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Neel Talwar: Widersprüche und indirekte Antworten

 

Romane leben von ihren Figuren. Sie sind das Herzstück der Geschichte. Da gibt es nichts zu diskutieren. Lange Zeit habe ich mir kaum Gedanken über die Figuren in meinen Geschichten gemacht. Sie waren einfach da und haben mir gehorcht. Inzwischen bin ich der Ansicht: Nicht die Geschichte formt die Figuren, sondern die Figuren, die Geschichte. Zuerst das Huhn, dann das Ei sozusagen. In diesem Beitrag stelle ich euch deshalb eine der zwei Hauptfiguren aus meinem aktuellen Projekt vor. Und ganz ehrlich, das ist gar nicht so leicht. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Details, die ich nicht verraten darf und Details, die euch interessieren. Ich hoffe, eine gute Mischung gefunden zu haben.


Neel: Ein Mensch mit Widersprüchen

Zu einer vernünftigen Charakterbeschreibung gehört ein Steckbrief mit den wichtigsten Informationen: Größe, Aussehen, Statur und so weiter. Alles Dinge, die so viel über einen Menschen aussagen wie Schuppen über Fische. Es sind Oberflächlichkeiten, die im Grunde den Blick auf das Wesentliche verstellen. Deshalb drehe ich den Spieß heute mal um. Zuerst der Charakter und dann, was sonst so zu einem Menschen gehört.

Ein Familienmensch auf Abwegen

Neel ist ein Familienmensch. Das ist das Erste, was es über ihn zu sagen gibt und das absolut Wichtigste. Gemeint sind damit nicht etwa eine Ehefrau und ein Kind (er hat weder das eine noch das andere), sondern seine Verwandten, Eltern und Geschwister. Für sie würde er wortwörtlich durch die Hölle gehen. Erst die anderen, dann er selbst, so ist die Logik. Wieso ist das so, wo doch prognostiziert wird, dass wir in ein paar Jahren alle selbstsüchtige Einsiedler sind? Im Gegensatz zu Protagonisten mit schlechter Kindheit und extrem negativen Erfahrungen, kann Neel auf eine liebevolle Kindheit zurückblicken, die ihn maßgeblich prägte. Bis äußere Umstände seine Eltern dazu veranlassten, nach Red-Mon-Stadt auszuwandern, war der Zusammenhalt zwischen den Verwandten sehr groß und er galt als der Vorzeigesohn/enkel/cousin. Aus diesem Grund ist Neel ein Mensch, der zwischen guten und schlechten Taten leicht unterscheiden kann. Eine Tatsache, die ihm nicht immer zum Vorteil gereicht ist.

Ein Soldat im Dienst der Stadtverwaltung

Neel ist Soldat. Kein Soldat, der in Kriegen kämpft, sondern jemand, der im Auftrag der Stadtverwaltung unangenehme Störfaktoren eliminiert. In zahlreichen Einsätzen ist er gezwungen, Dinge zu tun, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Er ist hin- und her gerissen zwischen Schuld, Pflicht und seinen Idealen, weshalb er kaum schläft, Alpträume hat und sich jeden Tag aufs Neue einreden muss, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Ein Pulverfass, das nur darauf wartet, zu explodieren. Wenn ihr euch nun fragt, wieso zum Teufel wird jemand wie er Soldat, dann seid ihr auf der richtigen Spur. Ein Teil dieser Antwort ist der rote Faden des Projektes.

Die Vergangenheit ist die Brücke der Zukunft

Da Neels Heimatstadt gut überwacht ist und es kaum Orte gibt, wo er unbeobachtet sein kann, hat er eine Strategie entwickelt, um aus dem Alltag zu flüchten. Dazu zählt in allererster Linie das Sammeln von Geschichten. Nein, er hat keinen Bücherstapel bei sich zu Hause. Es geht um reale Geschichten von Menschen aus dem Alltag. Regelmäßig besucht er eine Bar, wo er sich in lockerer Atmosphäre mit den Besuchern unterhält. Dabei hält er immer Ausschau nach der Story, die ihn am besten von seinem eigenen Schicksal ablenken kann. Es ist also nicht verwunderlich, dass er sich mit der von Angst paralysierten Welt von Red-Mon-Stadt nicht identifizieren kann. Er hätte sich in unserer friedlichen Zeit wesentlich wohler gefühlt und kennt sich daher mit allem aus, was vor seiner Zeit war. Ob Filme, Bücher, Politiker, die Vergangenheit ist interessanter als die Gegenwart.

Kaminuhr_Neel
Was macht eine Uhr in diesem Beitrag? Neel liebt alte Sachen. Eine ähnliche Kaminuhr steht in der Wohnung seiner Eltern, so, wie viele andere Dinge, die die Familie importiert hat.

Neels anstrengende Seite …

Zu Neels ‚bad habits‘ zählt seine indirekte Art auf Fragen zu antworten. Er kann sich schlecht festlegen und redet daher lieber um den heißen Brei herum, als konkret zu sagen, worum es geht. Fragt man ihn beispielsweise, ob er schon mal darüber nachgedacht hat, seinen Posten als Soldat aufzugeben wäre seine Antwort zweideutig: „Mein Job ist manchmal nicht einfach.“ Im Klartext: „Ja hab ich, aber es gibt keine Alternative.“ Es ist für seine Umwelt daher so gut wie unmöglich herauszufinden, was er wirklich denkt oder meint. Das manövriert ihn mehrfach in unangenehme Situationen und bringt ihm einen unwiederbringlich schlechten Ruf ein. Außerdem gibt er in Notsituationen gern den Ton an und vergisst die Menschen um sich herum. Was nicht heißt, dass er sie nicht irgendwie doch im Kopf hat, aber sie sind erstmal nebensächlich. Er agiert in solchen Situationen zielstrebig, konzentriert und ergebnisorientiert. Das Ziel steht im Vordergrund und wer ihm in die Quere kommt, hat ein Problem.


Ein fiktives Interview zum Kennenlernen

Wie heißt es so schön, den Charakter einer Person erkennt man an der Sprache. Ob flapsig, aufbrausend, heiter, schüchtern, das alles erkennen wir in den verwendeten Worten, dem Tonfall und vielem mehr. Deshalb habe ich für euch ein kurzes Interview vorbereitet, das Neel in Aktion zeigt. Wichtig ist anzumerken, dass er sich in einer unbefangen Situation befindet und relativ sicher ist, dass ihm nachträglich kein Schaden entstehen kann.

I: „Wenn du etwas ändern könntest, was wäre das?“

Neel: „Das ist eine heikle Frage. Es gibt einiges, was mir nicht passt und noch viel mehr, was ich rückblickend anders gemacht hätte. Aber es ist wie es ist. Ich bin keiner von denen, die glauben, mit lautem Gebrüll, Parolen und einer Waffe in der Hand könne man die Welt zu einem besseren Ort machen. Das ist Blödsinn.“

I: „Damit sprichst du die Rebellen an, die in deiner Heimatstadt ihr Unwesen treiben?“

Neel: „Nun ja, das Bild passt ganz gut zu ihnen. Sie kommen mir sehr unorganisiert vor. Selbst ein Ameisenstamm hat eine bessere Planung.“

I: „Also würdest du dort etwas ändern?“

Neel: „Bei den Rebellen? Die sind nicht mein Problem. Wir sollten alle dabei bleiben, unseren eigenen Kram zu klären. Damit haben wir bis ans Ende unserer Tage genug zu tun. Und ich sag dir im Vertrauen, DAS würde die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort machen.“

I: „Das ist eine klare Ansage. Vertrittst du alle deine Ansichten so vehement?“

Neel: „Vehement … … … Schon mal einen Hund gefragt, ob er vor seinem Herrchen seine Ansichten vehement vertritt? Oder einen Fabrikarbeiter vor seinem Chef? Oder vielleicht einen Drogensüchtigen vor seinem Dealer?“

I: „Was hat das mit der Frage zu tun?“

Neel: „Ich bin Soldat. Ich habe gewisse Ansichten zu vertreten. Mehr sage ich dazu nicht.“

I: „Mit deinem Beruf bist du also nicht zufrieden?“

Neel: „Ich enthalte mich der Stimme.“

I: „In Ordnung, wechseln wir das Thema und kommen zur letzten Frage. Was würdest du den Menschen in Red-Mon-Stadt empfehlen?“

Neel: „Sie sollten daran glauben, dass Sicherheit ein Gefühl ist, das von innen kommt. Von einem selbst, verstehst du. Es ist nichts, was die Stadtverwaltung uns gibt oder für uns tut. Wer sich zu lange auf andere verlässt, landet irgendwann im Dreck. Und nicht nur das, wer zu lange einem bereits vorgegebenen Weg folgt, verlernt, eigene Entscheidungen zu treffen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“


So, und zum Schluss habe ich euch einen Steckbrief versprochen. Ursprünglich wollte ich den Standard machen. Geburtsdatum, Alter, Augenfarbe blabla. Das war mir im Endeffekt dann doch zu langweilig und ich habe entschieden, euch stattdessen Neels ID aus Red-Mon-Stadt zu basteln. Hier das Ergebnis nach zwei Stunden Photoshop:

RMSID_Neel
Ihr sucht das Geburtsdatum? Ich habe mir den Spaß erlaubt und es zwischen den Zahlen versteckt. Ich konnte es nicht lassen.

Bilderquellen:

Red-Mon-Stadt ID: Mika Krüger

Giampaolo Macorig von flickr.com

Kaminuhr

 

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Frohe Weihnachten

Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest. Genießt die Zeit mit euren Lieben und schaltet den Alltagsstress einfach mal aus. Klick und weg. Da ich mir bis zum 10. Januar eine Pause gönne, habe ich für euch eine kurze Weihnachtsgeschichte vorbereitet. Lesbar in zehn Minuten. Düster, aber hoffnungsvoll.  Viel Spaß damit. 🙂


Verlorene Weihnachten

Rina zählte zu einer aussterbenden Generation. In Red-Mon-Stadt gab es kein Weihnachten und sie als Einwanderin war eine der Wenigen, die sich noch daran erinnern konnten. Deshalb war sie es auch, die am 24. beschloss, dieses Fest aufleben zu lassen, auch wenn sie sich und die anderen damit in Gefahr brachte. Seit Monaten lebten sie wie Ratten unter der Straße, verbargen sich in der Dunkelheit und wurden von ihrer ausweglosen Situation erdrückt. Es war Zeit, dass ein wenig Licht in die Dunkelheit kam und mit ihm etwas, woran sie sich gemeinsam festklammern konnten, um nicht aufzugeben.

Eisiger Wind streifte Rinas Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um den Körper. Sie stand im langen Schatten eines Hochhauses, Owens Hausmarkt fest im Blick. Vor dem Lebensmittelladen, er war beliebt, weil er Importwaren verkaufte. Ein seltenes Gut in einer Stadt, die vom Rest der Welt abgeschnitten war. Darum hatte sie diesen Ort gewählt. Zwischen den Menschenmassen konnte sie sich gut verstecken. Es durfte ihr nur niemand ins Gesicht sehen.

Rina zog den Schal über die Hälfte ihres Gesichtes und kämmte mit den Fingern ihren Pony über die Augen. Dann richtete sie den Blick auf den Boden. Sie zog den panischen Stachel, der sich tief in ihren Körper gefressen hatte und machte Platz für Mut. Nichts würde ihr passieren. Sie hatte es immer geschafft, denn im Notfall war sie flink wie eine scheue Katze. Vor Gefahr zu flüchten, war ihre Spezialität.

Sie machte sich auf den Weg zum Laden, passierte die Brücke zu Oberstadt, hörte ihr Herz in der Brust hämmern, zwängte sich zwischen die Menschen und war drinnen. Wärme umfing sie und ihre Wangen begannen zu brennen. Der Geruch fremder Gewürze stieg ihr in die Nase.

Zuerst brauchte sie Öl. Unauffällig schlich sie an den Leuten vorbei, entdeckte die goldene Flasche in unmittelbarer Nähe, gelangte dorthin, streckte die Hand aus und ließ sie unter ihrer geöffneten Jacke in einer Tasche verschwinden. Nun brauchte sie etwas Süßes. Ihr Blick streifte durch den Laden. Am anderen Ende waren die abgepackten Kekse, deshalb schob sie sich zwischen die Leute, kam in die Nähe des Regals, nutzte den Moment und ließ sie genauso verschwinden wie das Öl. Nur noch die Milch und Kakao. Ihre Schritte fühlten sich wie die eines Fremden an, doch sie fand die beiden Lebensmittel und ließ auch sie unbemerkt verschwinden. Geschafft. Niemand schrie, zeigte auf sie, brach in Panik aus. Sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Doch gerade als Rina zum Ausgang strebte, stieß sie gegen jemanden.

„Kannst du deine Augen nicht aufmachen!“, sagte ein Mann und in diesem Moment entglitt ihr die Situation. Reflexartig sah sie auf. Vor ihr stand ein großer Mann mit kurzen Haaren und eleganter Kleidung. Sein Blick traf ihren und er hatte freie Sicht auf ihre verräterisch goldenen Augen. Sekunden tickten. Er starrte sie an. Sie starrte ihn an. „Du … du … bist ein Lorca“, murmelte er und ein Stich raste durch Rinas Körper. Ausgesprochen, das verfluchte Wort.

„Hier ist ein LORCA!“, schrie er mit einem Mal. „Ruft doch jemand die Hygienepolizei!“

Es war passiert. Alle drehten sich zu ihr um und in ihren Gesichtern bildete sich der Ausdruck kalter Abscheu. „Hygienepolizei“, wiederholte der Mann und trat ein paar Schritte zurück. Im gleichen Augenblick ertönte schrill der Lorca Alarm. Rina erwachte aus der Trance. Jetzt blieben ihr noch höchstens zwei Minuten.

Sie fauchte wild, so als sei sie besessen. Es half. Die Menschen erschraken, wandten sich ab und rannten panisch davon. Rina nutzte die Gelegenheit und setzte zum Sprint an. Niemand würde sie packen oder aufhalten, denn sie alle waren davon überzeugt, dass sie krank wurden, sobald sie einen Lorca berührten. Zu glauben, dass jemand wie Rina eine todbringende Krankheit übertrug, ersetze den Glauben an einen Gott. Niemand bemerkte, dass diese Krankheit gar nicht existierte.

Rinas Beine trugen sie aus dem Laden heraus, die Brücke von Oberstadt entlang. Sie war schnell und wendig und sah niemals zurück. Ihr Weg führte sie die Treppe hinunter nach Mittelstadt, wo sie in einer Gasse verschwand, während der Alarm bedrohlich an und abschwoll.

Dort lief sie zu einem leicht geöffneten Kellerfenster. Bevor sie in den Keller abtauchte, sah sie sich um. Niemand war ihr gefolgt. Hastig zog sie die Jacke aus, steckte sie als erstes durch das Fenster und folgte ihr dann. Drinnen war es dunkel und staubig. Sie schloss das Fenster hinter sich und atmete einmal tief durch. Sie war entkommen.

***

Es war ein ungewöhnliches Weihnachtsfest. Fünf junge Menschen mit ungewöhnlich heller Haut und golden glänzenden Augen saßen um eine Ölkerze herum, aßen Kekse und tranken Kakao. Es gab keine Tannenzweige, keine Lebkuchen, keinen Weihnachtsschmuck und keine Geschenke, doch sie hatten einander. Es war kein Vergleich zu jenen Festen, die Rina aus ihrer Kindheit kannte, aber das war nicht wichtig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich lebendig. Sie erzählte den anderen Weihnachtsgeschichten im Flüsterton und sie klebten an ihren Lippen. Jeder von ihnen war jünger als sie, jeder in Red-Mon-Stadt geboren. Sie alle hatten etwas verloren, nur das Leben war ihnen geblieben. Rina malte mit Worten Bilder von Häusern, bedeckt mit Puderzuckerschnee, einem Mann in rotem Mantel und einem weißen Bart, der nachts an die Tür klopfte. Was sie in der Dunkelheit hatten, war eine zerbrechliche Gemeinschaft. Es war ein Licht im Dunkel, denn sie hatten einander und sie würden nicht aufgeben. Egal, wie feindlich die Welt war, in der sie lebten. Denn irgendwann würden auch sie geborgen sein, geliebt werden und keine Angst mehr haben. Sicher. Ganz sicher …


Die Kurzgeschichte ist ein Szene aus meinem derzeitigen Romanprojekt Hurt No One. Wer von euch mehr darüber wissen will, schaut einfach mal HIER vorbei.


Beitragsbild von flickr.com