Leseprobe – Die Welt in der Welt

Copyright Cover: Qindie

Es schluckt Menschen und wartet hinter der Küche. Das war alles, was Lois über das Monster im Hotel „Flair“ wusste, denn mehr hatte sie dem nervösen Gestammel der Frau am Telefon nicht entnehmen können. Welche Form es besaß, wie es sich bewegte oder wann es auftauchte, das lag im Verborgenen. Damit ließ sich nicht viel anfangen, doch gerade weil Lois sich in diesem Fall so vielen Rätseln gegenübersah, lockte sie der Auftrag wie kein anderer.
Sie betrat das „Flair“ an einem sonnigen Septembermorgen. Das freundliche Foyer mit gelben Akzenten und edel vergoldetem Stuckkranz an der Decke lud sie zum Übernachten ein. Teure Gemälde von ihr unbekannten Künstlern zierten die Wände und zeigten Waldszenen aus der Umgebung. Idyllisch, vornehm und trotzdem spürte Lois sofort, dass etwas nicht passte. Hier lauerte eine federschwarze Gestalt, deren Präsenz in der Luft schwebte wie seichter Nieselregen. Oben im Hotelflur hörte sie die Putzfrauen leise flüstern. Es ging darum, ob sie es riskieren konnten, länger hier zu arbeiten, denn niemand wusste, was noch „daraus“ wurde. Unten an der Bar beobachtete sie, wie sich zwei Angestellte über etwas „Furchtbares“ stritten, von dem der eine überzeugt war, es sei gefährlich, und der andere behauptete, es existiere gar nicht. Ein Page schreckte auf, als sie ihn ansprach und sowieso blickte jeder hier panisch über seine Schulter – aus Furcht vor was genau?
Die holzgetäfelten Flure und schicken Räumlichkeiten täuschten nicht darüber hinweg, dass dieses Hotel von Finsternis erfüllt war.
In Lois’ Vorrecherche hatte sich kein bedeutsamer Hinweis auf ein düsteres Kapitel im Hotel „Flair“ gezeigt. Es gab keine unaufgeklärten Morde, keinen ehemaligen Friedhof unter den Fundamenten, keine Hasstiraden von Anwohnern. Das „Flair“ war auf dem Papier fleckenfrei, von einem Monster fehlte jede Spur. Einzig der stellvertretende Manager war seit einem Jahr verschwunden. Die Polizei hielt dies allerdings nicht für ein Verbrechen, sondern begründete seine plötzliche Abwesenheit mit den Worten: „Ullrich H. hat stets von Ausreiseplänen gesprochen. Seine Wohnung war behelfsmäßig eingerichtet. Für seine Eigenbrötlerei war er stadtbekannt. Er hat sich abgesetzt.“ Auf einem Jubiläumsfoto des „Flair“ hatte Lois den Mann entdeckt. Er sah verbittert aus. Sein grau meliertes Haar war sauber nach hinten gekämmt, die Stirn mit tiefen Falten überzogen. Die Arme verschränkt, stand er in gewissem Abstand zu seinen Angestellten. Blaue Krawatte, mattsilberner Anzug mit Anstecknadel und goldfarben besticktem Hotellogo am Kragen. Ein Typ, der vermutlich nicht gemocht worden war und gleichzeitig auch nicht gemocht werden wollte. Ob das für ihren Auftrag relevant war, würde sich zeigen. Sie musste nur das Monster finden und verscheuchen.

***

In der Nacht zwischen zwei und drei Uhr verließ Lois ihr Hotelzimmer. Sie schlich durch die Flure und die Treppe hinunter, bis sie ins Foyer kam. Schlüpfte unbemerkt an der Rezeptionistin vorbei und gelangte so in die Küche. Eine Taschenlampe in der Hand, leuchtete sie in den Raum hinein. Silberne Küchenmöbel reihten sich aneinander, steriles Weiß zierte die Wände, Pfannen hingen nach Größe geordnet über den Ablagen. Es gab nicht den Hauch einer eigenen Note, was die Vermutung nahelegte, die Angestellten machten Dienst nach Vorschrift, mehr nicht. Lois schritt die Küchenablagen entlang, strich sanft mit dem Finger darüber und lauschte auf die Stille. Sie suchte nach etwas, das nicht passte. Doch sie fand nichts. Am Ende der Küche angelangt, stieß sie dann doch auf etwas Ungewöhnliches. Die Luft war plötzlich wärmer, als ob jemand vergessen hatte, eine Herdplatte auszudrehen oder in der Nähe ein Feuer loderte. Sie ging der Wärmequelle entgegen und stieß auf eine unscheinbare Holztür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Vorratslager“ hing. Inzwischen war es so warm, dass sie ihre Ärmel hochkrempeln musste. Lois öffnete die Tür und betrat das Lager. Es roch nach trockenem Holz und Staub, aber vor allem anderen nach etwas beißend Saurem.

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