Tod dem Plotloch: die Grundlage

Ob Leser oder Autor, wir kennen sie alle: die bösen und sehr frustrierenden Plotlöcher. Sie machen uns wahnsinnig und zerstören im schlimmsten Fall die Illusion einer Geschichte. Deshalb müssen sie weg, ohne Rücksicht auf Verluste. Doch wie nur wie, kann man diese anhänglichen und doch so unauffälligen Gesellen eigentlich finden und noch besser beseitigen? Am besten starten wir dazu mit den Grundlagen. Denn ihr wisst schon, wir können ein Loch nur füllen, wenn wir genau wissen, wie tief es ist und mit was wir es auffüllen können. Daher in diesem Beitrag  der Versuch einer Definition.


Was ist ein Plotloch?

Bevor ich starte, ein Gedankenexperiment. Erinnert ihr euch an unlogische Stellen in Büchern und Texten? Habt ihr diese mal mit anderen diskutiert und festgestellt, dass jeder etwas anderes bemängelt? Vermutlich schon. Genau das ist der heikle Punkt bei allem, was wir tun. Es ist unmöglich, jedem zu gefallen. Das Gleiche gilt für Plotlöcher. Den einen stört schon der kleinste Logikbruch, der nächste reibt sich an psychologischen Details oder zu wenig Empathie auf. Je nach Leser, Erfahrung und Empfindung wird das Augenmerk auf etwas völlig anderes gelegt. Darum sollten wir uns bewusst machen, was für einen Text wir da eigentlich vor uns haben. Eine perfekt recherchierte, top durchdachte Sci-Fi-Story mit in sich schlüssigen Erfindungen oder ein Buch, in dem die Beziehungen der einzelnen Figuren im Vordergrund stehen, während technische Details eher belanglos sind? Je nach Schwerpunkt sollten Plotlöcher anders behandelt werden.

Hier nun mein Versuch, eine Einteilung zu Plotlöchern zu machen (keine Garantie auf Vollständigkeit, ist ja keine wissenschaftliche Arbeit):


Hole

Ein Plotloch strahlt auch in tiefster Dunkelheit. Leider ist das selten gut …

1) Logikbrüche – Das verstehe ich jetzt nicht … wieso passiert das?

Wir lesen Geschichten und dabei springt (hoffentlich) unser Gedankenkino an. Wir versetzen uns in die Lage der Figuren hinein und malen uns aus, was hätte sein können. Bei Stellen im Text, die unlogisch sind, gelangen wir zu dem Schluss, dass eine andere Lösung eindeutig die „bessere“ wäre. Diese Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was wir für richtig halten, nennen wir „Logikbruch“. Meist erzeugt das Verärgerung oder Verwirrung und ab und an fühlen wir uns auch etwas veralbert.
Stellen wir beim Hinterfragen einer solchen Szene jedoch fest, dass es einen plausiblen Grund für diese Entwicklung gab, dann nehmen wir die Merkwürdigkeit hin und kommentieren nur: „Ich hätte es besser so und so gefunden, aber in der Geschichte musste es so sein. Ging halt nicht anders.“ Das ist der Idealfall.
Ein Beispiel mit konstruierter Geschichte: Alica ist eine talentierte Tänzerin, sie verletzt sich bei einem Sturz vom Fahrrad und bricht sich das Bein. Die Diagnose ist zermürbend, vermutlich wird sie nie wieder richtig tanzen können. Ihr Leben gerät völlig aus den Fugen. Drama pur über dreihundert Seiten. Bis … ihr plötzlich ein Arzt von einer neuen Operationsmethode erzählt. Sie unterzieht sich dieser und in kurzer Zeit ist sie wieder fit. Alica wird fröhlich, alles ist gut, die Welt ist toll. Nur nicht beim Leser. Der ist schon vor der OP ausgestiegen. Wo kommt der Arzt denn plötzlich her? Wieso ging das vorher nicht, sind die denn alle inkompetent? Und überhaupt, sollte Alica nicht selbst eine Lösung für sich finden, anstatt durch ein „Wundermittel“ geheilt zu werden? Ist doch unrealistisch und Quatsch! Hallo Plotloch, besser du verschwindest.

2) Änderungen von Tatsachen, die zuvor einer Lösung dienten – Hä? War das nicht vorher anders?

In jedem Roman gibt es Dinge, die extra eingeführt werden, um eine Problematik zu lösen. Ob es der anonyme Anruf, ein Geheimnis oder eine Fähigkeit ist, ihnen ist gemeinsam, dass sie in diesem speziellen Moment wichtig und notwendig sind. Schlecht ist es aber, wenn diese Dinge verschwinden oder gar als „nichtig“ erklärt werden.

Beispiel Alica: Sie ist nur gestürzt, weil ein Auto ihr die Vorfahrt nahm und sie scharf bremsen musste. Sie kam ins Schlingern, fiel, alles weitere ist klar. Alica will eine Entschädigung und den Autofahrer überführen. Eine Videoaufnahme zeigt dann: Es war Alicas beste Freundin! Und weil es ja die beste Freundin ist und sie bereut und weint und nicht mehr zurechtkommt, ist die Aufnahme urplötzlich unbrauchbar, da zu verschwommen. Man kann ja nicht einfach die beste Freundin bestrafen! GEHT DOCH NICHT! Spätestens jetzt seufze ich und finde – unnötiges Plotloch.

3) Unvorhersehbare Ereignisse – Hallo Leser, schluck das, ich hab es geschrieben, du musst mir glauben, das ist ganz logisch!

Manchmal ist es mühselig, einer Geschichte eine spannende Wendung zu geben, die sich nathlos ins Geschehen einfügt. Am einfachsten ist es, wie ein Magier eine Idee aus dem Hut zu zaubern und diese genauso begeistert zu präsentieren. Der Leser bemerkt den Trick sicher nicht! Niemals!

Fall Alica: Die Tänzerin mit gebrochenem Bein hat nur einen Vertrauten in der schweren Zeit, ihren Schwarm Peter. Er begleitet sie überall hin, ist für sie da, gibt ihr Halt. Durch ihn steigert sich ihr Selbstbewusstsein und Alica geht es besser. Dann kommt Martin. Der ist so cool und lässig, dass sie ihn prompt beim ersten Treffen anquatscht, und, ähm, ja, mit ihm schläft. Kurz, sie geht fremd … muss ich dazu noch mehr sagen? Nein, oder? Der Text wäre für mich gestorben. Alica verhält sich inkonsequent und der Eindruck entsteht, das One-Night-Stand war nur inszeniert, um einen Konflikt heraufzubeschwören, der nicht wichtig ist. Es geht doch um den Unfall …?!

4) Widersprüche – Boah, da hätte man echt mal mehr drauf achten können!

Das sind die offensichtlichsten und fiesesten Löcher, denn durch sie bekommen Leser den Eindruck, der Autor habe sich keine Gedanken gemacht und glatt vergessen, was er zuvor geschrieben hat. Es geht hier um Fakten, die ohne Grund anders sind. Schwerter mit anderen Namen, Umbenennung von Figuren, Bezug zu Dingen, die nie da waren, aber als gegeben hingestellt werden.
Zum Beispiel: Auf Seite eins wird gesagt, dass Alica in einer Stadt mit Dorfcharakter lebt. Zur Schule fährt sie stets mit dem Bus. Jeder kennt jeden, das war wichtig, um zu zeigen, dass Alica ständig von Bekannten bemitleidet wird, was wenig hilfreich ist. Im Verlauf der Geschichte fährt sie dann plötzlich mit einer Straßenbahn zum örtlichen Park, um zu entspannen … Stopp, halt. Ein Dorf mit Straßenbahn? Ja, was denn nun? Dorf oder Stadt? Und überhaupt stand da nicht vorhin, der Park wird gerade umgebaut??? Sowas geht natürlich gar nicht.


Ja, so kann das aussehen, wenn man frustriert ein Plotloch bemerkt. Aber nicht aufgeben, das lässt sich schon füllen! 🙂

Fazit der Definition

Plotlöcher sind Antworten auf „Warum“-Fragen, die wir uns beim Lesen stellen. Meistens unterscheiden sich diese Antworten von denen, die im Buch gegebenen werden. Sie werfen unzählige weitere Fragen auf, die nicht logisch beantwortet werden können und daher störend sind. Es ist nötig, diese Plotlöcher zu finden und zu hinterfragen, was die passende Antwort auf diese „Warum“-Frage ist. Hier: Warum ist da im Dorf eine Straßenbahn? Natürlich deshalb, weil Alica nie im Dorf wohnte, sondern in einem Stadtviertel mit Dorfcharakter, das eine Straßenbahnanbindung hat. Das mag wie Wortklauberei klingen, aber es wird ein unterschiedliches Bild im Kopf erzeugt und dieser minimale Unterschied genügt schon, um etwas Unlogisches zu vermeiden.

Ich hoffe, der Beitrag war für euch interessant. Lasst mich doch wissen, was ihr über Plotlöcher denkt. Nerven sie euch genauso wie mich? Und nicht vergessen, bleibt schreib- und lesewütig. Soll doch Spaß machen.^^


Quelllen:

Beitragsbild
J. Vellguth

Wie eine Messe geplant wird

In vielen Blogs für Self-Publisher geht es um Marketing, vor allem im Social Media. Ich selbst habe mir einiges abgeschaut und umgesetzt. Was ich selten sehe, sind Beiträge über Messen. Lesungen sind da schon eher ein Thema. Vermutlich, weil Messen so schon viel Arbeit machen und man kaum dazu kommt, einen Beitrag darüber zu verfassen. Ich dachte mir, heute gebe ich euch zumindest einen kleinen Einblick in meine Vorbereitungen für die Buchberlin.


Über die Buchberlin

Die Buchberlin ist noch recht jung und genau darin liegt ihr Vorteil. Auf den großen Besuchermessen wie Leipzig oder Frankfurt geht man als Einzelperson unter und noch dazu sind die Standgebühren jenseits von gut und böse. Wenn man sich nicht gerade mit anderen Autoren organisiert, hat man kaum die Möglichkeit, einen solchen Stand allein zu stemmen oder man stürzt sich in Unkosten. Bei der Buchberlin ist das nicht so, vor allem dann nicht, wenn man sich den Stand teilt. Um in konkreten Zahlen zu sprechen: 125 Euro habe ich für mein Tischlein auf der Buchberlin bezahlt (Auf der Buchberlin darf generell verkauft werden, was ein großer Pluspunkt ist!). Ein fairer Preis über den ich wirklich nicht meckern kann. Das Gleiche gilt auch für die Eintrittspreise: 4Euro sind wirklich moderat und bezahlbar. Genau deshalb werden sich auf der Messe auch viele Kleinverlage und Self-Publisher tummeln. Was bedeutet, es findet sich eine bunte Vielfalt an Büchern, die eben nicht dem Standard-Verlagsbild entspricht. Könnte also mal ganz angenehm sein. Zudem ist die Messe überschaubar und ich stelle mir vor, dass der Kontakt von Autor zu Leser wesentlich persönlicher ist. Ob ich das nach der Messe auch noch sage, wird sich zeigen.


Erste Gedanken vor der Messe

Ich bin niemand, der eine Marketingausbildung hat oder in irgendeinem Feld von Management tätigt war. Bei einer Messeplanung war ich nur 2011 tätig, als ich als Praktikantin im Goethe Insitut Tokio gearbeitet habe. Aus diesem Grund habe ich mir erstmal Seiten um Seiten über einen gelungenen Messeauftritt durchgelesen. Das meiste war unbrauchbar, denn es ging um großangelegte Aktionen, die ich nie hätte umsetzen können. Allerdings war dort vermerkt, man solle sich ein Messekonzept (Publikum/Ziele, Weshalb die Messe, Gastgeberfunktion, Nachüberlegungen) erstellen, indem man die Ziele für dieses Event formuliert. Ich gebe zu, das ist eine großartige Idee, aber leider … habe ich es nur teils ausformuliert, weil die Zeit fehlte. Dafür tue ich es jetzt für euch, hier meine Ziele:

  • Neue Leser erreichen
  • Zwischen den anderen auffallen
  • Einen professionellen, aber interessanten Eindruck hinterlassen
  • Die Standgebühr über Verkäufe erwirtschaften

Klingt jetzt nicht allzu spektakulär und wäre euch wohl auch in kurzer Zeit eingefallen, aber es ist eben noch etwas anderes, sich diese Ziele vor Augen zu führen, als sie nur im Kopf zu haben.

Zweitens muss man sich überlegen, wie man diese Ziele erreicht:

  • Neue Leser erreichen: Leseproben anbieten, keine Scheu davor haben, Leute anzusprechen, stolz auf das eigene Produkt sein
  • Zwischen anderen auffallen: Ein Rollup, das ein Hingucker ist und farblich passt
  • Einen professionellen Eindruck machen: stets freundlich sein, auf Fragen eingehen, Visitenkarten auslegen und ein vernünftiges Design für Postkarten, Lesezeichen und so weiter haben, plus den Stand gut aufbauen
  • Standgebühr erwirtschaften: Ankündigung hier auf dem Blog, auf anderen Social Media Kanälen
_20161110_141550

Leseproben, Lesezeichen, Postkarten und Bücher, alles muss entworfen und bestellt werden.


Feste Zeitplanung

Man beginnt immer mit den langfristigen Aufgaben. Das heißt, Werbemittel, Bücher und alles, was sonst eine länger Produktionszeit hat. Das ist Punkt Nummer eins. Da mein neues Buch Totenläufer erst am 01.11. herausgekommen ist, hatte ich einen knappen Zeitrahmen. Die Bestellung für den Buchdruck habe ich erst am 4.11 abgeschickt (Danke epubli, dass ihr so pünktlich liefert!), genauso wie das Werbematerial. Nun ist aber alles da. Das Wichtigste ist, dass ein genauer Zeitplan erstellt wird. Kann man ganz einfach über sein Handy mit Kalenderfunktion machen, in dem man sich Erinnerungen einrichtet. Das klingt jetzt alles wirklich sehr banal, ich weiß, aber man neigt wirklich dazu, bei dem Wust an Arbeit alles auf einmal machen zu wollen, aber das geht nach hinten los. Drei Monate vor Messe mit der Planung zu beginnen ist mehr als notwendig, am besten noch früher.

Und bei allem solltet ihr eins nicht vergessen: Wenn etwas schiefgeht, beim Druck oder an anderer Stelle, es ist nicht schlimm. Denn das sieht niemand, nur ihr selbst und vielleicht der arme Mensch, der gerade in eurer Nähe ist und den Panikanfall mitbekommt. Man muss wirklich ruhig bleiben und alles mit Humor sehen. Was ein Fehler auf dem Klappentext? Was soll’s hab ja auch nur ich allein zehnmal kontrolliert. 😀 Perfektionismus ist da ganz fatal, weil man dazu tendiert in Tränen auszubrechen, wenn oben am Lesezeichen ein KNICK ist. Ich sage euch, niemand, nicht einmal die großen Verlage mit ihren vielen Angestellten machen alles richtig. Sie verstecken ihre Fehler nur besser. 😉 Und als Einzelperson kann man dieses Niveau niemals erreichen. Plus, wenn ihr euch wie ich den Stand mit jemandem teilt, fetzt euch nicht wegen Kleinigkeiten, das Ganze soll ja Spaß machen.

messe1

Lagerstätte im WG-Zimmer, nicht gerade der idealste Platz, aber konnte ja keiner ahnen, dass ich mal einen Messestand organisiere


Was braucht man dringend außer ein Buch?

Ja, man könnte wohl ein Buch nehmen, es auf den Tisch legen und sich freuen, dass es jetzt da liegt. Das allein macht aber noch keinen Messeauftritt aus. Natürlich ist es unmöglich, einen Flachbildschirm hinter sich zu positionieren und einen HD Trailer des eigenen Buches zu liefern, aber zumindest etwas Liebe und Kreativität sollte man investieren. Hier nun eine (noch nicht ganz vollständige Liste) an Dingen, die ich für die Messe brauche:

  • Leseproben für Totenläufer und Sieben Raben (Produktionszeit bis zu 10 Tage bei wirmachendruck.de)
  • Bestellung der Bücher (10 Tage Produktionszeit bei epubli)
  • Lesezeichen für Totenläufer (4 Tage Produktionszeit diedruckerei.de)
  • Postkarten für Totenläufer (4 Tage Produktionszeit diedruckerei.de
  • Die Kasse mit Wechselgeld (!hätten wir beinahe vergessen)
  • Quittungsblock, Buchständer, Taschenrechner, Tischdecke
  • Rollup (10 Tage Produktionszeit)
  • Süßigkeiten zum Verteilen (Lotuskekse und Werthers Original)
  • Transportmöglichkeit bis zur Messe
  • individuelle Tüten zum Rausgeben
  • Preisschilder
  • Visitenkarten

Ihr seht die Liste ist wahnsinnig lang und ich habe beinahe selbst den Überblick verloren, aber nun  sind wir gut vorbereitet, obwohl einige Kleinigkeiten von mir noch in der nächsten Woche organisiert werden. Für mich wird das wohl eines der anstrengendsten Wochenenden überhaupt, aber es wird auch großartig. Hoffentlich seid ihr mit dabei. Hier ein Plan, wo ihr mich und Sabine Schulter findet:

Standnummern 12.10

Dystopie: Gesellschaftskritik und Ich-Erzähler

Ein Testleser schrieb an den Rand meines Manuskriptes folgende Frage: „Ist es genretypisch, wenn deine Geschichte aus der Sicht von mehreren Personen geschrieben ist?“ Eine Frage, die mich ins Grübeln brachte. Ganz automatisch ging ich alle dystopischen Romane durch, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und fragte mich, wie viele Blickwinkel verschiedener Personen dort zu finden sind. Das Ergebnis: die meisten zeigen nur einen. Deshalb habe ich mir dazu Gedanken gemacht, wieso dem so ist und diese hier für euch festgehalten.


Was ist eine Dystopie?

Fangen wir erst einmal klein an und wagen uns an eine Definition des Genres Dystopie. Wie bei jedem Genre, ob in der Literatur, der Kunst oder dem Film sind die Begriffsgrenzen nicht scharf und gerade, sondern eher ausgefranst und krumm. Wer ein Genre so halbwegs begreifen möchte, müsste eine Doktorarbeit schreiben und Buch um Buch um Buch durcharbeiten. Das ist für einen Blogbeitrag natürlich nicht möglich, daher beschränke ich mich auf die wesentlichen Fakten und würde mich freuen, wenn im Anschluss eine Diskussion entsteht.

Die Dystopie ist eine Unterkategorie von Science-Fiction. Es geht in Geschichten dieses Genres um Zukunftsvisionen, die ein negatives Gesellschaftssystem zeigen. Kurz, unsere Gegenwart entwickelt sich zu etwas Schlechtem. Meist erwachsen diese Systeme aus einer utopischen und gut gemeinten Grundidee. Zum Beispiel: „Alle sollten gleich sein“, „Weniger Krieg durch das Ausschalten von Gedanken“, „Weniger Kriminalität durch Kontrolle“. Als Autor stellt man sich die Frage, was ist, wenn sich die Dinge in der heutigen Gesellschaft so entwickeln, dass daraus morgen Y entsteht. Künstliche Intelligenz, das Aufkommen des Internets oder aber auch die Ausbeutung der Natur können Themen sein, die diese Gedankenspiele hervorbringen. Es entsteht also eine Welt, die auf unseren technologischen Errungenschaften und Gesellschaftsstrukturen basiert und diese Welt fungiert als Warnung. So könnte es aussehen, wenn wir nicht aufpassen. Die Kritik am heutigen System ist damit ein wichtiger Aspekt der Dystopie. Im Gegensatz zu Science-Fiction geht es zudem nicht vorrangig um die Wissenschaft, sondern um das soziale Zusammenleben und den Umgang mit den Gesetzen in dem System. Deshalb sind Dystopien meist düster und zeigen eine Welt, die schockiert und manchmal abgestumpft ist.

sci-fishibuya

Dieses Foto könnte glatt aus einem dystopischen Film stammen. Tatsächlich zeigt es einen Teil von Shibuya in Japan. Japanische oder ostasiatische Städte stehen oft Modell für Dystopien.


Exkurs: Der Ich-Erzähler und das Jugendbuch

Schaut man sich die Veröffentlichungen im Bereich Dystopie der letzten Jahre an, fällt besonders auf, dass es einen Boom im Bereich Jugendbuch gibt und zudem häufig aus der Perspektive eines Ich-Erzählers* berichtet wird. Die Protagonisten sind oft im Alter zwischen 15-20 Jahre und starten über kurz oder lang eine Revolution gegen das System. Durch das sehr persönliche „Ich“ wird die Distanz zu dem Erzählten aufgehoben und es entsteht eine unmittelbare und oft emotional tiefe Erfahrung. Gefühle werden dadurch direkt gezeigt. Diese Perspektive zu schreiben ist jedoch nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Einige Autoren beschreiben, dass es ihnen besonders leicht fällt, im Ich-Erzähler zu schreiben (geht mir tatsächlich genauso). Das liegt meiner Ansicht nach in der Natur der Sache. Da wir im realen Leben auch in einem Ich denken, können wir diese Perspektive recht schnell einnehmen und die erzählten Empfindungen leichter erleben. „Ich schreibe einen Einkaufszettel.“, „Ich lese einen Blogeintrag.“, „Ich habe mich gestritten.“ Die Erfahrungen sind unmittelbarer und nicht so beobachtend wie im Er/Sie-Erzähler. Es ist demnach nicht verwunderlich, warum sich der Ich-Erzähler bei Autoren (und Lesern natürlich!) großer Beliebtheit erfreut. Vielen geht er ganz leicht von der Hand. Doch nur, weil es relativ schnell geht, die Worte zu Papier zu bringen, heißt das nicht, dass diese am Ende auch passend sind. Häufig vermischt sich nämlich unterbewusst die Autorenidentität mit der Erzähleridentität. Das ist jetzt nicht verboten und auch niemals vollständig zu verhindern, aber es kann dazu führen, dass die Persönlichkeit des Erzählers blass oder chaotisch wird.* Es ist schwer, als Autor genügend Distanz zum Ich-Erzähler zu bekommen, um diesen authentisch und logisch stringent zu schreiben. So natürlich auch in einem dystopischen Roman.
Im Jugendroman ist der Ich-Erzähler weit verbreitet. Das liegt, platt gesagt, einfach daran, dass junge Menschen sich mit einem Ich besser identifizieren können als mit einem übergeordneten Er/Sie. Ihre Welt dreht sich häufig um ihre Probleme, ihre Sorgen und ihre Ängste und deshalb lesen sie diese Texte lieber. Allerdings hat diese Perspektive eine ganz besondere Tücke. Ist einem der Erzähler unsympathisch, hat das Buch von vornherein verloren:

„Das kann ganz angenehm sein – vorausgesetzt, dass es sich beim Ich-Erzähler um einen sympathischen Zeitgenossen handelt. Aber man sollte nicht blind darauf vertrauen, denn auch düstere Ekelpakete haben mitunter die eine oder andere spannende Geschichte zu erzählen […]“ (Bücher Wiki)


Wieso ist der Ich-Erzähler für eine Dystopie so attraktiv?

Was ich oben geschrieben habe, wird für die meisten von euch keine Neuigkeit sein, aber ich hoffe, euch anschließend ein paar neue Denkanstöße geben zu können.

Welche Vorteile hat der Ich-Erzähler in einer Dystopie? Zum einen erklärt sich die ungewöhnliche Welt durch die Gedanken der Protagonistin von selbst, zum anderen bleibt offen, was die Umgebung plant. Welche Hürden auf dem Weg bis zum Ziel warten, bleibt dadurch offen und Handlungsverläufe können sich plötzlich, ohne ersichtlichen Grund ,ändern. Als Leser ist man dann genauso wenig informiert wie die Hauptperson und wird unerwartet von einer kritischen Situation in die andere hineingerissen. Noch dazu, ohne zu wissen, was genau diese Situation für Auswirkungen hat. Augenblicklich ist man involviert und fühlt mit den Protagonisten verbunden. Das erzeugt Spannung und macht neugierig auf mehr. Wir leiden mit, nehmen ungewöhnliche Fakten als gegeben hin und können uns recht schnell emotional auf die Illusion einlassen, die da erschaffen wird.

Aber gerade für die Dystopie finde ich diese Perspektive nicht immer ideal. Wieso? Was einerseits ein Vorteil sein kann, birgt auch Schwierigkeiten. Wer eine Geschichte nur aus einer Sicht erzählt, kann die Gedanken anderer Personen nicht einfließen lassen. Das ist keine neue Erkenntnis, ich weiß, aber sie ist im Bereich Dystopie nicht zu vernachlässigen. Eine Dystopie ist meist gesellschaftskritisch und eine Gesellschaft begreift man erst, wenn man die Sichtweise mehrerer Personen darin betrachtet. Ich denke, die Soziologen würden mir zustimmen, sie betrachten ja auch immer Gruppen und nicht Einzelpersonen. Aber gut, es geht jetzt natürlich nicht um eine wissenschaftliche Studie.

Wenn der Protagonist aus einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht stammt, erfahren wir die Gedanken dieser einen Person in dieser einen Schicht. Über andere Schichten oder Menschen erfahren wir nur etwas, wenn es durch Dialoge oder ähnliche Informationsquellen aufgedeckt wird. Zum Beispiel in Form von Propaganda. Der Ich-Erzähler berichtet sehr einseitig und konzentriert sich nur auf bestimmte Sachverhalte, die für ihn als Wahrheit gelten. Dadurch entsteht ein schwarz-weiß Muster. Andere Figuren in der Geschichte werden verteufelt oder in den Himmel gelobt. Je nachdem, ob die Hauptfigur mit diesen Menschen zurechtkommt oder nicht. Es fehlt eine objektive Meinung.

Hinzu kommt, dass es ungewöhnlich sein kann, wenn der Ich-Erzähler uns im Detail die Gesellschaft erklärt, in der er lebt. Genauso wie wir nicht hinterfragen, warum wir eher Brot essen als Reis, wird die Hauptfigur nicht hinterfragen, warum sie bestimmte Dinge tut oder lässt. Derlei Informationen werden oft nur eingebaut, um den Leser von der fremden Welt zu überzeugen, sind aber eigentlich nicht notwendig. Eine Erklärung muss der inneren Logik des Erzählers folgen, ansonsten wirkt sie einfach nicht authentisch.
Bei Tribute von Panem funktioniert die Ich-Perspektive deshalb so gut, weil Katniss in eine völlig neue und ungewohnte Situation stolpert, die sie sich selbst erklärt. Im Zentrum steht ihre Entwicklung, jedoch nicht die detaillierte Beschreibung der Gesellschaft an sich. Die Motive der Rebellen oder auch der Menschen im Kapitol bleiben deshalb bis zum Schluss schwammig. Ein Er/Sie-Erzähler ist im Gegensatz dazu häufig weniger wertend und kann mehr Facetten aufzeigen als der Ich-Erzähler.


Eine Zusammenfassung

Komme ich nun auf meine Ausgangsfrage zurück. Ist es genreuntypisch, mehrere Sichtweisen von Figuren in einer Dystopie darzustellen? Generell nein, aber es gibt derzeit eine Tendenz zum Ich-Erzähler und zum Jugendbuch. Diese beiden bedingen sich gegenseitig und geben dem gesellschaftskritischen Genre emotionale Nähe. Wer jedoch eine Dystopie schreiben möchte, die sich auf die Gesellschaft und die Kritik an ihr konzentriert, erzeugt mehr Tiefe, in dem er verschiedene Sichtweisen aufzeigt. Wie im realen Leben erkennt man die Schwierigkeit einer Sache erst, wenn man die Summe vieler Gedanken zusammenfügt. Und meist gibt es dabei kein einfaches Schwarz und Weiß.


Mich würde nun interessieren, wie ihr darüber denkt. Gibt es die Eine Erzählperspektive in der Dystopie oder ist es eigentlich immer eine Frage des: Was will ich und wie setze ich es um? Ich freue mich über eure Kommentare.


*Ich meine an dieser Stelle nicht den auktorialen Ich-Erzähler, der bspw. die Geschichte einer anderen Person nacherzählt.

Quellen und weiterführende Links

BücherWiki

Wortwuchs

Beitragsbild: Jullo A Gonzalez

Foto: Hiro Tjp

Rina Morita: zwischen Flucht und Mut

Vor einiger Zeit habe ich hier auf dem Blog meinen Protagonisten Neel Talwar vorgestellt. Es wurde heftig diskutiert, ob er als Hauptperson überhaupt etwas taugt oder nicht, da er auf den ersten Blick nicht gerade ein Sympathieträger ist. Ich war daher erleichtert, mich entschieden zu haben, ihm erst nach einem Drittel des Romans eine Stimme zu geben. Davor wird die Geschichte aus der Perspektive von zwei anderen Personen geschildert. Eine von ihnen ist Rina Morita. Eine junge Frau, die verfolgt wird, jeden Menschen, den sie liebt, verloren hat und nie weiß, ob sie den nächsten Tag übersteht. In diesem Beitrag werde ich versuchen, sie euch näher vorzustellen und bin gespannt, was ihr zu sagen habt. Lasst euch ruhig aus. Ich freue mich über jeden Kommentar.


Rinas Überlebensformel

Damit ich mich auf die Figuren in meinen Projekten richtig einlassen kann, mache ich mir in einem allerersten Schritt Gedanken über ihren Grundkonflikt. Daraus entwickle ich dann ein Motto, welches sich in einem Satz zusammenfassen lässt. Rinas Motto ist eines, das durch ihre Angst geprägt ist: Flucht ist der einzige Weg, um am Leben zu bleiben. Weshalb sie an einer Überlebensformel festhält, die sie im ersten Kapitel bereits erwähnt. Es geht immer nur vorwärts, niemals zurück. Was bedeutet das im Detail? In der Welt von Red-Mon-Stadt zählt Rina zu einer unerwünschten Minderheit (Lorca). Ihnen wird unterstellt, sie hätten eine Krankheit, die wie die Pest zum Tod führt. Tatsächlich ist dies nur ein Ammenmärchen, doch es reicht, um die ganze Stadt gegen die Lorca aufzuwiegeln. Da alle Lorca sehr helle Haut und eine ungewöhnliche Augenfarbe haben, lassen sie sich noch dazu leicht erkennen. Und als im Jahr 2070 die Lorcaausdünnung beginnt, verliert Rina nach und nach jeden, der ihr wichtig war. Überleben konnte Rina nur, weil sie sofort davonläuft, wenn sich eine Tragödie andeutet. Deshalb lässt sie sich nicht auf andere Menschen ein und distanziert sich stark von dem, was um sie geschieht. Dass sie damit natürlich nicht durchkommt, sollte klar sein. Irgendjemanden braucht man immer an seiner Seite.

Ihre Rolle im Roman

Rina ist die Figur zwischen den Stühlen. Sie ist auf niemandes Seite und möchte im Grunde nur eins: Dass niemand mehr sterben muss. Im Gegensatz zu Neel Talwar dem korrekten Soldaten und der Rebellenfigur Tom Lichterfeld folgt sie keinen idealistischen Prinzipien, ist sehr sprunghaft in ihren Entscheidungen und ja, teils emotional.  Vielfach kann sie ihre Entscheidungen nicht einmal selbst erklären, was sie sicherlich zu der Figur macht, deren Verhalten am schwierigsten nachzuvollziehen ist. Rina ist jedoch die authentischste Erzählfigur in Silver Coin 203. Sie braucht keine Scheinidentität, um andere zu beeinflussen, sondern ist einfach sie selbst. Ob das eine gute oder eine schlechte Eigenschaft ist, möchte ich jetzt nicht bewerten. Aber ihr solltet wissen, alle andere Figuren im Roman setzen an vielen Stellen eine Maske auf, um einen bestimmten Eindruck, in einer bestimmten Situation zu erzielen. Rinas Entwicklung von einer Frau, die niemanden mehr an sich heranlässt, zu einer Person, die erneut ihr Leben für andere riskieren würde, bestimmt ihre Erzählstimme.


Die Herausforderung, Rina zu schreiben

Rina ist häufig neben der Spur, weil sie sich in Erinnerungen verliert, die flashbackartig auftauchen und nicht mehr sind, als unsortierte Fragmente. Sie ist sehr sparsam mit Worten und hat einen melancholischen Redestil. Noch dazu ist sie niemand mit Einfluss, hat kein Netzwerk, ist im Grunde völlig allein. Sie ist nicht der Polizist, der logisch sein Vorgehen plant und Strategien austüftelt, denn das passt nicht zu ihrem Charakter. Ihr Vorteil besteht in ihrer Andersartigkeit, denn durch diese wird sie von den Rebellen besonders zuvorkommend behandelt und kann sich so einige Fehltritte erlauben, die sonst niemand toleriert hätte. Kurz um: Sie ist ein schwieriger Charakter. Und ich sehe schon, wie eure Augen größer werden. Erst Neel Talwar, der irgendwie widersprüchlich ist und jetzt auch noch so eine verschlossene Person? Wie passt das denn zusammen? Nun, ich wollte in meinem Projekt viele Facetten zeigen. Die vier Erzählfiguren sind sehr unterschiedlich und ergänzen einander. Auch wenn ich weiß, dass ich die Geduld meiner Leser mit einer Figur wie Rina herausfordere, bin ich überzeugt, die Geschichte fügt sich nur so richtig zusammen. Und am Ende des mehrteiligen Projektes wird auch klar sein, warum das so ist. Also hoffentlich, meine ich. Ähem.

Einige weitere Details über Rina

Wenn Rina nervös wird, juckt sie die Haut am Unterarm und sie fängt unterbewusst an, die Stelle aufzukratzen. Ob das jetzt eine schöne Eigenschaft ist oder nicht, darüber lässt sich natürlich streiten. 🙂

Rina macht sich nicht viel aus Schönheit. Was für sie zählt, sind innere Werte. Ganz besonders dann, wenn das Gegenüber Eigenschaften hat, die sie selbst nicht mitbringt.

Rina lebte ein Jahr lang mit einer Gruppe von Lorca in einer kleinen Wohnung, wo sie von einem alten Mann namens Viktor versteckt worden ist. Mit ihm hat sie oft in der Wohnung zusammengesessen und über alles und jeden gesprochen. Viele Dinge, die sie über Red-Mon-Stadt weiß, kommen eigentlich von ihm. In der Geschichte wird das zwar nicht thematisiert, war mir jedoch immer im Hinterkopf.

Wieso wollte ich über eine Frau wie Rina schreiben?

Ich muss gestehen, dass die allerersten Kapitel meines Projekts aus Neel Talwars Sicht entstanden sind und ich mir dann dachte, dass es so nicht funktioniert. Mir wurde bewusst, dass seine Geschichte nur dann interessant wird, wenn seine Motive im Dunkeln bleiben. Eine zweite Person musste her, die diese Motive herausfinden sollte. Das ist Rina. Und ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich sie für stärker halte als Neel Talwar. Warum? Weil sie sich selbst treu geblieben ist.


rina

Das sollte sich Rina wirklich zu Herzen nehmen: „Angst hat zwei Bedeutungen: Vergiss alles und lauf oder Stelle dich allem und wachse. Es ist deine Entscheidung.“

Dieses Mal stelle ich euch hier kein Interview vor, sondern werde euch ein kurzes Gespräch zwischen Rina und Viktor vorstellen, welches so nicht im Roman vorkommen wird, aber wohl in einer Zeit vor dem eigentlichen Buch stattgefunden hat. Rina und er befinden sich in der kleinen Wohnung, wo sich Rina mit anderen versteckt hält.

Der alte Viktor legte die Stirn in Falten und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein gutmütiges Gesicht strahlte eine Ernsthaftigkeit aus, die Rina selten an ihm sah.

„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte er. „Die Gruppe, die sie da geschnappt haben war so gut versteckt wie wir. Wenn nicht sogar besser. Einige von ihnen kannte ich persönlich. Es waren gute Menschen und sie haben geglaubt, es sei sicher.“

Er deutete er auf die Schlagzeile, die ihr vom Monotab ins Auge sprang: „12 Lorca von Totenläufer entdeckt und nach Safecity überstellt.“ Ein anderer Wortlaut für: tot.

„Er wird uns nicht finden. Wenn wir aufpassen, wird es schon irgendwie gehen“, sagte sie dann, obwohl sie wusste, dass dieser Mann jederzeit auftauchen konnte. Vielleicht sogar in dieser Sekunde. Dazu brauchte er nur den Verdacht haben, hier in der Wohnung sei jemand versteckt.

„Du meinst den Totenläufer?“, fragte Viktor und Rina nickte stumm. Er lächelte und legte seinen Arm um sie. Es war nicht unangenehm, wenn er das tat, obwohl sie sonst jede Berührung verabscheute. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und für den Moment hingen sie beide ihren Gedanken nach. Wie gut es sich anfühlte, nicht allein zu sein.

„Was meinst du, was ist das für ein Mensch, der so etwas tut?“, sagte sie nach einer Weile und Viktors Antwort kam sofort: „Ein Monster Rina. Er ist ein Monster.“

„Ein Monster“, murmelte sie und dachte an all jene, die sie im Stich gelassen hatte. „Meinst du, ich hätte sie retten können?“, fragte sie nach einer Weile und er löste sich aus der Berührung, um sie ansehen zu können.

„Nein, das hättest du nicht, Rina. Du warst nicht diejenige, die abgedrückt hat, vergiss das niemals. Es ist diese Stadt, die uns alle umbringt.“

„Hm …“, machte sie nur und sah über seine Schulter hinweg durch die ausladende Glasfront, wo Wolkenkratzer an Wolkenkrazer stand und unten ein Gewimmel aus stecknadelgroßen Menschen von einem Ort zum anderen hastete. Wie lange hatte sie den Wind schon nicht mehr auf ihren Wangen gespürt? Ewigkeiten. Und wie lange würde es noch dauern, ehe sie ohne Angst durch die Straßen gehen konnte? Ewig-keiten.Beitragsbild aus Flickr.com von Elektrollart


Beitragsbild aus Flickr.com von Sean MacEntee

Quelle Zitat: The Chive

Wenn Wörter irreführen: Von Augen und Blicken

Die deutsche Sprache kann einen manchmal in die Verzweiflung treiben. Doch neben den üblichen Verdächtigen wie „wegen“ mit Genitiv oder „dass“ vs. „das“, gibt es auch einige nicht ganz so offensichtliche Hürden. Eine davon ist die Wortbedeutung selbst. Gerade wenn wir glauben, einen in sich schlüssigen Satz geschrieben zu haben, stellt sich heraus, dass da irgendetwas nicht stimmt. Die Tatverdächtigen heute: „Augen“ und „Blick“.


Wenn Augen wandern

Es war einmal an einem Augusttag im Jahr 2016, als eine Autorin über ihrem Manuskript brütete und feststellte, dass sie womöglich zu oft das Wort „Blick“ in ihrem Text verwendete. Bemüht dies zu ändern, startete sie eine Suche in Word und begann, jeden Satz, in dem „Blick“ vorkam, akribisch herauszuarbeiten und sich eine Alternative zu überlegen. Ganz besonders gefiel ihr, nicht lange zu fackeln und das Wort zu ersetzen. Das erforderte nicht mehr als einen Klick. Schwupp und weg ist die böse Wiederholung. Bis ihr etwas Entscheidendes auffiel. Sie machte einen grundlegenden Fehler …

Kommen euch diese Sätze bekannt vor: „Meine Augen schweiften über die Szenerie“ und „Seine Augen wanderten zu ihr“? Stört euch daran etwas? Nichts, nein? Dann denkt ihr genauso wie ich. An alle anderen: Ihr seid uns schon einen Schritt voraus, denn in den Beispielen wird das Wort „Augen“ völlig falsch verwendet. Jedem Lektor rollen sich da die Fußnägel hoch. Warum? Ganz einfach, Körperteile können sich nicht selbstständig bewegen. Sie können nicht wandern oder schweifen oder laufen oder rennen oder oder oder. Wenn man sich das nämlich einmal genau vorstellt, also wie Augen losgelöst vom Körper auf Wanderschaft gehen, dann kommt da etwas unfreiwillig Komisches heraus. Oder wir lesen vielleicht gerade einen Horror Roman mit dem Titel „Die Augen des Todes“, und dort wandern sie geisterhaft durch die Flure eines Hotels und verfolgen den Protagonisten bis in den Tod! Ersetzt man nun das falsche Wort durch „Blick“ ergibt alles einen Sinn, denn logisch, der zeigt eine Richtung oder Bewegung an, ist also kein starres Objekt. Das klingt jetzt alles sehr nach Wortklauberei, ich weiß. Aber (!) es gibt Leser, die genau über solche „Unsinnigkeiten“ stolpern und genervt mit den Augen rollen, wenn sie so etwas entdecken. Und es wäre ja wirklich schade, wenn dadurch der Eindruck einer Szene schlechter ausfällt oder eine ernste Textpassage zum Lacher wird.


Confusion3

Bei so einem Thema kann schon mal Verwirrung aufkommen. Zumindest bei mir.

Sprichwörter und Floskeln, in denen sich Augen von selbst bewegen

Es gibt allerdings Ausdrücke, die bei genauer Betrachtung keinen Sinn machen, aber funktionieren. Das ist bei Redewendungen der Fall. Sie haben sich in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen und eine eigenständige Bedeutung entwickelt. Keiner würde sie jemals hinterfragen, denn sie stehen einfach fest. Dazu zählen bspw. „Ich fasse es ins Auge“ oder „Geh mir aus den Augen“ oder „Etwas aus den Augen verlieren“. Auch in diesen Sätzen wird eine Tätigkeiten durchgeführt, die logisch durchdacht nicht gemacht werden kann. Es ist ja nicht so, dass wir diesem „es“ wirklich ins Auge greifen, da wirklich jemand in unserem Auge sitzt oder uns etwas aus dem Auge herausfällt. Vielmehr handelt es sich um eine Kombination von Wörtern, deren Bedeutung sich nicht aus ihren Einzelteilen ergibt. Im konkreten Fall „Ich fass es ins Auge“ gleich „Ich ziehe es in Betracht“. „Geh mir aus den Augen“ gleich „Verschwinde“. „Etwas aus den Augen verlieren“ gleich „Nicht mehr daran denken/etwas vergessen usw.“


Alternativen für das Wort „Blick“

Nun aber zurück zu der Autorin, die noch immer vor einem Problem steht. Wie kann sie das verhasste Wort „Blick“ ersetzen? Gibt es da überhaupt gute Alternativen? Um eine Lösung zu finden, habe ich mir Rat gesucht. Zuerst bei den Autoren von Qindie und danach in einer Gruppe für Self-Publisher bei Facebook. Die wichtigsten Ergebnisse aus den beiden Diskussionen habe ich hier zusammengefasst:

  • Besser und literarisch geschickter ist es, die Person aktiv etwas tun zu lassen. So zum Beispiel, dass sie/er sein Gegenüber „taxiert“, „mustert“, „betrachtet“ und vieles mehr. Also nicht: „Ich warf ihm einen Blick zu“, sondern „Ich musterte ihn argwöhnisch“.
  • Wenn sich Figuren unterhalten, schauen sie sich meist an, weshalb es nicht notwendig ist, diese Tätigkeit zu beschreiben. Zum Beispiel: „Verschwinde“, sagte ich und warf ihm einen drohenden Blick zu. Der letzte Teil kann einfach gelöscht werden, ohne, dass der Inhalt verloren geht.
  • Anstelle des Blicks können andere Dinge beschrieben werden, die von der Erzählerfigur „gesehen“ werden. Bspw.: „Er strich über den Holztisch“ oder „Seine Miene war starr auf einen Punkt gerichtet“ oder „Sie lief durch den Raum und verschaffte sich einen Überblick von der Situation“.
  • In bestimmten Genres wird jedoch beabsichtigt darauf verzichtet, sich an die strengen Vorgaben der deutschen Sprache zu halten. Zitat: „Bei Romanzen oder leichter Chick-Lit bedient man sich bewusst an Klischees. Da bietet es sich an, Personifikationen und (gewagte) Metaphern zu benutzen. Da ‚tanzen Finger über die Haut‘, da ’streichelt man mit Blicken‘. Das ist kürzer und wirkt unmittelbarer. “ Victoria Linnea, Lektorin bei Qindie. Es sollte jedoch immer abgewogen werden, ob eine solche Formulierung in den Zusammenhang passt oder nicht.

Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass es kein Synonym für „Blick“ gibt. Um dieses Wort zu ersetzen, ist es nötig, sich in die Szene hineinzudenken und als erstes zu überlegen, ob die Tätigkeit gebraucht wird. Wenn nicht, sollte sie gestrichen werden. Wenn ja, sollte genau durchdacht werden, welche alternativen Möglichkeiten es gibt. Diese müssen natürlich zur Atmosphäre, den Figuren und dem eigenen Schreibstil passen. Einfach ist das nicht, aber es macht Spaß!


Ein praxisnahes Beispiel aus meiner aktuellen Überarbeitung

Damit ihr euch besser vorstellen könnt, was ich genau meine, gebe ich hier ein Beispiel aus meinem Manuskript.

  • Dabei immer in Bewegung bleiben, die Umgebung im Blick haben und keine wirren Gedanken zulassen.
  • Dabei immer in Bewegung bleiben, auf jede Person oder potentielle Bedrohung im Umkreis achten und nur keine wirren Gedanken zulassen.

Ich verabschiede mich an der Stelle und hoffe, ihr hattet Spaß mit meinem Beitrag.

+Mika+