wir zu dem Schluss, dass eine andere Lösung eindeutig die „bessere“ wäre. Diese Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was wir für richtig halten, nennen wir „Logikbruch“. Meist erzeugt das Verärgerung oder Verwirrung und ab und an fühlen wir uns auch etwas veralbert.
Stellen wir beim Hinterfragen einer solchen Szene jedoch fest, dass es einen plausiblen Grund für diese Entwicklung gab, dann nehmen wir die Merkwürdigkeit hin und kommentieren nur: „Ich hätte es besser so und so gefunden, aber in der Geschichte musste es so sein. Ging halt nicht anders.“ Das ist der Idealfall.
Ein Beispiel mit konstruierter Geschichte: Alica ist eine talentierte Tänzerin, sie verletzt sich bei einem Sturz vom Fahrrad und bricht sich das Bein. Die Diagnose ist zermürbend, vermutlich wird sie nie wieder richtig tanzen können. Ihr Leben gerät völlig aus den Fugen. Drama pur über dreihundert Seiten. Bis … ihr plötzlich ein Arzt von einer neuen Operationsmethode erzählt. Sie unterzieht sich dieser und in kurzer Zeit ist sie wieder fit. Alica wird fröhlich, alles ist gut, die Welt ist toll. Nur nicht beim Leser. Der ist schon vor der OP ausgestiegen. Wo kommt der Arzt denn plötzlich her? Wieso ging das vorher nicht, sind die denn alle inkompetent? Und überhaupt, sollte Alica nicht selbst eine Lösung für sich finden, anstatt durch ein „Wundermittel“ geheilt zu werden? Ist doch unrealistisch und Quatsch! Hallo Plotloch, besser du verschwindest.

2) Änderungen von Tatsachen, die zuvor einer Lösung dienten – Hä? War das nicht vorher anders?

In jedem Roman gibt es Dinge, die extra eingeführt werden, um eine Problematik zu lösen. Ob es der anonyme Anruf, ein Geheimnis oder eine Fähigkeit ist, ihnen ist gemeinsam, dass sie in diesem speziellen Moment wichtig und notwendig sind. Schlecht ist es aber, wenn diese Dinge verschwinden oder gar als „nichtig“ erklärt werden.

Beispiel Alica: Sie ist nur gestürzt, weil ein Auto ihr die Vorfahrt nahm und sie scharf bremsen musste. Sie kam ins Schlingern, fiel, alles weitere ist klar. Alica will eine Entschädigung und den Autofahrer überführen. Eine Videoaufnahme zeigt dann: Es war Alicas beste Freundin! Und weil es ja die beste Freundin ist und sie bereut und weint und nicht mehr zurechtkommt, ist die Aufnahme urplötzlich unbrauchbar, da zu verschwommen. Man kann ja nicht einfach die beste Freundin bestrafen! GEHT DOCH NICHT! Spätestens jetzt seufze ich und finde – unnötiges Plotloch.

3) Unvorhersehbare Ereignisse – Hallo Leser, schluck das, ich hab es geschrieben, du musst mir glauben, das ist ganz logisch!

Manchmal ist es mühselig, einer Geschichte eine spannende Wendung zu geben, die sich nathlos ins Geschehen einfügt. Am einfachsten ist es, wie ein Magier eine Idee aus dem Hut zu zaubern und diese genauso begeistert zu präsentieren. Der Leser bemerkt den Trick sicher nicht! Niemals!

Fall Alica: Die Tänzerin mit gebrochenem Bein hat nur einen Vertrauten in der schweren Zeit, ihren Schwarm Peter. Er begleitet sie überall hin, ist für sie da, gibt ihr Halt. Durch ihn steigert sich ihr Selbstbewusstsein und Alica geht es besser. Dann kommt Martin. Der ist so cool und lässig, dass sie ihn prompt beim ersten Treffen anquatscht, und, ähm, ja, mit ihm schläft. Kurz, sie geht fremd … muss ich dazu noch mehr sagen? Nein, oder? Der Text wäre für mich gestorben. Alica verhält sich inkonsequent und der Eindruck entsteht, das One-Night-Stand war nur inszeniert, um einen Konflikt heraufzubeschwören, der nicht wichtig ist. Es geht doch um den Unfall …?!

4) Widersprüche – Boah, da hätte man echt mal mehr drauf achten können!

Das sind die offensichtlichsten und fiesesten Löcher, denn durch sie bekommen Leser den Eindruck, der Autor habe sich keine Gedanken gemacht und glatt vergessen, was er zuvor geschrieben hat. Es geht hier um Fakten, die ohne Grund anders sind. Schwerter mit anderen Namen, Umbenennung von Figuren, Bezug zu Dingen, die nie da waren, aber als gegeben hingestellt werden.
Zum Beispiel: Auf Seite eins wird gesagt, dass Alica in einer Stadt mit Dorfcharakter lebt. Zur Schule fährt sie stets mit dem Bus. Jeder kennt jeden, das war wichtig, um zu zeigen, dass Alica ständig von Bekannten bemitleidet wird, was wenig hilfreich ist. Im Verlauf der Geschichte fährt sie dann plötzlich mit einer Straßenbahn zum örtlichen Park, um zu entspannen … Stopp, halt. Ein Dorf mit Straßenbahn? Ja, was denn nun? Dorf oder Stadt? Und überhaupt stand da nicht vorhin, der Park wird gerade umgebaut??? Sowas geht natürlich gar nicht.


Ja, so kann das aussehen, wenn man frustriert ein Plotloch bemerkt. Aber nicht aufgeben, das lässt sich schon füllen! 🙂

Fazit der Definition

Plotlöcher sind Antworten auf „Warum“-Fragen, die wir uns beim Lesen stellen. Meistens unterscheiden sich diese Antworten von denen, die im Buch gegebenen werden. Sie werfen unzählige weitere Fragen auf, die nicht logisch beantwortet werden können und daher störend sind. Es ist nötig, diese Plotlöcher zu finden und zu hinterfragen, was die passende Antwort auf diese „Warum“-Frage ist. Hier: Warum ist da im Dorf eine Straßenbahn? Natürlich deshalb, weil Alica nie im Dorf wohnte, sondern in einem Stadtviertel mit Dorfcharakter, das eine Straßenbahnanbindung hat. Das mag wie Wortklauberei klingen, aber es wird ein unterschiedliches Bild im Kopf erzeugt und dieser minimale Unterschied genügt schon, um etwas Unlogisches zu vermeiden.

Ich hoffe, der Beitrag war für euch interessant. Lasst mich doch wissen, was ihr über Plotlöcher denkt. Nerven sie euch genauso wie mich? Und nicht vergessen, bleibt schreib- und lesewütig. Soll doch Spaß machen.^^


Quelllen:

Beitragsbild
J. Vellguth

9 Gedanken zu “Tod dem Plotloch: die Grundlage

  1. Hervorragender Beitrag! Die einzelnen Arten von Löchern sind sehr treffend beschrieben. Mich ärgern besonders Unaufmerksamkeiten, die sind aber vermutlich noch keine Plotlöcher. Falsch geschriebene Namen, wenn die Katze das Geschlecht ändert… solche unnötigen Fehler, die man mit einem einfachen Handgriff oder einem Charakterbogen im Griff gehabt hätte. Natürlich sind größere Löcher auch blöd, aber sie fallen manchmal nicht auf bzw. erst dann, wenn man das Buch mal diskutiert, statt es einfach hinzunehmen. Deshalb erzähle ich gerne meinen Plot. So fragt mein Gegenüber dann auch mal „aber warum?“ und ich bemerke meinen logischen Bruch.

    Gefällt 1 Person

    • Hach, danke Erin. Ich hoffe, es wird eine Beitrags-Reihe daraus. Pläne gibt es, aber die liebe Zeit könnte mir einen Strich durch die Rechnung machen. Kennst du ja. 🙂
      Und jup, das sind die Kleinigkeiten, die aber dennoch sehr viel ausmachen, weil sie einfach unprofessionell wirken.
      Ich hinterfrage generell sehr viel beim Lesen, daher stoße ich schnell auf Unstimmigkeiten, was ja nicht heißt, dass diese immer korrigiert werden müssen. Manchmal tut ein wenig ‚unlogisch sein‘, dem Text auch gut. Es ist eben immer eine Frage dessen, wie der Text in sich wirkt. Wie er zusammenpasst oder nicht. Mein Heilmittel ist da immer das Schwerpunkte setzen, das hilft aber sicher auch nicht bei jedem.

      Gefällt 1 Person

      • Ja, die liebe Zeit… das verdammt Luder. Ich hoffe, ich kann im Herbst einige meiner Langzeitprojekte wieder in Schwung bringen. Es liegt so einiges in meinem „Entwürfe“-Ordner, das zu Reihen gehört und gerne gepostet werden möchte, aber manches bedarf eben gründlicher Recherche und ist nicht eben mal so runtergeschrieben. Die Zeit fehlt bei mir eben besonders im hellen Halbjahr häufig, weil ich da so viel anderes um die Ohren habe. Ich wünsche dir, dass das mit der Beitragsreihe klappt!

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Mika,
    sehr aufschlussreicher Beitrag!
    Mir geht es mit Plotlöchern oft so: Ich habe die Handlung geplant und beginne nun zu schreiben. Dabei ändere ich aus verschiedenen Gründen das eine oder andere Detail. Und dann: Passt am Ende nicht mehr alles so logisch zusammen wie noch am Anfang gedacht. Dann muss nachgearbeitet werden. Oder ich habe Dinge nicht bis zu Ende gedacht. Gerade erst gehabt: Da entsteht ein Brand – und mein Freund fragt: Was brennt denn da eigentlich? Ein auto, ein Haus? Ups, mein Feuer existiert auch einfach im luftleeren Raum^^ Gerade Testleser sind da Gold wert, um Plotlöcher aufzudecken!
    Liebe Grüße, Alex

    Gefällt 1 Person

    • Hey Alex,

      oh ja, sowas kenne ich nur zu gut. Eine Testleserin ist bei mir sehr streng, was den Punkt ‚out of character‘ angeht. Sie streicht dann Worte an, die ihr nicht passend erscheinen und diskutiert bis aufs Blut, dass das anders sein muss. Das macht sogar ein bisschen Spaß. 😀 Denn im Endeffekt verteidigt sie meine Figur. Ein Feuer im luftleeren Raum ist aber auch nicht schlecht. Vielleicht hat es ja jemand dahin gezaubert? Oder da waren brennbare Partikel in der Luft? Wer weiß. 😛

      +Mika+

      Gefällt 1 Person

      • Hallo Mika,
        einen solchen Testleser zu haben ist ja schon beneidenswert! Offensichtlich taucht sie richtig in die Geschichte ein und kann sich die Charaktere gut vorstellen. Und ist dann entsprechend ambitioniert, deine Geschichte zu verbessern. So sollte es sein 😉
        LG Alex

        Gefällt mir

  3. Hallo Mika,

    ich bin über deinen Beitrag gestolpert und während dem Lesen gefühlt kopfüber in Eiswasser getaucht worden.

    Obwohl ich meine erste auf meine Blog veröffentlichte Kurzgeschichte vier mal an verschiedenen Tagen überarbeitet und meinen Freund Probe lesen habe lassen ist gleich mit dem ersten Kommentar ein Logikloch aufgetaucht😓

    Manchmal finden ich es fast unfair was von Autor/inne alles verlangt wird…
    Gerade wenn man Geschichten mit Fantasy -Elementen schreibt ist die Logik so eine Sache… Ja ich weiß die Geschichte muss ihre „innere Logik“ haben und darf in dieser auch Z .B. gegen unsere Naturgesetze funktionieren wenn es in der Story stimmig ist. Trotzdem schwierig…

    Liebe und nasskalte Grüsse

    Laura

    Gefällt 1 Person

    • Hey Laura,

      vielen Dank für den Kommentar!Zuerst einmal: Ich lege dir in Gedanken nun eine Wärmedecke um und reiche dir ein paar leckere Kekse und Tee, damit du dich von dem Eisschock erholst. Das war doch gar nicht meine Absicht. 😮

      Nun zum Thema. Negative Kritik, egal wie nett und einfühlsam formuliert, fühlt sich oft sehr unfair und hart an. So als ob jemand nur so nach Fehlern sucht und gar nicht das Gute im Text sieht. Ab und an ist das sogar so, aber in den meisten Fällen will dir der Kritiker nur helfen. Er hat Zeit investiert, um zu kommentieren und sieht da etwas im Text, was ihm gefällt! Hätte ihn der Text nicht interessiert, hätte er ihn jq mit Nichtbeachtung gestraft, also, so nervig und demotivierend Kritik ist, sie hat auch etwas Gutes.
      Das Wichtigste ist (und das sage ich, obwohl es mir selbst sehr, sehr, sehr schwer fällt), sie nicht persönlich zu nehmen und als Anregung zu verstehen. Vielleicht lässt sich herausfinden, was genau das Problem war und in Zukunft kannst du etwas ändern. Das ist doch ein ermutigender Gedanke. 🙂 Außerdem finde ich es echt toll, dass du dich an die Öffentlichkeit gewagt hast. Das erfodert sehr viel Mut und Kraft. Da bist du weiter als viele Andere.

      Darf ich denn fragen, ob der angemerkte Fehler so unlogisch war, dass du ihn selbst ausbessern wolltest oder war er eher unpassend, da persönlicher Geschmack?

      Grüße
      +Mika+

      PS: Ich habe auch einen Beitrag über die Angst, nicht gut genug zu sein, geschrieben. Vielleicht magst du diesen auch lesen. Mir wurde gesagt, er habe Mut zugesprochen. :3

      Gefällt mir

      • Hallo Mika,

        vielen lieben Dank für Decke und Kekse 😋

        Ich hatte mich sehr über die Kritik gefreut, daran lag mein Problemchen nicht. Du hast mitteilen Artikel nur genau den Punkt getroffen über den ich mich bei mir selbst geärgert hatte. Gerade weil ich wusste wie wichtig solche Sachen sind und mir trotz häufigem korrigieren und durchlesen genau so ein Fehler passiert ist.

        Es geht darum, weshalb zu Abend hin Fackeln auf einen Weg aufgestellt werden. Weiter vorne hatte ich erwähnt das es schon Abend wird und die Königin immer roch nicht in dem Dorf, zu dem der Weg führt angekommen ist. Für mich war der logische Schluss der, das die Königin nicht im Dunkeln gehen soll. Ich habe nur einen Sichtweisen von allgemein zu meiner Hauptfigur dem Grasmädchen so ungünstig gestaltet das dieser gedankensprung wohl unterbrochen wurde. Mir ist noch keine Lösung in den Sinn gekommen 🤔.

        Aber gerade für solche Sachen schreibe ich ja nun öffentlich 🙈

        Deine Artikel werde ich mir trotzdem gerne anschauen 😊

        Liebe Grüsse

        Laura

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s