5: Japan

Die Legende des Yūrei-Daki

Japanische Geistergeschichten erfreuen sich in der modernen Popkultur größter Beliebtheit. Immer wieder werden sie zum zentralen Thema von Gruselgeschichten und nicht selten verlegen Autor*innen ihren Handlungsort sogar nach Japan. Zwischen 2013 und 2014 besuchte ich an der japanischen Dokkyō Universität ein Seminar über japanische Geister (Yūrei 幽霊). Wir sprachen über Definitionen, Kunst und die Originalgeschichten. Im englischen Sprachraum gibt es eine Vielzahl an Publikationen zum Thema und reichlich Übersetzungen von Legenden aus dem Japanischen. Der deutsche Sprachraum hat da eher wenig zu bieten. Dieser Blogbeitrag wird sich mit einer von vielen Geschichten beschäftigen, der Legende des Yūrei-Daki. Zuerst stelle ich die Geschichte vor, dann gibt es noch ein paar interessante Details und etwas Wortanalyse. Da es sich um eine schaurige Geschichte handelt, kann dieser Beitrag für Manche schockierend sein.

Die Legende

Die Geschichte des Yūrei-Daki ist zuerst 1925 im deutschen Sprachraum erschienen. Der Autor ist Lafcadio Hearn, der auch unter dem japanischen Namen Yakumo Koizumi bekannt ist. Er ist Ende des 19ten Jahrhunderts nach Japan eingewandert und hat dort durch Heirat die japanische Staatsbürgerschaft erlangt. Was insofern relevant ist, da er die japanischen Legenden vor Ort erfasst hat und nicht etwa aus dem Japanischen übersetzte.

In der Legende des Yūrei-Daki geht es um eine Gruppe von Arbeiterinnen, die nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Hanffaktorei um einen Kohlekessel herumsitzen und sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählen. Im Verlauf des Abends fordern sie sich gegenseitig zu einer Wette heraus. Wer von ihnen sich traut, zum Yūrei-Daki zu gehen, bekommt den gesamten versponnenen Hanf des Tages von allen Frauen geschenkt. Als Beweis soll die Opferbüchse vor dem Schrein am Wasserfall mitgebracht werden. Eine junge Frau (Okatsu Yasumoto), die einen zweijährigen Sohn hat, nimmt die Wette an und macht sich auf den Weg zum Wasserfall. Dort angekommen, wird sie vom Gott mit drohender Stimme angesprochen, als sie die Opferbüchse an sich nehmen möchte. Doch sie hört nicht auf die Drohung, stielt die Büchse und läuft eilig zurück zu den anderen Frauen. Ohne weiteren Schaden kehrt sie zurück und wird für ihren Mut gelobt. Das Grauen befindet sich jedoch auf ihrem Rücken. Ihrem Kind, das sie mit Tragetüchern auf dem Rücken trägt, fehlt der Kopf.

Details zur Geschichte

Auffällig ist, dass zu Beginn von dem Schrein eines Gottes (kami) am Wasserfall die Rede ist. Was natürlich passt, denn Opferbüchsen (Holzkästen mit Schlitzen auf der Oberseite) stehen nur vor Schreinen oder Tempeln* und diese werden für Gottheiten errichtet. Man stellt sich für gewöhnlich in etwas Abstand davor und wirft eine Münze hinein, danach klatscht man in die Hände, verbeugt sich und äußert in Gedanken einen Wunsch, der bestenfalls zur Gottheit passt. Man wünscht sich gute Leistungen in einer Prüfung, Gesundheit oder Glück in der Liebe. Die Münze ist die Opfergabe und das Klatschen erregt die Aufmerksamkeit. Gottheiten müssen dabei nicht zwingend sanftmütig oder gut sein, sie haben tatsächlich relativ menschliche Eigenschaften. Es gibt Schreine, in denen hängen zum Beispiel verschiedene Glocken und Gegenstände, da die Gottheit sehr verspielt ist. Das heißt, das Geisterhafte in der Geschichte ist nicht etwa der Gott selbst, der Okatsu anspricht, sondern der nächtliche Kontext, die gruselige Szenerie sowie der Wasserfall selbst. Und der Gott bestraft Okatsu für ihr unmoralisches Handeln.

Interessant ist auch, dass es den besagten Wasserfall tatsächlich gibt. Er befindet sich in der Präfektur Tottori (südwestliches Japan) und kann über google Streetview betrachtet werden. Es handelt sich um einen mehrere Meter hohen Wasserfall, der im Nebel sicher schaurig aussehen kann und dessen herabstürzendes Wasser im Dunkeln wohl furchteinflößend klingt. Auch den besagten Schrein aus der Geschichte seht ihr auf einem Foto. Inzwischen heißt der Wasserfall allerdings anders: Ryūō-Taki (竜王滝 ), des Drachenkönigs Wasserfall. Wer Chihiros Reise ins Zauberland gesehen hat, weiß, dass Flüsse oft mit Drachengottheiten in Verbindung gebracht werden (schlangenartiger Lauf etc.).

Ein bisschen Japanisch

Nun noch etwas Japanisch. Der vollständige Titel aus dem Japanischen heißt 幽霊滝の伝説 (Yūrei-daki no densetsu). Er setzt sich aus zwei Substantiven und einem Partikel zusammen. Ich möchte die sechs Zeichen kurz aufschlüsseln und eine Übersetzung anbieten. Ihr seht zuerst die Zeichen des Wortes, dann die Lesung, die Wortart und zum Schluss eine mögliche Übersetzung.

幽かに (kasukani) Adjektiv – leise, verschwommen, in diesem Fall vermutlich vage, schattenhaft, verschwommen
霊 (rei / tama) Substantiv – Seele, Geist
滝 (taki) Substantiv – Wasserfall, aufgrund des Vokals wird das „t“ hier zu einem „d“
の (no) Partikel – zeigt den Besitz an und würde im Deutschen dem Genitiv „des …“ entsprechen
伝説 (Densetsu) Substantiv – Legende

Wie hier zu sehen ist, besteht das Wort Geist (yūrei) eigentlich aus zwei Wörtern. Nämlich aus vage und Seele. Das leuchtet ein, denn in der bildlichen Darstellung von japanischen Geistern sieht man häufig auch eine Seele, als Flamme stilisiert, neben den Geistern schweben.

Oben links ist die Flamme zu sehen. Das Bild zeigt Oiwa aus dem Theaterstück Yotsuya Kaidan.
Künstler: Shunkosai Hokushu

Ich vermute, die Idee des Vagen rührt daher, dass man bei Yūrei grundsätzlich davon ausgeht, die Seele eines verstorbenen Menschen hätte nicht in die Totenwelt gefunden. Sie irrt/wankt in einer Art Zwischenwelt herum. Wir würden sagen, es handelt sich um eine verirrte Seele. Wörtlich übersetzt heißt der Titel der Geschichte damit einfach nur: Des Geister-Wasserfalls Legende.

Weitere Beiträge über Geistergeschichten: Die Legende von Okiku

Quellen und Anmerkungen:

*Schreine gehören zum Shintoismus, Tempel zum Buddhismus.
Japan Life and Religion
Japanische Textversion
Lafcadio Hearn: Japanische Geistergeschichten, Anaconda Verlag, 2013.
Wörterbuch Japanisch-Deutsch Wadoku

Happy Halloween

Happy Halloween 2020 – In diesem Blogbeitrag findet ihr eine kurze Gruselgeschichte anlässlich des schaurigsten Tags im Jahr – Halloween. Ohne Blut, aber mit einer ungewöhnlichen Begebenheit, die Frau Herbst ins Polizeipräsidium führt: „Der seltsame Fall von Frau Herbst“

Goldrote Finsternis

Der Mystery-Roman Goldrote Finsternis ist am 22. September 2020 erschienen. Es ist eine Geschichte mit herbstlichem Flair, düsteren Geheimnissen und unerklärlichen Begebenheiten. Im Beitrag findet ihr mehr Details zum Buch …

Die Legende des Yūrei-Daki

Japanische Geistergeschichten erfreuen sich in der modernen Popkultur größter Beliebtheit. Immer wieder werden sie zum zentralen Thema von Gruselgeschichten und nicht selten verlegen Autor*innen ihren Handlungsort sogar nach Japan. Zwischen 2013 und 2014 besuchte ich an der japanischen Dokkyō Universität ein Seminar über japanische Geister (Yūrei 幽霊). Wir sprachen über Definitionen, Kunst und die Originalgeschichten. Im englischen Sprachraum gibt es eine Vielzahl an Publikationen zum Thema und reichlich Übersetzungen von Legenden aus dem Japanischen. Der deutsche Sprachraum hat da eher wenig zu bieten. Dieser Blogbeitrag wird sich mit einer von vielen Geschichten beschäftigen …

2: Gedanken-Mix, 5: Japan

Die Legende von Okiku

… der unnötige Tod einer Hausangestellten …

Yoshitoshis Holzdruck von Okiku über dem Brunnen.
Yoshitoshis Holzschnitt von Okiku.

Von September 2013 bis Oktober 2014 studierte ich an der japanischen Dokkyo-Universität  in Saitama. Dort besuchte ich auch einen Kurs, der sich mit japanischen Geistergeschichten beschäftigte. Der Dozent war ein Historiker, der viel Zeit im Süden Japans verbrachte und Nou-Masken selbst herstellte.

Im Zuge der Veranstaltung begegnete mir auch die Geschichte von Okiku, die durch die Verfilmung „The Ring“ internationale Bekanntheit erlangt hat. Das Original kennt jedoch kaum jemand, obwohl das Bild einer schwebenden Geisterfrau über einem Brunnen wohl kaum mehr aus der Popkultur wegzudenken ist (siehe z.B. auch das Videospiel Projekt Zero). Zahlreiche ältere Holzschnitte japanischer Künstler zeugen von ihrer historischen Bedeutung. Siehe zum Beispiel Yoshitoshi  (oben) und auch Hokusai (unten). Grund genug mal einen Blick auf das Original zu werfen.

Hokusais Holzschnitt von Okiku in Form einer Schlange aus Tellern.
Hokusais Holzschnitt von Okiku in Form einer Schlange aus Tellern.

Die Legende

Die Geschichte spielt im Japan der Edo-Zeit (zwischen 1709-1716) im Distrikt Bancho.

Okiku ist eine junge und sehr hübsche Angestellte des Flaggenträgers Aoyama Tessan. Diesem wurden von holländischen Händlern fünf Gedecke (dishes) anvertraut, auf die er Acht geben sollte. Eines Tages jedoch zerbrach seine Frau versehentlich einen der teuren Teller. Aus Angst vor der Reaktion ihres Ehemannes gab sie der jungen Okiku die Schuld an dem Maleur. Daraufhin wurde Okiku in eingesperrt und musste mehrere Tage lang hungern. Immer wieder beteuerte sie ihre Unschuld, doch niemand glaubte ihr. Irgendwann gelang ihr die Flucht, doch sie konnte nicht mit der Schande leben und stürzte sich selbst in einen Brunnen. Von da an tauchte sie nächtlich auf und zählte von eins bis neun, um dann in einen lauten Schrei auszubrechen, der die Hausbewohner davon abhielt, Schlaf zu finden.

In einer zweiten Variante wird Okiku von dem Hausherren Aoyama umschwärmt, wehrt seine Annäherungen jedoch immer wieder ab. Aus diesem Grund greift Aoyama zu einem bösartigen Trick und versteckt einen seiner wertvollen Teller. In einem Vieraugengespräch wirft er Okiku vor, den Teller gestohlen zu haben und bietet ihr an, die Sache zu vergessen, sollte sie sich ihm freiwillig hingeben. Da sich Okiku keiner Schuld bewusst ist, weigert sie sich und Aoyama verfällt in einen bösartigen Zorn. Er tötet Okiku und wirft sie in den Hausbrunnen. Auch in dieser Version sucht der Geist Okikus den Brunnen heim und zählt von eins bis neun, kann jedoch nie die Zahl zehn aussprechen.

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Eine moderne Version Okikus gezeichnet von JDarnell (auf Deviantart)

 

Was ist Okiku für ein Geist?

Japanische Geistergeschichten erfreuen sich weltweit großer Beliebtheit. Im Gegensatz zu den brutalen Horrorgeschichten der modernen Literatur, die vorrangig darauf abzielen blutig, ekelhaft und psychologisch zu sein, geht es in japanischen Geschichten um gruselige Elemente. Verzerrte Laute, geisterhafte Stimmung, düstere Atmosphäre. Der Ausdruck Yurei bezieht sich dabei auf alle Geistergestalten. Im Japanischen gibt es jedoch eine solche Vielfalt von Geistergeschichten, dass sich für einzelne Geister eigene Begriffe entwickelt haben. Die Hausangestellte Okiku wird dabei als ein Rachegeist (Onryo) bezeichnet, denn auch wenn sie niemandem direkt Schaden zufügt, so rächt sie sich an ihren Hausherren, indem sie diese Nacht für Nacht mit ihrem Schrei peinigt.

 


Quellen:

Hyakumonogatari
Stevenson, John (2005): Yoshittoshis strange Tales.
Wikipedia

Abbildungen:

Yoshitoshis Holzschnitt (siehe Hyakumonogatari)
Hokusais Holzschnitt (siehe Hyakumonogatari)
JDarnell auf Deviantart

Freigeist – Zweifel in der literarischen Arbeit

Wer in einem kreativen Beruf arbeitet, kennt sie sehr gut, die Zweifel am eigenen Schaffen. Allein die Vielzahl an persönlichen Blogbeiträgen von Autor*innen zeigt, wie omnipräsent das Thema ist. Auch ich komme in meiner täglichen Arbeit immer wieder an den Punkt, an dem ich mich selbst und meine Tätigkeit in Frage stelle. Daher wird es Zeit, mich einmal näher mit dem Zweifeln zu beschäftigen, was ist es genau und weshalb trifft es Kreative besonders stark?

2: Gedanken-Mix, 5: Japan

Die Affeninsel: Ein Ausflug in Japan

Sarushima
Heute soll es noch mal um Japan gehen. Ein etwas anderer Sight-Seeing-Spot ist die Insel Sarushima (Affeninsel) in Kanagawa. Ich habe sie im Frühjahr 2013 besucht.

 Über die Insel

Sarushima (auch Park Sarushima 猿島公園) ist in der Bucht Tokyo die einzige natürliche Insel. Seit der Edo-Zeit diente sie militärischen Zwecken und sollte dazu dienen, die Bucht Tokyo zu schützen. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges war diese Verteidigungsfunktion jedoch nicht mehr notwendig. Ziel war es von nun an, die Insel zu seinen Ursprüngen zurückzuführen und sie daher der Natur zu überlassen. Aus diesem Grund sind die alten Militärgebäude auf der Insel verlassen und die Insel ist unbewohnt. Ein Ausflug nach Sarushima ist damit ein Stück erlebte Geschichte. Wer des Namens wegen Äffchen erwartet, wird jedoch enttäuscht. Es gibt leider keine Affen auf Sarushima. Dafür gibt es umso mehr Vögel und Wassertiere (Informationen zur Insel gibt es hier).

Ruine auf der Insel. Ist das vielleicht ein Ausguck?
Ruine auf der Insel. Ist das vielleicht ein Ausguck?


Warum ist die Insel nun eigentlich interessant?

Ein längerer Aufenthalt in Japan kann frustrierend sein, denn die übervolle Metropole Tokyo nimmt einem die Luft zum Atmen und manchmal auch den Raum zum Denken. Zumindest im März kann Sarushima da eine gute Alternative bieten. Die Insel ist in der Zeit fast menschenleer. Stille beherrschte bei meinem Besuch die Umgebung und trotz Wind und Wetter war es angenehm warm. Von Großstadtstress keine Spur. Man ist mitten im Meer, mitten in der Natur und das unweit von Tokyo entfernt.

Etwas schräg, da auf der Fähre aufgenommen, sieht man hier die ganze Insel mitten im Meer.
Etwas schräg, da auf der Fähre aufgenommen,
sieht man hier die ganze Insel mitten im Meer.


Das Flair der Insel im März 2013

Versteckt zwischen Bäumen und viel Gestrüpp finden sich auf Sarushima militärische Bunker, die in die Berge eingelassen sind und der Insel ein düsteres Flair geben. Sie sind sehr gut erhalten, man muss also keine Angst haben, dass über dem Kopf etwas zusammenbricht. Überall gibt es Schilder, welche über die Geschichte von Sarushima berichten und man hat den Eindruck, zumindest für einen kurzen Augenblick in eine andere Welt geraten zu sein. Zudem gibt es Steinstrände, die ins Meer reichen. Wenn man vorsichtig ist, kann man so eine kühle Meeresbrise erhaschen und Meerestiere beobachten.

Ausblick von der Insel. Im Hintergrund ist das japanische Festland zu sehen.
Ausblick von der Insel. Im Hintergrund ist das japanische Festland zu sehen.

Das Wasser war so klar, dass ich sogar Meeresbewohner fotografieren konnte.
Das Wasser war so klar, dass ich sogar Meeresbewohner fotografieren konnte.

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Barbecue oder: Vögel haben Hunger!

Eine ganz andere Sache ist das Barbecue. Da Sarushima über einen recht großen Sandstrand verfügt, ist die Insel bei Japanern als Grillplatz beliebt. Auch bei meinem Besuch grillte eine Familie in der Märzsonne. Ganz ungestört waren sie dabei nicht. Sobald ein wenig Rauch in den Himmel gestiegen war, versammelte sich eine hungrige Schar Greifvögel über der Szenerie und … schnappte sich in einem unbeobachteten Moment im Sturzflug ein dickes Stück Fleisch. In kürzester Zeit war der Himmel voll mit Vögeln, ganz zum Leidwesen der grillenden Japaner, die mit den Armen rudernd ihr Essen beschützten.

Die Vögel kreisen über Sarushima.
Die Vögel kreisen über Sarushima.

Auf die Insel kommt man übrigens mit einer Fähre, die im Sommer täglich und im Winter am Wochenende fährt. Abends muss man zurück nach Kanagawa fahren, denn Zelten ist auf der Insel nicht gestattet.

Das war es von meiner Seite. Ich wünsche euch noch einen guten Sonntag.

+ Mika +