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Frohe Weihnachten

Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest. Genießt die Zeit mit euren Lieben und schaltet den Alltagsstress einfach mal aus. Klick und weg. Da ich mir bis zum 10. Januar eine Pause gönne, habe ich für euch eine kurze Weihnachtsgeschichte vorbereitet. Lesbar in zehn Minuten. Düster, aber hoffnungsvoll.  Viel Spaß damit. 🙂


Verlorene Weihnachten

Rina zählte zu einer aussterbenden Generation. In Red-Mon-Stadt gab es kein Weihnachten und sie als Einwanderin war eine der Wenigen, die sich noch daran erinnern konnten. Deshalb war sie es auch, die am 24. beschloss, dieses Fest aufleben zu lassen, auch wenn sie sich und die anderen damit in Gefahr brachte. Seit Monaten lebten sie wie Ratten unter der Straße, verbargen sich in der Dunkelheit und wurden von ihrer ausweglosen Situation erdrückt. Es war Zeit, dass ein wenig Licht in die Dunkelheit kam und mit ihm etwas, woran sie sich gemeinsam festklammern konnten, um nicht aufzugeben.

Eisiger Wind streifte Rinas Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um den Körper. Sie stand im langen Schatten eines Hochhauses, Owens Hausmarkt fest im Blick. Vor dem Lebensmittelladen, er war beliebt, weil er Importwaren verkaufte. Ein seltenes Gut in einer Stadt, die vom Rest der Welt abgeschnitten war. Darum hatte sie diesen Ort gewählt. Zwischen den Menschenmassen konnte sie sich gut verstecken. Es durfte ihr nur niemand ins Gesicht sehen.

Rina zog den Schal über die Hälfte ihres Gesichtes und kämmte mit den Fingern ihren Pony über die Augen. Dann richtete sie den Blick auf den Boden. Sie zog den panischen Stachel, der sich tief in ihren Körper gefressen hatte und machte Platz für Mut. Nichts würde ihr passieren. Sie hatte es immer geschafft, denn im Notfall war sie flink wie eine scheue Katze. Vor Gefahr zu flüchten, war ihre Spezialität.

Sie machte sich auf den Weg zum Laden, passierte die Brücke zu Oberstadt, hörte ihr Herz in der Brust hämmern, zwängte sich zwischen die Menschen und war drinnen. Wärme umfing sie und ihre Wangen begannen zu brennen. Der Geruch fremder Gewürze stieg ihr in die Nase.

Zuerst brauchte sie Öl. Unauffällig schlich sie an den Leuten vorbei, entdeckte die goldene Flasche in unmittelbarer Nähe, gelangte dorthin, streckte die Hand aus und ließ sie unter ihrer geöffneten Jacke in einer Tasche verschwinden. Nun brauchte sie etwas Süßes. Ihr Blick streifte durch den Laden. Am anderen Ende waren die abgepackten Kekse, deshalb schob sie sich zwischen die Leute, kam in die Nähe des Regals, nutzte den Moment und ließ sie genauso verschwinden wie das Öl. Nur noch die Milch und Kakao. Ihre Schritte fühlten sich wie die eines Fremden an, doch sie fand die beiden Lebensmittel und ließ auch sie unbemerkt verschwinden. Geschafft. Niemand schrie, zeigte auf sie, brach in Panik aus. Sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Doch gerade als Rina zum Ausgang strebte, stieß sie gegen jemanden.

„Kannst du deine Augen nicht aufmachen!“, sagte ein Mann und in diesem Moment entglitt ihr die Situation. Reflexartig sah sie auf. Vor ihr stand ein großer Mann mit kurzen Haaren und eleganter Kleidung. Sein Blick traf ihren und er hatte freie Sicht auf ihre verräterisch goldenen Augen. Sekunden tickten. Er starrte sie an. Sie starrte ihn an. „Du … du … bist ein Lorca“, murmelte er und ein Stich raste durch Rinas Körper. Ausgesprochen, das verfluchte Wort.

„Hier ist ein LORCA!“, schrie er mit einem Mal. „Ruft doch jemand die Hygienepolizei!“

Es war passiert. Alle drehten sich zu ihr um und in ihren Gesichtern bildete sich der Ausdruck kalter Abscheu. „Hygienepolizei“, wiederholte der Mann und trat ein paar Schritte zurück. Im gleichen Augenblick ertönte schrill der Lorca Alarm. Rina erwachte aus der Trance. Jetzt blieben ihr noch höchstens zwei Minuten.

Sie fauchte wild, so als sei sie besessen. Es half. Die Menschen erschraken, wandten sich ab und rannten panisch davon. Rina nutzte die Gelegenheit und setzte zum Sprint an. Niemand würde sie packen oder aufhalten, denn sie alle waren davon überzeugt, dass sie krank wurden, sobald sie einen Lorca berührten. Zu glauben, dass jemand wie Rina eine todbringende Krankheit übertrug, ersetze den Glauben an einen Gott. Niemand bemerkte, dass diese Krankheit gar nicht existierte.

Rinas Beine trugen sie aus dem Laden heraus, die Brücke von Oberstadt entlang. Sie war schnell und wendig und sah niemals zurück. Ihr Weg führte sie die Treppe hinunter nach Mittelstadt, wo sie in einer Gasse verschwand, während der Alarm bedrohlich an und abschwoll.

Dort lief sie zu einem leicht geöffneten Kellerfenster. Bevor sie in den Keller abtauchte, sah sie sich um. Niemand war ihr gefolgt. Hastig zog sie die Jacke aus, steckte sie als erstes durch das Fenster und folgte ihr dann. Drinnen war es dunkel und staubig. Sie schloss das Fenster hinter sich und atmete einmal tief durch. Sie war entkommen.

***

Es war ein ungewöhnliches Weihnachtsfest. Fünf junge Menschen mit ungewöhnlich heller Haut und golden glänzenden Augen saßen um eine Ölkerze herum, aßen Kekse und tranken Kakao. Es gab keine Tannenzweige, keine Lebkuchen, keinen Weihnachtsschmuck und keine Geschenke, doch sie hatten einander. Es war kein Vergleich zu jenen Festen, die Rina aus ihrer Kindheit kannte, aber das war nicht wichtig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich lebendig. Sie erzählte den anderen Weihnachtsgeschichten im Flüsterton und sie klebten an ihren Lippen. Jeder von ihnen war jünger als sie, jeder in Red-Mon-Stadt geboren. Sie alle hatten etwas verloren, nur das Leben war ihnen geblieben. Rina malte mit Worten Bilder von Häusern, bedeckt mit Puderzuckerschnee, einem Mann in rotem Mantel und einem weißen Bart, der nachts an die Tür klopfte. Was sie in der Dunkelheit hatten, war eine zerbrechliche Gemeinschaft. Es war ein Licht im Dunkel, denn sie hatten einander und sie würden nicht aufgeben. Egal, wie feindlich die Welt war, in der sie lebten. Denn irgendwann würden auch sie geborgen sein, geliebt werden und keine Angst mehr haben. Sicher. Ganz sicher …


Die Kurzgeschichte ist ein Szene aus meinem derzeitigen Romanprojekt Hurt No One. Wer von euch mehr darüber wissen will, schaut einfach mal HIER vorbei.


Beitragsbild von flickr.com

6: Leseproben

Wo die Muse hinfällt

Liebe Leser,

im September habe ich in einer Kurzgeschichtensammlung von 84 Autoren die geisterhafte Kurzgeschichte „Kristallene Realität“ veröffentlicht. Als nachträgliches Nikolausgeschenk veröffentliche ich sie heute auf meinem Blog. Kurz zusammengefasst geht es um einen Künstler, dessen Muse nicht so ganz das macht, was er möchte. Zu behaupten, sie sei ein wenig störrisch, ist da noch untertrieben, denn sie macht, was sie will. Viel Spaß beim Lesen und wie immer: Bei Verdauungsproblemen mit der Kost, wendet euch vertrauensvoll an die Autorin. Eine gute Woche wünsche ich euch.


 

Prota_Mika
Die Muse

Mein Herz explodierte, denn die Frau vor mir war keine meiner irren Fantasien, sondern kristallene Realität – obwohl „real“ in meinem Fall so oder so eine Frage der Definition war. Und in diesem teuren Fünf-Sterne Hotel mit Satin-Gardinen und Gold bestickten Couchgarnituren fühlte sich ihr Lächeln so real an wie kaltes Wasser auf nackter Haut.

„Du hast ihn umgebracht“, sagte sie und ihre Puppenaugen blinzelten. Dabei berührten ihre Wimpern die tellergroßen Brillengläser und hinterließen schwarze Schlieren auf dem Glas. Sie hatte Katzenpupillen und ihr Mund war so groß wie eine zwei Euro Münze. Wenn sie sprach, hob sie die Oberlippe nur einen Millimeter an und trotzdem flüchteten Worte darunter hindurch. Ich schluckte.

„Er hat mich von der Arbeit abgehalten“, verteidigte ich mich und spürte die Reste meines Herzens wild schlagen. Ihr Anblick machte mich verrückt. Ihre zarte Gestalt mit der schneeweißen Haut und der azurblauen Kutte auf der vorn am Reißverschluss ein Menschenauge thronte. Ein echtes Menschenauge. Blickte sie in eine bestimmte Richtung, dann glotzte es mit. Ich wandte mich dem Schreibtisch zu.

„Du wolltest ihn nicht mehr haben“, sagte sie und ich hörte, wie sich der Stoff um ihren Körper bewegte. Steife Wolle auf schneeweißer Haut. Sie kam zu mir, stellte sich hinter mich, blickte mir über die Schulter. „Du hast zu ihm gesagt, er soll verschwinden und dann ist er gesprungen.“

Ich ignorierte ihre Worte, spürte Gänsehaut auf meinen Armen und zog meinen Skizzenblock hervor. Ich musste die Zeit nutzen, die mir mit ihr blieb. Meine Finger zitterten.

„Wirst du mich auch umbringen?“, fragte sie und die Haut auf meinen Wangen begann zu glühen.

„NEIN!“, schrie ich und drehte mich zu ihr um. Verwundert wich sie zurück. Das Menschenauge glotzte. „Nein, nein, nein! Hör auf, so einen Unsinn zu reden. Ich brauche dich.“

„Ach so“, sagte sie leise, hob ihre Hand und begann, nervös an ihren Fingern zu knabbern. Sie sah verloren aus, wie sie in dem geräumigen Zimmer stand, umgeben von lauter Luxus und Prunk. Ihre Gestalt passte viel besser in eine Galerie, auf ein Gemälde mit Ölfarben. Ich liebte sie. Auch das war Realität. Mein Herz klopfte.

„Und die anderen?“, flüsterte sie. „Ich möchte nicht allein sein.“

„Jetzt hör schon auf damit! Es ist meine Entscheidung, wer mir nutzt und wer nicht. Ihr kommt und geht in ständigem Wechsel. Das ist ein Kreislauf, den man nicht durchbrechen kann. Wenn ich morgen überfahren werde, bist du auch allein.“

„Hm“, machte sie, „dann werden sie alle weinen, die Menschen, die dich bewundern, und mit denen du immer sprichst, während wir uns verstecken müssen.“ Sie sagte es mit Vorwurf in der Stimme. „Ich würde auch gern mal mit ihnen sprechen.“

Ich atmete tief durch und raufte mir die Haare. Natürlich wollte sie mit ihnen sprechen, aber das konnte ich nicht erlauben. Diese Menschen, die nur an meinem Ruhm interessiert waren, würden sie stehlen und für sich verwenden.

„Ja, ja, ich weiß schon. Bist du deshalb hier?“

Sie musterte mich mit ihren drei Augen und schüttelte den Kopf. Das kurze, goldgelbe Haar bewegte sich im Takt und glänzte im Sonnenlicht rötlich. „Ich bin wegen ihm hier. Weil du ihn umgebracht hast. Das weißt du doch.“

Ich stöhnte, denn natürlich wusste ich das. Wie viele Stunden war es her, seit ich ihm den, wie nannte man das, Laufpass gegeben hatte? Ein paar vermutlich. Sein geschocktes Gesicht war mir noch deutlich vor Augen. Die Knopfaugen, der kindliche Körper, selbst der verdammte Hut, der stets gewippt hatte, ohne dass sich der Junge bewegte, war erstarrt. Ich wusste, einem Kind durfte man nicht wehtun, aber ich hatte es trotzdem getan. Die Flinte angelegt, gezielt und ihn erschossen, weil mir ihre Anwesenheit lieber war. Ich hatte sie vermisst.

„Warum verschwindest du auch immer?“, fragte ich sie und sie hockte sich hin, zog mit ihren Fingern Kreise auf dem Boden.

„Ich bin eben nur da, wenn es nötig ist.“

„Es ist immer nötig!“

„Nein.“

„Doch“, protestierte ich und mir traten Tränen in die Augen. Sie war mein Leben, aber sie kam und ging, wann sie wollte. Ohne sie fiel mir das Atmen schwer, ich konnte mich nicht konzentrieren, meine Arbeit nicht vernünftig machen. Der Junge war ein Ersatz gewesen und er hatte einige Monate geholfen, aber nun brauchte ich sie so dringend wie ein Mörder seine Waffe. Nichts funktionierte mehr. Ich war ohne sie völlig allein. „Bleib hier, für immer“, murmelte ich, doch sie schüttelte den Kopf.

„Du brauchst mich nicht immer. Dann werde ich langweilig“, sagte sie und lächelte. „Wenn es nötig ist, bin ich da. Sonst musst du dir jemand anderen suchen. Aber töte sie nicht, es tut dir weh und am Ende musst du weinen.“

Ich schluckte den Schmerz herunter, unterdrückte meinen inneren Protest. Dann kam sie zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange. Es fühlte sich heiß an, dort wo sie mich berührte. Ihre zarten Lippen waren wie Wundsalbe. Ich schloss die Augen und als ich sie öffnete, sah ich, wie sie ging. Nicht wie normale Menschen durch die Tür, sondern durch die Fensterfront. Dann verschwand sie. Vermutlich für eine lange Zeit.

Erschöpft sank ich auf meinem Stuhl zusammen. Es juckte mich in meinen Fingern. Tausend Bilder rasten durch meinen Kopf. So war es immer, wenn sie auftauchte. Rasch wandte ich mich dem Tisch zu. Der Skizzenblock lächelte. Ich nahm einen Stift hervor und begann zu zeichnen. Strich um Strich fügte sich aneinander. Schon lange war es nicht mehr so leicht gewesen.

Sie war eine meiner vielen Musen, aber sie kam nur manchmal zu mir. Nur manchmal, wenn ich eine andere Muse aufgab oder verlor und verzweifelt auf das leere Blatt starrte.

Manche sagten, ich sei verrückt, aber Kunst funktioniert nur so. Mit dem Verrücktsein verdiente man Geld und ich war ausgezeichnet darin, besonders wenn ich sie zeichnete. Alle liebten die Frau mit den Katzenaugen und dem azurblauen Umhang, der wie ein Federkleid ihren Körper schmückte. Sie war ein Teil von mir, ein Teil meiner ureigenen Realität.


 

Foto: Das wunderschöne Beitragsbild ist von Artiom Ponkratenko auf flickr.com. Ich war leider gezwungen oben und unten etwas abzuschneiden, damit es besser auf das Blog passt.