Leseprobe – Silver Coin 203: Totenläufer

Die Welt drehte sich rückwärts. Sie waren tot. So tot wie zertretenes Ungeziefer oder Ratten mit Genickbruch. Keiner von ihnen würde erneut aufstehen, den Himmel sehen, das Wasser rauschen hören, atmen. Allein Rina hatte es geschafft, so wie immer.
Doch dieses Mal war sie nicht unbemerkt entkommen, denn ein SDF-Soldat folgte ihr. Seine vagen Schritte zwischen Regen und Wind glichen der Präsenz eines Raubtiers auf der Jagd. Niemals würde er sie laufen lassen. Dabei konnte sie nicht sterben. Nicht jetzt, wo alle anderen gegangen waren. Sie musste sich an ihre Überlebensformel erinnern: Schau niemals zurück, sprinte in die Zukunft, denn alles andere hat keine Bedeutung.
Rina rannte über die hohen Metallbrücken des Wohnviertels, die über ein weit verzweigtes Netz aus Straßen und Fußwegen führten und ließ silbergraue Hochhäuser hinter sich. Sie musste zum Stadtrand. Dort gab es ein Versteck, wo sie bis zum Morgengrauen sicher war. Wenn sie schnell genug dorthin gelangte, hatte sie eine Chance.
Hastig sprang sie die Treppen zum tiefergelegenen Stadtteil herunter, überquerte den Fußgängerweg, sah einen Monorailzug an sich vorbeirauschen, hörte, wie sich ihr Atem gehetzt aus der Lunge presste. Kalter Regen peitschte ihr ins Gesicht und sie glaubte, das Salz des Meeres zu schmecken. Ganz gleich, ob das Meer noch viel zu weit entfernt war.
Sie zwängte sich an Passanten vorbei, die sich angeregt unterhielten und richtete den Blick starr auf den Boden, um nicht erkannt zu werden. Hoffentlich tat man sie als verwirrte Person ab und ging nicht von einer Bedrohung aus.
Plötzlich stieß jemand heftig gegen sie. Rina stolperte und prallte gegen eine Frau, an der sie sich festklammern musste. Etwas ging zu Boden und zerbrach scheppernd.
Vor Schreck entfuhr der Frau ein erstickter Schrei und sie stieß Rina von sich weg.
»Pass doch auf, wo du hinläufst«, schimpfte sie, doch Rina gab nichts darauf, wandte sich ab und wollte fort. Sie durfte auf keinen Fall stehen bleiben und schon gar nicht diesen Leuten zu nahe kommen. Wenn sie ihr ins Gesicht sahen, dann …
Jemand packte ihren Arm und riss sie herum. Der Soldat? Nein, er hätte sie erschossen, wäre er schon so dicht bei ihr gewesen.
»Kannst du nicht die Augen aufmachen?«, fauchte ein Mann in blauem Overall. »Das Monotab wirst du mir ers…«
Er brach ab, sah sie an, lang und ausdauernd, bis er begriff, was da vor ihm stand. Ihre schneeweiße Haut und die goldenen Fäden in ihrer Iris ließen sich nicht verbergen. Sofort löste er seinen Griff und in seine Miene schlug sich blutrote Panik.
»Ein Lorca!«, brüllte er, »Sie ist ein Lorca! Und ich habe sie angefasst!« Ungläubige Blicke streiften sie, fühlten sich an wie heißes Metall auf nackter Haut. Einem Sicherheitsrisiko wie ihr auf offener Straße zu begegnen, waren die Stadtbürger nicht gewohnt, denn normalerweise entsorgte die Verwaltung jemanden wie sie. Da gab es keine Ausnahmen.
Eine Person schrie vor Entsetzen und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Rina. Ihr Atmen wurde unregelmäßig, der Körper bebte. Keine Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Augenblicklich wandte sie sich ab, kämpfte sich durch die Menschen, die sich um sie drängten und hörte nicht auf die Worte, die ihr nachgerufen wurden. Sie wusste genau, was die Leute sagten. ›Stirb Lorca, stirb!‹
Der Soldat war bedrohlich näher gekommen. Trotz schwindender Kraft beschleunigte sie ihren Schritt, passierte die Bogenstraße, rannte an länglichen Wohnkomplexen mit Glasfassade vorbei, schlug Haken, um kein zu leichtes Ziel abzugeben.
Dann endlich taten sich vor ihr die skeletthaften Neubauten auf, die den Stadtrand ankündigten. Nur noch ein paar Schritte und ihr konnte nichts mehr geschehen. Sie setzte zum Sprint an, nahm all ihre verbliebene Kraft zusammen, um schneller zu sein als ihr Verfolger.
Am Meer angelangt, blieb sie kurz stehen, sah nach rechts und links und entdeckte den Bootssteg, unter dem sich in der aus Beton gefertigten Stadtplattform ein Ablaufkanal befand. Rasch lief sie dorthin, kroch über den Rand der Stadtgrenze, stieg auf einen Vorsprung, kletterte zur Seite, erreichte den Metallsteg, sah das runde Loch unter sich, streckte das Bein aus, um es zu erreichen.
Das Klicken einer Waffe über ihrem Kopf. Sie sah auf. Der SDF-Soldat in tiefdunkelblauer Uniform hatte seine Waffe auf sie gerichtet. Regentropfen prasselten auf seinen Helm. Der Tod höchstpersönlich stand vor ihr.
Rina wollte einen seiner Gedanken greifen und dafür sorgen, dass er es sich anders überlegte, aber es gelang ihr nicht. Sein Geist war ungewöhnlich stur und schien von dichtem Nebel umgeben zu sein. Trotzdem zögerte er. Zögerte, zögerte, zögerte …
Drei kurz aufeinanderfolgende Schüsse hallten durch die Dämmerung. Rina konnte fühlen, wie die eiskalten Klauen des Todes ihren Körper packten und fortrissen. Doch er rauschte an ihr vorbei und strandete im Meer. Der Soldat hatte neben sie gezielt. Er schulterte seine Waffe, hockte sich hin und betrachtete sie. Wollte er mit ihr spielen? War das sein Plan? Würde er seine Überlegenheit nutzen, um ihr wehzutun, so wie es andere vor ihm getan hatten?

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